30.04.2026
BRAUKUNST

„Zu versuchen, mit den Brasilianern im schnellen Geld zu konkurrieren, ist schwierig. Da sind die besser“

Ein Österreicher in Brasilien – Herwig Gangl ging nach Brasilien und blieb. Heute braut er dort österreichisches Bier.
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Herwig Gangl in seiner Brauerei in Brasilien - (c) FOTO KRUG
Herwig Gangl in seiner Brauerei in Brasilien - (c) FOTO KRUG

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 “Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Es ist ein klassischer Sommertag in der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Minas Gerais. Über Belo Horizonte liegen Hitze und das flirrende Licht der Blechdächer, in der Ferne ist der rötliche Horizont mit den sattgrünen Hügeln der Stadtgrenze zu sehen. In einer Rooftop-Bar wird eine braune Bierflasche geöffnet. Mit dem ersten Schluck mischt sich der Geschmack europäischer Brautradition in die tropische Luft. Auf dem gelben Etikett steht „Austria“ – das Ergebnis einer Unternehmergeschichte, die Österreich mit Brasilien verbindet und zeigt, warum wirtschaftlicher Erfolg in diesem Land vor allem eines braucht: langen Atem.

Die Suche nach der neuen Heimat

Hinter dem österreichischen Bier in Brasilien steht Herwig Gangl, ein Oberösterreicher, dessen Lebenslauf sich weniger wie eine klassische Auswanderergeschichte als wie eine Abfolge unternehmerischer Suchbewegungen liest. Gangl ist in einer Brauerei aufgewachsen, im wahrsten Sinne des Wortes – sein Vater war Geschäftsführer der Grieskirchner Brauerei, die Familie lebte direkt im Brauereigebäude. Sudkessel, Lagerkeller und Ferienarbeit gehörten früh zum Alltag.

Dennoch führte sein Weg zunächst bewusst weg von dieser Welt. Nach dem Studium in Salzburg arbeitete Gangl für ein österreichisches Wasseraufbereitungsunternehmen, zunächst in Europa, später mehrere Jahre im Irak. In Bagdad sammelte er Führungserfahrung unter Bedingungen, die mit mitteleuropäischen Standards wenig gemein hatten. Dort lernte er auch seine spätere Frau Isabel kennen, eine Brasilianerin aus Belo Horizonte.

Vor seiner Zeit in Brasilien folgten weitere Stationen, unter anderem in Deutschland, wo Gangl die Brauereischule absolvierte, sowie ein MBA in den USA. Anschließend arbeitete er in der pharmazeutischen Industrie, mehrere Jahre in Nordamerika. Rückblickend wirkt dieser Lebensabschnitt wie eine Vorbereitung auf das, was später folgen sollte: internationale Märkte, volatile Rahmenbedingungen, komplexe Lieferketten. Als die Entscheidung fiel, gemeinsam mit seiner Frau etwas Eigenes aufzubauen, lag Brasilien für beide auf der Hand.

Krug Brauerei – (c) FOTO KRUG

Österreichische Biografien in Brasilien sind selten. Die Verbindung zwischen den beiden Ländern reicht zwar bis in die Zeit der Habsburger zurück, als Erzherzogin Maria Leopoldine durch ihre Heirat mit Dom Pedro I. zu einer Schlüsselfigur der brasilianischen Unabhängigkeit wurde. Doch diese frühe politische Nähe führte nie zu einer breiten Auswanderungsbewegung. Anders als Mitglieder der Tiroler Siedlung Treze Tílias im Süden, die seit den 1930ern ein geschlossenes kulturelles Erbe pflegt, gehört Gangl zu jener kleinen Gruppe von Unternehmern, die ohne historisches Netzwerk in den brasilianischen Markt eingestiegen sind.

Am Anfang war der Stein

Das erste große Projekt hatte mit Bier noch nichts zu tun. In den frühen 1990er-Jahren begann Gangl mit dem Export brasilianischen Granits nach Europa. Die Rohblöcke gingen vor allem an Grabsteinbetriebe, später auch an größere Bauprojekte. Zeitweise belieferte das Unternehmen auch prominente Objekte in Österreich. Schließlich wurde in Brasilien sogar ein eigener Steinbruch erworben.

Diese Phase fiel in eine Zeit massiver wirtschaftlicher Umbrüche. Brasilien kämpfte sich aus der Hyperinflation heraus, der sogenannte Realplan (Plano Real) veränderte binnen kurzer Zeit die Spielregeln. Was für Exporteure zuvor einfach gewesen war, wurde plötzlich komplex: Wechselkurse, Kostenstrukturen und Finanzierungsmöglichkeiten verschoben sich. Gangl beschreibt diese Jahre als erste intensive Lektion darüber, wie stark unternehmerischer Erfolg in Brasilien von äußeren Faktoren abhängt.

Die Idee zur Brauerei entstand nicht aus einem Businessplan, sondern aus einer Beobachtung. Bei einem Aufenthalt seines Vaters in Belo Horizonte besuchten beide die Eröffnung eines Bierlokals. Das Bier wurde sorgfältig gepflegt, sauber ausgeschenkt, mit einem Anspruch, der damals in der Region ungewöhnlich war. Die Frage, warum man diese Qualität nicht selbst produzieren sollte, stand plötzlich im Raum: Gastronomie auf der einen Seite, Braukompetenz auf der anderen. Innerhalb eines Jahres wurde die erste Gasthausbrauerei im Stadtteil Belvedere realisiert.

1997 nahm die Brauerei den offiziellen Betrieb auf, sogar der damalige österreichische Wirtschaftsminister Johann Farnleitner kam zur Eröffnung. Gangl war 36 Jahre alt. Die Brauerei traf auf einen Markt, der im Wandel war, auf eine Stadt, die wuchs, und auf ein Land, das wirtschaftlich nie stillstand. Während das Biergeschäft anlief, erlebte auch der Granitmarkt neue Ausschläge. Phasen starken Wachstums wechselten mit abrupten Einbrüchen. Für Gangl wurde diese Gleichzeitigkeit zum Normalzustand.

Das Austria Bier – (c) FOTO KRUG

Der falsche Ort für schnelles Geld

Mit zunehmender Größe der Brauerei wurde für Gangl eine Frage zentral, die für viele ausländische Gründerinnen und Gründer in Brasilien erst spät kommt: jene der Finanzierung. Seine Antwort darauf ist eindeutig: „Auf jeden Fall nicht mit Banken arbeiten“, sagt er und lacht. „Die Zinsen sind so extrem hoch und auch sehr schwierig zu verhandeln“, erklärt Gangl. Brasilianische Banken müssten nicht aktiv um Unternehmen werben – „sie haben den Staat als Kreditnehmer“. Kredite würden zwar überall angeboten, aber stark besichert. Sobald es zu Problemen komme, reagiere das System hart. Gangl: „Sobald ein kleines Cashflow-Problem da ist, hat man plötzlich ein Riesenproblem.“

Gangl rät deshalb zu einem Ansatz, der dem lokalen Geschäftsgebaren widerspricht: „Mit weniger Risiko und langfristig denken; das funktioniert hier.“ Viele Brasilianerinnen und Brasilianer seien auf schnellen Gewinn aus: „Jeder will schnell reich werden.“ Genau darin liege für Ausländer eine Gefahr. „Zu versuchen, mit den Brasilianern im schnellen Geld zu konkurrieren, ist schwierig. Da sind die besser.“

Sein Gegenmodell ist bewusst konservativ – Eigenkapital, langsames Wachstum, sorgfältige Prüfung jeder Investition. Es dauere länger, sagt Gangl, sei aber sicherer. Diese Haltung habe es ermöglicht, auch wirtschaftlich schwierige Phasen zu überstehen. Eine davon traf das Unternehmen mit voller Wucht im Frühjahr 2020: Mit Beginn der Coronapandemie brach das Geschäft abrupt ein. „Von einem Tag auf den anderen haben wir 80 Prozent unseres Umsatzes verloren“, erinnert sich Gangl. Die Gastronomie, der wichtigste Absatzkanal, war geschlossen.

Er versammelte die Belegschaft und traf eine Entscheidung, die im Rückblick zum Wendepunkt wurde. „Ab heute wird jeder nur einen Mindestlohn bekommen“, sagte er damals. Ziel sei es gewesen, Zeit zu gewinnen. „Und wir werden schauen, wie lang das dauert und wie wir über die Runden kommen.“ Die etwa 120 Mitarbeitenden hätten das akzeptiert und standen hinter der gemeinsamen Entscheidung.

Unterstützung kam in Form eines staatlichen Kurzarbeitsmodells. Damit habe man sich über Wasser halten können. Große Förderprogramme wie in Europa habe es nicht gegeben. „Als Unternehmer hat man hier nur das Notwendigste bekommen“, sagt Gangl. Rückblickend bewertet er diese Phase nüchtern: Es habe Gewinner und Verlierer gegeben, viele Unternehmen hätten es irgendwie geschafft. „Ich denke eigentlich, dass das Programm der damaligen Regierung sehr gut war.“ Die politische Bewertung überlässt er anderen; entscheidend sei gewesen, dass Betriebe handlungsfähig blieben.

Anders als die anderen

Auch der Markt selbst folgt in Brasilien eigenen Regeln. Entgegen gängigen Erwartungen ist der Karneval für die Krug-Brauerei kein Höhepunkt, obwohl für viele andere Getränkeproduzenten gerade diese Zeit entscheidend ist. „Der Karneval war traditionell immer der schlechteste Monat im Jahr“, sagt Gangl. Straßenverkauf, Dosenbier und mobile Händler dominierten diese Zeit. Die klassische Gastronomie verliere an Gästen.

Stärker sei der Zeitraum davor: „Der stärkste ist der Präkarneval.“ Dann spiele Eventgeschäft eine größere Rolle, ein Bereich, in dem die Brauerei in den vergangenen Jahren gezielt gewachsen ist. Insgesamt sei das zweite Halbjahr wirtschaftlich relevanter. „Unser Hauptgeschäft ist im Dezember, vor Weihnachten.“ Danach folgten Juni und Juli. Das erste Halbjahr sei meist schwächer.

Gangls Bier brauchte, bis es endgültig in Brasilien ankam. Zunächst verkauften sich manche Sorten besser als jene, die er bevorzugt hätte, aber unternehmerisch war ihm klar: „Ich braue das Bier, das ich verkaufe.“ Mit dem Craft-Trend, IPAs und bitteren Profilen veränderte sich auch der brasilianische Gaumen. Und plötzlich wurde das „German Pils“ akzeptiert. Gangl sagt: „Es hat 25 Jahre gedauert, bis ich das Bier brauen konnte, das ich eigentlich von Anfang an wollte.“ Heute sei es sein Hauptprodukt im Flaschen- und Dosenbier.

Herwig Gangl mit seinem Austria Bier – (c) FOTO KRUG

Auch geografisch setzt Gangl klare Grenzen: Die Brauerei beliefert vor allem Minas Gerais, punktuell São Paulo und andere Regionen. Nationale Expansion hält er für unrealistisch: „Die Transportkosten sind sehr hoch“, erklärt er. Viele kleine Brauereien hätten versucht, landesweit zu liefern, und seien gescheitert. Sein Prinzip fasst er einfach zusammen: „Der interessante Markt ist um den Schornstein herum.“ Nähe, Logistik und lokale Verankerung seien entscheidender als Reichweite.

All diese Erfahrungen verdichten sich für Gangl zu einer grundlegenden Erkenntnis über das Wirtschaften in Brasilien: „Es geht immer auf und ab“, sagt er. Politik, Währung, Steuern, Rechtsprechung – all das könne sich schnell ändern. Wer hier unternehmerisch tätig sei, müsse aufmerksam bleiben. „Man muss immer auf den Zehenspitzen sein“, sagt Gangl, „damit man nicht irgendwo plötzlich vor einem Abgrund steht.“

Dennoch ist Brasilien Österreichs wichtigster Wirtschaftspartner in Lateinamerika – laut Außenwirtschaft Austria exportieren rund 800 österreichische Unternehmen nach Brasilien, etwa 100 sind mit eigenen Stützpunkten vor Ort, rund 35 betreiben Produktionsstätten.

Gekommen, um zu bleiben

Wer heute die Brauerei besucht, landet in einem einladenden Gastgarten mit laufendem Betrieb, der rund 70.000 Hektoliter pro Jahr produziert. Auch wenn Fremdsprachen in Brasilien eher unterrepräsentiert sind, gibt es hier dank der Unternehmensgeschichte Führungen auf Portugiesisch, Englisch und Deutsch.

Herwig Gangl ist regelmäßig vor Ort. Er begleitet Produktionsentscheidungen, spricht mit Mitarbeitenden, beobachtet Absatz und Rohstoffpreise. Ideen gibt es viele; Investitionsvorschläge ebenso. Gangl begegnet ihnen mit Zurückhaltung: Jede Erweiterung werde geprüft, jedes Risiko abgewogen. Wachstum dürfe die Stabilität nicht gefährden; Ziel sei Kontinuität: „Wir wachsen langsam, aber kontinuierlich.“

Die Rohstoffe stammen aus unterschiedlichen Regionen, zunehmend auch aus Brasilien selbst. Gangl verfolgt die Entwicklung des lokalen Hopfenanbaus aufmerksam. Neue Technologien haben Anbauformen ermöglicht, die lang als unmöglich galten. Perspektiven tun sich auf, ohne dass daraus sofort Expansionsdruck entsteht.

Wie es weitergeht, lässt sich in Brasilien nie endgültig planen. Gangl weiß das. Rahmenbedingungen ändern sich, Sicherheit bleibt relativ. Unternehmertum in diesem Land verlangt Geduld, Eigenkapital und Aufmerksamkeit.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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