20.11.2023

6 Sportstrategien, die jede Führungskraft kennen sollte

Ferry Fischer, Wirtschafts-Coach und Sport-Mentaltrainer, erklärt im Gastbeitrag, was Führungskräfte sich aus dem Sport abschauen können.
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Ferry Fischer Sportstrategien Führungskräfte
Sportstragien lassen sich auch im Unternehmensalltag erfolgreich anwenden | Foto beigestellt

Im Spitzensport ist jede Woche Matchday – Höchstleistung ist Standard. Im Büro jedoch wird oft nur „gearbeitet“ statt gespielt, Potenziale bleiben ungenutzt. Was, wenn wir das ändern könnten? Was, wenn auch der Büroalltag zur Arena unserer besten Leistungen wird? Hier sind sechs Tipps, die den Sportsgeist ins Business bringen:


1. Spiel deine Stärken – jederzeit!

Was im Sport die Basis des Erfolgs ist wird im Büroalltag oft vernachlässigt, das Bewusstmachen und Einsetzen eigener Stärken. Reflexion und das Festhalten dieser Stärken in Schriftform sind unerlässlich. Als Führungskraft, der „Coach“ des Teams, solltest du die Stärken deiner Teammitglieder kennen und fördern. Dadurch entfaltet das Team sein volles Potenzial. 

Umsetzungs-Tipp: Wieso nicht für jede Stärke Karten schreiben und übergeben? Ich habe das bei den österreichischen Tischtennis-Spielern im Nationalteam vor einigen Jahren beobachtet. Die haben sich selbst die Karten im Training geschrieben und auch gegenseitig auf die Stärken aufmerksam gemacht. Diese Karten (in einer Box gesammelt) sind dann für den/die Mitarbeiter:in jederzeit sichtbar und auch für mich als Vorgesetzte:n. Die Karten machen es „offiziell“ und somit werden Stärken permanent zum Thema!

2. High Fives für die Seele – positives Feedback

Hast du schon von Teams gehört, die über sich hinauswachsen, weil sie in einer Atmosphäre der Wertschätzung agieren? Dies entsteht nicht zufällig, sondern wird bewusst kultiviert. Positives Feedback zu geben, auch bei Kleinigkeiten, sollte eine ständige Übung sein. Es motiviert, bietet Orientierung und bildet die Grundlage für ein Umfeld, in dem jeder bereit ist, sich voll einzubringen. Vergiss nicht: Energie folgt der Aufmerksamkeit!

Umsetzungs-Tipp: Eine der besten Übungen, die sowohl in Sport-Teams als auch in Business-Teams funktionieren, ist die folgende: Speed-Dating mit Wertschätzung: Jeweils 1 und 1 sitzen sich gegenüber in zwei Reihen. 45 Sekunden spricht der/die eine, darüber, was er/sie am anderen schätzt. Dann 45 Sekunden in die andere Richtung und dann Platz im Uhrzeigersinn wechseln, sodass jeder/r mit jeder/m spricht. Das hebt enorm die Stimmung und ist oft ein Ice-Breaker in die gewünschte Richtung. Ich habe das mit Hockeyspielern vor entscheidenden Spielen in der Champions-League durchgeführt und es hat unmittelbar danach im Spiel die positiven Effekte gezeigt. Es ist aber auch eine meiner Lieblingsübungen in Teambuildings, ganz besonders in Projekt-Teams.

3. Kenne deine Position – Klarheit über Rollen und Erwartungen

In jedem Meisterschaftsteam kennt jede:r Spieler:in seine/ihre Rolle. Dies zu gewährleisten, ist deine Aufgabe als Führungskraft. Rollen und Erwartungen müssen klar kommuniziert werden, denn nur wenn jeder im Team seine und die Rolle der anderen versteht, kann das Team funktionieren – besonders unter Druck. Stelle sicher, dass diese Rollenklarheit besteht und ständig aktualisiert wird, um im „Spiel“ des Business zu bestehen. 

Umsetzungs-Tipp: Jede:r im Team schreibt alle seine/ihre Rollen/Verantwortungen nach dem eigenen Verständnis auf Post-Its. (Da ist die Visualisierung, wie so oft, besonders wichtig). Ein Post-It pro Rolle/Verantwortung. Dann präsentiert jede:r die eigenen Rollen und die anderen können Fragen stellen. Bei Bedarf können Rollen oder Verantwortungen getauscht werden, weil ich damit nicht glücklich bin und der/die andere das besser könnte. Perfekt, denn dadurch steigt nicht nur die Performance, sondern auch die Zufriedenheit mit dem Job. Auf jeden Fall entsteht dadurch aber Klarheit für alle. 

4. Der Countdown läuft – setze klare Ziele

Jahresziele sind gut, Wochen- und Monatsziele sind besser. Sie sind wie die unmittelbaren Spielzüge, die zum Sieg führen. Fragen wie „Was kann ich diese Woche beitragen?“ halten das Spiel am Laufen. Unterstütze als Führungskraft die laufende Planung und die Festlegung von kurzfristigen Zielen, um den „Zug aufs Tor“ zu verstärken.

Umsetzungs-Tipp: Es klingt mühsam, sich Wochenziele zu setzen. Professionelle Sportler kennen das nicht anders, denn jede Woche zählt in der Vorbereitung. Es zahlt sich aus, denn es bringt mir Klarheit, zu wissen, was ich diese Woche beitragen soll für den Erfolg, den ich nächsten Monat anstrebe. Es motiviert vor allem, auf der Erledigt-Liste die durchgeführten Punkte abzuhaken. Das OKR-System (Objectives and Key-Results) funktioniert genau nach diesem Prinzip und hat Unternehmen wie Amazon, Google und viele andere erfolgreich gemacht. Probier es für ein Monat aus und beobachte die Wirkung! Oder vereinbare einen Test-Monat mit deinem Team wo alle, inkl. dir, das machen und neugierig auf die Effekte sind. 

5. Teamgeist im Tackling – Unterstützung und Improvisation

Das wahre Gesicht eines Teams zeigt sich in der Bewältigung von Herausforderungen. Nicht immer läuft alles nach Plan, und hier ist die Fähigkeit zur Improvisation und zur gegenseitigen Unterstützung gefragt. Profisportler/innen wissen, dass es keinen Perfektionismus gibt, nur die nächste Chance, das Beste zu geben. Diese Einstellung macht den Unterschied – sowohl auf dem Spielfeld als auch im Büro.

Umsetzungs-Tipp: In diesem Fall ist das Mindset im Problem-Fall gefragt: „Bin mal gespannt, wie ich/wir das trotzdem noch schaffen werden“ versus „Immer passiert uns das“. Der Erfolg wird als umso größer erlebt, je mehr Schwierigkeiten ich/wir auf dem Weg bewältigt haben. Menschen lieben im Normalfall Herausforderungen und du als Führungskraft solltest das immer wieder herausstreichen, dass die besten Teams – im Sport, wie in der Wirtschaft – die sind, die Unerwartetes bewältigen, weil sie ihre Stärken kennen und einsetzen, weil sie zusammenhalten und sich nicht von Schwierigkeiten entmutigen lassen. 

6. 5-Phasen Recovery – das Comeback nach dem Hinfallen

Die Sportwelt lehrt uns, mit Herausforderungen professionell umzugehen. 

  1. Akzeptiere die aktuelle Situation („face the brutal facts“), 
  2. Entscheide rasch („keine Entscheidung ist die schlechteste“), 
  3. Nutze deine Stärken (siehe oben, am besten jetzt die laufend gesammelten Karten ansehen), 
  4. Definiere den nächsten Schritt (und nur den nächsten!) und 
  5. Gib dein Bestes (vertraue auf die Prozessdynamik, d.h. wenn du im nächsten Schritt dein Bestes gibst wird etwas entstehen, das neue Möglichkeiten eröffnet und dann setzt du den nächsten Schritt darauf usw.) 

Diese 5-Phasen Recovery ist ein bewährtes Muster, das im Business ebenso Gold wert ist. Je öfter es geübt wird, desto routinierter wird das Team im Umgang mit Schwierigkeiten.

Umsetzungs-Tipp: Im Golf ist da oft der Caddy zuständig, den/die Golfer:in auf das Recovery aufmerksam zu machen, damit der Fokus wieder da ist. Im Business kann das die Führungskraft, aber auch die Team-Kolleg:innen sein. Oder noch besser, wenn hier die Rollen klar sind, über ein Buddy-System: Da wäre dann jede:r eine Art Caddy für jemand anderen im Team und sorgt dafür, dass der/die andere nicht die Nerven schmeißt, sondern das Recovery sauber anwendet. 


Dieser Artikel ist nicht nur ein Appell an die Führungskräfte da draußen – er ist ein Weckruf für alle, die im Büroalltag mehr erreichen wollen. Teile ihn, diskutiere ihn, lebe ihn! Denn am Ende ist es die gemeinsame Performance, die zählt. Bist du bereit für das Spiel?

Zum Autor

Seit über 25 Jahren begleitet Ferry Fischer Menschen und Teams auf ihrem Weg, ihr volles Potenzial zu entfalten. Sein Motto lautet dabei: „Da geht mehr!“ – und das mit einer positiven Grundhaltung. Als erfahrener Experte teilt er sein Wissen aus über 25 Jahren Führung, Coaching in der Wirtschaft und Mentaltraining aus dem Sport. 

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30.10.2026

Zwischen „Tagespresse-Meldung“ und „großer Chance“: Das sagt die Szene zum geplanten KI-Zentrum in Wien

Die Pläne der Bundesregierung für ein internationales KI-Zentrum unter dem Dach der UNO in Wien stoßen in der heimischen Tech- und Startup-Szene auf unterschiedliche Reaktionen. Während einige darin eine Chance sehen, Österreich als internationalen Standort für KI-Governance und Innovation zu stärken, hinterfragen andere den konkreten Nutzen und kritisieren die politischen Prioritäten. Ein Überblick.
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KI-Rechenzentrum Wien, UNO, UNO-Rechenzentrum
(v.l.o.) Manuel Mofidian, Mic Hirschbrich, Julia Eisner, Alexandra Ciarnau, (v.l.u.) Carina Zehetmaier, Jeanette Gorzala und Clemens Wasner. © Canva/Armin Hubner, zVg/ Women in AI/LinkedIn/paiper.one/Enlite.AI

Am Mittwoch schlug die Bundesregierung ein internationales KI-Zentrum in Wien vor. Es soll unter dem Dach der UNO angesiedelt werden und Staaten, Wissenschaft sowie Wirtschaft zusammenbringen, um das Potenzial von KI auszuloten, ihre Risiken zu erforschen und gemeinsame Standards zu entwickeln – brutkasten berichtete.


Wir haben uns in der heimischen Startup-Szene zu diesem Vorhaben umgehört und gemerkt, dass die Meinungen variieren: Es fallen Begriffe wie „Virtue Signalling“, globale KI-Governance, Antwort auf eine zentrale Machtfrage, Mehrwert und „Capacity-Building“.

Zehetmaier: „KI-Governance global denken“

Als ehemalige Vertreterin Österreichs und der EU bei der UNO in Genf weiß Carina Zehetmaier aus eigener Erfahrung, wie wichtig ein gemeinsamer Ort für die globale Zusammenarbeit zwischen Staaten sei.

„Die UNO hat mit dem Independent International Scientific Panel on AI und dem Global Dialogue on AI Governance bereits zwei wichtige Mechanismen für die globale KI-Governance geschaffen. Der erste ‚Global Dialogue‘ fand im Juli 2026 in Genf statt, womit die Stadt wichtige Vorarbeit geleistet hat. Wien besitzt nun die besten Voraussetzungen, um diese internationale Zusammenarbeit weiterzuentwickeln“, sagt die Vorsitzende der „Arbeitsgruppe 42“ bei Austrian Standards.

KI-Governance müsse ihr zufolge global gedacht werden – nicht nur aus der Perspektive einer einzelnen Region: „Gerade bei den leistungsfähigsten KI-Modellen brauchen wir internationale Zusammenarbeit, unabhängige Prüfungen und klare Verantwortlichkeiten. Als Gründerin von Humably – einem Startup, das Organisationen bei der verantwortungsvollen Entwicklung sowie beim Einsatz von KI unterstützt und Ausbildungsformate zur Stärkung menschlicher Aufsicht entwickelt – sehe ich sehr deutlich, wie wichtig es ist, Governance von Anfang an mitzudenken.“

Metriken und Evaluierungsmethoden

Dementsprechend bleibe es entscheidend, dass ein solches Zentrum — wie in Wien angedacht — nicht nur den globalen Dialog ermögliche, sondern konkrete Wirkung entfalte: durch unabhängige Prüfungen leistungsfähiger KI-Modelle sowie die systematische Erfassung und Untersuchung schwerwiegender Vorfälle, betont Zehetmaier.

„Darüber hinaus sollten wir international vergleichbare Metriken und Evaluierungsmethoden entwickeln, um auch die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI systematisch zu untersuchen – etwa auf Grundrechte, Chancengerechtigkeit, Diskriminierung, Umwelt, Arbeitsmarkt und demokratische Prozesse. Denn wir müssen nicht nur wissen, ob ein KI-Modell sicher funktioniert, sondern auch, welche Folgen sein Einsatz für Menschen und Gesellschaften hat.“

Für Österreich sieht sie in einem solchen Zentrum einen enormen Gewinn – volkswirtschaftlich, für den Innovationsstandort und für die internationale Rolle der Republik. „Es könnte hochqualifizierte Talente aus aller Welt nach Wien bringen, internationale Expertise bündeln und Österreich als Standort für die Gestaltung globaler KI-Governance stärken“, meint die KI-Expertin.

Wien als vielfältiges Ökosystem

Die Hauptstadt hätte dafür bereits ein vielfältiges Ökosystem aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen: Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) oder das IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers).

Dazu kämen Forschungsprojekte wie FAIR-AI, Vereine wie Women in AI Austria und AI Austria und politisch gestützte Initiativen wie ShegoesAI, die Diversität und gesellschaftliche Teilhabe in der KI vorantrieben: „Wir haben somit ein Ökosystem, in dem Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Standardisierung und Zivilgesellschaft bereits heute an der verantwortungsvollen Gestaltung von KI arbeiten.“

Digitaler Humanismus

Was Wien darüber hinaus besonders auszeichne, sei seine Tradition des Digitalen Humanismus.

„Ein Beispiel dafür ist das von Prof. Sarah Spiekermann-Hoff an der WU Wien entwickelte ‚Value-based Engineering‘, welches Werte systematisch in die Technologieentwicklung integriert. Damit existiert hierzulande ein starkes Fundament, um technologische Innovation mit Grundrechten und demokratischen Werten zusammenzudenken. Genau diese Perspektive sollte auch in der globalen KI-Governance eine zentrale Rolle spielen“, sagt Zehetmaier.

Wasner: „Schlechtes Timing“

Eine abweichende Meinung zu diesem Thema hat Clemens Wasner, Gründer von enlite.ai. Er sieht diesen Vorschlag als „typisch österreichisches Virtue Signalling“, also das öffentliche Zurschaustellen moralischer Werte.

„Im ersten Moment dachte ich, es handelt sich dabei um eine Tagespresse-Meldung“, sagt er. „Man hat das Gefühl, dass das Land den Bedeutungsverlust seit der Ära Kreisky nie ganz verwunden hat und deshalb immer wieder nach internationaler Bühne sucht. Wie schon beim Sitz im UN-Sicherheitsrat oder den täglichen Erasmus-Meldungen aus dem Außenministerium zeigt sich, dass die Regierung Schwierigkeiten hat, ihre Prioritäten richtig zu setzen. Dabei liegen diese auf der Hand: Budget und Wirtschaft fixen, ‚Ease of Doing Business‘ verbessern, Forschung und Innovation fördern. ‚Virtue Signalling‘ ist keine Standortpolitik. Ein UN-Kooperationszentrum bringt weder Investitionen noch Rechenkapazität noch Gründungen ins Land.“

Wasner sieht zudem vor allem das Timing dieses Vorschlags als „besonders unglücklich“ an: „Nur eine Woche nach der Ankündigung drastischer Kürzungen bei den Universitätsbudgets wirkt das ziemlich realitätsfern. Man fragt sich, ob die Regierung die richtigen Berater hat, wenn sie sich ausgerechnet bei jener Community Pluspunkte holen will, die sie künftig unterfinanzieren wird. Die Zeit wäre besser investiert in Themen, für die die Menschen diese Regierung tatsächlich gewählt haben. Die Niederlande haben gestern angekündigt mithilfe von KI 25.000 Beamte einzusparen zu wollen, Österreich will Brownie-Points (Anm.: zynischer Ausdruck, um sich bei Autoritäten einzuschmeicheln) sammeln.“

Gorzala: „Strategische Antwort auf zentrale Machtfrage unserer Zeit“

CEO und Founderin von Act AI Now und stellvertretende Vorsitzende des KI-Beirats der österreichischen Bundesregierung Jeannette Gorzala meint, dass die Skalierung exponentieller Technologien schlicht nach einer neuen geopolitischen Architektur verlange.

„Der Vorstoß, ein UN-Zentrum für KI-Kooperation in Wien anzusiedeln, ist eine strategische Antwort auf die zentrale Machtfrage unserer Zeit: Wie sichern wir Kontrolle, wenn die Entwicklungsgeschwindigkeit unsere Institutionen längst herausfordert?“

Wien bringe hierzu entscheidende Assets mit: „Etwa die etablierte multilaterale Infrastruktur eines UN-Sitzes, diplomatische Reichweite und die Tradition des digitalen Humanismus. Das Fundament ist da. Jetzt geht es darum, daraus einen globalen Hub für KI-Sicherheit und verantwortungsvolle Innovation zu formen“, sagt sie.

Diplomatie dürfe jedoch nicht zum Synonym für Langsamkeit werden. „Im Zeitalter immer leistungsfähigerer KI-Modelle ist ein institutioneller Debattierclub ohne operative Wirkung keine Lösung. Die Zukunft von KI-Technologie ist global. Ihre Sicherheit auch. Wien kann der Ort sein, an dem aus globaler Konkurrenz gemeinsame Verantwortung wird.“

Women in AI: „Mehrwert in internationaler Koordination“

Alexandra Ciarnau, Präsidentin, und Julia Eisner, Vizepräsidentin Women in AI, stehen dem Vorschlag der Regierung grundsätzlich positiv gegenüber. „Wenn es ein KI-Zentrum unter dem Dach der UNO wird, könnte der Mehrwert vor allem in internationaler Koordination, wissenschaftlicher Zusammenarbeit, Governance und ‚Capacity Building‘ liegen“, sagen sie. „Ein reines KI-Rechenzentrum wäre zu wenig und da stellt sich die Kosten-Nutzen-Frage. Das beginnt beim Infrastruktur-Ausbau und geht bis hin zu höheren Energiepreisen für Haushalte.“

Österreichs Pläne für ein internationales KI-Zentrum sollten ihrer Ansicht nach nicht allein als technische Sicherheitsfrage gesehen werden. Ebenso wichtig sei der Blick auf vertrauenswürdige und verantwortungsvolle KI.

„Außerdem ist fraglich, welche Aufgaben, Ressourcen und Entscheidungsbefugnisse das Zentrum tatsächlich erhalten soll. Wichtig wäre, dass es bestehende internationale Initiativen sinnvoll ergänzt und nicht lediglich eine zusätzliche institutionelle Ebene schafft“, sagen sie. „Ebenso braucht es transparente Entscheidungsprozesse, wissenschaftliche Unabhängigkeit und eine breite Beteiligung unterschiedlicher Akteur:innen.“

„Zivilgesellschaft einbinden“

Dabei müsse Österreich nicht bei null beginnen. Das Land verfüge über eine vielfältige Forschungslandschaft, europäisch vernetzte KI-Infrastrukturen und Initiativen wie die AI Factory Austria.

Diese Strukturen sollten der Women-in-AI-Führung nach von Anfang an strategisch eingebunden werden. Ein internationales Zentrum müsste dabei auf vorhandenen Stärken aufbauen und sie miteinander verbinden, raten sie.

„KI-Governance darf nicht ausschließlich von Regierungen, großen Technologieunternehmen und technischen Expert:innen geprägt werden“, so ihr Appell. „Auch die Zivilgesellschaft, unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und insbesondere bisher unterrepräsentierte Gruppen müssen eingebunden werden. Diversität ist dabei nicht nur eine Frage der Repräsentation, sondern auch der Qualität von Entscheidungen: Unterschiedliche Perspektiven helfen, gesellschaftliche Risiken, Diskriminierung und ungleiche Auswirkungen von KI frühzeitig zu erkennen.“

Hirschbrich: „Verankerung im diplomatischen Gefüge“

Mic Hirschbrich, Co-Founder von Apollo.ai sieht in diesem Vorhaben den Vorteil zusätzlicher Sichtbarkeit und eines breiteren Zugangs zu einem zentralen Thema unserer Zeit. „Es ist eine weitere Absicherung der Verankerung unseres Landes im diplomatischen Gefüge“, sagt er.

„Dazu werden wir im KI-Bereich die kommenden Jahre sehr viel Anstrengung brauchen. Ein Grundset globaler Spielregeln scheint mir fast noch bedeutender zu sein, als nationale oder kontinentale Alleingänge bei der KI-Regulierung. Als Land haben wir nach IAEO und Co. sicher die notwendige Glaubwürdigkeit und hätten damit dauerhaft wichtige KI-Player im Land, was sich auch auf den Standort positiv auswirken wird.“

Mofidian: „Einfluss nehmen“

Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian glaubt, dass Wien für die Entwicklung neuer Ansätze globaler KI-Governance eine „außergewöhnlich gute Ausgangsposition“ hat.

„Wir sind einer von vier großen Amtssitzen der Vereinten Nationen weltweit und der einzige innerhalb der Europäischen Union“, sagt er. „Hier treffen internationale Diplomatie, jahrzehntelange europäische Erfahrung mit Supranationalität und die österreichische Tradition der Neutralität aufeinander. Dazu kommt, dass Wien bereits ein international anerkannter Standort für die Bewältigung globaler technologischer Risiken ist. Denken wir nur an die Internationale Atomenergie-Organisation, die IAEA, die hier internationale Standards für nukleare Sicherheit entwickelt. Österreich hat bereits bewiesen, dass es durch Diplomatie, internationale Institutionen und politische Initiative weit über seine Größe hinaus Einfluss nehmen kann.“

Neutralität als Stärke für Glaubwürdigkeit

Auch sollte man Österreichs Neutralität wieder stärker als außenpolitische Stärke begreifen.

„Wenn die Neutralität, derzeit teils heiß diskutiert, weiterhin dem politischen Willen der österreichischen Bevölkerung entspricht, sollten wir sie nicht als eine Art politisches Sorglos-Paket verstehen, das uns vor den Konflikten der Welt bewahrt“, sagt er. Vielmehr könne sie dem Land bei globalen Herausforderungen helfen, als glaubwürdiger Initiator und Vermittler ernst genommen zu werden.

„Gerade bei Künstlicher Intelligenz sehe ich hier eine große Chance. Wir sprechen über ein potenziell wesentlich umfassenderes globales Risikofeld als etwa in der internationalen Luftfahrt. KI kann praktisch sämtliche digitalisierten Bereiche unserer Gesellschaft betreffen“, mahnt Mofidian.

Und er ergänzt: „Gleichzeitig zeigen uns die vergangenen Jahre, wie schnell klassische internationale Kooperationsmechanismen an ihre Grenzen stoßen, wenn fundamentale nationale Interessen aufeinanderprallen. Mein Ansatz wäre deshalb, die globale Erfahrung und den Kooperationsanspruch der Vereinten Nationen mit der europäischen Erfahrung aus der Supranationalität zu verbinden.“

Die EU habe seiner Ansicht nach über Jahrzehnte gezeigt, wie souveräne Staaten bestimmte Kompetenzen gemeinsam ausüben und verbindliche überstaatliche Entscheidungen ermöglichen können. „Warum sollten wir diese Erfahrung nicht nutzen, um für ausgewählte, besonders wichtige Fragen der globalen KI-Governance neue institutionelle Modelle zu entwickeln?“

Keine Weltregierung

Dabei gehe es ihm ausdrücklich nicht um eine Weltregierung oder um Überregulierung, sondern um verhältnismäßige Regeln und wirksame gemeinsame Strukturen zur Bewältigung globaler Risiken. „Vielleicht bietet uns Künstliche Intelligenz die Gelegenheit, an Österreichs internationale Tradition anzuknüpfen und Wien zu einem Ort zu machen, an dem nicht nur über globale KI-Herausforderungen gesprochen, sondern auch an neuen Modellen verbindlicher internationaler KI-Zusammenarbeit gearbeitet wird.“

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