24.03.2025
SPORTLICH

„Auch wenn du kein Morgensportler bist, kannst du mit Disziplin einer werden“

Founder sind Perfektionist:innen - und das nicht nur im Business. Gerüchten zufolge zeigen sie auch im Sport perfektionistische Züge. Warum Morgensport dabei am besten funktioniert und wie man nach einer Herzmuskelentzündung weitermacht.
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Tim Baumgärtner, Co-Founder von marswalk, und Raphael Fritz, CTO von marswalk | Foto: marswalk

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Was sich untertags schon schwer bewältigen lässt, ist um 6 Uhr 30 morgens fast eine Meisterleistung: An einem kalten Mittwochmorgen färbt der Raureif den Asphalt des Wiener Museumsquartiers weiß. Dunkle Fußspuren zeichnen sich auf der Frostschicht ab. Dreißig, fast vierzig Menschen sprinten über das Museumsgelände. Ein Trainer ruft motivierende Sätze in die Menge.

“Stiegentraining” heißt die mittwöchliche Sportsession der Early Birds, die fast siebenmal pro Woche eine kostenfreie Trainingseinheit anbieten. Seit ihrer Gründung im Jahr 2022 haben sich die Early Birds von einer WhatsApp-Gruppe mit knapp einem Dutzend Läufer:innen zu einer internationalen Community mit über 4.200 Mitgliedern entwickelt.

Morgensport zum Zeitmanagement

Und das nicht umsonst: Was für viele unmöglich scheint, ist für die Early Birds Routine. Morgens um 6 Uhr 30 wird 60 Minuten lang gelaufen, geradelt, Yoga gemacht, eine Runde um den Wiener Ring gejoggt, das Museumsquartier geweckt oder mit Intervallen über den Donaukanal gefetzt. Das Sportprogramm beschränkt sich nicht nur auf Wien. Mittlerweile sind die Early Birds unter anderem in Innsbruck, Salzburg und München vertreten.

Einer der Early Birds ist der Startup-Founder Raphael Fritz. Zum Start der Corona-Pandemie war er CIO und Co-Founder des Startups Novid20, bei dem er von September 2020 bis Ende 2023 tätig war. Seit Mitte 2024 ist er Chief Technology Officer (CTO) beim Wiener Startup marswalk, das sich als Tech- und KI-basierte Kurzform-Video-Agentur für Plattformen wie Tiktok, Instagram und Youtube positioniert.

Raphael Fritz, CTO von marswalk | Foto: marswalk

Konsistenter Morgensport ist für Fritz die Norm. “Ich trainiere in der Früh, damit ich mir am Abend keine Gedanken mehr darüber machen muss. Dem Sport sei Dank starte ich motiviert in den Tag – obwohl ich eigentlich nicht der größte Morgenmensch bin.”

Dass der Sport am Morgen Stimmung und Gesundheit hebt, darauf deuten auch wissenschaftliche Ergebnisse hin. Mehrere Studien zeigen, dass Morgensport den Kreislauf in Schwung bringt, die Durchblutung anregt und die Fettverbrennung vor dem Frühstück ankurbelt.

Fettverbrennung und Gewichtsreduktion sind nur zwei der eher erfreulichen Nebeneffekte von Morgensport. So hat eine Forschergruppe der Universität Leiden in den Niederlanden herausgefunden, dass Menschen, die Morgensport betreiben, ein um 16 Prozent geringeres Risiko für Herzkrankheiten aufweisen. Auch das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, sinkt mit regelmäßigem Morgensport um bis zu 17 Prozent. Nach dieser Studie kann Sport am Morgen aus gesundheitlicher Sicht sogar besser sein als Mittags- oder Abendsport.

Ein Allheilmittel ist der Morgensport allerdings nicht. Andere Studien, wie eine klinische Untersuchung aus dem Jahr 2021, weisen darauf hin, dass Sport am Abend zu einer besseren Erholung der Herzfrequenz und damit zu einer Senkung des Blutdrucks führen kann. Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2019 schlägt wiederum vor, sich nachmittags zu bewegen. Dabei könnte der Blutzuckerspiegel nämlich am effektivsten gesenkt werden als zu jeder anderen Tageszeit.

In der Wissenschaft gibt es also keine eindeutigen Ergebnisse. Wie, wann und wo man Sport treibt, hängt demnach gänzlich vom Individuum ab. Im Fall von Fritz scheint sich der Morgensport als besonders hustle- und gründerfreundlich zu erweisen. “Der Sport am Morgen passt einfach am besten in meinen unplanbaren Alltag. Ich stehe um sechs Uhr morgens auf und kann mir dafür am Abend etwas einplanen. Mit unvorhergesehenen Überraschungen kann ich dann viel besser umgehen, weil ich weiß, ich habe meinen Sport schon in der Früh erledigt.”

Nicht nur aus Zeitgründen schleppt sich der marswalk-CTO zu den Early-Bird-Trainings. Wie man auch aus der Wissenschaft weiß, kann sich das Wohlbefinden und die allgemeine Zufriedenheit erhöhen, wenn Sport in Kombination mit sozialer Interaktion passiert. Ähnlich ist es bei den Early Birds. Vor allem die Menschen sind der Grund, warum sich der Gründer streng an seine Morgenroutine hält. “Ich finde den sozialen Aspekt am Sporteln äußerst motivierend. Man trainiert in einer coolen Gruppe mit coolen Leuten – das macht einfach Spaß.”

Das rät der Founder auch anderen, die eine Morgensport-Routine etablieren wollen: “Macht euch was mit anderen Leuten aus. Wenn jemand auf dich wartet, kannst du den inneren Schweinehund viel leichter besiegen, als wenn du alleine Sport machst.”

Dem sozialen Aspekt wegen ist Fritz auch dem Founders Running Clubs beigetreten – einer globalen Initiative, die Gründer:innen und Innovator:innen über den gemeinsamen Sport vernetzen will. Mittlerweile findet sich der Lauf-Club bereits in über 25 Städten der Welt, seit dem 2. Feber gibt es ihn auch in Wien.

Das regelmäßige Training des marswalk-CTOs zeigt mittlerweile auch positive Auswirkungen auf seine Arbeitsleistung: Fritz kommt mit Sport am Morgen früher und energiegeladener ins Office als ohne. Das ergibt auch aus biologischer Sicht Sinn: Bewegung lässt das Hirn besser durchbluten und der Körper schüttet Glückshormone, darunter Endorphine, Dopamin und Serotonin, aus. Dadurch kann die Stimmung sowie die geistige Leistungsfähigkeit verbessert und die Schmerzwahrnehmung gehemmt werden.

Auf die Frage, ob jeder zum Morgensportler werden kann, hat der CTO eine klare Meinung: “Ich glaube, der größte Hebel ist die soziale Pflicht, die mit dem Morgensport verbunden ist. Sobald etwas Spaß macht, lässt es sich viel leichter implementieren.”

Sollte das morgendliche Sporteln gar nicht in Frage kommen, rät Fritz zu einer effizienten Integration in den Arbeitsalltag – unter anderem in der Mittagspause. Das versucht der CTO auch im marswalk-Office – und zwar mit kleinen Challenges.

Eine davon ist die 30-Push-ups-Challenge. Dabei pusht man sich gemeinsam zu 30 Liegestützen. Je nach Verfügbarkeit kann das ganze Office mitmachen. Das spontane Workout soll ein bis zwei Minuten dauern und läuft nach dem Motto “Wer halt will, macht mit” ab. Etwa dreimal wöchentlich motiviert Raphael das marswalk-Team dazu.

“Meistens finden es die Leute eh ganz lustig”, sagt Raphael. Gerade rund um das obligate Nachmittagstief kann ein kurzes Workout nämlich dazu beitragen, den Kreislauf anzukurbeln, den Blutzuckerspiegel zu senken und einem Energieloch vorzubeugen. Alternativ sorgen zehn Kniebeugen in 45-Minuten-Abständen für ähnlich viel Energie wie ein zehnminütiger Spaziergang.

Fritz’ Sportroutine scheint durchdacht und effektiv. Das war allerdings nicht immer so. Gerade im Aufbau seines Startups Novid20, einem Software-Tool zum Management von Corona-Massentests in Schulen, fiel seine Sportroutine spärlich aus. Novid20 war in der Corona-Pandemie mit Aufträgen eingedeckt, es wurde viel gearbeitet, wenig geschlafen und dementsprechend wenig Sport gemacht.

Das hohe Arbeitspensum hatte Auswirkungen: “Ich war körperlich nicht mehr in guter Verfassung, ich hab mich gesundheitlich nicht gut gefühlt. Nach unserer Hochphase habe ich mir wieder Zeit für Bewegung genommen – und es ging mir viel besser. Ich habe dann bei den Early Birds angefangen und seither ist Sport ein Fixpunkt meines Tages.”

Ähnlicher Auffassung ist auch Tim Baumgärtner. Er ist Co-Founder und COO von marswalk und Verfechter einer ausgeglichenen Sport-Business-Balance.

Tim Baumgärtner, Co-Founder von marswalk | Foto: marswalk

Während seines Studiums war er ein- bis zweimal pro Woche, manchmal auch nur einmal in zwei Wochen laufen. Heute, in der Blütezeit seiner Agentur, nimmt Sport eine ganz andere Stellung in seinem Leben ein:

“Seit eineinhalb Jahren, seitdem marswalk größer geworden ist, gehe ich viel intensiver sporteln als davor. Außerdem habe ich einige Laufgruppen gefunden, die mich dazu motivieren, immer besser zu werden und meine Routine einzuhalten.”

Insgesamt kommt Baumgärtner auf ein Sportpensum von vier bis fünf Läufen pro Woche. Der Founder setzt sich dabei regelmäßig Ziele. Eines davon: Der New-York-Marathon 2025. Den Wien-Marathon will er dieses Mal unter 2:55 Stunden laufen.

Wie ein derart hohes Sportpensum auch neben seinem Startup-Alltag funktioniert? “Founder haben tendenziell einfach sehr viel Disziplin”, ist der Gründer überzeugt. Dabei hält er sich an die Meinung seines Kollegen: “Auch wenn du kein Morgensportler bist, kannst du mit Disziplin einer werden. Ich glaube, deshalb zieht es auch viele Founder zu intensiven Sport-Routinen: Es geht darum, Sachen zu machen, die man in dem Moment nicht unbedingt mag. Oft musst du einfach durchbeißen.”

Konkurrenzdenken kann dabei helfen: “Ein großer Aspekt ist auch der kompetitive Gedanke: Man versucht, immer bessere Zeiten zu bekommen. Deshalb ist das Laufen mein Go-To-Sport neben dem Business.”

Auf die Frage, wie sich ein derart intensiver Trainingsplan in den Gründeralltag integrieren lässt, reagieren die beiden marswalk-Kollegen mit einem Lächeln: “Das ist Einstellungssache. Auch wenn man viel arbeitet, bleibt Zeit zum Sporteln. Man muss es nur wollen.” Die beiden arbeiten 50 bis 60 Stunden pro Woche. Daneben treiben sie 8 bis 12 Stunden pro Woche Sport – dem richtigen Zeitmanagement sei Dank.

Nun könnte man meinen: Der Ansatz “Mehr ist mehr” greift auch beim täglichen Sportprogramm. Gerade Founder Baumgärtner kann davon leider kein Lied singen – im Gegenteil: Intensive sportliche Aktivität sollte man mit Vorsicht genießen. Nicht nur, weil Perfektionismus, übertriebener Ehrgeiz und hohe Erwartungen an sich selbst den Leistungsdruck erhöhen, sondern auch, weil dabei eigene Grenzen oft auf schädliche Weise überschritten werden.

Das weiß Baumgärtner aus Erfahrung. Im Frühjahr 2024 schlug der Founder über die Stränge und holte sich eine Herzmuskelentzündung. Der Grund: Körperliche Überlastung. “Ich habe übertrainiert, bin mit Erkältung einen Long Run gelaufen und währenddessen zusammengeklappt.”

Der Founder war zu einer dreimonatigen Sportpause gezwungen. Während sich sein Körper erholte, erfuhr Baumgärtner ein ganz neues Bewusstsein rund um seine körperliche und mentale Gesundheit. “Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen und auf meinen Körper zu hören. Ich weiß, ich bin ehrgeizig, aber übertreiben sollte man es nie. Ich habe gelernt, wie viel mehr Wert mir meine Gesundheit ist, als es die beste Laufzeit je sein könnte.”

Heute zeigen sich sowohl Baumgärtner als auch Fritz von einer intensiven, aber gesunden Sportroutine überzeugt. “Dein Energy-Level ist einfach viel höher, wenn du regelmäßig Sport machst. Ohne einen gesunden Körper hält sich auch dein Geist langfristig nicht fit. Und gerade im Startup-Leben musst du in guter körperlicher Verfassung sein.”

Allen, die sich auf eine ähnliche Reise begeben wollen, raten Baumgärtner und Fritz zum Founder-Mindset – mit Vorsicht: “Der Beginn ist immer anstrengend. Aber man weiß: Langfristig gesehen bringt mir mein Startup viel mehr, als ich mir anfangs erwartet hätte. Zumindest unter der Voraussetzung, dass ich es diszipliniert mache. Dasselbe gilt für den Sport.”

Nicht nur die beiden Founder, sondern vor allem auch die Community der Early Birds sowie der Founders Running Club geben Sportbegeisterten und allen, die es werden wollen, folgende Message mit: Mit Disziplin und sozialem Austausch lässt sich Vieles erreichen, das zuvor fast unmöglich schien. Selbst das morgendliche 6-Uhr-30-Training. Und: Regeneration ist dabei genauso wichtig wie Motivation und Konsistenz.

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Liquid Preference, Mofidian
© Armin Hubner/Canva - Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Für viele Gründer:innen sind 40-Stunden-Wochen ein Fremdwort und freie Wochenenden ein ferner Wunsch – sie opfern unzählige Arbeitsstunden und verzichten auf Gehalt, um ihr Startup aufzubauen. Doch am Ende dieses jahrelangen harten Einsatzes bleibt selbst bei einem vermeintlich erfolgreichen Millionen-Exit in manchen Fällen kaum etwas übrig. Der Grund kann in einer unscheinbaren Klausel des Beteiligungsvertrags liegen; einer Sonderregel für die Verteilung des Exit-Erlöses. Räumt man etwa späteren Investoren eine „Liquidation Preference“ ein, bedienen sich diese beim Verkauf zuerst. Die Realität sieht dann wie folgt aus: Während die Branche gratuliert, können die Gründer:innen und frühe Kapitalgeber trotz fließender Millionen fast leer ausgehen.

So ein Fall sorgte jüngst für Aufsehen, als Martin Granig, Gründer der Spar-App monkee.rocks, von einem Bekannten berichtete, der einen 15-Millionen-Exit hingelegt hatte. Der Founder meinte nach Glückwünschen bloß, der Exit hätte massiver sein müssen, „damit sich was ausgeht“ – hier hatte die Liquidation Preference gegriffen.

Was ist eine Liquidationspräferenz?

Die historischen Wurzeln der Liquidationspräferenz reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als US-Eisenbahngesellschaften und Banken Vorzugsaktien nutzten. In den 1950er- bis 1970er-Jahren adaptierte die VC-Branche das Modell und machte es im Silicon Valley zum Standard. Doch obwohl die Klausel omnipräsent ist, sorgt sie bis heute für Missverständnisse.

Der Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian bringt es auf den Punkt: „Eine Liquidationspräferenz ist kein gesetzlich definierter Begriff, sondern eine Klausel in einem Beteiligungsvertrag, die man im Einzelfall auslegen muss, aber häufig einem gewissen spezialisierten Marktstandard entspricht.“ Verankert wird sie in der Praxis meist im sogenannten Shareholders Agreement (kurz SHA, deutsch: Gesellschaftervereinbarung). Es geht dabei nicht um die prozentuelle Beteiligung an einem Startup, sondern um die harte Reihenfolge bei der Verteilung von echten Einnahmen (Proceeds) nach einem bestimmten Trigger-Event – im Normalfall dem Exit.

„Vereinfacht gesagt ist die Liquidationspräferenz eine vertraglich vereinbarte Erlösvorzugs-Regelung. Im Normalfall wird ein Verkaufserlös entsprechend den Beteiligungsquoten (pro rata) verteilt; das entspricht auch der gesetzlichen Grundregel. Für den Exit-Fall soll jedoch eine Sonderregel geschaffen werden; mit mitunter überraschendem Ergebnis: Wer etwa 20 Prozent der Anteile hält, aber 70 Millionen Euro investiert hat, kann bei einem Verkaufserlös von 70 Millionen Euro den gesamten Erlös erhalten – und das dank einer Liquidationspräferenz“, so Mofidian.

„Erst wenn die jeweilige Liquidationspräferenz erfüllt wurde, kommt die nächste liquidationspräferierte Gruppe zum Zug; sind alle Liquidationspräferenzen bedient, wird der Rest pro rata verteilt“, erklärt der Wirtschaftsanwalt das sogenannte „Wasserfallprinzip“. Reicht das Geld bei einem mittelgroßen oder kleinen Exit nicht aus, könnten all jene, die ganz unten im Wasserfall stehen, leer ausgehen.

„Ein Startup durchläuft typischerweise gewisse Phasen“, erläutert Mofidian. „So lassen sich die Investorengruppen ganz gut typisieren: Häufig startet man mit ersten Investoren, Business Angels, Family and Friends, teilweise noch Convertibles. Hier herrscht oft noch eine andere Logik als bei späteren Investmentrunden, wo beispielsweise VC-Fonds einsteigen. In diesen späteren Runden, den ‚Series‘, mit professionelleren neuen Investoren verschieben sich regelmäßig die Kräfteverhältnisse, was zu einer Anpassung der Verträge und der damit verbundenen Rechte führt.“

Das Multiple (X-Faktor) als wichtiger Hebel

Bevor man sich jedoch in rechtliche Details und konkrete Definitionen vertieft, muss man bei Liquidation Preference einen wichtigen Hebel verstehen: das Multiple (oder den X-Faktor). Diese Zahl legt fest, wie viel von seinem ursprünglichen Investment der Geldgeber beim Exit vorrangig – also vor der allgemeinen Verteilung nach Beteiligungsquoten – beanspruchen kann.

Das „1×-Multiple“ findet sich so häufig in den Verträgen, dass man dieses fast schon als Branchenstandard bezeichnen könnte. Das bedeutet: Der Investor holt sich zunächst exakt jene Summe zurück, die er in das Startup gesteckt hat. Komplex wird es, wenn Investoren in schwierigen Marktphasen höhere Multiples durchsetzen. Liegt der Faktor bei 1,5×, 2× oder gar 3×, bedeutet das, dass der Investor vorab – also vor der Verteilung nach Prozenten – ein Vielfaches seines eingesetzten Kapitals fordern kann. „Der Faktor hat mit der Beteiligungsquote nichts zu tun: Auch wer nur ein Prozent hält, kann eine fünffache Liquidationspräferenz vereinbart haben“, erklärt Mofidian. Hat ein VC-Fonds also beispielsweise zehn Millionen Euro bei einem 2×-Multiple investiert, zieht er beim Exit sofort 20 Millionen Euro als Liquidationspräferenz ab, bevor der nächste Gesellschafter auch nur einen Cent sieht. Das schmälert den Erlös für Gründer:innen und frühe Investor:innen – mitunter auch für andere, im Rang nachstehende Investorengruppen – dramatisch.

Participating vs. non-participating

Wenn der Faktor (das Multiple) bzw. damit verbunden die Höhe geklärt ist, regeln weitere Zusätze, wie genau ein Investor am restlichen Erlös beteiligt wird.

So gilt „non-participating“ als die üblichste Variante. Der Investor hat hierbei ein Wahlrecht: Er erhält entweder vorab seine Präferenz, also zum Beispiel sein 1×-Investment, zurück, oder er verzichtet auf diesen Vorabzug und nimmt stattdessen seine reguläre prozentuale Quote am gesamten Erlös. Demgegenüber steht „participating“: Diese investorenfreundliche Variante bezeichnet Mofidian als „Eierlegende Wollmilchsau“ – der Geldgeber bekommt zuerst sein Investment als garantierte Risikoprämie vorab ausbezahlt und partizipiert danach zusätzlich noch entsprechend seiner prozentualen Quote am verbleibenden Erlös-Topf; er wird also faktisch doppelt bedient.

Rangordnung – „Senior“ und „Pari passu“

Aus Sicht eines Investors spielt es zudem eine große Rolle, in welchem Rang seine Liquidationspräferenz eingeordnet wird. „Die Ränge drücken das Rangverhältnis der Liquidationspräferenzen zueinander aus. Nach dem Wasserfallprinzip wird grundsätzlich jeder vorrangige Rang vollständig bedient, bevor Erlöse an den nachfolgenden Rang verteilt werden“, erklärt Mofidian. „Reicht der Erlös auf einem Rang nicht, um alle dort angesiedelten Präferenzansprüche voll zu bedienen, wird typischerweise pro rata verteilt – meist im Verhältnis der jeweiligen Präferenzansprüche. Der genaue Schlüssel ist aber Vertragssache.“

Wird der Liquidationspräferenz eines Investors ein „Senior“-Rang eingeräumt, bedeutet das Vorrang gegenüber den zu diesem Zeitpunkt bestehenden bzw. den vertraglich bezeichneten Liquidationspräferenzen. „‚Senior‘ ist eine relative Rangangabe – man ist immer gegenüber jemandem vorrangig. Soll der oberste Rang gemeint sein, spricht man etwa von ‚most senior‘ oder ‚senior to all other liquidation preferences‘. Maßgeblich ist am Ende ohnehin die Verteilungsreihenfolge der Waterfall-Klausel selbst“, so der Anwalt. Vor später geschaffenen „noch vorrangigeren“ Rängen könne man sich durch einen Zustimmungsvorbehalt schützen; das könne allerdings künftige Finanzierungsrunden erschweren und sei auch unüblich.

Mofidian weiter: „Investor:innen vereinbaren häufig, dass ihre Liquidationspräferenz ‚pari passu‘ mit den Liquidationspräferenzen anderer Investor:innen oder Anteilsklassen rangiert – die betreffenden Präferenzen sind dann gleichrangig, keine wird vor der anderen bedient. Innerhalb derselben Anteilsklasse ist eine ausdrückliche Pari-passu-Regelung häufig nur deklaratorisch, sofern für alle Anteile dieselben Präferenzrechte gelten; sie kann jedoch in einigen Konstellationen auch klarstellende Bedeutung haben. Eine wesentliche Bedeutung entfaltet sie zwischen unterschiedlichen Anteilsklassen oder Finanzierungsrunden: Man kann etwa festlegen, dass die Liquidationspräferenzen einer Series A und einer Series B trotz unterschiedlicher Anteilsklassen auf demselben Rang stehen. ‚Pari passu‘ beschreibt also nicht die Anteilsklasse als solche, sondern das Rangverhältnis der jeweiligen Präferenzen“. Gleichrangigkeit bedeutet dabei nicht zwingend, dass auch die Höhe der Präferenzansprüche, die Multiplikatoren oder die sonstigen Investorenrechte identisch sind.

Die Rangordnung führt in der Praxis oft zu sogenannten Stacked Preferences (gestapelten Präferenzen). Faktisch gesehen kommt es dabei meist zum Prinzip „Last in, first out“: Der späteste Geldgeber (z. B. der Lead-Investor der Series C) sichert sich meist den höchsten Rang und holt sich beim Exit (nach Rückführung von Fremdkapital) als Allererster sein Geld aus dem Topf. Ist seine Präferenz bedient, darf sich die vorherige Series B aus dem verbleibenden Rest bedienen; und so weiter bis hinunter zur Series A. Häufig warten am Ende der Nahrungskette die frühen Seed-Investoren sowie Gründer:innen und Mitarbeiter:innen mit ESOP-Anteilen – ist der Exit-Erlös nicht hoch genug, ist der Topf leer, bevor sie erreicht werden.

„Eine der Schwierigkeiten bei Liquidation Preferences ist die Unschärfe der Begrifflichkeiten“, betont Mofidian an dieser Stelle und erklärt, warum es zu Streitereien unter den Beteiligten kommen könnte. Ein typischer Konfliktherd können Triggerdefinitionen sein: Was ist ein Exit? In einem „frühen“ Vertrag kann ein Exit anders definiert sein als im späteren Beteiligungsvertrag. Dazu kommen Side Letters bzw. in Investitionsdokumenten enthaltene Rechte, bei denen Widersprüche auftreten können. Liquidationspräferenzen können ein sinnvolles Instrument der Risikoverteilung sein – aber es kann zu unangenehmen Überraschungen kommen, weil die Beteiligten nicht jedes Szenario durchdenken und durchrechnen.

Die Schicksalsgemeinschaft der Frühphase

Oliver Holle, CEO des Seed-VCs Speedinvest, sieht die Debatte vor allem für die Frühphase pragmatisch: Dank klarer Standards (1×, non-participating) bilden frühe Kapitalgeber und Gründer:innen hier eine Schicksalsgemeinschaft im Sinne von „engsten Verbündeten“. Dramatisch wird es jedoch bei Wertberichtigungen in späten Runden, wenn sich die Ansprüche durch viel frisches Kapital massiv aufsummieren – die bereits erwähnten Stacked Preferences. Wie das in der Praxis aussieht, veranschaulicht Holle am E-Scooter-Anbieter Tier, dessen Preference-Stack nach mehreren Runden und Mergern auf fast eine Milliarde Euro angewachsen ist: „Das sind sie jetzt doch nicht mehr wert. Das heißt, wir haben das wahrscheinlich schon lange auf null abgeschrieben, und die Gründer auch, weil wir da kein Geld rausholen werden, auch wenn diese Firma für fünf-, sechs- oder siebenhundert Millionen Euro verkauft wird. Das ist also eine Realität, die wir absolut durchlebt haben.“ Und damit ist Speedinvest nicht allein.

Konflikte, Statistiken und eine mögliche Zukunft

Was konkrete Statistiken angeht, gibt es im DACH-Raum kaum belastbare öffentliche Marktdaten. Mofidians subjektiver Praxisbeobachtung nach kommen Liquidationspräferenzen jedoch in fast jedem Deal vor, sind ein von Investoren erwarteter Standard und in ihrer Grundform kaum wegzuverhandeln.

Aufgrund globaler Krisen brauchten viele Startups zuletzt jedoch Bridge-Finanzierungen. Um ihre Bewertungen hochzuhalten („Vanity Valuation“), akzeptierten Gründer:innen oft harte Konditionen. Mofidian kann sich vorstellen, dass es in Zukunft aufgrund dieser Dynamik zu Konflikten kommen könnte: „Aufgrund von Brückenfinanzierungen könnten Liquidationspräferenzen wahrscheinlich jetzt relevanter werden, weil wir jetzt einige Senior-Investoren sehen, die zu sehr guten Terms eingestiegen sind, darunter auch Verkaufsrechte. Wenn du in den letzten Jahren investiert hast, und das zu einer vermeintlich guten Bewertung, mit starken Terms, und dir viele Rechte geholt hast, jetzt aber daran zweifelst, dass eine neue Runde zu einer höheren Bewertung realistisch ist, dann pushst du möglicherweise in den Exit. Und das machst du wahrscheinlich nur, weil du eine Liquidationspräferenz, vielleicht sogar mit einem ‚Über-Eins-Faktor‘, hast“, zeichnet Mofidian eine mögliche Zukunft für die heimische Szene. „Ich kann mir vorstellen, dass die Logik, die Liquidationspräferenzen und anderen damit funktionell verbundenen Terms zugrunde liegt, dazu führt, dass der eine oder andere Investor sagt: ‚Ich nutze jetzt meine vertraglichen Möglichkeiten, dränge auf den Exit und hole mir lieber mein Investment 1,5-fach plus ein bisschen extra vom verbleibenden Erlöstopf. Das macht mehr Sinn, als nur darauf zu hoffen, dass es noch eine Runde zu einer viel höheren Bewertung gibt – und selbst wenn sich das so großartig entwickelt, was nicht sicher ist, steht der nächste Investor vermutlich nach dem Last-in-first-out-Prinzip mit seiner Präferenz wieder vor mir.‘“

Der Anwalt ergänzt: „‚Drängen‘ heißt in diesem Kontext: Wenn dieser Investor – etwa in Kombination mit anderen Investoren – starke Drag-Along-Rechte hat, kann er den Verkauf auch gegen den Willen der Founder rechtlich erzwingen.“ Dies gelte selbst dann, wenn die Founder die Bewertung als zu niedrig empfänden und aufgrund der Liquidation Preference leer ausgingen.

Trotz dieser Konsequenzen betont Mofidian nachdrücklich, dass man das Thema auch aus der Investorenperspektive betrachten muss: Die Liquidationspräferenz sei per se nichts Böses und in der Praxis völlig in Ordnung, wenn man sie korrekt verwendet. „Man muss diese Klauseln verstehen, durchrechnen und verschiedene Szenarien durchspielen, damit böse Überraschungen ausbleiben“, sagt der Jurist.

Secondaries als mögliches Instrument

Für Gründer gilt laut dem Experten eine wichtige Regel: Man sollte sich niemals nur auf eine möglichst hohe Firmenbewertung fixieren, wenn die Vorzugsrechte der Investoren im Gegenzug gefährlich stark ausgeprägt sind. Mofidian rät, das Term-Sheet stets als bewegliches Gesamtsystem zu betrachten.

Anstatt Deals aus reiner Angst vor einem Null-Ausstieg kategorisch platzen zu lassen, empfiehlt der Anwalt, allenfalls ungünstigere Liquidationspräferenzen durch andere Mechanismen auszugleichen. Dazu zählen klug verhandelte Drag-Along- und Tag-Along-Rechte. Wenn der Druck allerdings über die Jahre extrem hoch wird, seien Secondaries ein mögliches Tool: Durch den vorzeitigen Verkauf eines kleinen Teils der eigenen Anteile an spätere Investoren könnten Gründer bereits auf dem Weg zum Exit etwas Geld auf dem Privatkonto sichern.

„Das ist jedoch nicht gern gesehen und auch in Österreich oder im DACH-Raum relativ unüblich, aber es passiert“, sagt Mofidian. „Nach ein paar Jahren Arbeit kann man in so einem Fall sagen: ‚Ich habe eine ordentliche Netto-Summe auf meinem Konto. Das erlaubt mir zumindest, mit freiem Kopf weiter an meiner Vision zu bauen.‘“

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