10.12.2025
VORSORGE

Alt werden ist nicht Teil des Businessplans

Viele Gründer:innen leben ohne fixes Einkommen, Pensionsversicherung oder Sicherheit – in einer Szene, die Risiko romantisiert. Kann das gut gehen?
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Søren Obling, David Mayer-Heinisch und Larissa Kravitz.

Dieser Artikel ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von November 2025 “Verantwortung” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


100 Prozent Humankapital – so starten die meisten: mit viel Energie, wenig Schlaf und dem festen Willen, die Welt zu verändern. Null Prozent Finanzkapital – auch das ist üblich: keine Rücklagen, kaum Ersparnisse, aber Bock auf Risiko. Wer denkt da schon ans Altwerden?

80 Prozent Humankapital: Nach ein paar Jahren ist die Euphorie gedämpft; man ist müde, aber noch voller Tatendrang. Das Startup schreibt keinen Gewinn, das Gehalt kommt unregelmäßig. Doch dank Investments und Steueroptimierung läuft es irgendwie. Die Versicherungsbeiträge bleiben niedrig. Zwei Prozent Finanzkapital: Das muss reichen – vorerst.

„Altersvorsorge ist in der Startup-Szene kaum vorhanden. Die meisten denken gar nicht daran – und sind da wirklich schlecht aufgestellt“, sagt Larissa Kravitz, Gründerin des Finanzbildungsportals Investorella. Manche Gründer:innen investieren alles in ihr Unternehmen –und vergessen dabei sich selbst. „Viele lösen bestehende Vorsorgeprodukte auf, um Liquidität fürs Unternehmen zu schaffen. Das ist brandgefährlich“, erzählt Kravitz. Immer wieder sehe sie solche Situationen in ihren Workshops.

Das Humankapital schmilzt, das Finanzkapital fehlt. Aber die gute Nachricht zuerst: Es gibt Lösungen – einige davon kommen vom Staat, andere direkt aus der Startup-Szene.

Fehleinschätzung

Die Startup-Szene muss sich des Problems aber erst bewusst werden. David Mayer-Heinisch, Mitgründer des Wiener Wealthtech-Unternehmens froots, kennt das Muster: „Ich glaube, das ist die Schwierigkeit von sehr vielen Overachievern – sie schätzen ihre Zukunft wesentlich besser ein, als sie statistisch ist“, sagt er. „Jeder weiß, dass es ein Pensionsproblem gibt; jeder denkt: ‚Mich wird’s nicht betreffen!‘“ Auch bei ihm hat es gedauert, bis er das erste Mal über die Pension nachgedacht hat. Mayer-Heinisch hat zwar finanziell vorgesorgt – aber das große Wofür blieb lange unklar. Dass Gründer:innen so optimistisch in die Zukunft blicken, hat seiner Meinung nach aber auch einen Vorteil: Optimismus bringt Ideen und Innovation. Nur verdrängt er oft die unbequemen Fragen.

„Die meisten Menschen unter 40 beschäftigen sich kaum mit Pensionsvorsorge – und bei Gründer:innen ist das nicht anders“, ergänzt Søren Obling, Gründer des Wiener Insurtechs Finabro. Wie drastisch sich das äußert? „Ich habe noch nie mit jemandem über die Pension gesprochen – und das, obwohl das mein Thema ist!“, sagt Obling.

Keine Kompromisse

Kravitz rät Gründer:innen deswegen, von Anfang an etwas zur Seite zu legen – und bei der Vorsorge keine Abstriche zu machen: „Nutzt die Fintechs! Ein Freitagnachmittag reicht, um einen ETF-Sparplan einzurichten.“ Möglichkeiten gebe es genug.

Das entlastet nicht nur später, sondern auch im Alltag. „Ich glaube, dass man als Gründer:in sinnvollere Entscheidungen trifft, wenn man einen finanziellen Puffer hat – weil man langfristiger denken und rationaler handeln kann“, sagt Mayer-Heinisch. Er warnt auch davor, zu einseitig zu investieren. „Investieren sollte eigentlich ein Hedge sein; gegen das Risiko, dass das eigene Business nicht funktioniert – und kein Multiplikator desselben Risikos.“

Was passiert also, wenn ein ganzes Ökosystem vom Glauben an Wachstum lebt – und das Thema Alter darin keinen Platz hat?

Larissa Kravitz berät mit ihrem Finanzbildungsportal Investorella auch Startup-Gründer:innen. | © Nadine Studeny

Alles auf Wachstum

Viele Gründungsgeschichten beginnen mit Euphorie und Excel-Sheets, nicht mit Vorsorgeplänen. Am Anfang zählt Wachstum, nicht Absicherung. Genau das kann sich später rächen. Denn wer der Sozialversicherung nur den Mindestbeitrag zahlt, zahlt zwar heute weniger ein, bekommt morgen aber auch weniger raus. Wie viel gesetzlich später rauskommt, hängt einzig von drei Faktoren ab: der Anzahl an Versicherungsmonaten, dem zugrunde liegenden Erwerbseinkommen und dem Zeitpunkt des Pensionsantritts – ganz egal, ob jemand sein Geld als Startup-Gründer:in oder Angestellte:r verdient hat.

Die meisten Startup-Gründer:innen sind bei der SVS versichert, der Sozialversicherung der Selbständigen. Nur wer als Gesellschafter:in einer GmbH weniger als 49 Prozent hält oder als Kommanditist:in in einer KG nicht bloß Kapital gibt, sondern selbst mitarbeitet, fällt unter Umständen zur ÖGK, der Sozialversicherung der Angestellten.

Doch egal, ob SVS oder ÖGK – die Beitragsgrundlage richtet sich immer nach dem Einkommen. Bei Angestellten ist das ein fixer Betrag, bei Selbstständigen schwankt er oft stark. Weil es bei der ersten Meldung selten belastbare Einkommensprognosen gibt, setzt die SVS zunächst die niedrigste Beitragsgrundlage an: 2025 sind das rund 551 Euro im Monat. Zwar werden die Beiträge später mit dem Steuerbescheid angepasst, doch nur auf das Einkommen, das tatsächlich gemeldet wird. Wer also jahrelang geringe Gewinne ausweist oder gar Verluste schreibt, spart heute – und bezahlt das im Alter mit einer entsprechend kleinen Pension. Wie hoch die gesetzliche Pension von Gründer:innen ausfällt, lässt sich nicht sagen. Schon das System macht eine klare Zuordnung schwierig: Zustän- dig ist am Ende jener Versicherungsträger, bei dem in den letzten 15 Jahren vor der Pension die meisten Versicherungsmonate erworben wurden. Wer also zwischen 30 und 40 selbstständig ist und danach angestellt, scheint in der Statistik der Angestellten auf –nicht in jener der Selbstständigen.

Am Ende werden alle Versicherungszeiten und Einzahlungen zusammengerechnet. Wer früher selbstständig war und heute eine Alterspension bezieht, erhielt 2022 im Schnitt 23.963 Euro netto im Jahr. Ehemalige Angestellte kamen im selben Zeitraum auf durchschnittlich 25.156 Euro.

Wie viele Startup-Gründer:innen privat vorsorgen, weiß niemand. Manche könnten beträchtliche Summen in Aktien, Immobilien oder anderen Anlagen liegen haben, vielleicht sogar nach einem Millionen-Exit. Statistisch wahrscheinlich ist das aber nicht.

Der Traum vom Exit

Weltweit überleben nur 10 bis 20 Prozent aller Startups. In Österreich sieht es besser aus: Fast zwei Drittel der zwischen 2013 und 2015 gegründeten Startups waren Ende 2024 noch aktiv – weder insolvent noch verkauft, so der Austrian Startup Monitor 2024. Doch wirtschaftlich bleibt das Bild durchwachsen. Nur sechs Prozent der zwischen 2013 und 2015 gegründeten Startups schafften einen Exit. Und über alle Jahrgänge hinweg gilt: 38 Prozent der Startups in Österreich sind profitabel oder haben den Break-even erreicht. Das heißt aber auch: 62 Prozent arbeiten (noch) nicht kostendeckend. Für viele steht Wachstum klar vor dem Profit – aber wer sich selbst kein Gehalt zahlt oder nur minimale Gewinne ausweist, senkt damit auch die Beitragsgrundlage, auf der später die Pension berechnet wird.

Und selbst wenn am Ende der Verkauf gelingt, bleibt das Risiko hoch. „Ein Exit hängt nicht nur von deiner Leistung ab, sondern auch von Zinsen, Marktstimmung und Weltwirtschaft. Wer alles darauf setzt, spielt mit seiner Zukunft“, sagt Kravitz. Pandemie, Inflation, Lieferengpässe – all das konnte niemand vorhersehen, aber damit umgehen müssen jetzt alle.

Viele glauben, sie könnten in den letzten Jahren vor der Pension noch aufholen: mit hohen Auszahlungen oder einem gut bezahlten Corporate-Job. Doch das funktioniert nicht immer. Die Risiken? Krankheit, Burn-out, eine Firmenpleite. Kravitz warnt vor trügerischer Sicherheit: „Zwei Drittel aller Berufsunfähigkeiten sind heute psychisch bedingt. Und keine Qualifikation hilft dir, wenn du monatelang im Krankenhaus liegst.“ Oder wenn mit 60 schlicht die Energie fehlt, 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. Plötzlich bleiben nur noch 30 Prozent Humankapital – und dann wird es eng.

Fehler im System

Das ist aber kein individuelles Versagen, sondern ein systemisches Problem. Steueroptimierung heißt in der Praxis: möglichst wenig Gewinn ausweisen. Wie viel eingezahlt wird, lässt sich bis zu einem gewissen Grad selbst steuern – mit Folgen. Und das gesetzliche System ist auf unternehmerische Brüche nicht vorbereitet.

Zudem setze der Staat kaum Anreize, selbst vorzusorgen, findet Mayer-­Heinisch. Während andere Länder ihre Bürger:innen mit steuerfreien Vorsorgeprodukten zum Investieren ermutigen würden, halte Österreich am Sparkonto fest. „Wir sparen uns arm“, sagt der froots-CEO.

David Mayer-Heinisch hat sich mit froots auf den langfristigen Vermögensaufbau spezialisiert. | © froots

Keine schlechte Wette

Dass es im Einzelfall trotz hohem Risiko funktionieren kann, zeigt Søren Obling, Founder des Wiener Insurtech-Startups Finabro. Der gebürtige Däne hat sich mit seinem Unternehmen selbst dem Thema Altersvorsorge verschrieben – und spricht offen über die Fehler, die viele am Anfang machen. „Ich habe in den Jahren, in denen ich gegründet habe, wenig verdient und entsprechend wenig eingezahlt“, sagt er. „Das war ein Risiko, das ich bewusst eingegangen bin.“

Mit dem Thema Pension hat sich der gebürtige Däne nämlich schon zuvor beschäftigt. Sein Fazit: „Es hat sich für mich am Ende gelohnt – obwohl meine Firma später in Konkurs gegangen ist. Unterm Strich war es trotzdem die richtige Entscheidung. Aber das weiß man natürlich vorher nie.“ Finabro musste Insolvenz anmelden, Obling gelang allerdings ein Buy-out der Finabro Deutschland GmbH und der geistigen Eigentumsrechte.

Søren Obling hat 2017 in Wien Finabro gegründet – und damit selbst hohes Risiko genommen. | © Finabro

Der Finabro-CEO rät Gründer:innen, sich frühzeitig mit dem System auseinanderzusetzen. „Wer erfolgreich ist, sollte sich ein Gehalt zahlen, das zumindest an die Höchstbemessungsgrundlage herankommt – sonst lässt man staatliche Ansprüche liegen.“ Dass die staatliche Pension trotz aller Kritik keine schlechte Wette ist, argumentiert Obling so: Die Rendite, die man derzeit rechnerisch aus den Einzahlungen bekommt, sei im Schnitt höher, als viele glauben.

Die gesetzliche Pension sei derzeit – bis zu einem gewissen Grad inflationsgesichert und staatlich garantiert – oft stabiler als private Anlagen. Ökonomisch ist das aber kein Renditevergleich im klassischen Sinn: Das Umlagesystem funktioniert nicht über Kapitalverzinsung, sondern über Umverteilung zwischen Generationen. Langfristig hängt die „Rendite“ also weniger von den Märkten ab – sondern davon, wie viele Junge später noch einzahlen. Auch das birgt ein gewisses Risiko.

Obling nennt das System ein „Pyramidenspiel, das die nächste Generation bezahlt“ – aber eines, das man als Gründer:in trotzdem nicht ignorieren sollte. Wer etwas einzahlt, profitiert; wer es ganz lässt, riskiert Altersarmut. „Startup ist kein Lifestyle“, sagt Obling. „Wenn man nach ein paar Jahren kein Geld verdient – weder mit der Firma noch als Gründer –, dann sollte man sich einen Job suchen.“ Die romantische Vorstellung vom ewigen Hustle könne am Ende teuer werden: „Profitabilität ist kein Widerspruch zu Idealismus. Sie ist die Voraussetzung, dass man langfristig weitermachen kann.“

Vom Humankapital zum Finanzkapital

Trotzdem findet Obling es „völlig legitim, alles in seine Leidenschaft zu investieren“. Wer das machen möchte, muss trotzdem nicht ganz auf Sicherheit verzichten: Selbstständige können bei der SVS freiwillige Höherversicherungen abschließen oder nachträglich Versicherungsmonate nachkaufen, um Lücken zu schließen. Die SVS verweist darauf, dass sich frühes Einzahlen besonders lohnt: Jede Einzahlung wirkt sich unmittelbar auf die spätere Pensionshöhe aus. Auch die Kombination mit privaten Vorsorgeformen sei sinnvoll, betont die Versicherungsanstalt, um „die Einkommenssituation im Alter zu stabilisieren“. Denn das System geht davon aus, dass Einkommen und Beiträge mit den Jahren steigen. Aber nicht alle Startups schaffen das.

Trotzdem investieren Gründer:innen am Anfang oft alles in sich selbst: Energie, Mut, Ideen. „Mit 20 hast du 100 Prozent Humankapital und null Prozent Finanzkapital – mit 65 ist es umgekehrt. Genau das muss man verstehen“, sagt froots-Gründer Mayer-Heinisch.


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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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