22.02.2022

WeAreDevelopers-Co-Founder zum Fachkräftemangel: “IT-Recruiting ist harte Arbeit”

Im Interview analysiert Benjamin Ruschin die Ursachen des IT-Fachkräftemangels und spricht mögliche Lösungen an.
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Benjamin Ruschin ist Co-Founder von WeAreDevelopers und Big Cheese Ventures © Katharina Schiffl
Benjamin Ruschin ist Co-Founder von WeAreDevelopers und Big Cheese Ventures © Katharina Schiffl

2017 hat Benjamin Ruschin gemeinsam mit Thomas Pamminger und Sead Ahmetovic WeAreDevelopers gegründet, um Unternehmen dabei zu unterstützen, Programmierer zu finden. Daraus wurde mittlerweile eine der größten Dev-Communities der Welt. Im Interview spricht Ruschin mit dem brutkasten darüber, was die Ursachen für den Fachkräftemangel sind, der in der IT besonders stark zu spüren ist, und warum sich Unternehmen im IT-Recruiting so schwer tun.

Der Fachkräftemangel hat die Wirtschaft fest im Griff. Du beschäftigst dich schon sehr lange mit einem ganz speziellen Fachkräftemangel, nämlich dem in der IT – seit wann und wie kam es dazu?

Benjamin Ruschin: Unsere Digitalagentur Vienna Digital hat Projekte rund um Websites und Apps gemacht. Unsere Kunden hatten aber auch bei eigenen Projekten selbst den Lead und haben uns nach Entwicklern gefragt. Zunächst haben wir Freelancer mit einem kleinen Aufschlag auf Stundenbasis vermittelt. Irgendwann hat das nicht mehr genügt. Also haben wir begonnen, uns mit dem IT-Recruiting-Markt auseinanderzusetzen. Es gab hunderte Recruiting-Agenturen in DACH. Auffällig war, dass die alle dasselbe machen. Sie akquirieren Kunden, die IT-Personal suchen. Dann schreiben sie die Stellen auf Jobplattformen aus und machen Active Sourcing über LinkedIn und Xing. Alle schreiben auf diesen Plattformen dieselben Leute an, nämlich die wenigen Entwickler, die LinkedIn und Xing verwenden. Entwickler hatten keinerlei emotionale Bindung zu diesen Agenturen. 

Wir haben uns gedacht, das müssen wir ganz anders aufziehen, wenn unser Ziel ist, Arbeitgebern qualifizierte IT-Fachkräfte zu bringen. Wir müssen etwas schaffen, was die Developer cool finden. Für uns war klar: wir machen geile Events. Dort können sich Entwickler vernetzen, coole Speaker treffen und auf einer geilen Afterparty feiern. Wenn wir mit einer solchen Community Erfolg haben, werden wir auch auf der Arbeitgeberseite Erfolg haben. Der Content, den wir mit WeAreDevelopers dann produziert haben, musste auch immer genau auf die Bedürfnisse passen – wenn ein Unternehmen SAP-Entwickler gesucht hat, mussten wir SAP-Content produzieren. Wir haben eigene Konferenzen für JavaScript oder Python. 

Was sind die großen Erkenntnisse über den IT-Fachkräftemangel aus dieser Zeit?

Was viele Arbeitgeber noch nicht verstanden haben: Softwareentwickler verbindet eine große Leidenschaft für das Thema, die über den Job hinausgeht. In der Regel haben sie eine hohe kognitive Kompetenz. Das sind einfach smarte Leute. Was sie tun, erfordert logisches Denken, was in vielen anderen Berufsgruppen nicht der Fall ist. Viele Arbeitgeber tun sich noch immer sehr schwer, diese Zielgruppe zu verstehen und gezielt anzusprechen. Dafür fehlt ihnen auch die Ausbildung. Wenn du die Sprache der Zielgruppe nicht sprichst, wirst du sie nicht erreichen können. 

Was denkst du sind die Ursachen dafür, dass es weniger IT-Fachkräfte gibt als Unternehmen brauchen?

Als ich das letzte Mal vor ein paar Jahren mit dem Dekan der TU Wien gesprochen habe, haben wir darüber diskutiert, dass die TU die Aufnahme von Studienanfängern eingeschränkt hat. Das Angebot auf der Ausbildungsseite ist viel zu gering. Was gut funktioniert sind HTLs und FHs. Wirklich gute Entwickler bringen sich das Coding meist selbst bei und zwar in der Regel bereits in einem sehr jungen Alter. Es bräuchte aber noch ein viel breiteres Angebot aus unserem Bildungssystem, auch kürzere Kurse, die früher greifen. Drei Jahre Informatik sind sicher gute Grundlagen, aber da kommen keine Programmierer heraus. Aus der Privatwirtschaft gibt es immer mehr Kurse und Kurzprogramme, die nach einem Jahr Junior Developer hervorbringen. Das ist aber viel weniger als der Markt tatsächlich braucht. Auch die schulische Bildung sollte da schon zumindest Anreize und Inspiration bringen. 

Soll jedes Kind Programmieren lernen?

Jedes Kind sollte die Möglichkeiten aufgezeigt bekommen und eine gewisse Basis wie algorithmisches Denken mitbekommen. Schülern könnte man zumindest erklären, wie Software funktioniert. Auch der NoCode- und LowCode-Trend kann in der Bildung eine gute Richtung sein. 

Zu LowCode und NoCode: Werden wir in Zukunft überhaupt noch so viele Programmierer brauchen oder schreibt Software sich irgendwann selbst?

Auf jeden Fall. Mit LowCode und NoCode ist nur die Basis möglich. Wirklich komplexe Programme wird man damit nie entwickeln können. 

Wir haben am Arbeitsmarkt die Situation, dass sehr viele Stellen offen sind, gleichzeitig aber auch sehr viele Menschen arbeitslos sind. Sehr oft sind Arbeitslose für die vielen offenen Stellen falsch qualifiziert. Wie könnte deiner Meinung nach eine Umschulung gelingen?

Es stellt sich schon die Frage, warum diese Menschen arbeitslos sind. Wenn jemand etwas lernen will und die kognitiven Fähigkeiten hat, sollte man diese Chance nutzen, sie ausbilden und ihnen Stellen geben, die ihrem Level entsprechen. Langzeitarbeitslose werden wahrscheinlich nicht auf die Schnelle zu KI-Experten. Ich kenne aber durchaus einige Menschen, die aus einem ganz anderen Bereich kommen und jetzt Programmierkurse und Data-Science-Kurse gemacht haben und die mittlerweile eine Qualifikation haben, die mit Bachelorabsolventen aus diesem Bereich vergleichbar ist. 

Und was wollen die Devs selbst? Wie können Unternehmen sie besser ansprechen?

Wir haben bei WeAreDevelopers Jahre gebraucht, um Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass sie Kanäle brauchen, die gezielt IT-Developer ansprechen. Immer mehr Arbeitgeber merken nun selbst, dass es nicht funktioniert, solche Stellen in allgemeinen Jobportalen auszuschreiben. IT-Recruiting ist harte Arbeit. Man muss Content produzieren und in die Communities eintauchen. 

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Das Zyglox-Team in Graz, in der Mitte die Gründer Jakob Moder (links) und Erik Gerstl (rechts). © Zyglox

Rund die Hälfte der Lifecycle-Kosten eines Zuges entfällt auf die Wartung, und davon wiederum mehr als die Hälfte auf Räder, Achsen und Fahrwerk, sagt Jakob Moder. Wie stark diese Bauteile im Betrieb tatsächlich belastet werden, wird bisher aber kaum gemessen. Der Grund ist simpel: Es fehlt an präziser Messtechnik, die im Dauerbetrieb einsetzbar ist. Das Grazer Startup Zyglox will das ändern.

„Die Eisenbahn ist nicht ins 21. Jahrhundert gekommen“

Der Name ist ein Wortspiel: Zyglox, gesprochen „Zügloks“, steht für Messtechnik für Züge und Loks. Dahinter stehen Jakob Moder und Erik Gerstl, die zuvor gemeinsam in der Messtechnik gearbeitet haben. Moder wechselte später in den Eisenbahnbereich und erlebte die Lücke dort aus der Praxis. Was es brauche, sei eine Lösung, „die das einerseits zuverlässig erkennt und gleichzeitig gut applizierbar ist“. Sein Urteil: „Bei der Usability ist die Eisenbahn nicht ins 21. Jahrhundert gekommen.“ Ende 2023 gründeten die beiden Techniker Zyglox in Graz.

Die bisherige Methode mit Dehnmessstreifen sei „einfach zu teuer“, erklärt Moder. Der Zug müsse dafür ein bis zwei Wochen zerlegt und instrumentiert werden, deshalb passiere das nur bei der Zulassung. „Das dauert ein Jahr, diese Technik reinzubringen, die Zulassung durchzuführen, und dann wird es wieder rausgenommen.“ Im laufenden Betrieb bleiben nur Beschleunigungssensoren, wie sie auch in jedem Smartphone stecken. „Das ist von der Datenqualität her ganz was anderes. Unser Sensor ist wie 4K, der Beschleunigungssensor liefert ein verpixeltes Foto von den Zuständen.“

Ein Sensor für Zulassung und Dauerbetrieb

Die Lösung von Zyglox lässt sich ohne größere Änderungen am Bauteil anbringen. „Wir haben eine Plug-and-Play-Lösung, die kann man einfach aufstecken“, sagt Moder. Ein Techniker braucht dafür laut Zyglox 30 Minuten. Der Sensor messe Dehnungen an Achsen, Wellen oder Schienen und liefere „gleiche oder bessere Daten als die Lösungen bisher“. Das Ziel ist ein Universalwerkzeug: genau genug für die Zulassung, aber so ausgelegt, dass es danach auf dem Fahrzeug bleibt und die Kräfte im Rad-Schiene-Kontakt dauerhaft erfasst. „Da gibt es ein großes Anwendungsfeld, denn damit wird auch die Infrastruktur überwacht“, so Moder.

Jeden Tag werden auf der Schiene hunderttausende Kilometer zurückgelegt. Zyglox will jeden davon nutzbar machen, um zu lernen, zu verbessern und vorherzusagen. Mit herkömmlichen Methoden war das Erfassen dieser Daten bisher zu teuer, zu langsam und zu aufwendig. © Zyglox

Physik aus dem Trafo, Sensoren aus dem Weltraum

Technisch nutzt Zyglox hochsensitive Magnetfeldsensoren aus der Raumfahrt, das Startup ist Teil eines Downstream-Programms der ESA. Das Prinzip erklärt Moder am Transformator: Der brummt, weil das Magnetfeld des Wechselstroms den Stahl minimal dehnt. „Und wir machen das Umgekehrte: Wenn sich der Stahl dehnt, ändert sich sein Magnetfeld in der Umgebung.“ Ein aktives Messverfahren berücksichtigt dabei den linearen Zusammenhang zwischen Belastung und Sensorsignal. Die Technologie ist patentiert, entwickelt und montiert wird in Graz.

Betreiber als Kunden, Wartung als Hebel

Als primäre Kunden sieht Zyglox die Bahnbetreiber, bei denen die Wartungskosten anfallen. Dazu kommt die Sicherheit: „Es gibt viele Vorfälle, die vielleicht nicht zu einem Unfall führen, wo man aber trotzdem sicherer und zuverlässiger unterwegs wäre, wenn man gutes Condition Monitoring hat.“

Ein kleines Pilotprojekt ist bereits abgeschlossen. Für 2027 ist der Einbau des Systems in Fahrzeuge im regulären Streckenbetrieb geplant, zunächst als Prototyp für einige Wochen Messung. Danach folgt die Zulassung. Ende 2027 soll daraus ein fertiges Produkt werden, erst dann könne die Skalierung beginnen, sagt Moder. An Interesse mangelt es nicht: „Wir können gar nicht alle Pilotprojekte machen“, weil Sensorentwicklung samt Software personalintensiv sei. Ende September zeigt das Team den Prototyp auf der InnoTrans in Berlin, der größten Messe für Schienenfahrzeuge.

Mit aws Preseed und aws Seed vom Effekt zum Produkt

Finanziert hat sich Zyglox bisher aus eigenen Mitteln und über die Austria Wirtschaftsservice (aws). Mit aws Preseed, konkret im Programm „aws Preseed | Seedfinacing – Deep Tech“, hat das Startup die ersten eineinhalb Jahre an der Sensortechnologie getüftelt. „Es hat uns die Möglichkeit gegeben, eine Idee, die bereits validiert war, einfach zu erproben. Einfach Zeit zu haben, weil Hardware dauert ein bisschen, etwa Prototypen zu iterieren“, sagt Moder. Es sei vor allem darum gegangen, „sicherzustellen, dass das dann ein Produkt werden kann“. Seit Mitte 2025 ist Zyglox im Seed-Programm der aws, das voraussichtlich bis Anfang 2028 läuft. Das Team ist inzwischen auf rund sieben Personen gewachsen. Für die Skalierungsphase im kommenden Jahr will sich das Startup nach Investoren umsehen: „Wenn eine Bestellung eintritt oder größer wird, werden wir das mit den aktuellen Mitteln wahrscheinlich nicht mehr stemmen können.“

Standortvorteil Graz

Den Standort Graz sieht Moder als klaren Vorteil: Siemens fertigt hier Fahrwerke, dazu kommen Messdienstleister, Prüfstandbauer und Nextsense. Zyglox sitzt direkt am Campus der TU Graz, mit Zugang zu Prüfständen der Universität und Maschinen der voestalpine. „Die gesamte Infrastruktur ist einzigartig“, sagt Moder. „Im Silicon Valley könnten wir das Produkt wahrscheinlich nicht entwickeln, in Österreich geht es besser. Das ist eigentlich ein bisschen verrückt, aber wir haben hier die optimalen Bedingungen.“


Disclaimer: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienkooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) entstanden.

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