02.09.2025
THEMENPARTNERSCHAFT

Der Disruption einen Schritt voraus

Venture Building ist eine Chance für etablierte Unternehmen, der potenziellen Konkurrenz zuvorzukommen – in der Umsetzung gibt es aber einige Herausforderungen: Dies zeigte ein Round Table, der im Rahmen der brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ mit Expert:innen von whataventure, Wien Energie und Raiffeisen Bank International (RBI) stattfand.
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vlnr.: Anja Hintermeier (Head of New Business & Venture Development, Wien Energie), Stefan Peintner (CEO und Managing Partner, whataventure) und Catalin Militaru (Corporate Venture Builder Lead, Raiffeisen Bank International) | (c) brutkasten
vlnr.: Anja Hintermeier (Head of New Business & Venture Development, Wien Energie), Stefan Peintner (CEO und Managing Partner, whataventure) und Catalin Militaru (Corporate Venture Builder Lead, Raiffeisen Bank International) | (c) brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.

Die brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ is powered by AKELA, Raiffeisen Bank International AG, UNIQA Insurance GroupMavie NextVerbund, whataventure — New business. Powered by entrepreneurs. und Wien Energie GmbH.

Neuartige Lösungen bauen – was bei Startups Teil der Definition ist, ist bei etablierten Unternehmen nicht selbstverständlich. Bisweilen ruht man sich darauf aus, dass das Kerngeschäft aktuell gut läuft. Doch nicht nur die berühmten Beispiele Kodak und Nokia mahnen zur Vorsicht: Disruption kann auch heute ganz große Tanker ins Wanken oder sogar zum Sinken bringen. Was tun?

„Ich glaube, dass der systematische Aufbau neuer Geschäfte etwas ist, das jedes Unternehmen für das langfristige Überleben tun muss; um Einnahmequellen zu generieren, um der Disruption einen Schritt voraus zu sein, um da zu sein“, sagte Stefan Peintner, CEO und Managing Partner der Wiener Agentur whataventure. Er diskutierte im brutkasten-Round-Table mit Anja Hintermeier (Head of New Business & Venture Development, Wien Energie) und Catalin Militaru (Corporate Venture Builder Lead, Raiffeisen Bank International) den Stand im Bereich Venture Building im Jahr 2025.

Unterstützung von oben

Im Frühjahr hat whataventure eine Studie zum Thema veröffentlicht (brutkasten berichtete), für die mehr als 50 ­Führungskräfte im deutschsprachigen Raum befragt wurden. Die Haupterkenntnis laut Peintner: Venture Building sei in eine neue Phase getreten und nähere sich – auch angesichts des makroökonomischen Drucks – stärker dem Kerngeschäft an. Die Zeit, „in der Teams Dinge ausprobieren konnten“, sei zu Ende. Projekte, bei denen die Verbindung zur Unternehmensstrategie für das Top-Management nicht klar sei, würden nicht mehr verfolgt; denn das Engagement des Top-Managements sei laut Studie der wichtigste Erfolgsfaktor: „97 ­Prozent der Teilnehmer geben an, dass das der Schlüssel ist“, führte Peintner aus.

Catalin Militaru konnte das mit Blick auf die Praxis bestätigen: „Ich glaube, auch wenn wir diejenigen sind, die tagtäglich daran arbeiten, sind Engagement und Anerkennung durch das C-Level bereits in den frühen Phasen wichtig, um die Vision, den Umfang, die Ziele und die strategische Richtung zu verstehen, in die wir gehen wollen.“ Auf der anderen Seite darf die Einbindung der Führungsebene nicht zum Bremsklotz werden. Anja Hintermeier betonte: „Einerseits muss klar sein, dass das C-Level die Gesamtrichtung vorgibt. Andererseits braucht es für Venture Building auch ein abgestecktes Budget und Vertrauen. Wenn es bei allem immer riesige Entscheidungsprozesse gibt, verlangsamt einen das. Die richtige Balance zu finden ist nicht so einfach, aber wirklich notwendig.“

Konkrete Ergebnisse

Und natürlich müssen die Projekte innerhalb eines gewissen Zeitraums konkrete Ergebnisse liefern. „Viele Organisationen haben vor fünf Jahren oder sogar etwas früher mit Venture Building angefangen, und jetzt, mit dem wirtschaftlichen Druck, werden viele Dinge infrage gestellt“, sagte Stefan Peintner. Anja Hintermeier konnte dazu aus der Praxis berichten: „Wir müssen auch mit kleineren Investitionen Ergebnisse zeigen, um klarzumachen, dass das, was wir tun, Sinn macht.“ Zugleich gelte es, diese schnellen Erfolge mit langfristigen Zielen, die verfolgt werden, auszubalancieren. Denn: „Unser Geschäftsmodell verschiebt sich natürlich und wir sehen es heute schon, dass sich auch die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden verschieben“, so Hintermeier.

Auch Catalin Militaru betonte diesen strategischen Aspekt: „Es ist sowohl für das C-Level als auch für uns als Venture Builder wichtig, ein richtiges Verständnis der Strategie und dessen zu haben, was wir in der Zukunft erreichen wollen, egal ob es ein Monat, zwei Monate oder fünf Jahre sind. Es braucht eine klare Sicht, damit wir schneller vorankommen.“

Das richtige Team

Um diese Ziele erfüllen zu können, braucht es natürlich auch die richtigen Leute – und dafür gibt es kein allgemeingültiges Rezept. „Für die frühe Phase braucht man etwa andere Leute als für die Goto-market- oder die Skalierungsphase“, sagte Anja Hintermeier. Ihr Venture-Building-Team sei entsprechend vielseitig. „Ich habe Leute, die bereits selbst gegründet haben, ebenso wie Leute, die aus der Strategieberatung kommen, und solche, die große Erfahrung im Venture Capital und im Strukturieren von Investments haben“, erläuterte die Expertin. Es brauche vor allem für die frühe Phase ein breites Skillset, alles müsse abgedeckt sein.

Catalin Militaru stimmte zu: Bei der Auswahl des Teams sollte man „Cherry Picking“ betreiben. Das Team müsse resilient sein – und seine Mitglieder auch bereit sein, die „Extrameile zu gehen“. Letztlich brauche es aber auch Leute, mit denen man durch das Corporate-Umfeld navigieren könne.

Und kann man aus all diesen Learnings eine Art Patentrezept für Venture Building ableiten? „Wir werden noch mehr Erkenntnisse gewinnen“, so Militaru auf die Frage nach einem Ausblick; die Entscheidungen würden immer fundierter. Doch, wie Anja Hintermeier es ausdrückte: „Es ist ein kontinuierlicher Lernprozess.“ Eines ist für die Expertin dabei aber bereits jetzt klar: „Es gibt keinen Einheitsansatz.“

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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