02.06.2021

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

Vöslauer investiert sieben Millionen Euro in die erneute Einführung der PET-Mehrwegflasche. Im Interview schildert Geschäftsführerin Birgit Aichinger außerdem, wie das Unternehmen die digitale Transformation vorantreibt.
/artikel/birgit-aichinger-voeslauer-projekte-von-startups-verdienen-bewunderung
Birgit Aichinger Vöslauer
Brigit Aichinger, Geschäftsführerin Vöslauer Mineralwasser GmbH

Birgit Aichinger steht seit Juli 2018 als Geschäftsführerin an der Spitze von Vöslauer, dem zur Ottakringer Getränkegruppe gehörenden Mineralwasserabfüller. Gemeinsam mit ihrem Geschäftsführungs-Kollegen Herbert Schlossnikl treibt sie die Geschicke des Unternehmens voran, bei dem sie bereits seit dem Jahr 2000 an Bord ist. Vor ihrem Wechsel in die Geschäftsführung zeichnete sie für die Leitung des Verkaufs in Österreich sowie das Marketing des heimischen Mineralwasser-Marktführers verantwortlich. Mit brutkasten Wirtschaft spricht die Kulturliebhaberin über ihre Bewunderung für mutige Jungunternehmer, die herausfordernde Corona-Pandemie, die neue Art des Arbeitens, den Status quo in der digitalen Transformation und das Bekenntnis von Vöslauer zum Klimaschutz.

Frau Aichinger, Sie haben kürzlich die Einführung der PET-Mehrwegflasche im ersten Quartal des Jahres 2022 bekannt gegeben. Damit wagen Sie ein Projekt, das in Österreich ja bereits einmal gescheitert ist. Was macht Sie so sicher, dass die Konsumenten das Verpackungskonzept diesmal gut annehmen werden?

Es hat sich natürlich einiges verändert seit damals, vor allem haben sich die technischen Gegebenheiten enorm verbessert, PET-Mehrwegflaschen sind jetzt leichter im Gewicht und Dank dieser neuen Technologien sehen die Flaschen trotz vieler Umläufe trotzdem noch appetitlich aus. Das war nicht immer so und dadurch war die Akzeptanz nicht sehr hoch. Was unsere KonsumentInnen betrifft, so haben sich deren Bedürfnisse stark in Richtung nachhaltige und ökologisch sinnvollere Produkte entwickelt. Wir sehen es als unsere Aufgabe darauf zu achten, wie sich Lebensstile verändern, was den Menschen wichtig ist und was sie brauchen, damit sie in ihrem Alltag Unterstützung haben. Und hier schließt sich der Kreis, denn unsere neue PET-Mehrwegflasche erfüllt alle diese Komponenten – sie ist umweltfreundlich und klimaschonend sowie leicht im Gewicht, damit sie auch einfach transportiert werden kann.

Sie haben sieben Millionen Euro in die Umstellung investiert. Was waren dabei die größten Kostentreiber?

Das ist richtig, wir investieren sieben Millionen Euro und das ist in Zeiten, wie wir sie gerade erleben, herausfordernd. Der größte Anteil an diesem Invest ist sicherlich die Maschinentechnik, die wir für unsere neue PET-Mehrwegflasche benötigen.

Wie herausfordernd war denn das Ausnahmejahr 2020 generell für Vöslauer?

2020 war aufgrund der Pandemie für uns, wie für viele andere auch, kein einfaches Jahr. Besonders der Totalausfall der Gastronomie, der Event- und Kongressbranche aber auch des Tourismus hat sich auf unser Geschäft inklusive dem Impuls- und „To go“-Bereich ausgewirkt. Und das schlägt sich natürlich auch im Umsatz nieder, weshalb wir unsere Erwartungen korrigieren mussten.

Und wie stellt sich die aktuelle Geschäftsentwicklung dar?

Wir sind laut Nielsen IQ im Lebensmittelhandel exklusive Hofer und Lidl mit mehr als 40 Prozent Marktanteil Marktführer am österreichischen Mineralwassermarkt (exkl. Near Water; Anm.) und Vorreiter bei Pfandgebinden mit über 50 Prozent. Unser Hauptexportland ist nach wie vor Deutschland und auch die Ungarn trinken gerne Vöslauer Mineralwasser. Die Exportquote lag 2020 bei rund 17 Prozent. Wir blicken optimistisch in die Zukunft, denn mit den Lockerungen werden die Menschen hoffentlich auch wieder mehr unterwegs sein.
Was sich durch die Pandemie aus unserer Sicht aber deutlich verstärkt hat, ist ein stärkeres Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz. Und diese Haltungsänderung bringt beispielsweise auch ein höheres Bedürfnis nach umweltschonenden Verpackungen, wie Glas-Mehrwegprodukten mit sich. Das sehen wir an der Beliebtheit unserer 8×1-l-Glas-Mehrwegflasche, für die wir eine Umsatzsteigerung von rund 8 Prozent für 2020 verzeichnen. Man kann auch sagen, dass das unser krisenfestes Gebinde im letzten Jahr war.

Was waren die größten Veränderungen, die Corona abseits der vorhin angesprochenen Umsatzeinbußen zum Beispiel hinsichtlich neuer Arbeitsmodelle mit sich gebracht hat?

Grundsätzlich waren wir, was das Arbeiten betrifft, für die „neuen“ Anforderungen recht gut gerüstet, da wir neben Krisenplänen – die wir von Jahr zu Jahr überarbeiten – flexibles, agiles und mobiles Arbeiten schon seit längerem forcieren und leben. Wir konnten also letztes Jahr ohne größere Reibungsverluste sofort auf Homeoffice umstellen, weil alles bereits vorhanden war. Wir arbeiten schon seit geraumer Zeit flexibel, mit großzügiger mobile Work Regelung, wir haben unsere Büros insofern umgestellt, als dass es für die allermeisten inkl. der Geschäftsführung keinen eigenen Arbeitsplatz mehr gibt und sich jeder den Platz sucht, den er gerade braucht. Unsere KollegInnen in der Produktion sind natürlich von der Möglichkeit des Homeoffice ausgeschlossen. Aufgrund der Tatsache, dass wir als Lebensmittelerzeuger aber ohnehin strenge Hygienevorschriften haben, waren hier vergleichsweise wenige Schrauben zu drehen. Was aber mit der Zeit immer mühsamer geworden ist, waren die fehlenden persönlichen Kontakte, der persönliche Austausch, das Treffen der KollegInnen im Büro. Und viele von uns waren natürlich auch durch Mehrfachbelastungen gefordert – Homeschooling, Online-Meetings, alle Familienmitglieder zuhause und vieles mehr. Das Gute daran? Es hat Online-Meetings salonfähig gemacht – mit allen Vor- und Nachteilen – und es ist absolut kein Thema, wenn im Hintergrund die Kleinen „herumzischen“.

Was von den vorgenommenen Änderungen im Unternehmen wird bleiben, was nicht?

Zum einen hat sich in der letzten Zeit so einiges verändert und unser Job ist es unter anderem, neue Werte, Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu beobachten und mit den unseren zu verknüpfen. Wir sehen, dass die Menschen mobiler und flexibler werden, sie viele Dinge unter einen Hut bringen müssen – Privates und Berufliches –, ihnen Nachhaltigkeit immer wichtiger wird und sie von Firmen und Marken Haltung und Lösungen erwarten. Und was für KonsumentInnen gilt, gilt auch für uns und unsere KollegInnen, denn wir sind doch alle demselben Wandel unterworfen. Aus meiner Sicht werden Online-Meetings bis zu einem gewissen Grad bleiben, es wird weniger Dienstreisen geben und Themen rund um Nachhaltigkeit werden sich noch stärker etablieren. Und dann gibt es Dinge, die sich nicht verändert haben und denen wir treu bleiben wollen. Unsere Mission zum Beispiel: Die Quelle ist unser Ursprung. Wir schaffen Wohlbefinden und löschen den Durst der Zeit.
Wir schaffen Wohlbefinden nicht nur für unsere KonsumentInnen, sondern auch für unsere KollegInnen. Und wir löschen den Durst der Zeit, weil wir auch weiterhin gute Köpfe halten und neue anziehen wollen. Im Grunde genommen ist neues Arbeiten schon seit jeher in unseren Werten verankert: Zusammen arbeiten, Klartext reden, Vereinbarkeit von Familie & Beruf. Diese neue Art des Arbeitens wird bleiben bzw. werden wir sie ständig weiterentwickeln und an aktuelle Bedürfnisse und Rahmenbedingungen anpassen.

„Unser nachhaltiges Engagement ist eng mit unseren Unternehmenszielen verbunden, festgeschrieben in unseren Werten aber vor allem auch in unserer Strategie. Das legt man nicht einfach beiseite. Auch nicht in einer Krise.“

Das Bekenntnis der Konsumenten nach nachhaltigen Produkten hat sich verstärkt, viele Unternehmen haben ihre Engagements in Sachen Klimaschutz im Zuge der Bewältigung der Coronakrise aber – zumindest kurzfristig – zurückgefahren. Wie ist Ihnen der Spagat zwischen dem Managen der Krise und dem Festhalten an Ihren Nachhaltigkeitszielen gelungen?

Wir sehen das Thema Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Ziele nicht als „zusätzliches“ Projekt, das man stilllegt, wenn es kompliziert oder schwierig wird. Unser nachhaltiges Engagement ist eng mit unseren Unternehmenszielen verbunden, festgeschrieben in unseren Werten aber vor allem auch in unserer Strategie. Das legt man nicht einfach beiseite. Auch nicht in einer Krise. Wir sind der Meinung, dass wir Verantwortung als Unternehmen und als Einzelpersonen tragen und diese nehmen wir wahr. Wie ist das in der Krise gelungen? Eben weil es ein selbstverständlicher Teil unseres Unternehmens ist, weil es vom gesamten Team getragen wird und weil es auch sehr präsent in unseren Produkten ist: Unsere Verpackungen bestehen z. B. entweder aus 100 % rePET, also recyceltem PET, oder Glas-Mehrweg oder eben ab 2022 auch aus PET-Mehrweg. Wir achten aber ebenso bei allen anderen Materialien, Inhaltsstoffen und beispielsweise auch bei unseren Promotions, Büromaterialien usw. auf nachhaltige Lösungen. Transport ist klarerweise auch ein großes Thema. In Summe gilt bei uns die Devise, dass jedes Produkt nachhaltiger als sein Vorgänger sein muss und alles was wir tun prinzipiell auch mit der Nachhaltigkeitsbrille beurteilt wird.

Ärgert es Sie eigentlich, dass Plastikverpackungen in der Öffentlichkeit so ein schlechtes Image haben?

Nein es ärgert uns nicht. Plastik ist, bei richtigem und sparsamen Einsatz, ein schlaues Material. Aber es ist klarerweise entscheidend, wie damit umgegangen wird. Achtlos weggeworfen ist es ein Problem und wir sind auch dankbar, dass das thematisiert wird. PET ist ein wertvoller Rohstoff, der wiederverwertet werden soll und nichts im Straßengraben zu suchen hat. Wir haben viel Energie in die Entwicklung einer PET-Flasche gesteckt, die zu 100 % aus rePET besteht. So konnten wir vergangenes Jahr unser gesamtes Sortiment auf 100 % rePET umstellen, und sind dabeigeblieben. Trotz der Tatsache, dass sogenanntes Virgin Material aufgrund der niedrigen Rohölpreise zeitweise günstiger ist, als PET-Rezyklate. Was wir als Unternehmen noch beitragen können, ist Bewusstseinsbildung. Dass PET nicht in den Restmüll oder eben achtlos weggeworfen werden darf, sondern dieser wertvolle und gut recycelbarer Wertstoff richtig gesammelt wird. Nur so kann er im Kreislauf gehalten und wiederverwertet werden, das spart Ressourcen und schont die Umwelt. Diese Bewusstseinsbildung treiben wir auf allen uns zur Verfügung stehenden Kanälen voran – auf digitalem Wege, über klassische Medien, aber auch auf den Gebinden selbst.

„In der derzeitigen politische Lage rund um die Maßnahmen zur Single-Use Plastics-Verordnung würde uns mehr Planungssicherheit helfen.“

Glauben Sie, dass Pfand auf Einwegplastikflaschen dabei helfen kann, dass weniger Plastik achtlos weggeworfen wird bzw. wie sehen Sie den Vorstoß von Umweltministerin Leonore Gewessler, ein verpflichtendes Pfandsystem einzuführen?

Ob ein verpflichtendes Pfandsystem eingeführt wird oder nicht und wie sehr es nützt, müssen ExpertInnen und die Politik entscheiden, das liegt nicht in unserer Kompetenz. Wir sind daran interessiert, die richtigen Lösungen für unsere KonsumentInnen zu bieten und wir glauben, dass wir das mit unserem Angebot tun. Schließlich geht es am Ende darum, die Umwelt zu schützen und nachhaltige Produkte auf den Markt zu bringen und mit unseren 100 % rePET-Flaschen und Glas-Mehrwegprodukten leisten wir unseren Beitrag dazu.

Welche Wünsche haben Sie – auch diese Diskussion betreffend – an die Politik?

Grundsätzlich fänden wir es gut, dass jene Unternehmen, die nachweislich einen wesentlichen Beitrag für mehr Umwelt- und Klimaschutz leisten, auch mehr unterstützt werden. Letztendlich versuchen wir alle ein gemeinsames Ziel zu erreichen, um für eine enkeltaugliche Zukunft zu sorgen. In der derzeitigen politische Lage rund um die Maßnahmen zur Single-Use Plastics-Verordnung würde uns mehr Planungssicherheit helfen.

Ein weiteres Thema, das durch Corona einen neuen Schub bekommen hat und das nahezu alle Unternehmen beschäftigt, ist die digitale Transformation. Wie gut ist Vöslauer hier bereits aufgestellt?

Wir wollen überall da, wo es möglich und sinnvoll ist, digitalisieren und die Chancen, die sich dadurch bieten, nutzen. Aktuelle Projekte sind beispielsweise Digitalisierung beim Onboarding oder von Spesen- und Reisekostenabrechnungen und es gibt auch ein CRM-Projekt, das im Juli live gehen wird. Abgesehen von der digitalen Kommunikation über Soziale Medien wie Instagram, Facebook oder Podcasts ist unser Jungbleiben-Magazin ein digitales Medium und auch digitale Unternehmensführungen sind immer mehr Thema – nicht zuletzt, weil Besuchergruppen-Führungen ja lange Zeit nicht möglich waren und aktuell auch noch nicht sind. Ein sehr innovatives Element haben wir zuletzt aber auch mit dem Redesign unserer Vöslauer Junior Flaschen gelauncht, nämlich ein Augmented Reality Projekt, mit dem die Tiere auf den Flaschen animiert durchs eigene Zuhause bewegt werden können – so geht Spielen und Lernen Hand in Hand. Als internes digitales Kommunikationsmittel nutzen wir eine APP „Vöslaura“, sie ist sehr beliebt bei unseren KollegInnen, weil darin alle relevanten Informationen kompakt und gebündelt zu finden sind. Egal, ob es sich beispielsweise um Neuigkeiten im Unternehmen handelt, aber auch Nachhaltigkeitsthemen, Goodies und Umfragen haben dort Platz. Besonders gut finden wir, dass diese APP auch sehr interaktiv genutzt wird. KollegInnen kommentieren, liken oder posten Fotos zu den unterschiedlichsten Themen. Digitalisierung hat bei Vöslauer also viele Gesichter und ist definitiv ein Thema, das uns auf mehreren Ebenen begleitet und beschäftigt.

Haben Sie bereits mit Künstlicher Intelligenz experimentiert bzw. kommt diese im Unternehmen bereits zum Einsatz?

Derzeit haben wir diesbezüglich noch nichts im Einsatz. Aber wir verfolgen das Thema sehr interessiert.

Am Getränkemarkt mischen auch Startups verstärkt mit und kurbeln den Wettbewerb an. Wie sehen Sie den Markteintritt dieser jungen Unternehmen und was können Sie sich von Startups vielleicht sogar abschauen?

In dieser Szene gibt es sehr innovative Produkte ebenso wie MeToos. Von ersteren kann man sich auf jeden Fall Erfindergeist, Begeisterungsfähigkeit und Mut abschauen. Oft sind das Konzepte, die sich an eine ganz besondere Nische wenden oder eine spezielle Anwendung im Blick haben. Da gibt es oft sehr kompromisslose Projekte und das finde ich verdient doch einige Bewunderung. Wenn das mit guter Qualität, Konsequenz und etwas Geschäftssinn in Verbindung steht, stellt sich auch der Erfolg ein.

Könnten Sie sich vorstellen auch mit Startups zu kooperieren?

Selbstverständlich. Wir sind für Kooperationen jeglicher Art offen.

Welchen Tipp würden Sie Jungunternehmern mit auf den Weg geben, um das Ziel einer Listung im Handel zu erreichen?

Ich denke, dass sich das viele leichter vorstellen als es dann schlussendlich ist. Wichtig ist, dass man weiß wofür man steht und wofür nicht. Das bedeutet nicht, dass man nicht lernen kann, aber man wird es auch nie allen recht machen. Was man auch mitbringen sollte ist ein langer Atem. Der Markt ist umkämpft und es braucht seine Zeit, bis man sich etabliert.

Vielen Dank für das Interview.

Deine ungelesenen Artikel:
21.10.2026

Startup-Land Oberösterreich: Von der Industrie-Hochburg zum Hightech-Zentrum

Wenn es einem Bundesland gelingt, in der öffentlichen Wahrnehmung einen Gegenentwurf zum dominanten Startup-Hub Wien aufzubauen, dann ist es Oberösterreich: Das Industrie-Bundesland und insbesondere die Hauptstadt Linz fallen auf — sei es durch bekannte Scaleups, spektakuläre Exits, KI-Forschung auf Weltniveau oder die umfassende Infrastruktur für Startups mit der Tabakfabrik Linz als markantem Monument. Wir werfen einen genaueren Blick auf das vielseitige Startup-Land Oberösterreich.
/artikel/startup-land-oberoesterreich-von-der-industrie-hochburg-zum-hightech-zentrum
21.10.2026

Startup-Land Oberösterreich: Von der Industrie-Hochburg zum Hightech-Zentrum

Wenn es einem Bundesland gelingt, in der öffentlichen Wahrnehmung einen Gegenentwurf zum dominanten Startup-Hub Wien aufzubauen, dann ist es Oberösterreich: Das Industrie-Bundesland und insbesondere die Hauptstadt Linz fallen auf — sei es durch bekannte Scaleups, spektakuläre Exits, KI-Forschung auf Weltniveau oder die umfassende Infrastruktur für Startups mit der Tabakfabrik Linz als markantem Monument. Wir werfen einen genaueren Blick auf das vielseitige Startup-Land Oberösterreich.
/artikel/startup-land-oberoesterreich-von-der-industrie-hochburg-zum-hightech-zentrum
Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Industry-Talk | Birgit Aichinger/Vöslauer: „Projekte von Startups verdienen oft Bewunderung.“