02.12.2020

Standortpolitik in Österreich: Wegschauen, Konservieren, Bewahren und Verschlafen

Arbeitet die Politik an den Bedürfnissen des Marktes vorbei? Berthold Baurek-Karlic, CEO von Venionaire Capital, findet kritische Worte für die heimische Wirtschaftspolitik.
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Berthold Baurek-Karlic © Foto Wilke
Berthold Baurek-Karlic © Foto Wilke

Vorausgeschickt – Ich liebe meine Heimat, unsere Natur, Kultur und hohe sozialen Standards. Wir leben in Österreich auf einer Insel der Seligen. Diese Insel muss aber finanziert werden. Und ich mache mir Sorgen, dass dies mittelfristig ein Problem werden kann. Ich beobachte mit großer Sorge die wirtschaftspolitischen Maßnahmen in Österreich und bin regelmäßig in Gesprächen mit Interessenvertretern fassungslos – sie denken und sagen das richtige, aber sie belassen es beim internen Diskurs. Nach außen wird kaum oder nur sehr verhalten kommuniziert. Der politische Druck – ohne öffentlicher Kritik „zusammenarbeiten“ zu wollen – ist scheinbar so groß, dass man sich kollektiv zurück hält. Man beschränkt sich auf die Abgabe von Konzepten, die im besten Fall in Arbeitskreisen zerlegt werden, oder in Archiven verstauben. 

Standort Österreich – Heimat der Marktführer

Wir sind die Heimat vieler Europa- und Weltmarktführer und damit (heute) ein reiches Land. Angesichts der nicht gerade attraktiven Standortbedingungen für Unternehmer ist das durchaus erstaunlich.

Man kann sich kaum vorstellen, was alles möglich wäre mit mehr Kapital, weniger Bürokratie, weniger regulatorischen Blockaden und ehrlichem politischen Willen zu einem echten Gründerland. Harald Mahrer hatte einst den Hashtag „No Sleep Till Gründerland #1“ initiiert. Damals war es motivierend und positiv besetzt – heute würde man vielleicht schon Gelächter ernten. 

Ein Blick über die Grenzen

Unsere Nachbarländer zeigen uns in der Krise, wie es geht. Deutschland stellt einen Zukunftsfonds mit EUR 10Mrd. zur Verfügung, in Österreich stellen wir den AWS Gründerfonds ein. Von einem EUR 1Mrd. Dachfonds – wie ihn die AVCO einst forderte – keine Rede. In Berlin und Hamburg erhalten Business Angels Zuschüsse (Co-Investments), die das investierte Kapital verdrei- bzw. vervierfachen, und in Österreich stellen wir den Covid-Hilfsfonds (mit Absage für eine Verlängerung des erfolgreichsten Hilfsprogramms) ein.

In Deutschland treten der BVK und diverse Initiativen laufend in Diskurs mit der Politik und man erzielt gemeinsam Resultate. Man erlaubt sich auch mal, öffentlich Kritik zu üben. In Österreich sieht das die Politik nicht gerne, der Ausschluss vom „inneren Kreis“ droht schnell und das reicht, um Interessenvertretern einen Maulkorb zu verpassen.

Standortpolitik: Was der Markt braucht, ist egal

In Österreich geht man einen anderen Weg, es werden seitenweise progressive und tatsächlich gut durchdachte Konzepte zu Papier gebracht – diese werden dann präsentiert und abgelegt. Die Politik zeigt sich unterdessen nach außen mit Handlungswillen, ein Startup-Komitee zur Vermarktung der eigenen Programme wird eingerichtet und damit wird die kaum vorhandene Startup-Politik gleich vom Markt mit getragen. So geht Politik auf hohem Niveau – der Markt geht dabei aber leer aus. 

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Was der Markt sagt oder gar braucht, ist in Österreich egal. Hier musst du es selbst schaffen und wenn du es hier schaffst, dann schaffst du es überall. Vielleicht ist das der Grund, warum wir so viele Hidden Champions haben? Tatsächlich sitzen in Österreich derart ambitionierte und unglaublich starke Unternehmer, die es trotz widrigster Umstände schaffen globale Erfolge zu feiern – man möchte sich gar nicht ausmalen, welche Bedeutung Cluster wie Silicon Alps oder unsere Hubs Wien, Linz, Graz, Eisenstadt und Innsbruck mit mehr Rückenwind haben könnten. 

Wegschauen, Konservieren und Verschlafen

Als gelernter Österreicher weiß man, dass Wegschauen, Konservieren, Bewahren und Verschlafen tief in uns sitzt und viel zu oft nehmen wir absurde Nachrichten mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Wenn die Regierung einmal mehr ohne jegliche Rücksicht auf Datenschutz oder heimische Anbieter US-Technologie oder PR-Berater einkauft, während sie uns empfehlen, regional einzukaufen – üben wir uns im „Wegschauen“. Wenn wir ein 100 Jahre altes GmbH-Gesetz bzw. das ungerechte Steuergesetz oder die überbordende Bürokratie angreifen wollen, dann Konservieren unsere Beamten, Professoren und Kammern gegen den Status-quo des Marktes. Wir wollen stets bewahren, weil es bisher eh ned so schlecht gelaufen ist und weil Veränderungen viel zu viel Arbeit bedeuten. 

Aufwachen aus dem Polit-Koma

Die Konsequenz ist, dass wir regelmäßig Chancen verschlafen. Hätten wir nicht die einzelnen, die es trotzdem schaffen, wäre sichtbar wie schlecht es um den Standort wirklich steht. Wenn wir nicht bald aus diesem Polit-Koma aufwachen, sehe ich schwarz für das tatsächliche Potenzial in unserem Land für Klimaschutz, Innovation und Zukunftstechnologien. 

Es ist in einer Demokratie nicht nur ok, ich sehe es sogar als Pflicht eines mündigen Bürgers aufzuschreien, wenn (Steuer-)Gelder nicht in ihrem / unserem Sinne investiert werden. Nehmt allen Mut zusammen und helft uns, Arbeitsplätze zu schaffen. Helft uns, die nächste Generation von Unternehmen aufzubauen. Helft uns, jene Aspekte zu erhalten, die unsere Heimat so lebenswert machen.

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Das Helferline-Führungsteam (vl.) Janko Glavić (CTO) und die beiden Gründer Clemens Schmidgruber (CEO) und Alexander Niederhofer (COO) | (c) Helferline
Das Helferline-Führungsteam (vl.) Janko Glavić (CTO) und die beiden Gründer Clemens Schmidgruber (CEO) und Alexander Niederhofer (COO) | (c) Helferline

Wer zuhause technischen Support, etwa mit Internet, TV oder Smartphone braucht, bekommt vom Wiener Startup Helferline innerhalb weniger Stunden eine:n Techniker:in aus seinem flächendeckenden Netzwerk vermittelt. Das ist bereits seit der Gründung vor etwas mehr als zehn Jahren so, in denen mehr als 100.000 Personen das Service nutzten.

Zu diesem B2C-Angebot kam schon bald nach dem Start eine B2B2C-Schiene dazu. Mit A1, Magenta und Drei setzen die drei großen heimischen Mobilfunker ebenso bereits seit Jahren im Service auf Helferline, wie etwa MediaMarkt, Emporia, die Uniqa oder Assa Abloy.

„Wir hatten viele harte Jahre. Jahre, in denen wir uns kein Gehalt ausgezahlt haben“

Doch die betriebswirtschaftliche Realität hinter den großen Namen und beachtlichen Zahlen war über lange Zeit hinweg weniger rosig, wie die beiden Gründer, Clemens Schmidgruber und Alexander Niederhofer, im Gespräch mit brutkasten im Büro im 9. Wiener Bezirk erzählen. „Wir hatten viele harte Jahre. Jahre, in denen wir uns kein Gehalt ausgezahlt haben und in denen wir das Glück hatten, dass auch unsere Mitarbeiter so sehr an die Idee geglaubt haben, dass sie mehrmals längeren Verzögerungen beim Gehalt zugestimmt haben“, sagt Schmidgruber.

„Wir konnten auch nicht, wie andere Tech-Unternehmen, Corona mitnehmen. Auf uns hat sich das negativ ausgewirkt, die Nachfrage nach Vor-Ort-Service ist zurückgegangen“, ergänzt Niederhofer. Und Jahre der Dauerkrise hätten ihre Spuren hinterlassen. „Die Belastung ging bei mir bis zum Burnout. Und irgendwann sind wir an den Punkt gekommen, an dem wir gesagt haben: Wenn es zu Weihnachten immer noch so aussichtslos ist, hören wir auf.“

Das war vor rund zwei Jahren. Mittlerweile schreibt das Unternehmen monatlich sechsstellige Gewinne. Was ist also in der Zwischenzeit passiert?

Eine Reihe von Gamechangern

„Wir haben damals bei einem Event Hansi [Anm. Hansmann] getroffen und sehr offen mit ihm über die schwierige Situation gesprochen. Ihm hat die Idee immer noch gefallen, er hat Potenzial gesehen und meinte, man kann immer noch was machen“, erzählt Schmidgruber. Schließlich stieg das Hansmann Family Office über einen Secondary in das Unternehmen ein. „Wir haben davor oft versucht, Kapital zu raisen, sind aber gescheitert. Die Zahlen haben nie entsprechend ausgesehen, wir hatten kein Hockeystick-Wachstum. Aber Hansi ist jemand, der Chancen erkennt und einfach anpackt, und hatte damit – wie so oft – den richtigen Riecher. Das hat uns den Atem gegeben, doch noch weiterzumachen“, sagt Niederhofer.

Doch das war nicht der einzige Gamechanger für Helferline. „In den letzten Jahren haben alle direkten Konkurrenten in Mitteleuropa aufgegeben bzw. ihr Geschäftsmodell geändert, dadurch mussten alle Firmen mit Bedarf an Vor-Ort-Service zu uns“, so Niederhofer. Und dieser Bedarf bestehe durchaus. „Über Jahre hinweg haben die Anbieter immer mehr auf Plug & Play und do it yourself gesetzt und den Field Service abgebaut. Das hat sich als nicht richtig herausgestellt. Der Bedarf ist weiterhin da – auch in der Telekom-Branche. Auch 2026 kennen sich immer noch nicht alle mit Technik aus“, sagt der Gründer.

O2 wird zum großen Hebel

Und ein Großauftrag in genau diesem Bereich war es schließlich auch, der bei Helferline zum großen Hebel wurde. „Ende vergangenen Jahres haben wir mit einem riesigen Projekt für O2 begonnen. Der Anbieter schenkt jedem Neukunden einen Helferline-Einsatz – und das bei zehntausenden Neukunden im Monat“, erzählt Schmidgruber. Niederhofer ergänzt: „Mit diesem Angebot will O2 sich vom Wettbewerb absetzen und die Nummer 1 im Bereich Kundenzufriedenheit werden.“

Helferline habe die Aktion unter anderem einen Auftritt in deutschlandweiten TV-Spots und indirekte Werbung auf der Titelseite der Bild-Zeitung gebracht. Die Kapazitäten in kurzer Zeit für einen derartigen deutschlandweiten Auftrag auszubauen, sei aber alles andere als einfach gewesen, erzählt Schmidgruber und zeigt auf den „Schlachtplan“, der zur Erinnerung noch immer an der Bürotür im 9. Bezirk hängt: „Wir haben ja ein Freelancer-Modell. Wir mussten innerhalb weniger Wochen hunderte neue Techniker rekrutieren, onboarden und auf die Plattform bringen, um das Projekt abbilden zu können.“

Niederhofer führt aus: „Es war letztlich ein großer Team-Effort: Wir haben jede Menge Growth Hacks genutzt, haben Techniker als Promotoren an technische Unis geschickt, jedes schwarze Brett genutzt, Flyer verteilt und sogar Bierflaschen beklebt.“ Die teuerste Maßnahme sei das Engagement der größten deutschen Tech-Influencer gewesen. „Die haben uns dann auch über Nacht tausende Bewerbungen gebracht“, erklärt Niederhofer.

Doch bei diesem einen Großauftrag sollte es nicht lange bleiben. Gerade als das O2-Projekt in trockenen Tüchern war, sei bereits der nächste gekommen, erzählen die Gründer – und zwar auf ungewöhnliche Weise. „Es kam eine Mail an Alex [Anm. Niederhofer] herein, die auf den ersten Blick extrem nach Spam aussah“, erzählt Schmidgruber. Niederhofer führt aus: „Da schreibt jemand, der meint, er arbeitet bei Starlink und sie suchen jemanden, der die Installation für die Starlink-Satellitenschüsseln in ganz Europa übernimmt.“

Entgegen des ersten Impulses habe man die Mail ernstgenommen. „Wir haben uns gefragt: Ist es realistisch, dass unsere Techniker in Zukunft Sat-Schüsseln installieren, obwohl wir zu dem Zeitpunkt noch niemanden hatten, der das machen konnte? Sollen wir uns das trauen?“, erzählt Schmidgruber. Die beiden haben die Frage mit Ja beantwortet – ohne zu ahnen, was auf sie zukommen wird. Die Kooperation mit dem Musk-Unternehmen war von Anfang an nicht mit den europäischen Kooperationspartnern vergleichbar.

Niederhofer bringt ein Beispiel: „In einem Call wurde kurz darüber gesprochen, ob wir theoretisch die Logistik für Ersatzteile übernehmen könnten und wer unser Logistikpartner sei. Ein paar Tage später ruft mich unser Logistiker aus Deutschland an: Drei LKWs von Starlink stehen vor der Halle und wollen jetzt tonnenweise Hardware ausladen. Ohne jede Vorankündigung. Es gab zu dem Zeitpunkt weder einen Vertrag noch sonst etwas Schriftliches. Wir haben das dann mit den Amerikanern geklärt, die Ware übernommen und ein paar Tage später die erste Installation durchgeführt.“

Kurios sei auch gewesen, wie Helferline zu dem Auftrag kam: „Die amerikanischen Mitarbeiter haben einfach bei Claude eingegeben, welches Unternehmen im DACH-Raum diese Montagen am besten durchführen könne – und Claude hat geantwortet: Helferline“, erzählt Niederhofer. Das Service lief an. „Mittlerweile installieren wir in Deutschland und Österreich vierstellig Starlink-Schüsseln pro Monat – und es könnte bald fünfstellig werden“, sagt Schmidgruber. Und inzwischen installiert man schon erste Starlink-Antennen in Frankreich und den Niederlanden.

„Das war noch lange nicht alles“

Und die Welle an neuen Aufträgen reiße seitdem nicht ab. Weitere, teilweise noch größere Projekte seien bereits in der Pipeline oder unterschrieben und werden gerade vom mittlerweile 40-köpfigen Team umgesetzt. „Wir mussten so viele Hürden überwinden und sind einfach nur dankbar, dass wir jetzt eine so positive und spannende Zeit erleben dürfen“, sagt Niederhofer. Und Schmidgruber verspricht: „Aber das war noch lange nicht alles.“

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AI Summaries

Standortpolitik in Österreich: Wegschauen, Konservieren, Bewahren und Verschlafen

  • Die Politik zeigt sich nach außen mit Handlungswillen, ein Startup-Komitee zur Vermarktung der eigenen Programme wird eingerichtet und damit wird die kaum vorhandene Startup-Politik gleich vom Markt mit getragen.
  • Was der Markt sagt oder gar braucht, ist in Österreich egal.
  • Als gelernter Österreicher weiß man, dass Wegschauen, Konservieren, Bewahren und Verschlafen tief in uns sitzt und viel zu oft nehmen wir absurde Nachrichten mit einem Schulterzucken zur Kenntnis.
  • Hätten wir nicht die einzelnen, die es trotzdem schaffen, wäre sichtbar wie schlecht es um den Standort wirklich steht.
  • Wenn wir nicht bald aus diesem Polit-Koma aufwachen, sehe ich schwarz für das tatsächliche Potenzial in unserem Land für Klimaschutz, Innovation und Zukunftstechnologien.

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