23.03.2021

„2 Minuten 2 Millionen“: Eine Million Euro für e-Bike-Startup

In dieser Folge von "2 Minuten 2 Millionen" ging es um Zahnzwischenräume, stylishe e-Bike-Hütten und Algenprodukte. Zudem machte sich ein Bastel-Startup Gedanken um die Freizeitbeschäftigung von Erwachsenen.
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(c) PULS 4/Gerry Frank - Das e-Bike-Startup I Bike-Box machte mit seinen Umsatzplänen starken Eindruck bei den TV-Juroren.
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Der erste auf der „2 Minuten 2 Millionen“-Showbühne war Franz Rathkolb aus Wien. Er hat mit Revodent ein patentiertes Produkt für die Reinigung der Zahnzwischenräume entwickelt. Seine Paste besteht aus kristallinem Marmormehl, das dem Zahn keinen Schaden zufügt. Diese wird auf den Zähnen aufgetragen und durch Pumpbewegungen im Mund gespült. Durch eine spezielle Schiene wird dafür gesorgt, dass das Produkt durch die Zahnzwischenräume strömen kann und diese dadurch von bakteriellen Belegen reinigt. Revodent wurde von der Universitätszahnklinik Wien drei Jahre geprüft und als wirkungsvoll und innovativ bezeichnet. Die Forderung: 150.000 Euro für 15 Prozent Anteile.

Individuelle Anpassung

Die Mundschiene wird einmalig individuell ans Gebiss angepasst, die Paste dann mit Wasser im Mund vermischt. Revodent soll vor allem auch bei Zahnspangenträgern sehr hilfreich sein. Das Produkt ist bisher noch nicht am Markt und soll mit Hilfe eines Investors bekannt werden.

Zwei Absagen

Der Gründer legte einen fehlerfreien Auftritt hin und schien so manchen Investor neugierig gemacht zu haben. Stefan Piëch allerdings hatte Sorgen, das Produkt am Markt platzieren zu können. Es würde schwer werden, die Leute davon zu überzeugen, dass sie Revodent brauchen. Hinteregger sah es ähnlich und ging ebenso ohne Angebot.

Wer will weniger?

Danach tuschelten Katharina Schneider, Martin Rohla und Alexander Schütz und stellten sich auf eine Bieterschlacht ein. Schütz legte mit 100.000 Euro für 35 Prozent Anteile los. Rohla dagegen wollte nur 30 Prozent für 100.000 Euro. Mediashop-Chefin Schneider erklärte, dass genau ihr Unternehmen die Aufgabe habe, schwer erklärbare Produkte vorzustellen. Und sie wollte allein einsteigen. Schneider bot 100.000 Euro für 15 Prozent, plus die gesamte Vertriebsleistung ihres Unternehmens.

(c) PULS 4/Gerry Frank – Mediashop-Chefin Katharina Schneider interessierte sich für schöne Zähne.

Rohla gab darauf zu, dass Schneider wirklich mehr Möglichkeiten habe zu helfen und zog sich zurück. Schütz bot dann 250.000 Euro für 25,1 Prozent. Daraufhin warb die Dame der Runde für Mediashop und sprach von einem „aufgelegten Elfer“ mit dem Produkt. Das half. Deal mit Schneider für Revodent.

Das Algen-Startup bei „2 Minuten 2 Millionen“

Die zweiten Teilnehmer bei „2 Minuten 2 Millionen“ waren Karl und Martina Pfiel. Mit Spirulix betreiben sie eine eigene Algenplantage in Niederösterreich und verarbeiten Algen zu unterschiedlichen Produkten weiter: Ihre Palette reicht von Schokolade über Cracker und Chips bis hin zu Nahrungsergänzungsmitteln. Die Forderung: 330.000 Euro für zehn Prozent.

Bisher 300.000 Euro Umsatz

Das Unternehmen verfügt über eine eigene Produktionsstätte und ein Forschungsglashaus. Vertrieben wird hauptsächlich über den Online-Shop; der Umsatz betrug 300.000 Euro. Man hoffe mit einem Investment auf eine Verdreifachung dieses Wertes.

Erster Erfolg

Die Alge Spirulina sei laut den Gründern das nährstoffdichteste Gemüse, das existiere. Und eigne sich deshalb zur Weiterverarbeitung in anderen Produkten. Während Pfiel erklärte, dass es hierzulande keine Konkurrenz gebe, meldete sich Markus Kuntke zu Wort. Der Trendmanager verteilte das Startup-Ticket für Billa und Bipa.

Drei Millionen Euro stecken in Spirulix

Die Founder erwähnten, dass im Unternehmen bereits drei Millionen Euro Kapital stecken würde, inklusive Arbeitszeit. Und, dass man mit bis zu zwei weiteren Millionen rechne, um die Produktionskapazität zu verdoppeln. Man habe zudem einen Kredit von 350.000 Euro bei einer Bank aufgenommen und habe eine FFG-Förderung von einer halben Million erhalten.

(c) PULS 4/Gerry Frank – Martina und Karl Pfiel haben bereits eine Menge Geld in ihr Algen-Startup gesteckt.

Bemerkenswert war, dass die Spirulix-Gründer sehr offen und souverän mit den Fragen der Juroren umgingen. Mitten drin schaltete sich plötzlich auch Daniel Zech von 7 Ventures zu. Er bot 700.000 Euro Medien-Budget für sieben Prozent an.

Der Unterschied zur Konkurrenz: Premium-Qualität

Alexander Schütz meinte, dass es bereits sehr viele Produkte mit Spirulina gebe. Er stieg aus. Danach übernahm Pfiel das Wort und erklärte, dass er Bescheid wisse, aber auch, dass es in Österreich eine Premium-Qualität brauche, die sie bieten, um erfolgreich zu sein. Zudem sei ihr Produkt IFS-zertifiziert.

Ein Kooperations-Angebot

Hinteregger zeigte sich beeindruckt, wusste aber, dass es sehr viel Kapital benötige, damit Spirulix größer wird. Daher verabschiedete sich als potentieller Investor. Martin Rohla sah es ähnlich und ging ebenso. Katharina Schneider bot zwar danach kein Cash, dafür aber eine Vertriebskooperation an. NutriBullet von Mediashop sind Shakes, aus denen man Smoothies machen kann. Die Investorin bot an, beim Verkauf Spirulix „dazuzupacken“.

Doch noch ein Cash-Angebot

Haselsteiner merkte als letzte Hoffnung an, dass die beiden Gründer sehr viele nette Worte erhalten haben. Aber kein Geld. Er bot 250.000 Euro für zehn Prozent. Und wolle aber vor Vertragsabschluss die Bilanz und den Business-Plan des Startups sehen.

Nach der Beratung kehrte das Spirulix-Duo zurück und lehnte Zechs Angebot ab. Man hatte die Befürchtung, dass man eine etwaige Nachfrage nach TV-Werbung nicht stemmen könne und wolle daher nicht unseriös erscheinen. Haselsteiner dagegen wurde ins Team aufgenommen. Deal für Spirulix.

In vier Jahren auf 25 Millionen Euro Umsatz

Die nächsten bei „2 Minuten 2 Millionen“ waren Gründer Michael Friesenbichler, Markus Preiss und Marketing-Chef Mario Kraussler mit E Bike-Box (aktuell iBike-Box). Dabei handelt es sich um ein smartes Verleihsystem von e-Bikes, die inklusive Zusatzequipment in einem energieautarken Holzcontainer verstaut werden. Bisher gibt es 32 Boxen mit rund 300 e-Bikes. Für kommende Saison sind 100 Boxen in Planung – bis 2025 möchte man mit 1.000 Boxen 25 Millionen Euro Umsatz machen. Die Forderung: 500.000 Euro für zehn Prozent Beteiligung.

Die Frage nach der Bewertung

Winzer Leo Hillinger kannte den Gründer, wie er erklärte, und hatte ihm geraten in die Sendung zu kommen. „Dann aber rufst du eine fünf-Millionen-Bewertung auf. Wie kommst da dazu?“, fragte er unmittelbar nach dem Pitch. Friesenbichler erklärte, dass sie mit den 100 fix vergebenen Boxen dann summiert über 130 hätten, alles schon vertraglich geregelt.

Boxen generieren Umsatz

Danach stellten die Gründer ihre Webseite und das Buchungs- und Paymentsystem vor. Und präzisierten ihr Geschäftsmodell. Die Boxen würden etwa bei Hotels stehen, sie würden Umsatz generieren, sobald der Gast ein e-Bike buche. Dem Hotelbetrieb selbst würden keine Kosten entstehen, im besten Fall gebe es sogar eine Provision von iBike-Box.

Verträge mit Hotels auf Mallorca stehen schon

Eindruck schindete Friesenbichler, als er vom Cash Flow erzählte. Der Profit betrug zum Zeitpunkt der Aufzeichnung 200.000 Euro und solle mit den weiteren 100 Boxen auf eine Million Euro anwachsen. Man brauche jetzt einen strategischen Partner, denn man wolle im Dach-Raum durchstarten. Zudem habe man bereits Verträge in Mallorca unterschrieben, einer Insel, die mit 300 Sonnentagen im Jahr gesegnet sei. Allein das würde einen höheren Umsatz ergeben.

Beeindruckte „2 Minuten 2 Millionen“-Investoren

Und es ging weiter mit dem Spiel „Investoren beeindrucken“. Als Schneider nach der „off-Saison“ fragte, wo keiner mit dem Rad fahre, erklärte Kraussler, dass man den Hotels und weiteren Interessierten, die es bereits gebe, die Möglichkeit biete die stylischen Boxen als Pop up-Store zu mieten. Zum Teil inklusive einer Umsatzbeteiligung.

Schneider bot als erste Kapital. Konkret: 200.000 Euro für zehn Prozent. Stefan Piëch zeigte sich als Fan der Elektromobilität und bot 300.000 Euro für zehn Prozent Anteile. Haselsteiner indes wollte 25,1 Prozent Beteiligung für 750.000 Euro. Hillinger meinte, er habe diesen „Move“ des finanzstarken Bau-Tycoons befürchtet und gesellte sich an das Ohr von Schütz.

Die Million wird geboten

Danach meinte der Winzer, er müsse die unterschriebenen Verträge für die Extra-Boxen und die Winternutzung sehen. Schütz und er boten dann für 25,1 Prozent eine Million Euro an. Der Neo-TV-Investor warb zudem noch damit, dass er unter anderem in Portugal ein Hotel habe, das so eine Bike-Box gebrauchen könnte.

Während der Beratung der Gründer redete Hillinger auf Haselsteiner ein, der sich spaßhalber aber eigentlich geschlagen gab. Danach kam es zum Millionen-Deal mit den beiden Investoren Hillinger und Schütz.

Basteln für Erwachsene bei „2 Minuten 2 Millionen“

Den Abschluss von „2 Minuten 2 Millionen“ bildeten Carina Morawetz und Tanja Tuschkany aus Niederösterreich. Sie präsentierten ihre Kreativ-Boxen von Craftzaloon. Auf der Website bieten sie Projekte für Erwachsene an, durch die nicht nur ein Ausgleich für den stressigen Alltag geschaffen werden soll, sondern auch die Kreativität ausgelebt werden kann. Kunden können online ihre gewünschte Projekte-Box bestellen und bekommen diese inklusive aller dafür benötigten Materialien direkt nachhause geliefert. Über den beigelegten Zugang zum passenden Onlinekurs wird das Kreativ-DIY-Projekt Schritt für Schritt von Anfang bis Ende begleitet. Die Forderung: 50.000 Euro für 15 Prozent Beteiligung.

(c) PULS 4/Gerry Frank – Tanja Tuschkany und Carina Morawetz, Gründerinnen von Craftzaloon.

Die Boxen kosten zwischen 39 und 179 Euro und beinhalten etwa Aquarell-Stifte, Stickutensilien oder Material zum Töpfern. Auch eine spezielle Überraschungsbox um 199 Euro ist im Sortiment des Startups. Über 80 Prozent des Materials stammt aus Österreich und Deutschland.

Tausende Frauen?

Haselsteiner stieg als erster aus, meinte aber, dass Tausende von Frauen diese Box haben wollen würden. Die Gründerinnen sollten bereit sein. Schütz ging ebenso, er habe keinen Bezug zum Basteln. Florian Gschwandtner lobte das Duo, er sei aber ebenso nicht in dem Bereich affin und machte kein Deal-Angebot.

Deal mit Mediashop

Auch Bernd Hinteregger meinte, er sei leider der falsche Partner. Somit blieb nur Katharina Schneider über. Die Mediashop-Chefin erfüllte die Hoffnungen der Gründerinnen und bot die 50.000. Euro für 15 Prozent. Deal für Craftzaloon.

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KI-Agenten
© Philipp Lipiarski - Elizabeth F. Churchill.

Auf der diesjährigen uxcon hielt Elizabeth F. Churchill eine Keynote über die Zukunft der Mensch-Maschine-Interaktion. Sie ist Professorin sowie Gründungsdirektorin des Fachbereichs für Human-Computer Interaction (HCI) an der MBZUAI in Abu Dhabi und zählt zu den prägenden Stimmen im Bereich Psychologie, Künstliche Intelligenz und Kognitionswissenschaften.

Bei Google, eBay und Yahoo tätig

Im Laufe ihrer Karriere baute sie Forschungsteams für Tech-Giganten wie Google, eBay, Yahoo und PARC auf. Für ihre Führungsrolle und ihren Einfluss auf die Tech-Branche wurde die Wissenschaftlerin vielfach ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem SIGCHI Lifetime Practice Award 2024.

In Wien erörterte sie in den Hallen der Hauptuniversität das Zusammenspiel von Mensch und Technologie und erklärte brutkasten gegenüber den fundamentalen Paradigmenwechsel, der aktuell die gesamte Software-Welt erfasst: den Aufstieg agentischer KI-Systeme. Dabei machte sie deutlich, dass dieser Wandel ein neues Verständnis von Kontrolle und Autonomie erfordert.

Vom Werkzeug zum Agenten: Der Unterschied

Die entscheidende Veränderung bei KI sei weniger, dass Systeme „bessere Antworten“ geben, sondern dass sie zunehmend selbstständig handeln könnten. Klassische Software – ob deterministisches Werkzeug oder reaktives KI-System – habe stets auf konkrete Eingaben des Menschen gewartet.

Ein KI-Agent dagegen bekommt ein Ziel und bestimmte Rahmenbedingungen und kann daraus einen adaptiven Ausführungsplan ableiten, Werkzeuge und APIs nutzen sowie mehrere Schritte selbstständig ausführen. Bei Multi-Agenten-Systemen arbeiteten mehrere solcher Agenten zusammen, oft als sich selbst korrigierende „Schwärme“, die asynchron im Hintergrund laufen.

Damit verändert sich auch die Rolle des Menschen „dramatisch“: Menschen bedienen das System nicht mehr zwangsläufig Schritt für Schritt, sondern würden zu einer Art „Flugdirektor“ (Supervisory UX), der Ergebnisse definiere und den Weg dorthin überwache. Diese Entwicklung bringe, Churchill zufolge, bisherige, starre Benutzeroberflächen an ihre Grenzen.

Ghost-State-Dilemma

Wenn Agenten im Hintergrund arbeiteten, drohe Nutzer:innen der Verlust des Kontexts – ein sogenanntes „Ghost-State-Dilemma“, bei dem nicht mehr nachvollziehbar sei, in welchem Zustand sich Prozesse aktuell befänden. Ein Kernrisiko dabei ist die unterschiedliche Entscheidungsarchitektur (Choice Architecture) von Mensch und Maschine: Während der Mensch bei Aufgaben – wie etwa einer Hotelbuchung – intuitive, visuelle und kontextuelle Nuancen (Größe des Zimmers, Lage) abwäge, operierten Agenten rein deterministisch anhand von API-Vorgaben.

Diese Diskrepanz kann dazu führen, dass Agenten durch kumulative Fehler vom eigentlichen Ziel abwichen oder APIs auf unerwartete Weise ausnutzten. Achtsam mit agentischen Systemen zu arbeiten, erfordere deshalb ein völlig neues Design-Paradigma: Autonomie müsse bewusst begrenzt und Kontrolle sichtbar gehalten werden, meint Churchill.

Kill Switches

Aus diesem Rollenwechsel leitet die Expertin konkrete Gestaltungsmechanismen ab: Vor kritischen Aktionen sollte der Mensch geplante Schritte in sogenannten „Trockenläufen“ (Plan Dry Runs) prüfen und freigeben können. Zudem brauche es klare und vor allem transparente Zusammenfassungen, sobald sich ein Prozess plötzlich ändert, sowie „Circuit Breaker“ (Kill Switches), um laufende Prozesse sofort zu unterbrechen, falls sie aus dem Ruder laufen.

Die zentrale Frage lautet somit für Churchill nicht mehr nur: „Was kann die KI?“, sondern: „Wie gestalten wir die Sichtbarkeit ihrer autonomen Entscheidungen – und wo muss der Mensch zwingend die Kontrolle behalten?“

„Je höher die Tragweite des Kontexts, desto weniger Autonomie sollte das KI-System bei kritischen Entscheidungen haben“, sagt sie. Wo genau diese Grenze verläuft, müssten KI-Designer für jeden Anwendungsfall neu bestimmen.

Die Falle der heimlichen Entmächtigung

Aus Churchills Sicht sei ein entscheidender Punkt, dass Unternehmen die Falle der „heimlichen Entmächtigung“ vermeiden müssten, also der stillen Einschränkung menschlicher Handlungsfähigkeit unter dem „Deckmantel der Bequemlichkeit“. Systeme sollten keine „undurchsichtigen Blackboxen“ sein, die allein Entscheidungen treffen.

Co-Governance als Notwendigkeit

Über einzelne Sicherheitsmechanismen hinaus brauche es laut Churchill zudem ein grundsätzliches Governance-Prinzip: Menschen gewöhnten sich zunehmend daran, mit Systemen über Gespräche einfache Aufgaben zu erledigen. Wenn es jedoch um wichtige oder emotionale Entscheidungen gehe, stießen sie schnell an ihre Grenzen. Deshalb müssten sie im Sinne von Co-Governance weiterhin informiert und in den Entscheidungsprozess eingebunden bleiben.

Churchills Erfahrung nach konzentriert sich die Industrie vor allem auf Leistungstests, gute Sprache und die Fähigkeiten von KI-Modellen. Dabei würde die langfristige Wirkung auf Menschen und Gesellschaft oft zu wenig berücksichtigt.

„Menschliche Erfahrung bleibt chaotisch, kulturell vielfältig und in gelebten Umgebungen verankert“, sagt sie. „Wir müssen den Fokus vom Bau von Generalisten-Modellen, die plausible Antworten produzieren, hin zur Entwicklung kulturell kontextualisierter und resilienter Werkzeuge verschieben, die echtes menschliches Aufblühen (human flourishing) und kritisches Denken unterstützen.“

Ratschläge für Startups

Laut Churchill sei es ein großer Fehler, generative KI als Ersatz für Fachwissen zu sehen. Sie sollte vielmehr dazu dienen, vorhandenes Fachwissen zu unterstützen und zu erweitern. Startups würden dabei oft ein zentrales Problem übersehen: Sie würden Foundation-Modelle in „Thin Wrappers“ verpacken (wie automatisierte Bewerber-Screenings oder Kundensupport-Bots), ohne robuste Schutzmechanismen einzubauen.

„So sahen sich beispielsweise Unternehmen wie die ‚National Eating Disorders Association‚ (NEDA) unmittelbar mit Gegenreaktionen konfrontiert, nachdem sie geschulte menschliche Mitarbeiter der Helpline durch einen KI-Chatbot ersetzt hatten, der innerhalb weniger Tage begann, schädliche Ratschläge zum Thema Diäten zu geben“, nennt sie ein warnendes Beispiel. „Unternehmen können erfolgreich sein, wenn sie KI direkt in spezifische, professionelle Arbeitsabläufe einbetten, beispielsweise indem sie das Modell als fachkundiges kollaboratives Gerüst behandeln, anstatt zu versuchen, die Fachkraft vollständig zu automatisieren bzw. überflüssig zu machen.“

„Ich vermeide gerne utopische und dystopische Visionen“

Neben der Gefahr, dass Menschen aus der Kontrolle gedrängt werden, sieht Churchill ein zweites Problem: die Eskalation des Wettbewerbs der Tech-Giganten rund um KI, die sie als berechtigte Krise innerhalb der Spitzenforschung bezeichnet.

„Leider übertreffen wettbewerbsorientierte Marktanreize die Governance-Mechanismen immer wieder“, sagt sie. „Es ist enttäuschend, dass dies der Fall ist. Aber das Problem als ein spekulatives Science-Fiction-Szenario des Aussterbens zu rahmen, kann von systemischen Schäden ablenken, die in Echtzeit stattfinden. Persönlich vermeide ich gerne utopische und dystopische Visionen. Daher bin ich weniger besorgt über eine sich selbst verbessernde Superintelligenz, die außer Kontrolle gerät, als vielmehr über den schleichenden Zusammenbruch institutioneller Verantwortlichkeit und die Übertragung lebensverändernder Entscheidungen an fragile, nicht nachvollziehbare statistische Systeme.“

Florieren kleiner Volkswirtschaften

Für Europa sieht Churchill in diesem „Rennen“ mit den USA und Asien „nicht alles verloren“, vielmehr bestehe der Fehler darin, die hochzentralisierten, rechenintensiven Foundation-Modelle aus Silicon Valley oder Shenzhen zu kopieren.

„Ich glaube, dass die Zukunft der KI auf Vertrauen, Präzisionstechnik, eingebetteter industrieller Automatisierung, souveräner Dateninfrastruktur und strikter regulatorischer Compliance (EU AI Act) beruht“, betont sie. „Kleine Volkswirtschaften mit hohem Vertrauen wie Österreich werden florieren, indem sie spezialisierte Nischen fördern. Wie etwa verifizierbare industrielle KI, menschenzentrierte Fertigungsautomatisierung, hochzuverlässige biomedizinische Werkzeuge und vertrauenswürdige Systeme des öffentlichen Sektors.“

Die Welt in fünf Jahren

Churchill wagt einen – wenn auch schwierigen – Blick in die Zukunft: „In fünf Jahren wird die Neuartigkeit von Konversationen hoffentlich nicht mehr so sehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen“, meint sie. „Hoffentlich werden wir erkennen, dass der generative Hype eine Infrastrukturphase für eine Ära hybrider kollektiver Intelligenz war. Die dominante Herausforderung wird nicht die technische Skalierung sein, sondern soziotechnische kognitive Architekturen. Und die Frage, wie wir das Bauen, Managen, Ausbilden, Kurskorrigieren und Steuern navigieren, wenn hybride menschlich-synthetische Agentenlogik in die grundlegende Struktur der täglichen Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens eingewoben ist?“

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