03.09.2025
GASTBEITRAG

ASFINAG-Innovationsleiter: „Amerika innoviert, Europa reguliert, China kopiert“ ist überholt

ASFINAG-Innovationsleiter Thomas Greiner verbrachte zwei Wochen in China und hat sich dort mit den Themen Verkehrssteuerung, Mobilität und Innovation auseinandergesetzt. Er schildert seine Impressionen und richtet eine klare Warnung an Europa.
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China, Europa, Innovation
© zVg - ASFINAG-Innovationsleiter Thomas Greiner in China.

Im Jahr 2017/18 habe ich ein Jahr in Asien gelebt, um mich intensiv mit den Themen Verkehrssteuerung, Mobilität und Innovation auseinanderzusetzen. Diese Zeit hat mein Verständnis von Innovationsdynamik, technologischer Umsetzung und regulatorischem Umfeld nachhaltig geprägt. Nach mehr als fünf Jahren kehrte ich nun für eine zweiwöchige Studienreise zurück – mit dem Ziel, Entwicklungen nachzuvollziehen, Veränderungen einzuordnen und neue Impulse zu gewinnen. Meine Reise führte mich in zwei der bedeutendsten Innovationsstandorte in China: nach Shanghai, wo ich an der Tongji University studierte, sowie nach Shenzhen, dem Epizentrum der chinesischen Hightech-Industrie.

Der Wandel der letzten Jahre

In diesen gut fünf Jahren hat sich in China viel verändert – und das mit einer Geschwindigkeit, die in Europa kaum vorstellbar ist. Was mir dabei besonders auffiel: Die Rollenverteilung, die wir aus westlicher Perspektive gerne heranziehen, verschiebt sich dramatisch. Der oft zitierte Satz „Amerika innoviert, Europa reguliert, China kopiert“ mag früher zutreffend gewesen sein – heute ist er überholt und irreführend. In China wird längst nicht mehr nur kopiert – es wird entwickelt, skaliert und exportiert. Das Bild des rein nachahmenden China, das österreichische Architekturmotive bewundert oder nachbaut, greift zu kurz. Ich habe auf dieser Reise begriffen, dass wir in Europa beginnen zu kopieren, während China zunehmend selbst innoviert – und zwar nicht nur technisch, sondern auch systemisch, organisatorisch und gesellschaftlich.

Studienaufenthalt in Shanghai: Bildung im Kontext der Anwendung

Die Tongji University in Shanghai ist ein Ort, an dem Theorie und Anwendung auf bemerkenswerte Weise verschmelzen. In Vorlesungen, Gesprächen mit Studierenden und Laborbesuchen wurde deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit technologische Entwicklungen in konkrete urbane und verkehrstechnische Lösungen überführt werden. Auffällig war dabei auch die strategische Einbettung von Innovationsförderung: Studierende arbeiten direkt mit Industriepartnern an Prototypen, nutzen Echtzeitdaten aus dem Stadtverkehr und entwickeln AI-basierte Verkehrssteuerungssysteme. Die Universität fungiert dabei als Katalysator, nicht als Elfenbeinturm.

Eindrücke aus Shenzhen: Innovationsgeschwindigkeit am Limit

Der zweite Teil meiner Studienreise führte mich nach Shenzhen – eine Stadt, die in den letzten Jahrzehnten von einem Fischerdorf zu einer 17-Millionen-Metropole mit weltweiter Ausstrahlung wurde. Shenzhen gilt heute als das Silicon Valley Chinas – und das zurecht. Hier wird Innovationsgeschwindigkeit nicht nur akzeptiert, sondern erwartet. Unternehmen wie NIO, BYD, Huawei oder DJI experimentieren nicht nur mit Zukunftstechnologien – sie bringen sie auf die Straße. In kürzester Zeit. In großem Maßstab. Und mit beachtlicher gesellschaftlicher Akzeptanz. Besonders beeindruckt hat mich der Besuch bei NIO, einem Hersteller von Elektrofahrzeugen, der eine komplett neue Art der Energieversorgung entwickelt hat: Batterietauschstationen, die ein vollständiges Laden innerhalb weniger Minuten ersetzen. Dieses Konzept, das in Europa bestenfalls diskutiert wird, ist in China bereits flächendeckend im Einsatz – schnell, effizient, wirtschaftlich.

Europa stellt (noch) die falschen Fragen

Was mir während der Reise besonders auffiel: In Europa stellen wir beim Thema Elektromobilität oft die falschen Fragen. „Wie lange dauert das Laden?“ „Habe ich genug Strom?“ „Woher kommt die Energie?“ – diese Fragen sind legitim, aber sie greifen zu kurz. Während wir hierzulande über Ladezeiten, Stromverfügbarkeit und Anschlussleistung diskutieren, sind viele dieser Herausforderungen in China bereits gelöst. In China stellen sich Unternehmen und Haushalte ganz andere Fragen als in Europa.

Ein Beispiel ist die Firma NIO, die die sogenannte Battery-Swap-Technologie eingeführt hat: Autos werden innerhalb weniger Minuten mit vollem Akku versorgt, ohne dass herkömmliche Ladeinfrastruktur benötigt wird. Die Batterien werden zentral gelagert, dynamisch geladen und autonom gewechselt. Solche Systeme verändern den Markt komplett, reduzieren Ladezeiten, Platzverbrauch und Anschlussprobleme.

Auch Feststoffakkus, die ich bei BYD beobachten konnte, werden in China entwickelt. Sie bieten höhere Kapazität und reduzierte Explosionsgefahr. Schon bald könnten Autos mit bis zu 1.500 Kilometer Reichweite auf den Markt kommen. Diese Entwicklungen zeigen, dass Lithiumbatterien nicht länger der alleinige Standard sein werden. Und dass wir bitte nicht zwischen LKW- und PKW- Schnelladern unterscheiden sollen, die PKW von morgen brauchen Leistungen beim Laden der eLKW von heute.

Robotik als nächste Innovationsstufe

Ein weiterer Fokus meiner Studienreise lag auf humanoiden Robotern. Anders als in Europa, wo Roboter bisher nur punktuell eingesetzt werden, ist die Technologie in China schon marktfähig. Roboter können im Haushalt, in Unternehmen oder öffentlichen Bereichen vielfältige Aufgaben übernehmen: Rasenmähen, Saugen, Bügeln, leichte Koch- oder Aufräumarbeiten. Preise von etwa 10.000 € sind im Gespräch. Dieses Thema wird die Zukunft Europas stark beeinflussen, insbesondere im Kontext von Fachkräftemangel, Arbeitssicherheit und der Automatisierung ungesunder Tätigkeiten. Es ist entscheidend, dass Europa nicht nur Beobachter bleibt, sondern frühzeitig eigene Anwendungsfälle entwickelt und Forschung vorantreibt. Wo starten Infrastrukturunternehmen ihre Robotik Strategie?! Schließen wir uns doch hierzusammen!

Drohnen und autonome Logistik

Auch im Bereich Drohnen konnte ich in Shenzhen spannende Entwicklungen beobachten. Drohnen liefern autonom und effizient Waren auf automatisierte Hubs aus, die erst bei Bestellung aktiviert werden. Für uns ist das ein klarer Hinweis, dass Technologie nicht länger theoretisch ist, sondern praktisch einsetzbar. Die Herausforderung für Europa liegt vor allem in der Regulierung, nicht in der Machbarkeit. Wer dreht sich in Europa nach einem Auto auf der Straße um und macht Fotos davon? Die wenigsten, genauso verhält es sich dort mit fliegenden/landenden Drohnen. Schön zu sehen wir schnell Innovation in der Fläche selbstverständlich wird.

Strategische Perspektive: Hardware vs. Software

Meine Erfahrungen in China und Kalifornien zeigen:

  • Silicon Valley bleibt führend in Softwarelösungen.
  • China ist der Weltmeister der Hardware-Innovation (Elektromobilität, Robotik, Drohnen).

Für Europa bedeutet dies: Wir müssen strategisch überlegen, wo wir Kooperationen eingehen, wo wir selbst in Vorleistung gehen und wie wir die besten Köpfe und Innovatoren zusammenbringen. Wer dies ignoriert, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren.

Aufruf: Innovation aktiv gestalten

Aus meiner Studienreise leite ich einen klaren Aufruf ab: Europa muss aufhören, Innovationen nur zu kopieren, und stattdessen den Mut entwickeln, eigene Lösungen konsequent umzusetzen. Wir sollten Innovationen nicht theoretisch diskutieren, sondern aktiv auf die Straße bringen – sei es in Elektromobilität, Robotik oder Drohnenlogistik.

Geschwindigkeit, Umsetzungskraft und eine offene Haltung gegenüber neuen Technologien sind entscheidend, um zukunftsfähige Mobilitäts- und Technologielösungen zu gestalten. Ich empfehle jedem Innovator und jeder Innovatorin: Fahren Sie nach China, sehen Sie sich an, was möglich ist, und überlegen Sie, welche Impulse wir nach Europa bringen können. Wir sollten uns nicht auf theoretische Diskussionen beschränken, sondern Innovation aktiv auf die Straße bringen, so wie es in China bereits erfolgreich geschieht. Es gilt, Geschwindigkeit, Umsetzungskraft und eine offene Haltung gegenüber neuen Technologien zu übernehmen, um auch hierzulande zukunftsfähige Mobilitätslösungen zu gestalten.

Erkenntnisse und Ausblick

Diese Studienreise hat mir eindrucksvoll vor Augen geführt, wie dynamisch und konsequent China Innovationspolitik betreibt. Es geht nicht nur um Technologien – es geht um eine Haltung zur Zukunft. Während wir in Europa oft noch mit Grundsatzdiskussionen ringen, wird in China längst implementiert. Ich habe verstanden, dass es unerlässlich ist, den Blick über Europa hinaus zu richten, wenn wir ernsthaft an Zukunftslösungen arbeiten wollen. Shenzhen dient nicht mehr als Anschauungsmaterial – es ist ein Zukunftslabor, von dem wir lernen sollten, ohne unsere Werte aufzugeben.

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v.l.n.r: Daniela Gassner (RLB), Steve Jeitler (Business Angel), Verena Kraßnig (RLB), Georg Lackner (SUPASO), Olivia Pinter (RLB), Fabian Gems (SUPASO), Jörg Schönbacher (FMMS) | (c) Supaso

Im Juli 2025 hatte Supaso am Rande des Business Angel Summit in Kitzbühel angekündigt, eine Finanzierungsrunde vorzubereiten (brutkasten berichtete). Diese Runde ist nun abgeschlossen: Angeführt wird sie von der Gerald Jeitler GmbH, beteiligt sind außerdem die Raiffeisen-Landesbank (RLB) Steiermark und die FMMS Beteiligungs GmbH.

Die Supaso FlexCo aus Hartberg produziert Isolierverpackungen aus recyceltem Altpapier, die Styropor (EPS) in der temperaturgeführten Logistik ersetzen sollen. Mit dem Kapital will das Unternehmen seine Produktionskapazitäten ausbauen und international wachsen. Zur Höhe des Investments macht Supaso allerdings keine Angaben.

Transportkosten begrenzen den Lieferradius

„Das größte Problem bei Verpackung ist natürlich die Distanz“, sagt Mitgründer Fabian Gems im Gespräch mit brutkasten. Gut liefern lasse sich in einem Radius von 300 bis 400 Kilometern. „Alles, was darüber hinausgeht, geht meistens auf die eigene Marge, weil die Transportkosten einfach steigen.“

Gems nennt dazu Zahlen: Der Warenwert einer LKW-Ladung liege zwischen 6.000 und 8.000 Euro, die Transportkosten nach Madrid bei 3.500 Euro. Eine Zustellung in die Schweiz inklusive Verzollung kostete im Vorjahr 1.900 Euro, mittlerweile 2.700 Euro. Weitergeben lasse sich das nur bedingt, ohne näher gelegenen Wettbewerbern eine Chance zu geben.

Fünf Partner, erste Pilotanlage ab Q1

Supaso setzt deshalb auf ein Machine-as-a-Service-Modell, das unter dem Namen Modular Up Cycling Hub (MUCH) vorbereitet wird: Statt fertige Dämm-Inlays quer durch Europa zu transportieren, sollen Partnerbetriebe mit eigenem Papier- und Kartonabfall vor Ort produzieren. Das Kapital fließt laut Gems in die Serienreife der Produktionslinien und in erste Testpiloten im In- und Ausland.

Fünf Partner hat Supaso nach eigenen Angaben identifiziert, darunter ein Styroporhersteller, der selbst unter Druck steht. Der Start ist für das erste Quartal des kommenden Jahres geplant, zunächst mit einer Anlage. Zwei weitere sollen nach Möglichkeit folgen. Die Validierungsphase soll bis etwa 2028 laufen, danach ist die nächste Finanzierungsrunde vorgesehen. Als besonders dynamische Märkte nennt Gems Kroatien und Slowenien.

Wie abgerechnet wird, ist offen. Getestet werden Varianten von der Leasinganlage mit Lizenzgebühr bis zu Pay-per-Use. Eine eigene Großfabrik schließt Gems aus: „Davon bin ich absolut nicht überzeugt. Wir wollen uns direkt in die Wertschöpfungskette bei Verpackungs- und Kartonageherstellern und Papierfabriken einbauen.“

Bewusst österreichische Investoren

Seit dem Business Angel Summit in Kitzbühel im Vorjahr habe man mit vielen Kandidaten gesprochen und dabei eine Erkenntnis gewonnen, so Gems: „So ein ganz klarer VC-Fall sind wir nicht.“ Man sei erstens Hardware und zweitens relativ erklärungsbedürftig. Die Präferenz sei deshalb auf österreichisches Kapital mit langem Atem gefallen, einen Exit in zwei Jahren strebe man nicht an: „Wir wollen das jetzt wirklich groß machen.“

Die FMMS Beteiligungs GmbH mit Sitz in Frohnleiten wurde Ende 2024 im Firmenbuch eingetragen und gehört zur FMMS Holding GmbH, der Beteiligungsholding von Franz Mayr-Melnhof-Saurau. Zum Portfolio zählen die Mayr-Melnhof Holz Holding, der größte Privatforstbetrieb Österreichs und ewe Küchen, insgesamt rund 2.000 Mitarbeitende in vier Ländern. Als Schwerpunkte nennt die Holding unter anderem Ressourcenwirtschaft und Greentech.

Die RLB Steiermark bringt neben Kapital vor allem Know-how bei der Ausgestaltung der Abrechnungsmodelle ein, sagt Gems – ein Punkt, der bei einem noch offenen Machine-as-a-Service-Geschäftsmodell zwischen Leasing und Pay-per-Use nicht unerheblich ist. Die Landesbank, die als größte Regionalbank im Süden Österreichs auftritt, hat ihr Beteiligungsgeschäft zuletzt gezielt ausgebaut: Für Startups, Scaleups und KMU steht ein Beteiligungsvolumen von 100 Millionen Euro bereit, wovon bereits 40 Millionen Euro investiert sind. Nachhaltige und regionale Zukunftsbranchen zählen dabei explizit zu den Investitionsschwerpunkten der Bank

Supaso wurde 2021 gegründet. Im August 2023 zählte das Unternehmen 190 Kund:innen in neun Ländern (brutkasten berichtete), im Juli 2025 über 300 in zehn Ländern, aktuell sind es nach eigenen Angaben „Hunderte“ in zwölf europäischen Ländern. Die Nachfrage nach kreislauffähigen Verpackungen wird unter anderem durch die europäische Verpackungsverordnung (PPWR) getrieben.

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