23.02.2022

Aeiphoria übernimmt Bahnausstatter Seisenbacher nach Insolvenz

Aeiphoria Capital will als neuer Player am Private-Equity-Markt Eigenkapital und Familien- bzw. Mittelstandsunternehmen miteinander verbinden. Nun wurde der Bahnausstatter Seisenbacher im Zuges eines Insolvenzverfahrens übernommen.
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Thomas Maidorfer, Martin Wodak und Felix Porsche
© Aeiphoria Capital. V.L.: Thomas Maidorfer, Martin Wodak, Felix Porsche

Die 2021 gegründete Wiener Beteiligungsfirma Aeiphoria Capital wurde vom Gründertrio Thomas Maidorfer, Felix Porsche und Martin Wodak ins Leben gerufen. Bei ihrer Arbeit fokussiert sich das Team in erster Linie auf vollfunktionsfähige Familien- bzw. Mittelstandsunternehmen. Hier will man eine gute Alternative zur klassischen Bankenfinanzierung bieten und speziell die Herausforderungen von Mittelstandsunternehmen bei der digitalen Transformation und bei Innovationsinitiativen unterstützen. Ressourcen und Kapital sollen für neue Geschäftsmodelle und neue Produkte freigemacht werden.

Founder-Team mit Venture-Capital-Erfahrung

Das Gründer-Team hat verschiedensten Investment-Hintergründe und möchte mit Aeiphoria Capital und dessen unternehmerischen Fokus seine Kräfte bündeln. Es beschreibt seine Arbeit als langfristig orientiert und betont, weder an institutionelle Investor:innen noch an Fondsstrukturen gebunden zu sein. Stattdessen hätten sie privates Kapital, wo es ihnen als Investoren wichtig sei, dass das Investment nachhaltig funktioniere, erklären die Gründer. Für ihre Investment-Entscheidungen würden sie ihren Fokus auf Unternehmen legen, bei denen sie Potenziale aber auch Innovations- und Wachstumsmöglichkeiten sehen. Thematisch bringt Aeiphoria bereits eigenes Know-how aus den Bereichen Mobilität und Biotech bzw. Life Sciences mit und bezeichnet sich als techaffin.

Alle drei Gründer können bereits auf eine langjährige Venture-Capital-Erfahrung zurückblicken. Während Martin Wodak in den letzten 22 Jahren an über 20 Investitionen in unterschiedlichen Branchen von Baustoffen bis hin zu HighTech beteiligt war, baute sich Thomas Maidorfer in den letzten zehn Jahren ein Immobilienportfolio im Wert von 20 Millionen Euro auf. Mit dieser Erfahrung erarbeitete er sich ein breites Investment-Know-how. Der dritte im Bunde, Felix Porsche, startete wiederum 2015 als Business Angel. Sein Startup-Portfolio von mehr als zehn Investments baute er in den Branchen Künstliche Intelligenz, Impact und FinTech auf.

Aeiphoria übernimmt Seisenbacher

Die Tech- und Mobilitätsaffinität spiegelt sich auch in einer Investition in Seisenbacher wieder. Mit dem niederösterreichischen Bahnausstatter ergab sich im Rahmen eines Insolvenzverfahrens eine Vollübernahme. Man wolle einen innovativen und zukunftsorientierten Zulieferer aufbauen und weiterentwickeln, heißt es von Aeiphoria Capital. Im Bahngeschäft sehe man nämlich noch sehr viel Wachstumspotenzial. Maidorfer, Porsche und Wodak wollen Seisenbachers Transformation zum innovativen Anbieter von Komplettlösungen für die Schienenfahrzeugindustrie vorantreiben. „Seisenbacher ist ein Hidden Champion der zukunftsweisenden Mobilität. Die traditionsreiche Firma besitzt mit der Übernahme die Chance, zum wettbewerbsstarken Entwicklungspartner für Zughersteller und Bahnbetreiber aufzusteigen. Wir sehen große Wachstumschancen in Österreich, aber auch in Europa und Nordamerika“, meint Thomas Maidorfer.

Die eigene Rolle verstehe Aeiphoria dabei als Partner seiner Beteiligungsunternehmen. Die Private-Equity-Firma wolle nachhaltiges Wachstum und Transformation unterstützen und folglich eine aktive Rolle in der bevorstehenden Unternehmensentwicklung einnehmen. Die Investition sei somit als erster Schritt einer langfristigen unternehmerischen Partnerschaft zu sehen. Sowohl eine Standortveränderung als auch ein Arbeitsplatzabbau würden die neuen Eigentümer ausschließen. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Innovative Produkte für den Bahnverkehr

Das große Potenzial wird besonders mit der wachsenden Bedeutung des Schienenverkehrs durch die steigende Nachfrage nach nachhaltiger Mobilität in Europa und Nordamerika begründet. Mit Blick auf den Green Deal der EU wird diese Entwicklung beispielsweise bereits unterstrichen. „Damit die Schiene für den Kunden tatsächlich zum wichtigsten Verkehrsmittel wird, muss die Ausstattung der Züge auf die Bedürfnisse, den Komfort und die Sicherheit der Bahngäste optimal ausgerichtet sein. Mit unseren hochwertigen und nachhaltigen Lösungen im Interieur können wir dazu einen sehr wichtigen Beitrag leisten“, erklärt Seisenbacher-CEO Werner Pumhösel.

Das einzigartige Tischsystem für Passagiersicherheit sei hier ein Beispiel für die Innovativität des Unternehmens. Das CATS (Crash Absorbing Table System) genannte System werde in das Zuginterieur integriert und soll im Fall eines Zusammenstoßes die Aufprallenergie absorbieren und damit das Verletzungsrisiko für Passagiere minimieren. „Wir sind gekommen, um zu bleiben. Wir planen am Standort in Niederösterreich das Produktportfolio in Richtung innovativer Komplettlösungen weiterzuentwickeln“, erklärt Maidorfer mit Blick in die Zukunft.

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Ein Elektrobus der Belgrader Verkehrsbetriebe lädt an einer Schnellladestation von Siemens. | (c) Alexandra Polic

Belgrad steht. Auto an Auto schiebt sich durch die Stadt, dazwischen fahren Busse, die ihr erstes Leben woanders verbracht haben: in Deutschland oder in Österreich zum Beispiel. Manche tragen noch die alten Aufkleber. „Notausstieg” steht da auf Deutsch auf einem Fenster, mitten in Serbiens Hauptstadt.

Es verwundert also wenig, dass einem in neun Tagen in Serbien nur eine einzige Haltestelle mit E-Bussen auffällt. Immerhin gab es die zu Lebzeiten der nun serbischen Busse in deutschsprachigen Ländern kaum. Aufhalten lassen sich ausländische Firmen dadurch nicht. In Belgrad verkauft etwa der chinesische Konzern BYD Elektroautos. Nur: Auf der Straße sieht man kaum welche. Trotzdem sollen ausgerechnet hier, in einem Land mit fossilem Antrieb, neue Wasserstoffprojekte entstehen, gefördert aus europäischen Ländern, zum Teil sogar aus Mitteln der EU. Woran liegt das?

Europas große Wette auf grünen Wasserstoff

Zum einen drängen die Ziele: Bis 2030 will die EU zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoff selbst produzieren und ebenso viel importieren. So steht es im REPowerEU-Plan. Es ist eines der ambitioniertesten industriepolitischen Vorhaben der Union und ein zentrales Werkzeug, um im Wettbewerb mit den USA und China zu bestehen. Der Draghi-Report 2024 nennt hohe Energiekosten und Importabhängigkeit als Hauptgrund, warum Europas Industrie zurückfällt. Seine Forderung: dekarbonisieren.

Grüner Wasserstoff kann dabei helfen. Er funktioniert dort, wo direkte Elektrifizierung an Grenzen stößt, etwa in Stahl, Chemie, Schifffahrt und Schwerlastverkehr, und ersetzt fossile Importe. Er ist Klima-, Industrie- und Souveränitätspolitik in einem. Hergestellt wird er in Elektrolyseuren: Anlagen, die Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. Grün ist er nur, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne oder Wasserkraft stammt.

Aber der Hochlauf stockt. Die Produktion ist teuer, die Infrastruktur fehlt. 2024 waren in der EU laut European Hydrogen Markets Monitoring Report 308 Megawatt Elektrolysekapazität installiert. Vorgesehen waren 6.000. Bis 2030, so sieht es die EU-Wasserstoffstrategie vor, sollen es 40.000 werden.

Serbien: Ein Kandidat ohne Plan

Während Spanien als Vorreiter gilt und in Österreich mit 140 Megawatt die bisher größte Elektrolyseanlage des Landes entsteht, versuchen europäische Akteure auch den serbischen Markt zu erschließen. Dabei fehlt Serbien bis heute eine nationale Wasserstoffstrategie.

Politisch ist das Land seit 2012 EU-Beitrittskandidat und aktuell so weit von einer Mitgliedschaft entfernt wie lange nicht. Im jüngsten Fortschrittsbericht attestierte die EU-Kommission Serbien das schlechteste Zeugnis aller Kandidaten, die Reformen seien zum Stillstand gekommen. Proteste, Korruptionsvorwürfe und Neuwahlen Ende Oktober halten das Land in Aufruhr. Kann aus einem Beitrittskandidaten ohne Strategie ein Energiepartner werden? Und was heißt das für alle, die dort investieren wollen?

Im Navigator Business Center in Novi Beograd sind zahlreiche Unternehmen und Startups angesiedelt. | (c) Alexandra Polic

Keine Nachfrage für Wasserstoff

„Alle vier Jahre wird Wasserstoff zum wichtigsten Thema, und dann verschwindet er wieder von der Agenda. Gerade sind wir eher unten auf der Kurve. Die Investitionen rund um Wasserstoff sind so niedrig wie seit Jahren nicht”, sagt Rahul Mishra, Co-Founder von The Energy Bridge. Die Wiener Plattform bringt Forscher:innen, Unternehmer:innen und Investor:innen zusammen. „Serbien ist auf jeden Fall ein interessanter Ort für erneuerbare Energien. Was grünen Wasserstoff betrifft, bin ich mir allerdings nicht so sicher”, sagt Mishra. Grüner Wasserstoff mache nur dort Sinn, wo es bereits einen hohen Anteil an erneuerbarer Energie gebe.

Aber von Serbiens heimischer Energieproduktion entfielen laut Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) 2024 rund 70 Prozent auf fossile Brennstoffe, während Sonne, Wind und andere Erneuerbare zusammen nur etwa 1,4 Prozent beitrugen. Damit fehlt genau die Voraussetzung, die Mishra nennt. Dazu kommt ein Richtungswechsel in Brüssel: Mit ihrem im Juli präsentierten Elektrifizierungsplan setzt die EU-Kommission stärker auf Strom als auf Wasserstoff.

Tiefschwarz

Viele Menschen in Serbien sagen unabhängig voneinander das Gleiche: dass das Land tiefschwarz ist. Schwarz steht in diesem Fall für Kohle. Wasserstoff ist in Serbien ein Thema für einen kleinen Kreis von Fachleuten. Selbst manche Institutionen zeigten sich auf Anfrage überrascht, dass es solche Projekte im Land gibt. Das serbische Energieministerium hat auf Anfragen nicht reagiert.

Warum Projekte feststecken

Dabei haben in den vergangenen Jahren vor allem deutsche Firmen versucht, den serbischen Wasserstoff-Sektor aufzubauen. Laut Informationen der Deutsch-Serbischen Wirtschaftskammer (AHK) steckt ein Pilotprojekt gerade wegen regulatorischer Probleme in der Planung fest. Selbst für Pilotprojekte fehlen also Verordnungen, etwa zur Sicherheit.

Erst im Jänner hat Serbien ein nationales Gesetz zu CO₂-Emissionen eingeführt, das dem EU-Emissionshandel entsprechen soll. Wasserstoff fehlt darin, obwohl er unter den EU-Grenzausgleich CBAM fällt. Die Kammer hatte dessen Aufnahme in der öffentlichen Konsultation gefordert, blieb damit aber erfolglos.

Viele Ankündigungen, wenig Umsetzung

Ilija Batas-Bjelić forscht am Institut für Technische Wissenschaften der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SANU). Er modelliert Energiesysteme, mit dem seines Landes hat er sich umfassend auseinandergesetzt. Sein Fazit: „Im Grunde gibt es hier kein System.” Ein echtes Energiesystem verbindet viele verschiedene Komponenten zu einem funktionierenden Ganzen: Kraftwerke, Netze, Verbraucher:innen sowie unterschiedliche Sektoren wie Strom, Wärme und Transport. In Serbien fehlt diese Verzahnung bisher.

Laut Batas-Bjelić liegt das Land in der Energiewende rund zwanzig Jahre zurück, weil Kohle für das Finanzministerium die zentrale Einnahmequelle bleibt und notfalls sogar importiert wird. Das Energieministerium habe zwar viel Arbeit in Regulierung und Gesetzgebung gesteckt, aber für die Umsetzung fehle alles: das Geld, das Fachpersonal und die Infrastruktur. „Es gibt viele Ankündigungen, aber es passiert nichts”, sagt er.

Wer trotzdem baut

„Generell halte ich Wasserstoff für diese Region für etwas zu teuer”, sagt der Forscher. „Von Fall zu Fall kann sich Wasserstoff wirtschaftlich lohnen und für Banken finanzierbar sein”, erklärt er. Den Anstoß erwartet er vor allem von kleineren Unternehmen. Solarstrom und PV-Anlagen seien billig, die Gasversorgung bleibe unsicher. Wer eine eigene PV-Anlage betreibt, könne damit auch vor Ort Wasserstoff erzeugen.

Die Theorie bestätigt sich in der Praxis. Nach Informationen aus dem Umfeld der deutschen Entwicklungsbank KfW kommt derzeit nur ein Wasserstoffprojekt im Land wirklich voran: das eines privaten Transportunternehmens nahe Belgrad. Es will Strom aus einer eigenen Solaranlage in Wasserstoff für die eigenen Lkw umwandeln, die Tankstelle soll bis Mitte 2027 in Betrieb gehen. Das Projekt ist aus Eigenmitteln finanziert. Der Aufwand für Förderungen stand in keinem Verhältnis zur Summe. Wer in Serbien auf Wasserstoff setzt, ist bisher auf sich allein gestellt. Aber was heißt das für jemanden, der investieren will?

Wo der Markt wirklich liegt

Die Gesprächspartner:innen zeigen alle in dieselbe Richtung, und sie zeigt nicht auf Wasserstoff. Batas-Bjelić beobachtet, dass derzeit ausschließlich kleine Solarprojekte tatsächlich gebaut werden, während größere Vorhaben liegen bleiben, und erwartet den Anstoß von Unternehmen selbst. Wer in Serbien in Erneuerbare investieren will, muss also kleiner denken: bei Anlagen für den Eigenverbrauch von Betrieben.

Die Deutsch-Serbische Wirtschaftskammer verweist auf eine konkrete Lücke, die auch für österreichische Investor:innen interessant sein könnte: Deutsche Firmen haben in Serbien längst selbst Photovoltaik installiert und ihre Prozesse optimiert, um auf das CO₂-Grenzausgleichssystem CBAM der EU vorbereitet zu sein. Ihre kleineren serbischen Zulieferer haben das nicht. Deren Emissionen schlagen nämlich auf die Klimabilanz ihrer internationalen Abnehmer durch. Und genau dort sei Raum für Investitionen.

Für alle Bereiche rät Daniel Schaub von The Energy Bridge, lokale Akteure einzubeziehen. „Wenn die Community rund um ein Projekt dagegen ist, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Die Community einzubinden, senkt dieses Risiko, und das ist bei Investitionen wichtig.” Wissenstransfer und lokale Arbeitsplätze gehören für ihn dazu.

Bei grünem Wasserstoff ist Serbien noch nicht so weit. Wer dort trotzdem investieren will, sollte beim Fundament anfangen, gemeinsam mit den Menschen vor Ort.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026″ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

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