22.06.2021

EduTechs: Eine neue Größe im österreichischen Bildungsbereich

Es mag aufmerksame Leser wenig überraschen, dass das nächste heimische "Unicorn" nach Bitpanda aus dem EduTech-Bereich kommt. GoStudent ist nach dem "Series C-Investment" von 205 Millionen Euro nun 1,4 Milliarden Euro schwer. Eine Anerkennung für den ganzen EduTech-Sektor in Österreich.
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GoStudent - GoStudent-Gründer Felix Ohswald und Gregor Müller
(c) GoStudent - GoStudent-Gründer Felix Ohswald und Gregor Müller sind Treiber einer Bildungsdigitalisierung.

Es war, als ob jemand den „Turbo-Boost“ gezündet hätte – ähnlich wie in einer berühmten 80er-Jahre-Serie: Plötzlich gab es Lösungen, wo sie vorher nur am Rande gerade mal gesehen, geschweige denn akzeptiert worden waren. Wenn man etwas annähernd Positives aus der Covid-19-Krise mitnehmen möchte, dann die Entwicklungen in diversen technologischen Bereichen. Österreich entdeckte im vergangenen Jahr neue Möglichkeiten in der Bildungslehre.

Im kollektiven Gedächtnis verankert

Resilienz bedeutet, vereinfacht gesagt, auch unter schwierigen Bedingungen durchzuhalten und den eingeschlagenen Weg erfolgreich weiterzugehen. Eine bemerkenswerte Eigenart, die Anerkennung verdient und involvierte Unternehmen, Personen und ganze Bereiche schwerwiegende Hürden überstehen lässt – wie in der Coronakrise geschehen. Fast noch imposanter ist es für Beobachter allerdings, wenn in einer Pandemie ein ganzer Sektor erkennt, was möglich ist, und seine Präsenz derart steigert, dass er sich im kollektiven Gedächtnis von Gesellschaften einnistet – und dann auch bleiben und zu einem fixen Bestandteil einer Post Covid-Welt werden möchte. Die Rede ist von EduTech.

Edutech als Lichtblick

Die Erinnerungen daran verblassen schon leicht, sind aber als Gefühl noch immer präsent: Im März 2020, als der harte Lockdown verkündet wurde, der dann bis weit in sommerliche Tage hineinreichte, gab es neben der plötzlichen Umstellung auf „RemoteWork“ andere Anforderungen des Alltags, die es zu organisieren galt. Die wohl einschneidendsten davon betrafen Kinder: Geschlossene Schulen, ein Stopp der Bildung und Sorgen über verlorene Monate der Kleinsten verlangten nach innovativen Ideen und Lösungen, um etwa Homeschooling zu ermöglichen und zu organisieren.

Wie sich gezeigt hat und sich in der Retrospektive nun auch festhalten lässt, waren Österreichs EduTechs der oft herangezogene „Lichtblick am Ende des Tunnels“ in dieser schwierigen Frage. Besonders das Wiener Unternehmen GoStudent warf ein kräftiges Schlaglicht auf den heimischen Edutech-Sektor. Ein 70-Millionen-Euro-Investment Ende März für das Nachhilfe-Startup war nur der größte Höhepunkt für eine Branche, die sich bereits in den Monaten davor als einer der großen Krisengewinner und Coronaheld etabliert hatte. Und nun mit einem 205 Millionen Euro-Investment als „Unicorn“ zu den Größen dieses Landes zählt.

GoStudent-Gründer Felix Ohswald: „Nachhilfe um 50 Prozent gesunken“

Dabei ist GoStudent nur eines der „Educational Startups“, die seit mehr als einem Jahr verstärkt in den Fokus geraten sind. Und das, obwohl es dort mit Pandemiestart eine Entwicklung gab, die eigentlich Konträres erwarten ließ. „Das Suchvolumen im Netz nach Nachhilfe ist um 50 Prozent gesunken“, erklärte vor Kurzem noch GoStudent-Co-Gründer Felix Ohswald. „Mit dem Wegfall des Unterrichts ist der Druck weniger geworden. Wir konnten das gut durch Homeschooling kompensieren.“

„Distance Learning“ und technologisch unterstützter Unterricht scheinen nicht nur wegen dieses Beispiels und nach einer Eingewöhnungsphase kurz davor ein fester Bestandteil des Bildungsbereichs zu werden. Dies geht weit über beteiligte Eltern hinaus, die ihre Kinder in Schulschließungsphasen betreuen, oder Lehrer, die einer Digitalisierung des Unterrichts nicht ablehnend gegenüberstehen, sondern zielt in Richtung einer grundlegenden Werteveränderung dessen ab, wie Wissen vermittelt wird. Fox Education aus Wien etwa ist ein Startup, das es sogar schaffte, mit seinen Apps SchoolFox und KidsFox vom Bildungsministerium offiziell empfohlen zu werden.

Neue Phase für EduTechs beginnt

Die Folge: In den ersten Monaten der Krise konnte die Anzahl an Schulen, die auf die digitalen Services des Unternehmens setzen, mehr als verdoppelt werden. Inzwischen nutzen Tausende Schulen und Kindergärten SchoolFox und KidsFox – nicht nur im Inland. Gründer Julian Breitenecker meint, dass durch die Pandemie die Schulen digital ins kalte Wasser gestoßen wurden. „Der Bildungsbereich wurde binnen Wochen von der ‚Zettelära‘- ins App-Zeitalter katapultiert“, sagt er. Startups wie seines waren die Hotline für Schulen, die rasch Lösungen für die Kommunikation und das „Distance Learning“ gebraucht haben und damit binnen weniger Minuten losstarten konnten. Nun geht es um die nächste Phase der Transformation, die Konsolidierung heißt.

Ein Schritt in diese Richtung und eine weitere Folge der massiven Entwicklung von „Educational Technologies“ in Österreich ist die Schaffung der Initiative EdTech Austria Anfang dieses Jahres. Die neue bundesweite Plattform mit Sitz in Salzburg wurde von WKÖ, WKS, dem Innovationsservice für Salzburg ITG und dem Land Salzburg ins Leben gerufen und hat das „Who is who“ der Szene vereint – mittlerweile über 60 Mitglieder. „EdTech ist mehr als digitaler Fernunterricht in den Schulen, auch wenn dies derzeit die häufigste Anwendung ist. ‚Education Technology‘ wird schon bald in allen Bereichen des Lernens nicht mehr wegzudenken sein – in der Erwachsenenweiterbildung ebenso wie in der betriebsinternen Schulung, in der Hochschulausbildung wie in den Schulen oder der dualen Ausbildung“, erklärte dazu Projektleiter Hannes Aichmayr bereits im Februar.

Corona als Push

Auch wenn es so anmutet: Diese Salzburger Initiative ist kein „Corona-Baby“, sondern geisterte bereits seit 2015 in den Köpfen der Verantwortlichen herum, um auszuloten, inwieweit sich Österreich als Hub für „Education Technology“ positionieren könne. Anfangs noch ein Nischenthema, erwies sich Corona als der entscheidende Push, der dazu führte dass man sich darüber Gedanken machte, wie man die Entwicklung und Validierung neuer EduTech-Lösungen angeht und wie man Bildungseinrichtungen, Unternehmen und generell den ganzen Sektor voranbringt. Denn eines steht laut Aichmayr fest: „Durch die Pandemie gab es schnell viele ‚Hauruck-Lösungen‘, weil man rasch umstellen musste. Es kam zu einem positiven Ruck, was Ausstattung, Wi-Fi, Endgeräte und klassische Kommunikationssysteme betraf. Das sind die Themen, die bleiben werden“, weiß er, visiert aber zugleich auch etwas anderes an.

Großbritannien als Vorbild

Ihm und der ganzen Edutech-Szene geht es nicht nur um die „Awareness“ für digitale Möglichkeiten des Lernens, sondern um einen pädagogischen Wandel, um auch den Mehrwert aufzuzeigen, den es auf der Lernseite gibt. Post-Covid wird es darauf ankommen, digitale Lösungen anzubinden und die Lehrkräfte mitzunehmen. Dafür wird es Vernetzungsformate brauchen, die die Initiative EdTech Austria in Planung hat, um an positive Fallbeispiele wie etwa Großbritannien heranzukommen. In Österreich gibt es rund 100 EduTechs, die etwa 2.000 Angestellte beschäftigen und auf einen Jahresumsatz von rund 120 Millionen Euro kommen. Das Land von Queen Elizabeth hingegen weist knapp 600 EduTech-Unternehmen aus und erwirtschaftet dabei im Jahr beinahe vier Milliarden Euro. Dennoch sieht man, dass der heimische Markt wächst, viele EduTechs noch „early stage“ sind und sich der Zielgruppenfokus auf den Schulbereich richtet. 34 Prozent der Unternehmen bieten digitale Lösungen für Schulen bzw. Schülerinnen und Schüler an. Den zweiten Platz teilen sich Angebote für den Hochschul bzw. Uni-Bereich und das lebenslange Lernen (je 23 Prozent).

„Es muss jedoch festgehalten werden, dass vor allem der Hochschulbereich hierzulande von wenigen Unternehmen explizit adressiert wird. Viele EduTechs bieten jedoch zielgruppenübergreifende Lösungen an und sind daher auch diesem Markt zuzurechnen“, präzisiert EdTech Austria diese Zahlen. Digitale Lösungen für die berufliche Aus- und Weiterbildung folgen mit 20 Prozent dahinter auf dem vierten Platz.

Pandemie öffnet der Politik die Augen

Anna Ioratska, Mitgründerin und CEO von Robo Wunderkind, die auch im Beirat von EdTech Austria sitzt, hält fest, dass durch die Covid-19-Pandemie mehr Eltern und Regierungsverantwortliche die Dringlichkeit erkannt haben, die Schulen zu digitalisieren und die Bildung zukunftsgerecht zu machen. „Der Beweis dafür sind die neuen Initiativen MEGA Bildungsstiftung (Anm.: Initiative für Bildungsinnovation in Österreich) sowie das Entstehen eines Hubs wie EdTech Austria, die das Thema Digitalisierung in der Bildung in den Vordergrund rücken“, erklärt sie. „Jedoch muss man leider auch sagen, dass Österreich, wenn es um Digitalisierung von Schulen und pädagogischen Einrichtungen geht, europaweit immer noch kein Vorreiter ist. Es fehlt an der Ausstattung von Schulen sowie an der professionellen Unterstützung für Lehrpersonen, wie sie moderne Technologien in ihren Unterricht integrieren.“

Ioratska, die mit ihrem Startup Kindern das Programmieren durch Roboter näherbringen will, erkennt ein wachsendes Verständnis dafür, dass aufkommende Technologien wie Robotik und künstliche Intelligenz kein Fluch sind, sondern zur Bildung beitragen und einen bedarfsgerechten und hyperpersonalisierten Unterricht ermöglichen, bei dem Pädagogen mehr Zugang und Ressourcen haben. „Es wird allerdings entscheidend sein, dass EduTech nicht als Ersatz oder Wunderlösung verstanden wird, sondern als eine Ergänzung, die neue Methoden und Unterrichtsformen in die Schule bringt. Denn die Digitalisierung ist keine Zusatzaufgabe für Lehrende. Sie bringt Instrumente mit sich, die das Lernen natürlich machen und die Schüler in den Mittelpunkt stellen.

Dieser Artikel erschien zuerst in dem brutkasten-Magazin #12 (05/21) unter dem Titel „EduTechs als Helden der Krise“ und wurde für die Online-Fassung adaptiert.

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A1 Group CEO Alejandro Plater und A1 Group CTO Alexander Kuchar | (c) A1 Group
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„Als sich das Internet durchgesetzt hat, gab es ‚Greenfield-Unternehmen‘ wie Google, die keine Legacy hatten und etablierte Unternehmen wie Microsoft, die sich transformieren mussten. Jetzt sind wir in der gleichen Situation. Während OpenAI, Anthropic und Co. etwas komplett Neues aufbauen, müssen die bestehenden Player, wie etwa auch wir, die Transformation schaffen“, sagt Alejandro Plater, CEO der A1 Group, am Rande des A1 ICT Summit. Und er fügt an: „Microsoft ist diese Transformation damals sehr gut gelungen. Wir wollen wie Microsoft sein.“

ICT als entscheidender Wachstumsmarkt

Mehr noch als um die Herausforderungen, die KI innerhalb des Konzerns mit sich bringt, geht es für die Gruppe dabei darum, dem Markt zu liefern, was gebraucht wird. Das große Schlagwort lautet ICT mit umfassenden Cloud- und KI-basierten Angeboten für Unternehmen. Von 2021 auf 2025 wuchs der Gruppenumsatz in dem Bereich von 285 auf 573 Millionen Euro – eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 19 Prozent. Was das mit dem KI-Boom zu tun hat, bringt Plater auf den Punkt: „Wir sind groß und haben die Möglichkeiten, schnell auf alle Entwicklungen zu reagieren. Viele Unternehmen sind klein und haben diese Möglichkeiten nicht. Das ist eine große Chance für uns.“

„Souveränität heißt für uns in erster Linie: Du hast die Wahl.“

Eine Rolle spielt dabei natürlich auch das aktuell große Thema Digitale Souveränität. „Souveränität heißt für uns in erster Linie: Du hast die Wahl. Es gibt mehrere Alternativen und du kannst entscheiden“, erklärt Alexander Kuchar, CTO der A1 Group. Das trifft vor allem auf den Cloud-Bereich zu, wo man mit der Tochter Exoscale ein eigenes Angebot mit Data-Centern an zahlreichen europäischen Standorten hat, gleichzeitig aber auch Angebote der US-Hyperscaler vertreibt. „Es kommt hier immer auf die konkreten Kundenbedürfnisse an, welche Variante die sinnvollste ist“, sagt der CTO.

In Sachen KI setzt A1 dagegen primär auf Open-Source-Modelle, also einen genuin souveränen Ansatz. Dass diese technologisch nicht mit den Frontier-LLMs der US-Giganten mithalten können, sieht Kuchar wenig problematisch. Die Entwicklung verlaufe verschoben, aber parallel. „Was die Frontier-Modelle heute können, werden die Open-Source-Modelle in kurzer Zeit können“, so der CTO. Entscheidend seien die tatsächlichen Bedürfnisse der Unternehmenskunden – und hier spiele etwa auch die Abwägung zwischen Performance und Kosten eine große Rolle. Die Wahl falle daher oft bewusst auf schwächere Modelle, die den spezifischen Zweck aber – günstiger – erfüllen.

Strategie: Leute vor Ort

CEO Plater sieht das Thema aus der Vogelperspektive: „Es geht nicht primär um die Technologie. Es geht um das Leadership in den Unternehmen.“ Entscheidend sei, wie die Technologie operativ ankomme und es gelinge, die ganze Organisation mitzunehmen. A1 setzt dabei auf Präsenz in seinen Märkten. „Es ist überraschend, wie unterschiedlich unsere Märkte sind. Wenn ein US-Player kommt, und den Unternehmen erklären will, wie sie ihr Business zu führen haben, wird das nicht funktionieren“, sagt Alexander Kuchar. Und Plater ergänzt: „Das ist unsere Strategie: Wir haben Leute vor Ort, die die Sprache sprechen. Wir haben Callcenter und Techniker, die zu einem kommen. Bei den Hyperscalern erreichst du niemanden.“

Dass die besagten Callcenter schon in absehbarer Zeit nicht mehr mit Menschen, sondern mit KI-Agenten besetzt sein werden, ist für den CEO gleichzeitig eine Selbstverständlichkeit: „Die KI passt sich sogar an den spezifischen Dialekt der Anrufenden an. Menschen können es damit nicht aufnehmen“, meint er. Und ob aber Kund:innen nicht dennoch mit echten Menschen sprechen wollen? „Man wird nicht erkennen, dass es eine KI ist“, so Plater, „bloß, wenn die Regulatorik vorschreibt, das schon bei Gesprächsbeginn kenntlich zu machen.“

Generell sei die Regulatorik auch etwas, das ihn beschäftige, sagt der CEO, konkret die Unterschiede zwischen den Ländern bzw. den Großregionen: „So viel ist klar: Die weniger regulierten bewegen sich schneller – im Positiven wie im Negativen – und die stärker regulierten bewegen sich langsamer – im Positiven wie im Negativen.“

„Je weniger Systeme, Tools und Prozesse man hat, desto einfacher ist es zu kontrollieren.“

Ein großes damit verbundenes Thema ist die Sicherheit. „Wir arbeiten mit mehreren Strategien daran, die Cyber-Security stetig zu verbessern“, sagt dazu Plater. Erstens versuche man etwa, wo es gehe, zu vereinfachen. „Je weniger Systeme, Tools und Prozesse man hat und je simpler alles ist, desto einfacher ist es zu kontrollieren.“ Zweitens habe man eigene Teams, die ständig die neuesten Entwicklungen im Auge behielten und solche, die konstant Angriffe auf das eigene System simulieren, um Lücken zu finden. Auch hier sieht der CEO eine große Chance für die A1 Group, die CTO Kuchar benennt: „Wir bieten hier maßgeschneiderte Lösungen für KMU.“

Und wie sieht es mit den zuletzt vielfach kolportierten globalen Bedrohungsszenarien durch KI aus, die bis zur befürchteten Auslöschung der Menschheit gehen? „Ich bin nicht sehr fatalistisch bei dem Thema“, sagt Plater. Man müsse solche Szenarien schon in Perspektive setzen. „Was sind die tatsächlichen Möglichkeiten, die so drastisch sein könnten? Das ist für mich eher Science Fiction. Aber wer weiß, vielleicht irre ich mich.“

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