29.03.2024
SPIELVERLÄNGERUNG

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

„Es reicht nicht, wenn man nur nach Ruhm und Reichtum strebt“: Drei Ex-Athlet:innen, die nach ihrer Sportkarriere gegründet haben, erzählen, warum sich Spitzensportler:innen und Gründer:innen ähnlich sind und warum das Gründen die optimale Spielverlängerung ist.
/artikel/angriff-statt-abseits-was-leistungssport-und-gruendung-verbindet
Johannes Mansbart (c) Chatarmin | Viktoria Schnaderbeck (c) Viktoria Schnaderbeck, Pro-Spective | Raphael Reifeltshammer (c) ElephantSkin

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem aktuellen brutkasten-Printmagazin (Download-Möglichkeit am Ende des Artikels).


Jubel und Fangeschrei, klatschende Hände und schwingende Fahnen – zwei Frauenteams laufen in Aschheim bei München auf das Spielfeld. An diesem Ostermontag im Jahr 2008 spielt der FC Bayern gegen Frankfurt um den Einzug in das DFB-Pokal-Finale. In der Spielfeldmitte platziert sich die 17-jährige Viktoria Schnaderbeck. In ihrem ersten Spiel für die Kampfmannschaft des FC Bayern will sie zeigen, warum sie hier ist. Ihr Blick schweift über die Stadionbänke, Familie und Freunde jubeln ihr zu.

Der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Die Spielzeit schreitet fort; zehn Minuten schon kämpft Schnaderbeck auf dem Rasen und um den Ball – bis sie zusammenbricht. Es schnalzt im Knie, ihr wird schwarz vor Augen. Das Knie pocht, Mediziner rennen auf das Feld. Im Stadion wird es still, Viktoria wird ausgewechselt und von Rettungs sanitätern abtransportiert. Im Krankenhaus erfährt sie: Kreuzbandriss, Meniskusriss, Innenbandriss – und die noch schlimmere Diagnose: „Das war’s mit dem Fußball.“ Schnaderbeck sollte also nie mehr zurückkommen.

Doch Schnaderbeck kam zurück, noch ganze acht Mal. Szenarien wie diese sind für Profifußballer:innen wie Schnaderbeck nicht ungewöhnlich:

Hinter gewonnenen Spielen stecken Schweiß, Blut und Tränen genauso wie Kreuzbandrisse, zerfetzte Menisken und gezerrte Innenbänder. Hinter vielen Gründerpersönlich keiten verstecken sich Karrieren im Leistungssport. Nicht wenige dieser Gründer:innen haben ihre Profisport Karriere an den Nagel gehängt – viele verletzungsbedingt, bei anderen fehlte der Support oder die Perspektive auf eine sichere Zukunft.

Viktoria Schnaderbeck, Johannes Mansbart und Raphael Reifeltshammer erzählen Geschichten, die zeigen, wie ähnlich sich Leistungssportler:innen und Gründer:innen sind. Sie erzählen über zersprungene Knie, über Trainingsrunden vor Sonnenaufgang und über das Cutoff von Bezugspersonen. Es sind Geschichten, die verraten, was Gründer:innen vom Spitzensport lernen sollten und warum das Gründer:innendasein die optimale Spielverlängerung ist.

Viktoria Schnaderbeck (c) Pro-Spective

Geh über Grenzen

„Meine Fußballkarriere hat mich vieles gelehrt – aber vor allem, wie weit ich über meine Schmerzgrenze gehen kann“, erzählt Viktoria Schnaderbeck. Die 33Jährige ist eine der bekanntesten Fußballerinnen Österreichs. Das erste Tor schoss sie 1998 „aus reiner Leidenschaft und sozialem Interesse“. Daraus wurde eine 24-jährige Karriere mit mehreren internationalen Stationen.

Als Schnaderbeck die Grenze des österreichischen Frauenfußballs erreichte, wechselte sie zur Frauenmannschaft des FC Bayern. Später war sie in England beim FC Arsenal vertreten, bestritt 83 Länderspiele und war knapp zehn Jahre lang Kapitänin des österreichischen Nationalteams. In England nahm sie an ihrer zweiten Europameisterschaft teil – und schloss damit 2022 ihre Karriere ab.

Der finale Torschuss ergab sich nicht aus Zufall: Die gebürtige Steirerin lag acht Mal in Operationssälen. Operiert wurde an ihrem rechten Knie. „Ich habe mit Sicherheit sehr viel erreicht, von dem andere nur träumen können. Aber meine Verletzungen haben mich körperlich und mental kaputtgemacht. Ich durchlebte jahrelange Kämpfe zwischen Verletzung, Genesung, Erholung und Comeback.“

Anders als viele ihrer Branchenkolleg:innen hat sich Schnaderbeck schon während ihrer Karriere auf das Leben danach vorbereitet: „Gerade wegen meiner Verletzungen wusste ich: Es kann von heute auf morgen vorbei sein.“ Für ein sicheres Leben nach dem Fußball hat sie Sportmanagement im Bachelor und Wirtschaftspsychologie im Master studiert.

In einem Studium werde ich Resilienz, Ehrgeiz oder Durchhaltevermögen nie in dem Ausmaß erlernen, in dem mich der Spitzensport diese Dinge gelehrt hat.

Viktoria Schnaderbeck, Gründerin von Pro-Spective

„Das Studium ist ‚nice to have‘, aber für mich als Unternehmerin nicht ausschlaggebend. In einem Studium werde ich Skills wie Resilienz, Ehrgeiz oder Durchhaltevermögen nie in dem Ausmaß erlernen, in dem der Spitzensport mich diese Dinge gelehrt hat.“ Schnaderbeck startete ihre Selbstständigkeit als Speakerin während ihrer Karriere und einer Verletzungspause. Ihre Sportmarketingagentur Pro-Spective gründete sie nach ihrem Karriereende 2022.

Bis heute ist Pro-Spective gebootstrappt und organisch wachsend. Mit der Agentur hilft die Ex-Fußballerin aktiven Athlet:innen, sich auf ihr Berufsleben nach dem Spitzensport vorzubereiten. Zu ihren Tätigkeiten zählen Strategieberatung, Markenaufbau sowie das Erarbeiten von beruflichen Perspektiven nach Karriereende: „Oft leben Profisportler:innen im Irrglauben, dass sie unsterblich sind und für immer die Nummer eins bleiben. Bei einem plötzlichen Karriereende fallen sie schnell in ein Loch.“

Scheitere

Bis jetzt läuft es gut – wie es langfristig aussieht, sieht die Ex-Athletin gelassen: „Wenn wir ehrlich sind, ist das Schlimmste, das passieren kann, zu scheitern. Als Sportler:in hat man einen anderen Zugang dazu. Ich war so oft verletzt, habe aber auch oft Erfolge gefeiert. Wenn du beide Extreme erlebt hast, kannst du dich überall da zwischen bewegen.“

Um mit Rückschlägen umzugehen, brauche es neben Mut und Grundvertrauen vor allem ein klares Ziel, eine starke Vision und definierte Meilensteine: „Eine Vision kann noch so gut sein und wird dennoch unerfüllt bleiben, wenn du keine Strategie zur Umsetzung hast.“ Als Fußballerin setzte Schnaderbeck dies jeden Tag um: Ihre Vision war der Meistertitel, ihre Meilensteine die täglichen Trainings.

„Denke groß, träume groß und leiste Großes dafür. Das heißt auch, dass du dich aus deiner Komfortzone bewegen musst und dich in schlechten Phasen für das Weitermachen entscheidest; auch dann, wenn alles riskant und unsicher wirkt.“

Um in physisch und psychisch zehrenden Phasen durchzuhalten, rät Schnaderbeck Sportler:innen sowie Gründenden: „Bleib dir selbst treu und definiere dein ganz persönliches Warum. Es reicht nicht, wenn man nur nach Ruhm und Reichtum strebt – du musst wissen, warum du das machst, musst kritisch reflektieren und dich fragen: Komme ich mit meinem aktuellen Handeln an mein Ziel? Das gilt für den Sport und für das Gründen.“

Eliminiere Negatives

Wo Ruhm und Reichtum sind, ist auch Neid. Das weiß Schnaderbeck aus Erfahrung: „Wir leben in einer unglaublichen Neidgesellschaft. Das kann dich erheblich an deinem Erfolg hindern. Baue dir deshalb ein Netz an Menschen auf, die dich motivieren. Wenn du an der Spitze oder auf dem Weg dorthin bist, musst du dich von Leuten verabschieden, die dich runterziehen.“

Ich habe nur danach selektiert: Wer tut mir gut, wer nicht.

Viktoria Schnaderbeck, Gründerin von Pro-Spective

Das Cutoff von Personen mit negativer Energie habe der nun 33-Jährigen noch die „letzten Prozentpunkte zur Spitze“ gegeben: „Ich habe nur da nach selektiert: Wer tut mir gut und wer nicht? Wenn du Meister wirst, hast du Tausende Freunde. Wenn du verletzt am Boden bist, dann trennt sich das Gute vom Bösen.“

Schnaderbecks Grundeinstellung verrät Essenzielles über das Mindset von Sportler:innen: Disziplin, Risikobereitschaft und das richtige Support System führen zum Erfolg. Schnaderbecks Geschichte zeigt, wie schnell einfache Meilensteine einen Erfolgsweg pflastern können – und das trotz achtfacher Knieoperation.

Ähnliche Werte wie Schnaderbeck vertritt Johannes Mansbart, CEO und Gründer von Chatarmin, einer SaaS-Plattform für WhatsApp-Marketing. Der Niederösterreicher war mehrere Jahre als Profifußballer unter anderem beim Wiener Sport-Club und bei Vienna aktiv.

Johannes Mansbart, Gründer von Chatarmin (c) Chatarmin

Kompensiere, was du nie erreicht hast

“2020 habe ich Knieprobleme bekommen und mein Trainer hat nicht mehr auf mich gesetzt. Mein Leistungsniveau hat nachgelassen, genauso wie meine Motivation”, berichtet der Ex-Fußballer. “Schweren Herzens habe ich meine Fußballkarriere an den Nagel gehängt. Nun kann ich im Unternehmer-Sein das kompensieren, was ich im Fußball nie erreichen konnte.”

“Du wirst immer wieder verletzt sein, aber du musst auch immer wieder weitermachen”, erzählt der Gründer aus seiner Fußballzeit. “Das Gleiche gilt für das Gründen: Es wartet kein Markt auf dich, kein Investor will dich und kein Mensch braucht dein Produkt. Du musst das Ganze selbst in die Hand nehmen und auch dann weitermachen, wenn keiner an dich glaubt.”

Mit Chatarmin hat Mansbart bereits sein drittes Startup aufgebaut – nach zwei Startups im Lieferservice- und Online-Poker-Bereich. Der Ex-Fußballer studierte an der Wirtschaftsuni Wien, sieht seinen unternehmerischen Erfolg aber viel eher in einem Mix aus Disziplin, Fokus und Konsistenz: “Ich habe weder einen guten unternehmerischen Instinkt noch ein gutes Marktverständnis. Ich bin einfach gut darin, in einen Tunnel zu gehen, in eine Richtung zu arbeiten und mich nicht entmutigen zu lassen.”

Ich habe weder einen guten unternehmerischen Instinkt noch ein gutes Marktverständnis. Ich bin einfach gut darin, in einen Tunnel zu gehen.

Johannes Mansbart, Chatarmin

Lasse Stress ab

Parallelen zum Leistungssport sieht Mansbart vor allem im Verhältnis zwischen Spannung und Entspannung: “Leistungssportler und Unternehmer sind extrem belastbar, sie brauchen wenig Entspannung und können viel Spannung aushalten. Dennoch braucht es bei Zeiten ein Ventil, um Stress abzulassen. Das kann man auf der Makro-Ebene mit seinem jährlichen Urlaub planen, oder auf der Mikro-Ebene mit täglicher Erholung im Alltag.”

Für Mansbart ist das der tägliche Sport und vegane Ernährung: “Das funktioniert für mich extrem gut. Mit meiner Sportroutine habe ich ein System entwickelt, das mich gesund, fit und belastbar hält.”

Damit kann Mansbart Höhenflüge starten und Abstürze überwinden: “Nur die Konsistentesten und Diszipliniertesten werden Märkte erobern. Denn Startups sind nicht nur Success-Stories. Startups sind harte Arbeit, schlaflose Nächte, Schweiß und Tränen. Für diese Mission musst du risikoaffin sein. Wenn du gründest, merkst du sehr schnell, ob du diesen Pain erträgst oder nicht.”

Wenn du gründest, merkst sehr schnell, ob du diesen Pain erträgst oder nicht.

Johannes Mansbart, Gründer von Chatarmin

Suche dir Leidensgenossen

Wie auch Schnaderbeck macht Mansbart in seiner Routine nur Platz für ausgewählte Personen: “Geteiltes Leid ist ein Zehntel des Leids. Überleg dir genau, ob du alleine gründen oder dir Wegbegleiter suchen willst. Ohne das richtige Team geht’s nicht. Das musste ich auf die harte Weise im Leistungssport lernen.”

Zwar habe die Reise zum aktuell fünfstelligen Monatsumsatz fast zwei Jahre gedauert, das zeige aber, dass “Erfolg nicht von heute auf morgen passiert”: “Meine Fußballkarriere war für mich disproportional anstrengend und nicht rewarding. Jetzt arbeite ich seit neun Jahren als Gründer, unabhängig vom System und eigenverantwortlich. Und ich kann mir nicht vorstellen, je etwas anderes zu machen.”

Anders als Mansbart führte Raphael Reifeltshammer, Gründer und CEO des Salzburger Startups ElephantSkin, nicht ganz das Scheitern zur Gründung. Mit seinem Startup versorgt der ehemalige Fußballer weltweit Airlines, Hotel und Gastronomie, Catering-Services, Lebensmittelhändler und Reinigungsunternehmen mit Mehrweg-Hygienehandschuhen.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin (c) ElephantSkin

Im Alter von vierzehn Jahren wechselte Reifeltshammer an die Nachwuchsakademie Austria Wien von Frank Stronach, um Fußballprofi zu werden. Intuition, Naivität und Vehemenz bringt der Gründer aus seiner Zeit als Leistungssportler mit.

Treffe Entscheidungen

“Ich habe im Sport gelernt, Entscheidungen zu treffen und durchzuziehen. Ich bin jeden Tag um 5 Uhr aufgestanden, habe trainiert, gelernt, trainiert und regeneriert. Das verschiebt meine Willens- und Schmerzgrenze enorm nach oben”, erzählt der Salzburger. Ein Studium brauche es dafür nicht, viel eher gehe es um die Eigenschaft, “andere in meinen Bann zu ziehen und von meiner Vision zu überzeugen.”

Im selben Atemzug verweist der 37-Jährige auf sein Urvertrauen, das ihn in seinen Tätigkeiten bestärke. “Ich sag immer: Nichts passiert grundlos. Ich habe sehr hohes Vertrauen in das, was ich tue. Und das sollte jede:r haben. Das einzige, was ich technisch kann, ist, mich in einen Videocall einzuwählen und E-Mails ohne Zehnfingersystem zu schreiben. Ich habe in meinem Leben noch keinen Business Plan auf’s Papier gebracht. Aber ich habe ein tolles Team, das das für mich übernimmt.”

Sei hygienisch

Der 37-Jährige setzt vor allem auf eine Erkenntnis aus dem Leistungssport: Hygiene. “Pflege deinen Arbeitsplatz, deine Wohnung, dein Schlafzimmer, deinen Körper und alles, was du täglich konsumierst. Hygiene ist eine Grundeinstellung, die dir hilft, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich könnte zum Beispiel kein erfolgreiches Meeting haben, wenn ich weiß, dass es bei mir ausschaut wie wild.”

Zeig mir, wie du deinen Spind einräumst, und ich weiß, was für ein Typ Mensch du bist.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Diese Eigenheit wendet Reifeltshammer auch als Recruiting-Technik an: ”Bevor ich einen Mitarbeiter einstelle, gehe ich mit ihm ins Fitnessstudio und schaue, wie er seinen Spind einräumt. Dann sehe ich: Hat er ein System und passt er in mein Unternehmen? Ich sage immer: Zeig mir, wie du deinen Spind einräumst, und ich weiß, was für ein Typ Mensch du bist.”

Wenn man mich besiegen will, muss man mich töten.

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Gestalte dein Netzwerk

Spitzensport lehrt also nicht nur Disziplin und Resilienz, sondern auch Hygiene und Körperbewusstsein. “Sport ist überlebensnotwendig. Bevor ich zwei Stunden länger Mails rausballere, gehe ich ins Fitnessstudio und habe einen größeren Mehrwert für mein Business.” Sein intensiver Sport bringt ihm indes Selbstvertrauen: “Wenn man mich besiegen will, muss man mich töten.”

“Bevor ich zwei Stunden länger Mails rausballere, gehe ich ins Fitnessstudio und habe einen größeren Mehrwert für mein Business.”

Raphael Reifeltshammer, Gründer von ElephantSkin

Gründer:innen to be rät der CEO allerdings erst dann zum Schritt in die Selbstständigkeit, wenn “du auch ein Jahr lang deinen aktuellen Lebensstil halten kannst, ohne dass du einen Cent verdienen musst. Das nimmt dir Druck und bietet dir Flexibilität.” Außerdem brauche es dazu die richtige Networking-Persönlichkeit: “Wenn du kein Networker bist, bist du kein geborener Unternehmer. Ohne Netzwerk hast du keine Chance.“

Disziplin, Resilienz und Grenzen überschreiten. Für Gründer:innen unserer Zeit sind das keine neuen Weisheiten, viel eher gut bekannte Floskeln. Trotzdem funktioniert die Erfolgsformel bereits über Jahrzehnte – sowohl im Sport als auch im Unternehmertum.

Wie sonst wäre Viktoria Schnaderbeck nach jeder ihrer acht Knieoperationen zurück aufs Spielfeld gelaufen? Mit Sicherheit nicht dann, wenn Scheitern ein Zeichen für Misserfolg gewesen wäre: “Ohne, dass ich mir selbst auf die Schulter klopfen will, aber: Acht Mal am Knie operiert zu werden und nach jeder Operation zurückzukommen, erfordert viel Kraft. Aber es geht, wenn man es wirklich will.”

Sichere dir das brutkasten-Magazin in digitaler Form!

Trag dich hier ein und du bekommst das aktuelle brutkasten-Magazin als PDF zugeschickt und kannst sofort alle Artikel lesen!

Du erhältst mit der Anmeldung künftig auch Zugang für unseren Startup-Newsletter, den wir drei Mal pro Woche verschicken. Du kannst dich jederzeit unkompliziert wieder abmelden.

Deine ungelesenen Artikel:
30.09.2026

„Sales before the product“: Florian Kandler über Traction und den Weg zu den ersten Kund:innen

„Ich kann nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht": Für Florian Kandler ist das einer der großen Denkfehler junger Gründer:innen. Im Interview erklärt der Startup-Coach, wie man Traction aufbaut, bevor das Kapital dafür da ist.
/artikel/sales-before-the-product-florian-kandler-interview
30.09.2026

„Sales before the product“: Florian Kandler über Traction und den Weg zu den ersten Kund:innen

„Ich kann nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht": Für Florian Kandler ist das einer der großen Denkfehler junger Gründer:innen. Im Interview erklärt der Startup-Coach, wie man Traction aufbaut, bevor das Kapital dafür da ist.
/artikel/sales-before-the-product-florian-kandler-interview
Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Angriff statt Abseits: Was Leistungssport und Gründung verbindet