13.12.2022

Zocken in der Krise? Wie du trotz knapper Runway doch noch die Kurve kratzt

GASTBEITRAG. Benjamin Ruschin ist Managing Partner bei Big Cheese Ventures. In einem Artikel für den brutkasten erläutert er die wichtigsten Punkte, die Startups beachten müssen, damit ihnen trotz knapper Runway das Geld nicht ausgeht.
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Benjamin Ruschin ist Managing Partner bei Big Cheese Ventures
Foto: Benjamin Ruschin ist Managing Partner bei Big Cheese Ventures

Die Runway deines Startups beträgt nur noch wenige Wochen. Wieso? Naja. Das mit dem Pitchdeck und dem Finanzplan länger gedauert als erwartet, irgendwie hast du die Zeit dafür nicht gefunden, es waren so viele andere Dinge zu erledigen. Die Förderung X ist leider ausgefallen, weil die Förderstelle Y beanstandet hat. Investor Z hat die Convertible Note doch nicht unterschrieben. Und das mit den Umsatzzielen – naja, es hat nicht hingehauen, war dann doch weniger als du es im ambitionierten Plan avisiert hast. Jetzt müssen schnell ein paar Investorinnen her. Die Uhr tickt. Es geht um alles oder nichts.

Es kommt mir manchmal vor wie ein déjà vu, nur dass ich diese Story jede Woche, eigentlich fast täglich auf’s neue höre. Die Kohle wird knapp, Startup X hat nur noch wenige Wochen Zeit bis der Kontostand auf null geht. Was tun in solch einer Situation? Zocken und alles riskieren? Oder versuchen, die Schäfchen doch noch ins Trockene zu bringen? Absurd aber wahr: Sehr viele Gründer:innen zocken. Sie riskieren alles. Sie zocken, indem sie versuchen, mit einer überzogenen Bewertung doch noch die Kurve zu kratzen. In Kombination mit einem Mangel an Erfahrung in der Durchführung von Finanzierungsrunden ist das oft fatal.

Ja, Startups sind (abseits von Krypto) für Investor:innen die Assetklasse mit der höchsten Risiko-Einstufung. Das bedeutet aber nicht, dass die Gründer Kopf und Kragen riskieren und alles auf eine Karte setzen müssen, wenn sie ohnehin schon mit dem Rücken zur Wand stehen. Wenn es um alles oder nichts geht, sollte eine verantwortungsbewusste Gründerin – für ihr eigenes Wohl, aber auch für das Wohl ihrer Mitarbeiterinnen und Investorinnen – sich überlegen, welche Schrauben sie drehen kann, um die Überlebenschance ihres Startups zu maximieren:

1) Kosten auf ein Minimum senken

2) Wege finden um höhere Einnahmen zu generieren

3) Förderungen lukrieren und

4) Investor:innen ins Boot holen.

Wenn die Schrauben 1-3 schon gedreht wurden und #4 noch aussteht, sollte man die Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Umsetzung einer Finanzierungsrunde maximieren.

Wie sorge ich als Gründer:in dafür, dass ich meine Finanzierungsrunde bewerkstellige, wenn die Zeit knapp wird?

1. Longlist

Vergesst bitte den Begriff “Shortlist”. Es gibt keine Shortlist. Es gibt nur eine Longlist. Die ist – wie der Name schon sagt – long. Übersetzt: Lang. Gehe von einer Conversion-Rate von 3-4 Prozent aus, sprich: Wenn du 100 Investor:innen kontaktierst, sagen 3-4 von den Leads zu. Sprich mit Menschen, die mit Investor:innen gut vernetzt sind, zieh dir Listen von Investor:innen, die für dein Startup (Branche, Phase, Größenordnung) in Frage kommen – oder arbeite mit Partnern (wie z.B. Big Cheese Ventures) zusammen, die schon viele Finanzierungsrunden umgesetzt haben. Priorisiere die Investor:innen nach Wahrscheinlichkeit eines Abschlusses und kontaktiere sie in der Reihenfolge der Priorität.

2. Kommunikation

Im Zuge der Investorenansprache musst du – besser gesagt, müsst ihr als Gründerteam – in eurem Pitchdeck und in der Erstansprache klar und deutlich aufzeigen:

  • was die Vision & Mission ist,
  • welche Strategie ihr verfolgt,
  • was euer Startup tut,
  • welches Problem ihr löst,
  • wer ihr als Team seid,
  • welche Erfolge ihr bis heute verzeichnet habt
  • wieviel Kapital ihr aufstellen wollt
  • wofür ihr das Kapital einsetzen wollt
  • wie die Transaktionsstruktur gestaltet ist (Equity-Runde mit Fixbewertung? Wandeldarlehen? SAFE-Agreement?)

3. Datenraum

Die wichtigsten Unterlagen in deinem Datenraum sind a) dein Pitchdeck und b) dein Finanzplan in dem du zumindest die bevorstehenden 36 Monate forecastest – idealerweise mit einem ambitionierten und einem konservativen Szenario. Darüber hinaus solltest du einen detaillierten Datenraum bzw. Sub-Ordner für die Due Diligence vorbereiten, indem du folgendes aufbereitest:

  • bisherige Jahresabschlüsse
  • Finanzübersicht (Ist-Zahlen) seit der Gründung bis jetzt
  • Saldenlisten seit der Gründung bis jetzt
  • CVs der Gründer
  • Gesellschafts- und Beteiligungsvertrag
  • Vesting-Verträge und sonstige relevanten Verträge
  • Übersicht vom bereinigten CapTable (das Firmenbuch reflektiert oft nicht das, was zwischenzeitlich vereinbart wurde)
  • sonstige Unterlagen, wie z.B. detaillierte Markt- und Konkurrenzanalyse

4. Bewertung & Transaktionen

Je attraktiver die Bewertung und je unkomplizierter die Transaktion gestaltet ist, desto besser. Ich sage nicht, dass du Preis-Dumping mit deinen Anteilen betreiben sollst, aber wenn du dieses Jahr einen Umsatz von €50k erwirtschaftet hast, dann geh bitte nicht mit einer €20 Mio. Pre-Money-Bewertung raus. Schon gar nicht, wenn deine Runway nur noch wenige Wochen beträgt. Ein paar Denkanstöße:

  • Eine fixe Bewertung ist immer attraktiver als ein Discount auf eine zukünftige Bewertung, weil die Investorin dann weiß, was sie für ihr Geld bekommt. Schon klar, manchmal ist das mit der Fixbewertung schwierig, weil etwas großartiges bevorsteht was dann alles verändert (und mehr wert ist als deine PowerPoint), aber es ändert nichts an den Tatsachen.
  • Ein Wandeldarlehen oder ein SAFE-Agreement kann mit einer fixen Bewertung versehen werden. Beide Varianten ermöglichen es dir, die Investoren der Reihe nach aufzunehmen und den damit verbundenen Cashflow nach den jeweiligen Signings zu generieren, nicht erst beim Abschluss der Equity-Runde.
  • Natürlich kannst du die Bewertung der Anteile auch von einer zukünftigen Bewertung abhängig machen. Kritische Investor:innen werden dies jedoch eher nicht gut heißen, wenn du dein Startup in eine ungünstige Situation manövriert hast – daran bist du alleine Schuld, nicht die Anderen – und es verabsäumt hast, rechtzeitig Kapital aufzustellen.

5. Vertragswerk

Das Vertragswerk sollte einfach verständlich, fair und unkompliziert gehalten werden. Arbeite mit einer Rechtsanwaltskanzlei zusammen, die auf Startups spezialisiert ist, denn sie wird verstehen was du jetzt brauchst und sollte den Vertrag schnell fertigstellen können (rechne trotzdem mit 2-3 Wochen von der Beauftragung bis zur finalen Version). Du musst den Vertrag verstehen und solltest darauf gefasst sein, dass die Investoren, die du ansprichst, Fragen aufwerfen werden, die du dann in Abstimmung mit deiner Anwältin beantworten musst. Keep it short, simple and straight forward!

6. Hard-Selling

Das Akquirieren von Investor:innen ist ein Hard-Selling-Job, der circa 70-80 Prozent deiner Woche beanspruchen wird. Du bist jetzt ein Seller bzw. eine Sellerin. Also musst du in den Verkaufsmodus hineinkippen: Erstansprache, nachfassen, Gesprächstermine, erstes Kennenlernen 30 Minuten, zweiter Termin 60 Minuten, E-Mails mit Fragenkatalogen beantworten, und so weiter… Richte ein CRM-System ein (mit Canban-Feature), um den Progress mit den einzelnen Investorinnen zu tracken.


Wenn du die Punkte 1 bis 6 befolgst, bist du schonmal gut aufgestellt und hast eine Basis um die Kurve noch zu kratzen. Wichtig: Jegliche Friktion, jegliche Hürden, die zwischen den Investor-Leads und deiner Investment-Opportunity stehen, sollten beseitigt werden. Dafür musst du als verantwortliche Gründerin sorgen, wenn du dein Startup durch unruhige Gewässer schiffen möchtest – vor allem dann, wenn dir die Zeit davon läuft.


Über den Autor

Benjamin Ruschin berät und unterstützt Startups mit Big Cheese Ventures bei der Durchführung von Finanzierungsrunden und M&A-Transaktionen. Ben ist Co-Founder von WeAreDevelopers und darüber hinaus an zahlreichen Startups beteiligt. Mit Founders of Europe investiert er Industrie-agnostisch in Startups in der Pre-Seed & Seed-Phase.

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Für Ilja Jay Lawal und Pedram Parsaian, die Gründer der Social-Media-Agentur Follow, schließt sich mit dem neuen Lehrgang ein Kreis. Beide haben an der FHWien der WKW Kommunikationswirtschaft studiert und sich dort kennengelernt. Seit mehreren Jahren sind sie zudem als Lektoren an der Hochschule tätig. Auch geschäftlich besteht bereits eine Verbindung: Die FHWien der WKW ist Kundin der Agentur, die für sie unter anderem Performance-Marketing und Influencer-Marketing-Projekte umsetzt, um neue Studierende anzusprechen.

Follow hat heuer bereits mehrfach Schlagzeilen gemacht: Zu Jahresbeginn beteiligte sich Musiker RAF Camora mit fünf Prozent an der Agentur (brutkasten berichtete), im August wurde Follow offizieller Social-Media-Vermarktungspartner der ProSiebenSat.1 Puls 4 Gruppe und damit Kooperationspartner von deren Vermarktungs-Unit Seven.One Austria (brutkasten berichtete). Mit dem Lehrgang folgt nun der Schritt ins Bildungsgeschäft.

„Du kannst Social Media nicht studieren“

Die Motivation für die neue Ausbildung kommt direkt aus dem Agenturalltag. „Da merken wir in der Praxis sehr stark: Du kannst Social Media nicht studieren. Es gibt keine zertifizierte, universelle Ausbildung, wo man sagt: Wenn du das gelernt hast, dann kannst du es“, sagt Lawal im Gespräch mit brutkasten. Die Agentur erhalte laufend Bewerbungen von Menschen, die in den Bereich einsteigen wollen, aber keine praktische Erfahrung mitbringen und keinen Ort haben, an dem sie das Handwerk lernen können.

Gleichzeitig sei der Beruf deutlich anspruchsvoller geworden. Waren Social-Media-Manager:innen früher vor allem für Texte und Themenauswahl zuständig, brauche es heute deutlich mehr: „Zusätzlich bist du Videograf, Fotograf, machst Grafik. Du musst mit dem Smartphone alles Mögliche können“, so Parsaian. Der Job sei mittlerweile einer der schwierigsten im Marketing-Mix, obwohl er oft noch als kleiner Teil des Marketings gelte.

Dass die Ausbildung nicht im Alleingang, sondern mit einer Hochschule entsteht, war für die Gründer eine bewusste Entscheidung. Es gebe zwar bereits Online-Kurse zum Social Media Manager, diese seien aber reine Theoriekurse, hinter denen weder eine Hochschule noch eine Agentur mit Praxiserfahrung stehe. Die Unterstützung durch die FHWien der WKW soll das ändern.

Online-Videokurs mit KI-Kapitel

Der Lehrgang ist als Online-Videokurs konzipiert und auf drei Monate ausgelegt, kann aber im individuellen Tempo absolviert werden, etwa abends oder am Wochenende neben dem Job. Am Ende steht ein Zertifikat. Die Module werden von einem gemischten Team unterrichtet: FH-Professor:innen, Mitglieder des Follow-Teams inklusive der beiden Gründer sowie externe Expert:innen, etwa aus den Bereichen Recht und Psychologie. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Einsatz von KI im Social-Media-Bereich. Der reguläre Preis liegt bei 2.970 Euro.

Die Ausbildung richtet sich an drei Zielgruppen: junge Menschen, die Social Media Manager:innen werden wollen, KMU und Marketingteams, die Social Media für das eigene Unternehmen aufbauen möchten, sowie Creator und Influencer:innen, die professioneller mit ihren Kanälen umgehen wollen.

Seitens der FHWien der WKW betont Studiengangsleiter David Dobrowsky den Anspruch der Ausbildung: „Der Anspruch dieser Ausbildung ist es, Social Media als eigenständiges und zentrales Feld von Unternehmenskommunikation und Marketing zu vermitteln. Professionelle Social-Media-Kommunikation braucht beides: fundiertes Wissen und praktische Anwendungsskills der Tools. Deshalb werden theoretische Grundlagen mit dem Umgang mit relevanten Tools und konkreten Anwendungen verbunden.“

KI senkt die Eintrittsbarriere, ersetzt aber niemanden

Dass KI den Bereich verändert, sehen die Gründer täglich. Die Eintrittsbarriere sei geringer geworden, weil sich mit KI-Unterstützung durchaus brauchbare Social-Media-Pläne erstellen ließen. „Ein einzelner Social-Media-Manager mit KI ist vielleicht so wie ein Team von drei, vier, fünf Leuten“, sagt Lawal. Eine echte Person ersetzen könne die Technologie aber nicht: „Dazu braucht man auch den Blick auf das, was sich laufend verändert. Es ist eine massive Arbeitserleichterung, Stand jetzt aber kein Ersatz.“

Neuer Revenue Stream für die Agentur

Für Follow ist der Lehrgang auch ein Business Case. Die Agentur ist nach eigenen Angaben auf 35 Mitarbeiter:innen gewachsen, bei einem jährlichen Umsatzwachstum im zweistelligen Prozentbereich. Das bringt ein Problem mit sich: „Wir sind mittlerweile einfach als Agentur zu groß für viele Kleine. Die kleine Immobilienkanzlei zu betreuen, rechnet sich für uns als Case nicht mehr“, sagt Lawal. Anfragen kleinerer Unternehmen müsse man ablehnen, obwohl auch diese Hilfe im Social-Media-Bereich bräuchten.

Der Lehrgang soll genau diese Lücke schließen und zugleich einen neuen, skalierbaren Umsatzstrom eröffnen, der nicht mit zusätzlichem Personal wächst. Selbst im schlechtesten Fall sehen die Gründer keinen Nachteil: Dann bleibe eine interne Schulungsressource für das eigene Team und das Onboarding. Künftig sollen auf der Videoplattform auch Vertiefungen dazukommen, etwa in den Bereichen Influencer-Marketing und Content Creation.

Sieglinde Martin, Head of Department of Communication an der FHWien der WKW, sieht in der Kooperation auch eine besondere Verbindung zur eigenen Alumni-Community: „Für uns als FHWien der WKW war schnell klar, dass wir mit so erfolgreichen Absolventen wie den Gründern von Follow kooperieren wollen. Sie setzen in ihrem Agenturalltag praktisch perfekt um, was wir in unseren Studiengängen am Department of Communication lehren. Es ist uns wichtig, diese Weiterbildung nicht nur zu unterstützen, sondern sie vor allem mit fundierten theoretischen Grundlagen und aktuellen Insights aus der Wissenschaft zu begleiten. Besonders freut es uns natürlich, dass wir so wieder mit ehemaligen Studenten zusammenarbeiten können und sich somit für uns der Kreis auf eine ganz besondere Weise schließt.“

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