29.03.2024
SPIELVERLÄNGERUNG

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

„Es reicht nicht, wenn man nur nach Ruhm und Reichtum strebt“: Drei Ex-Athlet:innen, die nach ihrer Sportkarriere gegründet haben, erzählen, warum sich Spitzensportler:innen und Gründer:innen ähnlich sind und warum das Gründen die optimale Spielverlängerung ist.
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Johannes Mansbart (c) Chatarmin | Viktoria Schnaderbeck (c) Viktoria Schnaderbeck, Pro-Spective | Raphael Reifeltshammer (c) ElephantSkin

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem aktuellen brutkasten-Printmagazin (Download-Möglichkeit am Ende des Artikels).


Jubel und Fangeschrei, klatschende Hände und schwingende Fahnen – zwei Frauenteams laufen in Aschheim bei München auf das Spielfeld. An diesem Ostermontag im Jahr 2008 spielt der FC Bayern gegen Frankfurt um den Einzug in das DFB-Pokal-Finale. In der Spielfeldmitte platziert sich die 17-jährige Viktoria Schnaderbeck. In ihrem ersten Spiel für die Kampfmannschaft des FC Bayern will sie zeigen, warum sie hier ist. Ihr Blick schweift über die Stadionbänke, Familie und Freunde jubeln ihr zu.

Der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Die Spielzeit schreitet fort; zehn Minuten schon kämpft Schnaderbeck auf dem Rasen und um den Ball – bis sie zusammenbricht. Es schnalzt im Knie, ihr wird schwarz vor Augen. Das Knie pocht, Mediziner rennen auf das Feld. Im Stadion wird es still, Viktoria wird ausgewechselt und von Rettungs sanitätern abtransportiert. Im Krankenhaus erfährt sie: Kreuzbandriss, Meniskusriss, Innenbandriss – und die noch schlimmere Diagnose: „Das war’s mit dem Fußball.“ Schnaderbeck sollte also nie mehr zurückkommen.

Doch Schnaderbeck kam zurück, noch ganze acht Mal. Szenarien wie diese sind für Profifußballer:innen wie Schnaderbeck nicht ungewöhnlich:

Hinter gewonnenen Spielen stecken Schweiß, Blut und Tränen genauso wie Kreuzbandrisse, zerfetzte Menisken und gezerrte Innenbänder. Hinter vielen Gründerpersönlich keiten verstecken sich Karrieren im Leistungssport. Nicht wenige dieser Gründer:innen haben ihre Profisport Karriere an den Nagel gehängt – viele verletzungsbedingt, bei anderen fehlte der Support oder die Perspektive auf eine sichere Zukunft.

Viktoria Schnaderbeck, Johannes Mansbart und Raphael Reifeltshammer erzählen Geschichten, die zeigen, wie ähnlich sich Leistungssportler:innen und Gründer:innen sind. Sie erzählen über zersprungene Knie, über Trainingsrunden vor Sonnenaufgang und über das Cutoff von Bezugspersonen. Es sind Geschichten, die verraten, was Gründer:innen vom Spitzensport lernen sollten und warum das Gründer:innendasein die optimale Spielverlängerung ist.

Viktoria Schnaderbeck (c) Pro-Spective

Geh über Grenzen

„Meine Fußballkarriere hat mich vieles gelehrt – aber vor allem, wie weit ich über meine Schmerzgrenze gehen kann“, erzählt Viktoria Schnaderbeck. Die 33Jährige ist eine der bekanntesten Fußballerinnen Österreichs. Das erste Tor schoss sie 1998 „aus reiner Leidenschaft und sozialem Interesse“. Daraus wurde eine 24-jährige Karriere mit mehreren internationalen Stationen.

Als Schnaderbeck die Grenze des österreichischen Frauenfußballs erreichte, wechselte sie zur Frauenmannschaft des FC Bayern. Später war sie in England beim FC Arsenal vertreten, bestritt 83 Länderspiele und war knapp zehn Jahre lang Kapitänin des österreichischen Nationalteams. In England nahm sie an ihrer zweiten Europameisterschaft teil – und schloss damit 2022 ihre Karriere ab.

Der finale Torschuss ergab sich nicht aus Zufall: Die gebürtige Steirerin lag acht Mal in Operationssälen. Operiert wurde an ihrem rechten Knie. „Ich habe mit Sicherheit sehr viel erreicht, von dem andere nur träumen können. Aber meine Verletzungen haben mich körperlich und mental kaputtgemacht. Ich durchlebte jahrelange Kämpfe zwischen Verletzung, Genesung, Erholung und Comeback.“

Anders als viele ihrer Branchenkolleg:innen hat sich Schnaderbeck schon während ihrer Karriere auf das Leben danach vorbereitet: „Gerade wegen meiner Verletzungen wusste ich: Es kann von heute auf morgen vorbei sein.“ Für ein sicheres Leben nach dem Fußball hat sie Sportmanagement im Bachelor und Wirtschaftspsychologie im Master studiert.

In einem Studium werde ich Resilienz, Ehrgeiz oder Durchhaltevermögen nie in dem Ausmaß erlernen, in dem mich der Spitzensport diese Dinge gelehrt hat.

Viktoria Schnaderbeck, Gründerin von Pro-Spective

„Das Studium ist ‚nice to have‘, aber für mich als Unternehmerin nicht ausschlaggebend. In einem Studium werde ich Skills wie Resilienz, Ehrgeiz oder Durchhaltevermögen nie in dem Ausmaß erlernen, in dem der Spitzensport mich diese Dinge gelehrt hat.“ Schnaderbeck startete ihre Selbstständigkeit als Speakerin während ihrer Karriere und einer Verletzungspause. Ihre Sportmarketingagentur Pro-Spective gründete sie nach ihrem Karriereende 2022.

Bis heute ist Pro-Spective gebootstrappt und organisch wachsend. Mit der Agentur hilft die Ex-Fußballerin aktiven Athlet:innen, sich auf ihr Berufsleben nach dem Spitzensport vorzubereiten. Zu ihren Tätigkeiten zählen Strategieberatung, Markenaufbau sowie das Erarbeiten von beruflichen Perspektiven nach Karriereende: „Oft leben Profisportler:innen im Irrglauben, dass sie unsterblich sind und für immer die Nummer eins bleiben. Bei einem plötzlichen Karriereende fallen sie schnell in ein Loch.“

Scheitere

Bis jetzt läuft es gut – wie es langfristig aussieht, sieht die Ex-Athletin gelassen: „Wenn wir ehrlich sind, ist das Schlimmste, das passieren kann, zu scheitern. Als Sportler:in hat man einen anderen Zugang dazu. Ich war so oft verletzt, habe aber auch oft Erfolge gefeiert. Wenn du beide Extreme erlebt hast, kannst du dich überall da zwischen bewegen.“

Um mit Rückschlägen umzugehen, brauche es neben Mut und Grundvertrauen vor allem ein klares Ziel, eine starke Vision und definierte Meilensteine: „Eine Vision kann noch so gut sein und wird dennoch unerfüllt bleiben, wenn du keine Strategie zur Umsetzung hast.“ Als Fußballerin setzte Schnaderbeck dies jeden Tag um: Ihre Vision war der Meistertitel, ihre Meilensteine die täglichen Trainings.

„Denke groß, träume groß und leiste Großes dafür. Das heißt auch, dass du dich aus deiner Komfortzone bewegen musst und dich in schlechten Phasen für das Weitermachen entscheidest; auch dann, wenn alles riskant und unsicher wirkt.“

Um in physisch und psychisch zehrenden Phasen durchzuhalten, rät Schnaderbeck Sportler:innen sowie Gründenden: „Bleib dir selbst treu und definiere dein ganz persönliches Warum. Es reicht nicht, wenn man nur nach Ruhm und Reichtum strebt – du musst wissen, warum du das machst, musst kritisch reflektieren und dich fragen: Komme ich mit meinem aktuellen Handeln an mein Ziel? Das gilt für den Sport und für das Gründen.“

Eliminiere Negatives

Wo Ruhm und Reichtum sind, ist auch Neid. Das weiß Schnaderbeck aus Erfahrung: „Wir leben in einer unglaublichen Neidgesellschaft. Das kann dich erheblich an deinem Erfolg hindern. Baue dir deshalb ein Netz an Menschen auf, die dich motivieren. Wenn du an der Spitze oder auf dem Weg dorthin bist, musst du dich von Leuten verabschieden, die dich runterziehen.“

Ich habe nur danach selektiert: Wer tut mir gut, wer nicht.

Viktoria Schnaderbeck, Gründerin von Pro-Spective

Das Cutoff von Personen mit negativer Energie habe der nun 33-Jährigen noch die „letzten Prozentpunkte zur Spitze“ gegeben: „Ich habe nur da nach selektiert: Wer tut mir gut und wer nicht? Wenn du Meister wirst, hast du Tausende Freunde. Wenn du verletzt am Boden bist, dann trennt sich das Gute vom Bösen.“

Schnaderbecks Grundeinstellung verrät Essenzielles über das Mindset von Sportler:innen: Disziplin, Risikobereitschaft und das richtige Support System führen zum Erfolg. Schnaderbecks Geschichte zeigt, wie schnell einfache Meilensteine einen Erfolgsweg pflastern können – und das trotz achtfacher Knieoperation.

Ähnliche Werte wie Schnaderbeck vertritt Johannes Mansbart, CEO und Gründer von Chatarmin, einer SaaS-Plattform für WhatsApp-Marketing. Der Niederösterreicher war mehrere Jahre als Profifußballer unter anderem beim Wiener Sport-Club und bei Vienna aktiv.

Johannes Mansbart, Gründer von Chatarmin (c) Chatarmin

Kompensiere, was du nie erreicht hast

“2020 habe ich Knieprobleme bekommen und mein Trainer hat nicht mehr auf mich gesetzt. Mein Leistungsniveau hat nachgelassen, genauso wie meine Motivation”, berichtet der Ex-Fußballer. “Schweren Herzens habe ich meine Fußballkarriere an den Nagel gehängt. Nun kann ich im Unternehmer-Sein das kompensieren, was ich im Fußball nie erreichen konnte.”

“Du wirst immer wieder verletzt sein, aber du musst auch immer wieder weitermachen”, erzählt der Gründer aus seiner Fußballzeit. “Das Gleiche gilt für das Gründen: Es wartet kein Markt auf dich, kein Investor will dich und kein Mensch braucht dein Produkt. Du musst das Ganze selbst in die Hand nehmen und auch dann weitermachen, wenn keiner an dich glaubt.”

Mit Chatarmin hat Mansbart bereits sein drittes Startup aufgebaut – nach zwei Startups im Lieferservice- und Online-Poker-Bereich. Der Ex-Fußballer studierte an der Wirtschaftsuni Wien, sieht seinen unternehmerischen Erfolg aber viel eher in einem Mix aus Disziplin, Fokus und Konsistenz: “Ich habe weder einen guten unternehmerischen Instinkt noch ein gutes Marktverständnis. Ich bin einfach gut darin, in einen Tunnel zu gehen, in eine Richtung zu arbeiten und mich nicht entmutigen zu lassen.”

Ich habe weder einen guten unternehmerischen Instinkt noch ein gutes Marktverständnis. Ich bin einfach gut darin, in einen Tunnel zu gehen.

Johannes Mansbart, Chatarmin

Lasse Stress ab

Parallelen zum Leistungssport sieht Mansbart vor allem im Verhältnis zwischen Spannung und Entspannung: “Leistungssportler und Unternehmer sind extrem belastbar, sie brauchen wenig Entspannung und können viel Spannung aushalten. Dennoch braucht es bei Zeiten ein Ventil, um Stress abzulassen. Das kann man auf der Makro-Ebene mit seinem jährlichen Urlaub planen, oder auf der Mikro-Ebene mit täglicher Erholung im Alltag.”

Für Mansbart ist das der tägliche Sport und vegane Ernährung: “Das funktioniert für mich extrem gut. Mit meiner Sportroutine habe ich ein System entwickelt, das mich gesund, fit und belastbar hält.”

Damit kann Mansbart Höhenflüge starten und Abstürze überwinden: “Nur die Konsistentesten und Diszipliniertesten werden Märkte erobern. Denn Startups sind nicht nur Success-Stories. Startups sind harte Arbeit, schlaflose Nächte, Schweiß und Tränen. Für diese Mission musst du risikoaffin sein. Wenn du gründest, merkst du sehr schnell, ob du diesen Pain erträgst oder nicht.”

Wenn du gründest, merkst sehr schnell, ob du diesen Pain erträgst oder nicht.

Johannes Mansbart, Gründer von Chatarmin

Suche dir Leidensgenossen

Wie auch Schnaderbeck macht Mansbart in seiner Routine nur Platz für ausgewählte Personen: “Geteiltes Leid ist ein Zehntel des Leids. Überleg dir genau, ob du alleine gründen oder dir Wegbegleiter suchen willst. Ohne das richtige Team geht’s nicht. Das musste ich auf die harte Weise im Leistungssport lernen.”

Zwar habe die Reise zum aktuell fünfstelligen Monatsumsatz fast zwei Jahre gedauert, das zeige aber, dass “Erfolg nicht von heute auf morgen passiert”: “Meine Fußballkarriere war für mich disproportional anstrengend und nicht rewarding. Jetzt arbeite ich seit neun Jahren als Gründer, unabhängig vom System und eigenverantwortlich. Und ich kann mir nicht vorstellen, je etwas anderes zu machen.”

Anders als Mansbart führte Raphael Reifeltshammer, Gründer und CEO des Salzburger Startups ElephantSkin, nicht ganz das Scheitern zur Gründung. Mit seinem Startup versorgt der ehemalige Fußballer weltweit Airlines, Hotel und Gastronomie, Catering-Services, Lebensmittelhändler und Reinigungsunternehmen mit Mehrweg-Hygienehandschuhen.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin (c) ElephantSkin

Im Alter von vierzehn Jahren wechselte Reifeltshammer an die Nachwuchsakademie Austria Wien von Frank Stronach, um Fußballprofi zu werden. Intuition, Naivität und Vehemenz bringt der Gründer aus seiner Zeit als Leistungssportler mit.

Treffe Entscheidungen

“Ich habe im Sport gelernt, Entscheidungen zu treffen und durchzuziehen. Ich bin jeden Tag um 5 Uhr aufgestanden, habe trainiert, gelernt, trainiert und regeneriert. Das verschiebt meine Willens- und Schmerzgrenze enorm nach oben”, erzählt der Salzburger. Ein Studium brauche es dafür nicht, viel eher gehe es um die Eigenschaft, “andere in meinen Bann zu ziehen und von meiner Vision zu überzeugen.”

Im selben Atemzug verweist der 37-Jährige auf sein Urvertrauen, das ihn in seinen Tätigkeiten bestärke. “Ich sag immer: Nichts passiert grundlos. Ich habe sehr hohes Vertrauen in das, was ich tue. Und das sollte jede:r haben. Das einzige, was ich technisch kann, ist, mich in einen Videocall einzuwählen und E-Mails ohne Zehnfingersystem zu schreiben. Ich habe in meinem Leben noch keinen Business Plan auf’s Papier gebracht. Aber ich habe ein tolles Team, das das für mich übernimmt.”

Sei hygienisch

Der 37-Jährige setzt vor allem auf eine Erkenntnis aus dem Leistungssport: Hygiene. “Pflege deinen Arbeitsplatz, deine Wohnung, dein Schlafzimmer, deinen Körper und alles, was du täglich konsumierst. Hygiene ist eine Grundeinstellung, die dir hilft, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich könnte zum Beispiel kein erfolgreiches Meeting haben, wenn ich weiß, dass es bei mir ausschaut wie wild.”

Zeig mir, wie du deinen Spind einräumst, und ich weiß, was für ein Typ Mensch du bist.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Diese Eigenheit wendet Reifeltshammer auch als Recruiting-Technik an: ”Bevor ich einen Mitarbeiter einstelle, gehe ich mit ihm ins Fitnessstudio und schaue, wie er seinen Spind einräumt. Dann sehe ich: Hat er ein System und passt er in mein Unternehmen? Ich sage immer: Zeig mir, wie du deinen Spind einräumst, und ich weiß, was für ein Typ Mensch du bist.”

Wenn man mich besiegen will, muss man mich töten.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Gestalte dein Netzwerk

Spitzensport lehrt also nicht nur Disziplin und Resilienz, sondern auch Hygiene und Körperbewusstsein. “Sport ist überlebensnotwendig. Bevor ich zwei Stunden länger Mails rausballere, gehe ich ins Fitnessstudio und habe einen größeren Mehrwert für mein Business.” Sein intensiver Sport bringt ihm indes Selbstvertrauen: “Wenn man mich besiegen will, muss man mich töten.”

“Bevor ich zwei Stunden länger Mails rausballere, gehe ich ins Fitnessstudio und habe einen größeren Mehrwert für mein Business.”

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Gründer:innen to be rät der CEO allerdings erst dann zum Schritt in die Selbstständigkeit, wenn “du auch ein Jahr lang deinen aktuellen Lebensstil halten kannst, ohne dass du einen Cent verdienen musst. Das nimmt dir Druck und bietet dir Flexibilität.” Außerdem brauche es dazu die richtige Networking-Persönlichkeit: “Wenn du kein Networker bist, bist du kein geborener Unternehmer. Ohne Netzwerk hast du keine Chance.“

Disziplin, Resilienz und Grenzen überschreiten. Für Gründer:innen unserer Zeit sind das keine neuen Weisheiten, viel eher gut bekannte Floskeln. Trotzdem funktioniert die Erfolgsformel bereits über Jahrzehnte – sowohl im Sport als auch im Unternehmertum.

Wie sonst wäre Viktoria Schnaderbeck nach jeder ihrer acht Knieoperationen zurück aufs Spielfeld gelaufen? Mit Sicherheit nicht dann, wenn Scheitern ein Zeichen für Misserfolg gewesen wäre: “Ohne, dass ich mir selbst auf die Schulter klopfen will, aber: Acht Mal am Knie operiert zu werden und nach jeder Operation zurückzukommen, erfordert viel Kraft. Aber es geht, wenn man es wirklich will.”

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Die Gründer Wieland Moser, Gerald Stangl und Florian Hackl-Kohlweiß sowie Co-CEO Katharina Steppan und CEO Hüseyin Özcelik (v. l.). Foto: Nicky Webb

Es ist eine Wette darauf, dass sich die Wärmeversorgung europäischer Städte in den nächsten Jahren grundlegend verändert. Den Beweis, dass der Markt dafür bereit ist, hat Roots Energy nach eigener Darstellung bereits erbracht. „Wir haben bewiesen, dass Menschen dafür bezahlen“, sagt Gründer Gerald Stangl. Das Wiener Unternehmen hat eine vorgefertigte Nahwärme-Plattform aus Hardware und Software entwickelt, die die heute übliche Einzelplanung jedes Heizraums durch ein industriell gefertigtes System ersetzen soll – und damit europäische Städte unabhängig von fossilen Energie-Importen machen will. Die Investitionskosten sinken laut Unternehmen gegenüber konventionell geplanten Anlagen um bis zu 50 Prozent.

Die erste Anlage – das mehrfach ausgezeichnete Wiener Pilotprojekt SmartBlock Geblergasse, technisch geplant von Roots-Mitgründer Wieland Moser, unter anderem Träger des Österreichischen Staatspreises 2021 – läuft seit 2017. Mehr als 20 weitere Standorte in der DACH-Region befinden sich im aktiven Rollout. Seit dem zweiten Quartal 2026 fertigt Roots Energy die zentralen Komponenten gemeinsam mit einem österreichischen Industriepartner in Serie. Womit das Unternehmen die jahrelange Pilotphase hinter sich lässt – und in die Skalierung eintritt.

Vom Co-Living-Projekt zum Wärme-Standard

Die Geschichte beginnt nicht mit Energie, sondern mit Wohnen. Hinter Roots steht mit Gerald Stangl ein Gründer, der bereits eine der bekanntesten österreichischen Health-Tech-Erfolgsgeschichten mitgebaut hat: Das von ihm mitgegründete Unternehmen mySugr, eine App zum Diabetes-Management, wurde 2017 an den Pharmakonzern Roche verkauft. Die Parallele zieht Stangl selbst – mySugr sei erfolgreich gewesen, weil das Team sein eigenes Problem gelöst habe. Bei Roots ist es dasselbe Muster: Die Wärmelösung entstand aus dem konkreten Bedarf eines eigenen Bauprojekts. 2021 gründete er gemeinsam mit Dr. Hüseyin Özcelik und Florian Hackl-Kohlweiß die Roots Urban Villages GmbH, ein Co-Living-Konzept für die Stadt. Bei der Suche nach einer Wärmelösung für ein rund 20.000 Quadratmeter großes Areal stieß das Team auf ein grundsätzliches Problem: „Wir haben gemerkt, es gibt nichts. Entweder man geht auf Fossil oder auf Fernwärme, wo man extreme Preisabhängigkeit hat“, erinnert sich Stangl. 

(c) Nicky Webb

Den Ausschlag gab schließlich der russische Einmarsch in die Ukraine 2022. Die Energiepreise schossen nach oben, die Immobilienpreise nach unten – und damit verschob sich die Logik des gesamten Vorhabens. Erst in diesem Moment, so Stangl, sei dem Team das eigentliche Marktversagen aufgefallen – und damit der Moment gekommen, „all in“ zu gehen: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Das Team ließ das große Immobilienprojekt fallen, holte Energietechnik-Pionier Wieland Moser ins Gründer-Team, kaufte ein Gebäude als Forschungszentrum und entschied sich bewusst gegen frühes Investorenkapital: Ausschlaggebend war für Stangl der Zeitpunkt: Mit Kriegsbeginn sei die Stimmung unter Investoren schlecht gewesen, ein schneller Start mit hohem Tempo damals kaum finanzierbar. „Da haben wir gesagt, wir bootstrappen das.” 2023 wurde aus Roots Urban Villages die Roots Energy GmbH.

(c) Nicky Webb

Das Marktversagen: zwischen Fernwärme und Sackgasse

Warum es für dichte Städte bisher keine industrielle Wärmelösung gibt, lässt sich an drei Optionen festmachen, die alle nicht skalieren. Klassische Fernwärme erreicht nur profitable Kernzonen; bestehende Hochtemperatur-Netze (80 bis 135 Grad Vorlauf) sind faktisch nicht erweiterbar und verlieren über 30 Prozent ihrer Energie auf dem Transportweg. Wer dennoch ausbaut, riskiert hohe tote Investitionen, wenn die Anschlussquoten zu gering bleiben. Luftwärmepumpen und Heizcontainer wiederum scheitern im dichten Bestand an Platz, Schallschutz und Genehmigungen. Und individuell von Ingenieurbüros geplante Erdwärme-Anlagen funktionieren zwar technisch, bleiben aber teure Einzelstücke.

(c) Nicky Webb

Genau hier setzt die zentrale These vom „CapEx at Risk“ an. Das klassische Modell baut ein großes, zentrales Werk und steckt vorab viel Kapital hinein – in der Hoffnung, damit Tausende Haushalte zu versorgen. Bleiben die Anschlüsse aus, ist das Geld verloren. „Bei uns gibt’s dieses CapEx at Risk nicht“, sagt Stangl. „Die Energiequelle entsteht in diesen Netzen Schritt für Schritt.“ Statt eines Großkraftwerks liegen viele kleine Module vor; das System wächst mit der Nachfrage, nicht auf Verdacht.

Als Vorbild dient ausgerechnet Wien selbst. Nach den Ölpreisschocks Ende der 1970er-Jahre stellte die Stadt die dezentrale Ölheizung auf Gas um – und zwar, indem man günstig nur die Gasleitungen bis vor die Wohnungen legte. Ab da konnte jeder Haushalt frei entscheiden, wann er von Öl auf die überlegene Gastherme wechselt. „In weniger als einer Generation war das abgeschlossen“, erzählt Stangl. „Und wir machen genau das Gleiche.“ Roots verlegt schlanke, kostengünstige Soleleitungen – im Kern eine kalte Wasserleitung mit Alkohol-Wasser-Gemisch –, und jede Wohnung tauscht ihre Gastherme nach Bereitschaft gegen eine Soletherme.

(c) Nicky Webb

Komplexität von der Baustelle ins Werk

Technisch baut Roots auf sogenannter kalter Nahwärme – im Fachjargon 5th Generation District Heating and Cooling. Über die Soleleitungen wird Umgebungswärme aus Erdwärme, Grundwasser, Außenluft oder Abwasser vor Ort gewonnen und nahezu verlustfrei an die Gebäude geliefert. Die Plattform besteht aus drei Bausteinen: dem vorgefertigten Hydraulik- und Steuerungsmodul Roots·Hub, dem Betriebssystem Roots·OS, das das thermische Netz steuert, sowie standardisierten Kompressoren, die Wärme oder Kälte beim Endabnehmer erzeugen – inklusive der Option, im Sommer zu kühlen.

(c) Martin Holzner

Der Kerngedanke: Roots verlagert die Komplexität von der Baustelle ins Werk. Aus aufwändigen Sonderprojekten werden standardisierte, einfach einzusetzende Systemlösungen – und damit eine skalierbare Infrastruktur. Wichtig ist Stangl dabei die Abgrenzung – ein Punkt, mit dem das Unternehmen lange gerungen hat: „Wir liefern die Anlagensysteme, damit Firmen ihren Job machen können. Wir sind in keiner Konkurrenz.“ Roots sei weder Wärmepumpenfirma noch Projektierer, sondern Systemtechnik-Lieferant für Energieversorger, institutionelle Eigentümer und Contractors.

Markt mit hohem regulatorischem Druck

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Drei EU-Rechtsakte definieren bis 2040 das Ende fossiler Wärme im Gebäudebestand: Der EPBD-Recast schreibt den Ausstieg aus fossilen Heizkesseln bis 2040 vor, der EED-Recast verpflichtet jede Kommune ab 45.000 Einwohnern zu einem Wärmeplan, und ab 2028 greift mit ETS 2 eine CO₂-Bepreisung auf Gebäudewärme. Rund die Hälfte des EU-Endenergieverbrauchs entfällt auf Heizen und Kühlen – größtenteils noch fossil.

(c) Nicky Webb

Als Zielkunden hat Roots Energy Europas größte institutionelle Wohnungsanbieter im Blick. Allein die 30 größten kontrollieren nach eigener Auswertung ein Wärme-Dekarbonisierungs-Volumen von rund 65 Milliarden Euro – darunter die größten Bestandshalter aus Österreich und Deutschland. Gespräche zu ersten gemeinsamen Piloten sind in Vorbereitung.

Fünf Jahre bootstrapped, jetzt die erste Runde

Seit 2021 hat Roots Energy rund zehn Millionen Euro aus Eigen- ,Fördermitteln und geförderten Darlehen eingesetzt – je etwa fünf Millionen in Forschung und Produktentwicklung sowie in das 900 Quadratmeter große Forschungszentrum „Roots·House“ in Wien-Penzing, das der Klimafonds als „Leuchtturm der Wärmewende“ auszeichnete. Die Forschungsförderungsgesellschaft FFG steuerte 2,4 Millionen Euro bei. Das Patent ist erteilt.

Nun geht das Unternehmen erstmals an externes Kapital: Eine erste Finanzierungsrunde soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Gespräche laufen mit europäischen Fonds aus den Bereichen Klima-, Resilienz- und Industrietechnologie. Das Kapital fließt in technische Kundenbetreuung, den Ausbau des Vertriebs und die Serienproduktion. Operativ geführt wird Roots Energy von Hüseyin Özcelik und Katharina Steppan; Stangl verantwortet als Gründer das Fundraising.

Das erklärte Ziel: Die Wärmeversorgung europäischer Städte soll künftig industriell organisiert sein – so wie Strom oder Telekommunikation heute. Den Hebel dorthin sieht Stangl weniger im Klimaargument als in handfesten Vorteilen für die Bewohner. „Wir müssen das Narrativ ändern“, sagt er. „Klima zieht in der aktuellen politischen Lage bei den Menschen wenig – dafür stehen Resilienz, Unabhängigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund.“


Mehr über Roots Energy könnt ihr auch hier erfahren.

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