23.02.2022

4 Resilienz-Hacks für die Zukunft von international widerstandsfähigen Startups

weGrow-Co-Founder Gernot Schwendtner erklärt im Gastbeitrag, mit welchen Strategien sich Startups für zukünftige Krisen rüsten können.
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Resilienz ist kein Zufall - es gibt klare Strategien, die zum Erfolg führen
Resilienz ist kein Zufall - es gibt klare Strategien, die zum Erfolg führen | (c) Adobe Stock - lassedesignen

Ist nach der Pandemie vor der Pandemie? In gewisser Weise: ja. Damit ist es an der Zeit, die Aufmerksamkeit auf Lerneffekte zu lenken und für die Zukunft zu lernen. In einer neuen Studie hat weGrow International sich mit Partnern angesehen, welche Strategien Start- und Scaleups besonders widerstandsfähig gemacht haben in Zeiten einschneidender Marktverwerfungen und Krisensituation.  

Flashback Februar 2020: Beim Ausbruch von Covid-19 standen Startups vor vielen Herausforderungen, mit denen einige besser umgegangen sind als andere. Viele Startups haben sich als anpassungsfähiger als ihre großen Corporate-Marktbegleiter gezeigt. Doch was ist ihr Geheimnis? Und was können wir daraus für aktuelle und zukünftige Krisen lernen?

Pandemie-Sieger – also Startups, die entweder eine rasche Anpassung oder sogar überdurchschnittliches Marktwachstum schafften – zeigen eine Mischung von verschiedenen Taktiken und ‚Resilienz-Hacks‘, die sie in vergangenen Krisen wie den ersten Pandemie-Lockdowns deutlich rascher wieder erfolgreich sein ließen und auch das zukünftige Wachstum prägen werden.

4 konkrete Resilienz-Hacks für die Zukunft

Welche Zugänge lassen sich also für die aktuelle und zukünftige Krisen mitnehmen?  Die gängigsten Strategien belastbarer Startups konzentrierten sich darauf, neue Kundenanforderungen durch digitale Transformationen, Kostenmanagement und Diversifizierung durch eine internationale Präsenz zu erfüllen, demonstriert eine aktuelle Studie internationaler Startups zu diesem Thema.

Beispiele gefällig?

Resilienz-Hack 1: In jeder Krise steckt eine Chance: Rasch handeln mit Fokus Produkt!

Ganz nach Charles Darwin’s ‚Survival of the most adaptable‘ haben viele Startups in der Anfangszeiten der ersten Lockdowns überdurchschnittlich viel in Produktentwicklung investiert. 58 Prozent der befragten Startups haben ihr Budget und Ausgaben dafür sogar erhöht. Tipp für die Zukunft: Rasche Budget-Shifts und eine klar angepasste Produkt-Vision kann ein Startup retten – und sogar zu zusätzlichen Produkt-Angeboten führen.

Besonders gute Beispiele sah man im Gastro- oder Tourismus-Bereich, wo viele kontaktlose Services weiterentwickelt oder angepasst wurden. 

Immanente Agilität, Geschwindigkeit beim Experimentieren und Anpassen, sowie Mut und ‚entrepreneurial Spirit‘ von Startups taten und tun natürlich ihr Übriges dazu, rasch und erfolgreich auf Disruptionen im Markt zu reagieren.

Resilienz-Hack 2: Finanzen und Ausgaben im Griff haben

‚Mo Money – Mo Problems‘, frei nach Sean Combs (aka Puff Daddy) stimmt in diesem Zusammenhang allerdings nicht. ‚No Money, mo problems‘ sollte es besser heißen. 

Runway als Zauberwort im Startup-Jargon heißt in einer Krisensituation, rasch einen deutlichen Überblick und Stufenplan für Budget-Shifts oder -Einsparungen zu haben. Je nach Funding-Status haben Startups oft einen Runway von sechs bis zwölf Monaten. 

Dennoch macht es Sinn, entsprechende Ausgaben im Personal-Bereich, Marketing, Remotework-Setup, Mieten und so weiter anzupassen. Nicht immer nur nach unten, sondern oft bewährt sich ein Shift zu anderen Marketing-Kanälen (offline zu noch mehr online) oder deutliche Investitionen ins Produkt, um Oberwasser zu behalten. 

Resilienz-Hack 3: Online first. Immer.

Absolut omnipräsent und unaufhaltbar: Der Shift zu Online. Wie, was? Sind nicht alle Startups per se online? Ja und nein, denn viele interne Prozesse, sowie Vertriebsaktivitäten und Events sind und waren offline. Wichtig: Mit der sogenannten ‚Buyer/Customer-Journey‘ im Mittelpunkt sollten alle Prozesse online-first aufgesetzt werden. 

Durch die zunehmende und erzwungene Digitalisierung wurden Unternehmen gezwungen, ihre Kundenbeziehungen anzupassen und ihre Produkt-, Vertriebs- und Marketingmethoden an neue globale Bedürfnisse anzupassen – was es ihnen ermöglichte, international oft ein noch breiteres Publikum zu erreichen.

Resilienz-Hack 4: Internationale Präsenz streut Risiko

Es klingt paradox: Startups, die international präsenter sind, meistern Krisen besser. Warum ist das so?

Zu Beginn von Covid-19 haben die meisten Länder ihre Grenzen geschlossen und das Reisen eingeschränkt. Eine harte Realität, insbesondere für schnell wachsende Startups.

Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Startups und Scaleups (rund 80 Prozent) die Internationalität als Schlüssel zum Erfolg während einer Marktstörung ansehen. Nur ein kleiner Teil der Startups hat die Investion in internationales Wachstum tatsächlich reduziert. Umgekehrt hielten oder erhöhten mehr als 80 Prozent der Unternehmen ihre Investitionen in die internationale Expansion.

Welche Vorteile ergeben sich daraus? Die Startups, die an ihren internationalen Expansionsplänen festhielten, sahen dies als Vorteil gegenüber Mitbewerbern: Erstens, eine breitere Risikostreuung durch diversifizierte Regionen. Zweitens, Vorteile in der Anpassung an Remote-Arbeitstrends und dem Finden sowie Beschäftigen von internationalen Talenten. Und drittens, eine erhöhte Sichtbarkeit gegenüber ‚langsameren‘ Mitbewerbern und oftmals Vor-Ort Einblicke in und Subventionen von lokalen Märkten, die anderen (noch) verborgen blieben.

Fazit

Darüber hinaus sahen diejenigen mit einer klaren internationalen Strategie, die in ihr Geschäftsmodell integriert ist, Chancen für Wachstum und Widerstandsfähigkeit während Covid-19. Mit Blick auf die Zukunft müssen Startups digitale Plattformen und ihre Pläne für die internationale Expansion beibehalten, um widerstandsfähig zu bleiben.

Zum Autor

Gernot Schwendtner ist Experte im Bereich Startups und Internationalisierung. Bevor er weGrow International (siehe unten) mitgründete, expandierte er mit TravelBird als Country Manager und VP International Marketing in 17 Märkte. Davor etablierte er für Medienunternehmen neue Geschäftsmodelle und einen Venture-Builder und war als Intrapreneur selbst Gründer eines Online-Reiseunternehmens und anderer eCommerce-Unternehmen. Er lehrte an der Fachhochschule St. Pölten Strategisches Management und ist zudem Mentor für verschiedene Startups in Europa und Nordamerika.

(c) weGrow: Florent Coudyser und Gernot Schwendtner

Über weGrow

weGrow International ist eine Beratungsfirma mit Sitz in Amsterdam, Berlin und Paris, die darauf spezialisiert ist, für Technologie-Startups und Scaleups, ein schnelles und nachhaltiges internationales Wachstum zu erzielen. Gegründet im Jahr 2018 von Gernot Schwendtner und Florent Coudyser, helfen die Experten von weGrow Gründern und Investoren bei der Erschließung neuer Märkte mit dem richtigen Fachwissen, Erfahrung, Netzwerk und Tools – sowie Fundraising und beim Finden von neuen Mitarbeitern und Talenten für die Expansion. 

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Das Helferline-Führungsteam (vl.) Janko Glavić (CTO) und die beiden Gründer Clemens Schmidgruber (CEO) und Alexander Niederhofer (COO) | (c) Helferline
Das Helferline-Führungsteam (vl.) Janko Glavić (CTO) und die beiden Gründer Clemens Schmidgruber (CEO) und Alexander Niederhofer (COO) | (c) Helferline

Wer zuhause technischen Support, etwa mit Internet, TV oder Smartphone braucht, bekommt vom Wiener Startup Helferline innerhalb weniger Stunden eine:n Techniker:in aus seinem flächendeckenden Netzwerk vermittelt. Das ist bereits seit der Gründung vor etwas mehr als zehn Jahren so, in denen mehr als 100.000 Personen das Service nutzten.

Zu diesem B2C-Angebot kam schon bald nach dem Start eine B2B2C-Schiene dazu. Mit A1, Magenta und Drei setzen die drei großen heimischen Mobilfunker ebenso bereits seit Jahren im Service auf Helferline, wie etwa MediaMarkt, Emporia, die Uniqa oder Assa Abloy.

„Wir hatten viele harte Jahre. Jahre, in denen wir uns kein Gehalt ausgezahlt haben“

Doch die betriebswirtschaftliche Realität hinter den großen Namen und beachtlichen Zahlen war über lange Zeit hinweg weniger rosig, wie die beiden Gründer, Clemens Schmidgruber und Alexander Niederhofer, im Gespräch mit brutkasten im Büro im 9. Wiener Bezirk erzählen. „Wir hatten viele harte Jahre. Jahre, in denen wir uns kein Gehalt ausgezahlt haben und in denen wir das Glück hatten, dass auch unsere Mitarbeiter so sehr an die Idee geglaubt haben, dass sie mehrmals längeren Verzögerungen beim Gehalt zugestimmt haben“, sagt Schmidgruber.

„Wir konnten auch nicht, wie andere Tech-Unternehmen, Corona mitnehmen. Auf uns hat sich das negativ ausgewirkt, die Nachfrage nach Vor-Ort-Service ist zurückgegangen“, ergänzt Niederhofer. Und Jahre der Dauerkrise hätten ihre Spuren hinterlassen. „Die Belastung ging bei mir bis zum Burnout. Und irgendwann sind wir an den Punkt gekommen, an dem wir gesagt haben: Wenn es zu Weihnachten immer noch so aussichtslos ist, hören wir auf.“

Das war vor rund zwei Jahren. Mittlerweile schreibt das Unternehmen monatlich sechsstellige Gewinne. Was ist also in der Zwischenzeit passiert?

Eine Reihe von Gamechangern

„Wir haben damals bei einem Event Hansi [Anm. Hansmann] getroffen und sehr offen mit ihm über die schwierige Situation gesprochen. Ihm hat die Idee immer noch gefallen, er hat Potenzial gesehen und meinte, man kann immer noch was machen“, erzählt Schmidgruber. Schließlich stieg das Hansmann Family Office über einen Secondary in das Unternehmen ein. „Wir haben davor oft versucht, Kapital zu raisen, sind aber gescheitert. Die Zahlen haben nie entsprechend ausgesehen, wir hatten kein Hockeystick-Wachstum. Aber Hansi ist jemand, der Chancen erkennt und einfach anpackt, und hatte damit – wie so oft – den richtigen Riecher. Das hat uns den Atem gegeben, doch noch weiterzumachen“, sagt Niederhofer.

Doch das war nicht der einzige Gamechanger für Helferline. „In den letzten Jahren haben alle direkten Konkurrenten in Mitteleuropa aufgegeben bzw. ihr Geschäftsmodell geändert, dadurch mussten alle Firmen mit Bedarf an Vor-Ort-Service zu uns“, so Niederhofer. Und dieser Bedarf bestehe durchaus. „Über Jahre hinweg haben die Anbieter immer mehr auf Plug & Play und do it yourself gesetzt und den Field Service abgebaut. Das hat sich als nicht richtig herausgestellt. Der Bedarf ist weiterhin da – auch in der Telekom-Branche. Auch 2026 kennen sich immer noch nicht alle mit Technik aus“, sagt der Gründer.

O2 wird zum großen Hebel

Und ein Großauftrag in genau diesem Bereich war es schließlich auch, der bei Helferline zum großen Hebel wurde. „Ende vergangenen Jahres haben wir mit einem riesigen Projekt für O2 begonnen. Der Anbieter schenkt jedem Neukunden einen Helferline-Einsatz – und das bei zehntausenden Neukunden im Monat“, erzählt Schmidgruber. Niederhofer ergänzt: „Mit diesem Angebot will O2 sich vom Wettbewerb absetzen und die Nummer 1 im Bereich Kundenzufriedenheit werden.“

Helferline habe die Aktion unter anderem einen Auftritt in deutschlandweiten TV-Spots und indirekte Werbung auf der Titelseite der Bild-Zeitung gebracht. Die Kapazitäten in kurzer Zeit für einen derartigen deutschlandweiten Auftrag auszubauen, sei aber alles andere als einfach gewesen, erzählt Schmidgruber und zeigt auf den „Schlachtplan“, der zur Erinnerung noch immer an der Bürotür im 9. Bezirk hängt: „Wir haben ja ein Freelancer-Modell. Wir mussten innerhalb weniger Wochen hunderte neue Techniker rekrutieren, onboarden und auf die Plattform bringen, um das Projekt abbilden zu können.“

Niederhofer führt aus: „Es war letztlich ein großer Team-Effort: Wir haben jede Menge Growth Hacks genutzt, haben Techniker als Promotoren an technische Unis geschickt, jedes schwarze Brett genutzt, Flyer verteilt und sogar Bierflaschen beklebt.“ Die teuerste Maßnahme sei das Engagement der größten deutschen Tech-Influencer gewesen. „Die haben uns dann auch über Nacht tausende Bewerbungen gebracht“, erklärt Niederhofer.

Doch bei diesem einen Großauftrag sollte es nicht lange bleiben. Gerade als das O2-Projekt in trockenen Tüchern war, sei bereits der nächste gekommen, erzählen die Gründer – und zwar auf ungewöhnliche Weise. „Es kam eine Mail an Alex [Anm. Niederhofer] herein, die auf den ersten Blick extrem nach Spam aussah“, erzählt Schmidgruber. Niederhofer führt aus: „Da schreibt jemand, der meint, er arbeitet bei Starlink und sie suchen jemanden, der die Installation für die Starlink-Satellitenschüsseln in ganz Europa übernimmt.“

Entgegen des ersten Impulses habe man die Mail ernstgenommen. „Wir haben uns gefragt: Ist es realistisch, dass unsere Techniker in Zukunft Sat-Schüsseln installieren, obwohl wir zu dem Zeitpunkt noch niemanden hatten, der das machen konnte? Sollen wir uns das trauen?“, erzählt Schmidgruber. Die beiden haben die Frage mit Ja beantwortet – ohne zu ahnen, was auf sie zukommen wird. Die Kooperation mit dem Musk-Unternehmen war von Anfang an nicht mit den europäischen Kooperationspartnern vergleichbar.

Niederhofer bringt ein Beispiel: „In einem Call wurde kurz darüber gesprochen, ob wir theoretisch die Logistik für Ersatzteile übernehmen könnten und wer unser Logistikpartner sei. Ein paar Tage später ruft mich unser Logistiker aus Deutschland an: Drei LKWs von Starlink stehen vor der Halle und wollen jetzt tonnenweise Hardware ausladen. Ohne jede Vorankündigung. Es gab zu dem Zeitpunkt weder einen Vertrag noch sonst etwas Schriftliches. Wir haben das dann mit den Amerikanern geklärt, die Ware übernommen und ein paar Tage später die erste Installation durchgeführt.“

Kurios sei auch gewesen, wie Helferline zu dem Auftrag kam: „Die amerikanischen Mitarbeiter haben einfach bei Claude eingegeben, welches Unternehmen im DACH-Raum diese Montagen am besten durchführen könne – und Claude hat geantwortet: Helferline“, erzählt Niederhofer. Das Service lief an. „Mittlerweile installieren wir in Deutschland und Österreich vierstellig Starlink-Schüsseln pro Monat – und es könnte bald fünfstellig werden“, sagt Schmidgruber. Und inzwischen installiert man schon erste Starlink-Antennen in Frankreich und den Niederlanden.

„Das war noch lange nicht alles“

Und die Welle an neuen Aufträgen reiße seitdem nicht ab. Weitere, teilweise noch größere Projekte seien bereits in der Pipeline oder unterschrieben und werden gerade vom mittlerweile 40-köpfigen Team umgesetzt. „Wir mussten so viele Hürden überwinden und sind einfach nur dankbar, dass wir jetzt eine so positive und spannende Zeit erleben dürfen“, sagt Niederhofer. Und Schmidgruber verspricht: „Aber das war noch lange nicht alles.“

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