03.12.2015

Wien, Zürich, Vaduz: „Viele Startups gehen dann doch nach Amerika“

Drei Städte, keine davon in den Top-20-Hotspots für Startups. Woran liegt das und wie kann man das ändern? Gründer, Investoren und Rechtsexperten diskutierten über Rahmenbedingungen, Kultur und Gründertum.
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(c) HKSÖL/Lepsi . Ali Mahlodji auf der Bühne des Novomatic Forums

Startups sind zu einer wesentlichen Triebfeder der Wirtschaft geworden und jedes Land wäre gerne ein Magnet für Jungunternehmen. Dass das nicht so einfach ist, weiß man in Wien, Zürich und Vaduz – keine der Städte zählt zu den Top-20-Hotspots für Gründer. Die Schweizer Handelskammer lud daher Experten aus den drei Ländern ins Wiener Novomatic Forum, um den Gründen auf die Spur zu kommen.

Kultur der Zweifler

„Drei Faktoren bestimmen, ob es in einem Land viele Startups gibt: Talent, Geld und eine Kultur, die Gründungen zulässt“, meint Marie-Helene Ametsreiter vom Wiener Fonds Speedinvest. Daran, dass es an Talent nicht mangelt, zweifelte keiner der Diskutanten. Es sind die Rahmenbedingungen, die die Gründerlust schmälern. Einerseits fehle es an einer gründerfreundlichen Kultur: „Wenn du es nicht probierst, weißt du nicht, ob es funktioniert“, sagt Whatchado-Gründer Ali Mahlodji und spielt damit auf die vielen Zweifler an: „Ich wurde von allen Experten abgelehnt. Und nach ein paar Jahren bekam ich einen Preis für das beste Konzept am HR-Markt überreicht“.

Brauchen mehr Helden

Auch der Schweizer Simon May von Venturelab rät zum Sprung ins kalte Wasser. Besonders „frustrierte Manager“ hätten ein großes Gründerpotenzial: „Die ziehen ihre Anzüge aus und gründen in Jeans ein Unternehmen“. Es brauche Role-Models, ergänzt Ametsreiter in Hinblick auf Erfolgsgeschichten wie Runtastic: „Diese Helden sind wichtig, da sie nachgeahmt werden. Wir müssen nun versuchen, mehr solcher Helden zu erschaffen“.

„Ich versuche jedes Jahr eine halbe Milliarde in das System zu pumpen“

Das Problem ist natürlich nicht nur die Kultur: „Wo es sich spießt, ist die Anschlussfinanzierung“, so Ametsreiter. Während die Frühförderung in Österreich bereits gut ausgebaut ist, fehlt es Startups oft bereits im dritten Jahr an Finanzierungsmöglichkeiten. Dieses Problem kennt der Schweizer Business-Angel Christian Wenger auch aus seinem Land: „Ich versuche jedes Jahr eine halbe Milliarde in das System zu pumpen. Die Talente gehen sonst ins Ausland“, meint der Investor. Auch Ametsreiter bestätigt, dass die meisten Jungunternehmen nach der Markteinführung des Produktes nach Amerika gehen, wo wesentlich höhere Finanzierungsrunden möglich sind.

Die liebe Bürokratie

„Die Regelungen sind so hirnrissig, dass es schmerzt“

In Österreich kommt ein weiteres Problem dazu: die Bürokratie. „Das österreichische Arbeitsrecht ist ein einziger Unfall“, weiß Ernst&Young-Experte Wolfgang Ebner. Die Lohnnebenkosten und die Kosten für die Gründung einer GmbH gehören zu den höchsten in Europa. „Dazu kommt ein Paragraphendschungel, der von Behörden in Österreich oft sehr streng exekutiert wird“, so Ebner. „Die Regelungen sind so hirnrissig, dass es schmerzt“.

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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