07.07.2025
CORPORATE VENTURING

27pilots: Deloitte bringt „Baukasten-System“ für Venture Clienting nach Österreich

2015 bei BMW entstanden, ab 2018 als Ausgründung groß geworden und seit 2023 Deloitte-Tochter - nun will 27pilots mit seinem Venture-Clienting-Angebot die größeren mittelständischen Unternehmen Österreichs ansprechen.
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Martin Fink, CEO 27pilots, und Albrecht Rauchensteiner, Director bei Deloitte Österreich | (c) Deloitte
Martin Fink, CEO 27pilots, und Albrecht Rauchensteiner, Director bei Deloitte Österreich | (c) Deloitte

Wenn von erfolgreichen Modellen der Zusammenarbeit von Corporates und Startups die Rede ist, wird oft die BMW Startup Garage als internationales Beispiel genannt. 2015 vom damaligen BMW-Innovationsmanager Gregor Gimmy gestartet setzte sie auf einen neuen Ansatz im Corporate Venturing: ein Venture-Client-Modell. 2018 gründete Gimmy dann auf Basis der Erfahrungen das Unternehmen 27pilots, um den Ansatz zu weiteren Unternehmen zu bringen. Als Referenzen kann man heute neben BMW Unternehmen wie Bosch oder Siemens anführen.

Erst die Lösung, dann vielleicht eine Beteiligung

„Vor 15 Jahren war es ein gängiges Modell in der Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen mit Startups, erst einmal als Investor einzusteigen und dann diese Startups auch noch mit einer Partnerschaft in der Company unterzubringen“, erzählt Martin Fink. Er arbeitet seit knapp nach dem Start bei 27pilots und ist seit diesem Jahr CEO. „Damals bei der BMW Startup Garage war die Frage: Warum geht man zuerst dieses hohe Risiko eines Investments ein und schaut dann erst weiter? Das geht einfacher“, so Fink. Erst komme also die Lösung des Startups und damit eine Kunden(=Client)-Beziehung. Später könne noch immer ein strategisches Investment oder sogar eine Übernahme folgen.

27pilots adressiert in Österreich große Mittelständler

Übernommen wurde übrigens auch 27pilots selbst. 2023 kaufte Deloitte das Unternehmen. Und sorgt nun dafür, das Angebot auch verstärkt in Österreich zu positionieren. Bei Deloitte Österreich ist Albrecht Rauchensteiner dafür verantwortlich. Als Director beschäftigt er sich mit verschiedenen Corporate-Venturing-Themen und leitet unter anderem auch das Format „Austria’s Best Managed Companies“. Dort beschäftigt er sich mit den größeren mittelständischen Unternehmen des Landes, konkret mit jenen mit mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz. Diese will 27pilots nun auch als primäre Zielgruppe in Österreich adressieren.

„Finanzielle Fehltritte kann man sich immer weniger leisten“

„Man hört dort von allen Seiten, dass es einen brutalen Innovationsdruck gibt. Und der hat sich durch die Bedingungen in den vergangenen fünf Jahren noch deutlich verstärkt“, sagt Rauchensteiner. Der relativ risikoaverse Venture-Client-Ansatz würde sich für diese Gruppe perfekt anbieten. „Viele mittelständische Untenrehmen waren schon einmal bei einem Startup beteiligt und haben dort de facto Geld versenkt. Solche finanziellen Fehltritte kann man sich aber immer weniger leisten“, sagt der Deloitte Director.

„Lösen eines strategischen Problems mithilfe einer Lösung aus dem Startup-Ökosystem“

Doch wieso brauchen diese Unternehmen 27pilots, um Venture Clienting zu betreiben? „Wir haben nicht erfunden, dass man das Produkt eines Startups kaufen kann – das tun fast alle, ob sie es wissen, oder nicht“, sagt Martin Fink. Beim Venture-Client-Modell gehe es um viel mehr, nämlich „das Lösen eines strategischen Problems mithilfe einer Lösung aus dem Startup-Ökosystem“. Und hierfür wiederum brauche es im Unternehmen Strukturen. 27pilots liefere dafür ein „Baukasten-System“ inklusive Beratung und Software-Oberfläche. Man verstehe sich als „End-to-End-Provider für Venture-Clienting“.

Was bedeutet das im Klartext? „Es beginnt bei der Struktur, mit der man sich im Unternehmen dem Thema nähert“, sagt Albrecht Rauchensteiner. „Selten nähert sich jemand über die Fragestellung an: Was habe ich überhaupt für Probleme im Unternehmen, wo ich die Innovationskraft eines Startups brauche?“ Genau das brauche es aber im Venture-Client-Modell.

Nicht nur Matchmaking

Das Finden grundsätzlich passender Startups für das jeweilige Problem sei dann „die geringste Hürde“, sagt Martin Fink. „Es gibt durch zahlreiche Datenbanken eine massive Transparenz im Startup-Ökosystem“, sagt er. „Wir machen nicht nur Matchmaking. Der Unterschied, wenn wir ins Spiel kommen, ist der gesamte Auswahlprozess.“ Im Zentrum stünden dabei die richtige Bewertung und Validierung. „Es geht nicht nur um die technische Lösung. Das Startup soll auch stabil sein. Es soll ja nicht in Konkurs gehen, sondern man will gemeinsam global skalieren. Und auch kulturell muss man zusammenkommen“, so Fink.

„Geht nicht darum Lösungen von Startups zu nehmen, weil sie hipper sind“

Man sehe sich entsprechend auch in einer Vermittlerrolle, sagt Albrecht Rauchensteiner, etwa „zwischen einer scharfen Einkaufsabteilung und einem agilen Startup“. Und man fokussiere bewusst auf Startups mit einem gewissen Reifegrad, „die Resilienz und Kraft mitbringen“. Letztlich, meint Martin Fink, gehe es jedenfalls „nicht darum Lösungen von Startups zu nehmen, weil sie hipper sind, sondern weil es für die jeweiligen Probleme die besseren Lösungen sind“.

27pilots will erste Adresse für Venture Clienting in Österreich werden

Und was sind die Ziele am österreichischen Markt? „Es geht im ersten Schritt darum, Awareness zu schaffen“, sagt Rauchensteiner. „Und ein erheblicher Anteil der Unternehmen im Mittelstand findet das spannend und spitzt die Ohren.“ Hier gelte es, 27pilots entsprechend zu positionieren. „Ziel ist, dass jeder, der Venture Clienting machen will, uns zumindest als Sparring-Partner kontaktiert“, so der Deloitte-Experte.

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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