29.03.2024
SPIELVERLÄNGERUNG

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

„Es reicht nicht, wenn man nur nach Ruhm und Reichtum strebt“: Drei Ex-Athlet:innen, die nach ihrer Sportkarriere gegründet haben, erzählen, warum sich Spitzensportler:innen und Gründer:innen ähnlich sind und warum das Gründen die optimale Spielverlängerung ist.
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Johannes Mansbart (c) Chatarmin | Viktoria Schnaderbeck (c) Viktoria Schnaderbeck, Pro-Spective | Raphael Reifeltshammer (c) ElephantSkin

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem aktuellen brutkasten-Printmagazin (Download-Möglichkeit am Ende des Artikels).


Jubel und Fangeschrei, klatschende Hände und schwingende Fahnen – zwei Frauenteams laufen in Aschheim bei München auf das Spielfeld. An diesem Ostermontag im Jahr 2008 spielt der FC Bayern gegen Frankfurt um den Einzug in das DFB-Pokal-Finale. In der Spielfeldmitte platziert sich die 17-jährige Viktoria Schnaderbeck. In ihrem ersten Spiel für die Kampfmannschaft des FC Bayern will sie zeigen, warum sie hier ist. Ihr Blick schweift über die Stadionbänke, Familie und Freunde jubeln ihr zu.

Der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Die Spielzeit schreitet fort; zehn Minuten schon kämpft Schnaderbeck auf dem Rasen und um den Ball – bis sie zusammenbricht. Es schnalzt im Knie, ihr wird schwarz vor Augen. Das Knie pocht, Mediziner rennen auf das Feld. Im Stadion wird es still, Viktoria wird ausgewechselt und von Rettungs sanitätern abtransportiert. Im Krankenhaus erfährt sie: Kreuzbandriss, Meniskusriss, Innenbandriss – und die noch schlimmere Diagnose: „Das war’s mit dem Fußball.“ Schnaderbeck sollte also nie mehr zurückkommen.

Doch Schnaderbeck kam zurück, noch ganze acht Mal. Szenarien wie diese sind für Profifußballer:innen wie Schnaderbeck nicht ungewöhnlich:

Hinter gewonnenen Spielen stecken Schweiß, Blut und Tränen genauso wie Kreuzbandrisse, zerfetzte Menisken und gezerrte Innenbänder. Hinter vielen Gründerpersönlich keiten verstecken sich Karrieren im Leistungssport. Nicht wenige dieser Gründer:innen haben ihre Profisport Karriere an den Nagel gehängt – viele verletzungsbedingt, bei anderen fehlte der Support oder die Perspektive auf eine sichere Zukunft.

Viktoria Schnaderbeck, Johannes Mansbart und Raphael Reifeltshammer erzählen Geschichten, die zeigen, wie ähnlich sich Leistungssportler:innen und Gründer:innen sind. Sie erzählen über zersprungene Knie, über Trainingsrunden vor Sonnenaufgang und über das Cutoff von Bezugspersonen. Es sind Geschichten, die verraten, was Gründer:innen vom Spitzensport lernen sollten und warum das Gründer:innendasein die optimale Spielverlängerung ist.

Viktoria Schnaderbeck (c) Pro-Spective

Geh über Grenzen

„Meine Fußballkarriere hat mich vieles gelehrt – aber vor allem, wie weit ich über meine Schmerzgrenze gehen kann“, erzählt Viktoria Schnaderbeck. Die 33Jährige ist eine der bekanntesten Fußballerinnen Österreichs. Das erste Tor schoss sie 1998 „aus reiner Leidenschaft und sozialem Interesse“. Daraus wurde eine 24-jährige Karriere mit mehreren internationalen Stationen.

Als Schnaderbeck die Grenze des österreichischen Frauenfußballs erreichte, wechselte sie zur Frauenmannschaft des FC Bayern. Später war sie in England beim FC Arsenal vertreten, bestritt 83 Länderspiele und war knapp zehn Jahre lang Kapitänin des österreichischen Nationalteams. In England nahm sie an ihrer zweiten Europameisterschaft teil – und schloss damit 2022 ihre Karriere ab.

Der finale Torschuss ergab sich nicht aus Zufall: Die gebürtige Steirerin lag acht Mal in Operationssälen. Operiert wurde an ihrem rechten Knie. „Ich habe mit Sicherheit sehr viel erreicht, von dem andere nur träumen können. Aber meine Verletzungen haben mich körperlich und mental kaputtgemacht. Ich durchlebte jahrelange Kämpfe zwischen Verletzung, Genesung, Erholung und Comeback.“

Anders als viele ihrer Branchenkolleg:innen hat sich Schnaderbeck schon während ihrer Karriere auf das Leben danach vorbereitet: „Gerade wegen meiner Verletzungen wusste ich: Es kann von heute auf morgen vorbei sein.“ Für ein sicheres Leben nach dem Fußball hat sie Sportmanagement im Bachelor und Wirtschaftspsychologie im Master studiert.

In einem Studium werde ich Resilienz, Ehrgeiz oder Durchhaltevermögen nie in dem Ausmaß erlernen, in dem mich der Spitzensport diese Dinge gelehrt hat.

Viktoria Schnaderbeck, Gründerin von Pro-Spective

„Das Studium ist ‚nice to have‘, aber für mich als Unternehmerin nicht ausschlaggebend. In einem Studium werde ich Skills wie Resilienz, Ehrgeiz oder Durchhaltevermögen nie in dem Ausmaß erlernen, in dem der Spitzensport mich diese Dinge gelehrt hat.“ Schnaderbeck startete ihre Selbstständigkeit als Speakerin während ihrer Karriere und einer Verletzungspause. Ihre Sportmarketingagentur Pro-Spective gründete sie nach ihrem Karriereende 2022.

Bis heute ist Pro-Spective gebootstrappt und organisch wachsend. Mit der Agentur hilft die Ex-Fußballerin aktiven Athlet:innen, sich auf ihr Berufsleben nach dem Spitzensport vorzubereiten. Zu ihren Tätigkeiten zählen Strategieberatung, Markenaufbau sowie das Erarbeiten von beruflichen Perspektiven nach Karriereende: „Oft leben Profisportler:innen im Irrglauben, dass sie unsterblich sind und für immer die Nummer eins bleiben. Bei einem plötzlichen Karriereende fallen sie schnell in ein Loch.“

Scheitere

Bis jetzt läuft es gut – wie es langfristig aussieht, sieht die Ex-Athletin gelassen: „Wenn wir ehrlich sind, ist das Schlimmste, das passieren kann, zu scheitern. Als Sportler:in hat man einen anderen Zugang dazu. Ich war so oft verletzt, habe aber auch oft Erfolge gefeiert. Wenn du beide Extreme erlebt hast, kannst du dich überall da zwischen bewegen.“

Um mit Rückschlägen umzugehen, brauche es neben Mut und Grundvertrauen vor allem ein klares Ziel, eine starke Vision und definierte Meilensteine: „Eine Vision kann noch so gut sein und wird dennoch unerfüllt bleiben, wenn du keine Strategie zur Umsetzung hast.“ Als Fußballerin setzte Schnaderbeck dies jeden Tag um: Ihre Vision war der Meistertitel, ihre Meilensteine die täglichen Trainings.

„Denke groß, träume groß und leiste Großes dafür. Das heißt auch, dass du dich aus deiner Komfortzone bewegen musst und dich in schlechten Phasen für das Weitermachen entscheidest; auch dann, wenn alles riskant und unsicher wirkt.“

Um in physisch und psychisch zehrenden Phasen durchzuhalten, rät Schnaderbeck Sportler:innen sowie Gründenden: „Bleib dir selbst treu und definiere dein ganz persönliches Warum. Es reicht nicht, wenn man nur nach Ruhm und Reichtum strebt – du musst wissen, warum du das machst, musst kritisch reflektieren und dich fragen: Komme ich mit meinem aktuellen Handeln an mein Ziel? Das gilt für den Sport und für das Gründen.“

Eliminiere Negatives

Wo Ruhm und Reichtum sind, ist auch Neid. Das weiß Schnaderbeck aus Erfahrung: „Wir leben in einer unglaublichen Neidgesellschaft. Das kann dich erheblich an deinem Erfolg hindern. Baue dir deshalb ein Netz an Menschen auf, die dich motivieren. Wenn du an der Spitze oder auf dem Weg dorthin bist, musst du dich von Leuten verabschieden, die dich runterziehen.“

Ich habe nur danach selektiert: Wer tut mir gut, wer nicht.

Viktoria Schnaderbeck, Gründerin von Pro-Spective

Das Cutoff von Personen mit negativer Energie habe der nun 33-Jährigen noch die „letzten Prozentpunkte zur Spitze“ gegeben: „Ich habe nur da nach selektiert: Wer tut mir gut und wer nicht? Wenn du Meister wirst, hast du Tausende Freunde. Wenn du verletzt am Boden bist, dann trennt sich das Gute vom Bösen.“

Schnaderbecks Grundeinstellung verrät Essenzielles über das Mindset von Sportler:innen: Disziplin, Risikobereitschaft und das richtige Support System führen zum Erfolg. Schnaderbecks Geschichte zeigt, wie schnell einfache Meilensteine einen Erfolgsweg pflastern können – und das trotz achtfacher Knieoperation.

Ähnliche Werte wie Schnaderbeck vertritt Johannes Mansbart, CEO und Gründer von Chatarmin, einer SaaS-Plattform für WhatsApp-Marketing. Der Niederösterreicher war mehrere Jahre als Profifußballer unter anderem beim Wiener Sport-Club und bei Vienna aktiv.

Johannes Mansbart, Gründer von Chatarmin (c) Chatarmin

Kompensiere, was du nie erreicht hast

“2020 habe ich Knieprobleme bekommen und mein Trainer hat nicht mehr auf mich gesetzt. Mein Leistungsniveau hat nachgelassen, genauso wie meine Motivation”, berichtet der Ex-Fußballer. “Schweren Herzens habe ich meine Fußballkarriere an den Nagel gehängt. Nun kann ich im Unternehmer-Sein das kompensieren, was ich im Fußball nie erreichen konnte.”

“Du wirst immer wieder verletzt sein, aber du musst auch immer wieder weitermachen”, erzählt der Gründer aus seiner Fußballzeit. “Das Gleiche gilt für das Gründen: Es wartet kein Markt auf dich, kein Investor will dich und kein Mensch braucht dein Produkt. Du musst das Ganze selbst in die Hand nehmen und auch dann weitermachen, wenn keiner an dich glaubt.”

Mit Chatarmin hat Mansbart bereits sein drittes Startup aufgebaut – nach zwei Startups im Lieferservice- und Online-Poker-Bereich. Der Ex-Fußballer studierte an der Wirtschaftsuni Wien, sieht seinen unternehmerischen Erfolg aber viel eher in einem Mix aus Disziplin, Fokus und Konsistenz: “Ich habe weder einen guten unternehmerischen Instinkt noch ein gutes Marktverständnis. Ich bin einfach gut darin, in einen Tunnel zu gehen, in eine Richtung zu arbeiten und mich nicht entmutigen zu lassen.”

Ich habe weder einen guten unternehmerischen Instinkt noch ein gutes Marktverständnis. Ich bin einfach gut darin, in einen Tunnel zu gehen.

Johannes Mansbart, Chatarmin

Lasse Stress ab

Parallelen zum Leistungssport sieht Mansbart vor allem im Verhältnis zwischen Spannung und Entspannung: “Leistungssportler und Unternehmer sind extrem belastbar, sie brauchen wenig Entspannung und können viel Spannung aushalten. Dennoch braucht es bei Zeiten ein Ventil, um Stress abzulassen. Das kann man auf der Makro-Ebene mit seinem jährlichen Urlaub planen, oder auf der Mikro-Ebene mit täglicher Erholung im Alltag.”

Für Mansbart ist das der tägliche Sport und vegane Ernährung: “Das funktioniert für mich extrem gut. Mit meiner Sportroutine habe ich ein System entwickelt, das mich gesund, fit und belastbar hält.”

Damit kann Mansbart Höhenflüge starten und Abstürze überwinden: “Nur die Konsistentesten und Diszipliniertesten werden Märkte erobern. Denn Startups sind nicht nur Success-Stories. Startups sind harte Arbeit, schlaflose Nächte, Schweiß und Tränen. Für diese Mission musst du risikoaffin sein. Wenn du gründest, merkst du sehr schnell, ob du diesen Pain erträgst oder nicht.”

Wenn du gründest, merkst sehr schnell, ob du diesen Pain erträgst oder nicht.

Johannes Mansbart, Gründer von Chatarmin

Suche dir Leidensgenossen

Wie auch Schnaderbeck macht Mansbart in seiner Routine nur Platz für ausgewählte Personen: “Geteiltes Leid ist ein Zehntel des Leids. Überleg dir genau, ob du alleine gründen oder dir Wegbegleiter suchen willst. Ohne das richtige Team geht’s nicht. Das musste ich auf die harte Weise im Leistungssport lernen.”

Zwar habe die Reise zum aktuell fünfstelligen Monatsumsatz fast zwei Jahre gedauert, das zeige aber, dass “Erfolg nicht von heute auf morgen passiert”: “Meine Fußballkarriere war für mich disproportional anstrengend und nicht rewarding. Jetzt arbeite ich seit neun Jahren als Gründer, unabhängig vom System und eigenverantwortlich. Und ich kann mir nicht vorstellen, je etwas anderes zu machen.”

Anders als Mansbart führte Raphael Reifeltshammer, Gründer und CEO des Salzburger Startups ElephantSkin, nicht ganz das Scheitern zur Gründung. Mit seinem Startup versorgt der ehemalige Fußballer weltweit Airlines, Hotel und Gastronomie, Catering-Services, Lebensmittelhändler und Reinigungsunternehmen mit Mehrweg-Hygienehandschuhen.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin (c) ElephantSkin

Im Alter von vierzehn Jahren wechselte Reifeltshammer an die Nachwuchsakademie Austria Wien von Frank Stronach, um Fußballprofi zu werden. Intuition, Naivität und Vehemenz bringt der Gründer aus seiner Zeit als Leistungssportler mit.

Treffe Entscheidungen

“Ich habe im Sport gelernt, Entscheidungen zu treffen und durchzuziehen. Ich bin jeden Tag um 5 Uhr aufgestanden, habe trainiert, gelernt, trainiert und regeneriert. Das verschiebt meine Willens- und Schmerzgrenze enorm nach oben”, erzählt der Salzburger. Ein Studium brauche es dafür nicht, viel eher gehe es um die Eigenschaft, “andere in meinen Bann zu ziehen und von meiner Vision zu überzeugen.”

Im selben Atemzug verweist der 37-Jährige auf sein Urvertrauen, das ihn in seinen Tätigkeiten bestärke. “Ich sag immer: Nichts passiert grundlos. Ich habe sehr hohes Vertrauen in das, was ich tue. Und das sollte jede:r haben. Das einzige, was ich technisch kann, ist, mich in einen Videocall einzuwählen und E-Mails ohne Zehnfingersystem zu schreiben. Ich habe in meinem Leben noch keinen Business Plan auf’s Papier gebracht. Aber ich habe ein tolles Team, das das für mich übernimmt.”

Sei hygienisch

Der 37-Jährige setzt vor allem auf eine Erkenntnis aus dem Leistungssport: Hygiene. “Pflege deinen Arbeitsplatz, deine Wohnung, dein Schlafzimmer, deinen Körper und alles, was du täglich konsumierst. Hygiene ist eine Grundeinstellung, die dir hilft, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich könnte zum Beispiel kein erfolgreiches Meeting haben, wenn ich weiß, dass es bei mir ausschaut wie wild.”

Zeig mir, wie du deinen Spind einräumst, und ich weiß, was für ein Typ Mensch du bist.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Diese Eigenheit wendet Reifeltshammer auch als Recruiting-Technik an: ”Bevor ich einen Mitarbeiter einstelle, gehe ich mit ihm ins Fitnessstudio und schaue, wie er seinen Spind einräumt. Dann sehe ich: Hat er ein System und passt er in mein Unternehmen? Ich sage immer: Zeig mir, wie du deinen Spind einräumst, und ich weiß, was für ein Typ Mensch du bist.”

Wenn man mich besiegen will, muss man mich töten.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Gestalte dein Netzwerk

Spitzensport lehrt also nicht nur Disziplin und Resilienz, sondern auch Hygiene und Körperbewusstsein. “Sport ist überlebensnotwendig. Bevor ich zwei Stunden länger Mails rausballere, gehe ich ins Fitnessstudio und habe einen größeren Mehrwert für mein Business.” Sein intensiver Sport bringt ihm indes Selbstvertrauen: “Wenn man mich besiegen will, muss man mich töten.”

“Bevor ich zwei Stunden länger Mails rausballere, gehe ich ins Fitnessstudio und habe einen größeren Mehrwert für mein Business.”

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Gründer:innen to be rät der CEO allerdings erst dann zum Schritt in die Selbstständigkeit, wenn “du auch ein Jahr lang deinen aktuellen Lebensstil halten kannst, ohne dass du einen Cent verdienen musst. Das nimmt dir Druck und bietet dir Flexibilität.” Außerdem brauche es dazu die richtige Networking-Persönlichkeit: “Wenn du kein Networker bist, bist du kein geborener Unternehmer. Ohne Netzwerk hast du keine Chance.“

Disziplin, Resilienz und Grenzen überschreiten. Für Gründer:innen unserer Zeit sind das keine neuen Weisheiten, viel eher gut bekannte Floskeln. Trotzdem funktioniert die Erfolgsformel bereits über Jahrzehnte – sowohl im Sport als auch im Unternehmertum.

Wie sonst wäre Viktoria Schnaderbeck nach jeder ihrer acht Knieoperationen zurück aufs Spielfeld gelaufen? Mit Sicherheit nicht dann, wenn Scheitern ein Zeichen für Misserfolg gewesen wäre: “Ohne, dass ich mir selbst auf die Schulter klopfen will, aber: Acht Mal am Knie operiert zu werden und nach jeder Operation zurückzukommen, erfordert viel Kraft. Aber es geht, wenn man es wirklich will.”

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Alexander Pöllmann, Director IT & Digital bei der Viessmann Generations Group, und Michael Maier, Director Austria von iteratec (v.l.) | (c) iteratec / beigestellt

Es war eine der bemerkenswertesten Transformationen der deutschen Industrie: 2023 verkaufte Viessmann sein Kerngeschäft, die Klimasparte Viessmann Climate Solutions, für zwölf Milliarden Euro an den US-Konzern Carrier (brutkasten berichtete). Seit Anfang 2024 agiert das Familienunternehmen als Unternehmensgruppe, die aus Deutschland ein globales industrielles Beteiligungsportfolio steuert. Und dieses Kernteam soll nun KI-nativ werden: Gemeinsam mit dem Technologieunternehmen iteratec baut Viessmann ein Multi-Agenten-System, das die Mitarbeiter:innen zu “Buildern von Agenten” verändert.

Vom Heizungsbauer zum langfristigen Unternehmensentwickler  

Das reinvestierte Kapital floss vor allem in industrielle Mittelständler mit Fokus auf nachhaltige Energietransformation: von Grid-Infrastruktur über Fernwärme- und Kühlungslösungen bis zu Kühlhäusern. Dazu zählt etwa die isoplus-Gruppe, ein Hersteller von Nah- und Fernwärmeleitungen mit großen Standorten in Österreich. Über Minderheitsbeteiligungen ist Viessmann außerdem unter anderem an Encavis sowie am Software-Unternehmen AMCS beteiligt, das Emissionen in der Recycling- und Abfallwirtschaft reduzieren soll. 

Beim Thema KI unterscheidet Pöllmann klar zwischen zwei Ebenen: „Wenn wir auf unsere Partner schauen, ist der Kerntreiber klassischerweise Effizienz, also Use Cases entlang der Wertschöpfungskette, um Top- oder Bottom-Line-Potenziale einzusammeln. Auf Ebene des Viessmann-Teams schauen wir viel stärker auf Effektivität: Wie können wir noch bessere Investmententscheidungen treffen und unsere zentrale Entscheidungsqualität maßgeblich erhöhen?“ 

Deal-Screening statt Deal-Sourcing 

Genau das sei allerdings die schwierigere Disziplin, so Pöllmann: „Effizienz-Use-Cases sind aus unserer Sicht häufig leichter, als die Qualität zu erhöhen. KI tendiert in ihrer ursprünglichsten Natur dazu, lieber zu halluzinieren und ungenau zu sein, als eine sehr klare Antwort auf die Frage zu geben: Sollte ich dieses Investment tätigen oder lieber nicht? Welche Risiken habe ich noch nicht gesehen?“ Dies bedingt vor allem den ganzen Kontext einer Transaktion zu kennen. 

Konkret setzt das Multi-Agenten-System deshalb dort an, wo Präzision zählt: beim Screening. Es gehe nicht darum, Deals zu sourcen, betont Pöllmann, sondern den Prozess „Ist ein Deal für uns wirklich relevant?“ deutlich zu verkürzen. Ein Letter of Intent könne so viel schneller analysiert und daraus ein Investmentmemo gebaut werden, angereichert mit weiteren Quellen. 

Dass das Viessmann-Team das System selbst baut, statt auf eine Fertiglösung zu setzen, ist für Pöllmann eine Grundsatzentscheidung: „Wir wollen die Governance in der eigenen Hand haben, aber auch den Prozess, wie wir zu Entscheidungen kommen.“ Fertige KI-Finanzlösungen von der Stange würden der Organisation wenig bringen: „Das ist zwar alles nett und funktioniert auch schnell, aber nicht in der Qualität, wie wir sie erwarten.“ 

Jede:r Mitarbeiter:in wird zum „Builder“ 

Der vielleicht radikalste Teil des Ansatzes: Alle Mitarbeiter:innen der Viessmann Generations Group sollen befähigt werden, selbst KI-Agenten zu bauen. Der Prozess dahinter ist mehrstufig: Ein Intake-Agent nimmt die Idee auf und schärft sie, ein Specification-Agent zieht anschließend das nötige Fachwissen aus den Mitarbeiter:innen heraus und gibt erst ab einem bestimmten Confidence Score grünes Licht. Danach erstellt ein weiterer Agent, der sogenannte Agent-Builder, den fertigen KI-Kollegen. 

Gestartet wurde Ende Jänner mit einem „Hypersprint“, die ersten Prozessagenten gingen im Frühjahr live. „Es ist schon verrückt, was wir in der Zeit entwickelt haben“, sagt Pöllmann. Die größte Herausforderung sei dabei nicht die Technologie: „Die Herausforderung ist wirklich, das Wissen der Kolleg:innen “freizulegen” und die Leute, die verantwortlich sind, in die Verantwortung zu bekommen. So können wir dann gemeinsam den Input, den wir brauchen, identifizieren, um daraus vernünftige Agenten mit hoher Output-Qualität zu bauen.“ 

„Die Rolle des Menschen in der KI-Transformation wird maßgeblich“ 

Bei aller Automatisierung bleibt die Verantwortung beim Menschen, stellt Pöllmann klar: „Am Ende braucht es immer einen Verantwortlichen, und das kann nicht die Maschine sein. Dadurch wird vor allem die Rolle des Menschen in der KI-Transformation maßgeblich gestärkt.“ Wer einen Agenten verantwortet, müsse dessen Ergebnisse kontrollieren, ihn testen und etwa bei der Abkündigung eines KI-Modells nachjustieren. „Damit bekommt jeder in gewisser Weise eine Führungsaufgabe“, so Pöllmann. 

Um den Rollenwandel greifbar zu machen, ließ Viessmann die Mitarbeiter:innen ein eigenes „Role Canvas“ ausfüllen: Was bleibt an Verantwortung beim Menschen, wenn KI-Agenten übernehmen? Das habe viel Verständnis für die Transformation geschaffen, auch bei jenen, deren Berufsbild sich am stärksten verändert. Denn das klassische Profil eines Investmentbankers werde sich fundamental drehen, so Pöllmann. Die Betroffenen hätten das Thema allerdings „sehr gut aufgeschnappt und zeigen große Begeisterung dafür“. 

iteratec: „Die Unschärfe reduzieren“ 

Auf der Umsetzungsseite steht mit iteratec ein Software-Dienstleister, der seit 30 Jahren Individualsoftware entwickelt und sich zunehmend auf KI-Transformation fokussiert. „Unser eigenes Geschäft ändert sich aktuell selbst radikal aufgrund von KI“, sagt Michael Maier, Director Austria von iteratec. Das Unternehmen setzt Multi-Agenten-Projekte unter anderem bei Banken um und hat mit dem Recycling-Konzern Ragn-Sells ein neues Recyclingverfahren auf Basis KI-gestützter Materialanalysen entwickelt. Das Viessmann-Projekt sei „mitunter eines der spannendsten, das wir gerade machen dürfen“, so Maier: „Das nimmt sicher eine Vorreiterrolle ein.“ 

Die Kunst liege darin, schnell voranzukommen und trotzdem verlässliche Resultate zu liefern: „Du musst die Unschärfe so weit reduzieren, dass du dort, wo es wichtig ist, belastbare Ergebnisse hast, mit denen du arbeiten kannst“, sagt Maier. Viessmann kam über einen klassischen Anbieterauswahlprozess zu iteratec. Ausschlaggebend sei das Team gewesen, so Pöllmann: „Ein sehr professionell aufgestelltes Team mit High-End-AI-Capabilities. Die Entwickler sind fast AI-native unterwegs.” 

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