08.05.2025
KOLUMNE

Zeit für Innovation: Warum Corporate Venturing jetzt der richtige Weg ist

Warum Corporate Venturing nicht mehr nur ein spannender Innovationsansatz ist, sondern zu einer strategischen Notwendigkeit wird, erklärt Expertin Viktoria Ilger im ersten Beitrag ihrer neuen brutkasten-Kolumne zum Thema.
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Viktoria Ilger
Viktoria Ilger | Foto: Viktoria Ilger/Adobe Stock (Hintergrund)
Corporate Venturing

brutkasten berichtet im Rahmen seiner ganzjährigen Serie „Corporate Venturing“ umfassend zu dem Themenbereich. Hier geht’s zur aktuellen Schwerpunkt-Seite und hier zu Staffel 1 aus dem Vorjahr.


Es gibt Momente, in denen wir als Gesellschaft – und als Unternehmen – innehalten und neu bewerten müssen, was wir wirklich brauchen, um erfolgreich in die Zukunft zu gehen. Genau an so einem Punkt stehen wir aus meiner Sicht.

Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind komplex, dynamisch und miteinander verflochten: Klimakrise, geopolitische Instabilität, technologischer Wandel, veränderte Marktlogiken. Ich behaupte, kein Unternehmen kann das allein stemmen. Und genau deshalb ist Corporate Venturing nicht mehr nur ein spannender Innovationsansatz, sondern wird zu einer strategischen Notwendigkeit.

Doch was meine ich mit Corporate Venturing?

Es geht um viel mehr als nur um Investitionen in Startups, das Gründen von Corporate Startups oder Accelerator-Programme. Es geht um ein neues Mindset der Offenheit und Zusammenarbeit. Um die Erkenntnis, dass wir nicht länger in geschlossenen Systemen agieren können. Dass die Innovationskraft eines Unternehmens heute maßgeblich davon abhängt, wie gut es sich mit anderen verbindet, wie schnell es lernt – und wie mutig es Neues wagt.

Corporate Venturing als Spiegel unserer Zeit

Corporate Venturing ist ein Spiegel unserer Zeit: Es vereint die Stärke etablierter Unternehmen mit der Agilität von Startups, das Erfahrungswissen mit frischen Perspektiven, den Wunsch nach Stabilität mit der Bereitschaft zur Transformation.

Es ist ein Weg, um aus Herausforderungen Chancen zu machen – und zwar jetzt. Denn wer darauf wartet, dass sich der Sturm legt, wird vielleicht zu spät handeln. Unternehmen brauchen heute Systeme, die nicht nur robust, sondern vor allem anpassungsfähig sind. Innovationsfähigkeit ist kein „nice to have“ – sie ist überlebenswichtig.

Innovation in Europa neu denken

Was wir brauchen, ist kollektive Intelligenz. Wir brauchen Räume für Co-Creation, neue Formen der Wertschöpfung und Mut, loszulassen, was gestern noch funktioniert hat. Wir brauchen moderne Partnerschaften, die auf Augenhöhe funktionieren – zwischen Corporates, Startups, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Gesellschaft.

Ich bin überzeugt: Wir können Innovation in Europa neu denken – nachhaltiger, verantwortungsvoller und zukunftsfähiger. Corporate Venturing kann ein Schlüssel dafür sein. Aber es braucht mehr als Prozesse und Tools – es braucht das Mindset.

In den kommenden Monaten darf ich gemeinsam mit brutkasten genau darüber schreiben: über Erfolgsmodelle, Hindernisse, Mindset-Fragen und die vielen praktischen Wege, wie wir in Unternehmen durch Corporate Venturing wirklich etwas bewegen können – für Unternehmen, und für uns alle.


Über die Autorin

Viktoria Ilger ist Gründerin von Sustainable Transformers und Expertin für Corporate Venturing und nachhaltige Innovation. Nach über zehn Jahren in der Industrie- und Startup-Welt unterstützt sie Unternehmen dabei, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und Innovationskraft gezielt aufzubauen – mit klarem Fokus auf Zusammenarbeit, Strategie und Zukunftsfähigkeit. Für brutkasten schreibt sie ab sofort eine regelmäßige Kolumne zum Thema Corporate Venturing.

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Das Gründerteam von vioom: Lucia Studer und Ronny Türtscher | (c) vioom

Wer auf dem Land lebt, kennt das Problem: Der nächste Bus fährt erst in zwei Stunden und ohne eigenes Auto wird selbst der Weg zum Arzt oder zum Einkaufen zur Herausforderung. Diese Erfahrungen hat auch das Gründerteam des Vorarlberger Startups vioom gemacht. Sie kommen aus dem Großen Walsertal, wo öffentliche Verkehrsverbindungen teilweise nur im Zwei-Stunden-Takt angeboten werden.

„Wir haben als Jugendliche immer Autos gestoppt“, erzählt Mitgründer und Co-CEO Ronny Türtscher. Aus Bedarfserhebungen zur Mobilität in der Region, die Türtscher selbst begleitete, entstand schließlich die Idee zu vioom.

Hinter dem Startup steht die im Februar 2026 gegründete VAREO Innovations GmbH mit Sitz in Ludesch. Als CEOs fungieren Ronny Türtscher und Lucia Studer. Das Gründerteam bringt nach eigenen Angaben gemeinsam mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung mit.

Personen- und Warentransporte gemeinsam organisieren

Vioom setzt auf sogenannte On-Demand-Mobilität: Fahrgäste können über eine App eine Strecke innerhalb eines festgelegten Gebiets buchen. Das System organisiert daraufhin ein verfügbares Shuttle. Anders als bei klassischen Anrufsammeltaxis sollen die Fahrzeuge zusätzlich regionale Waren transportieren. „Wir versuchen, die Ausnutzung so hoch wie möglich zu halten und diese Wege von A nach B mit mehreren Erlösströmen zu gestalten“, sagt Türtscher. So könnte ein Shuttle beispielsweise eine Gemüsekiste bei einem Bauernhof abholen, anschließend einen Fahrgast vom Bahnhof transportieren und die Ware danach bei einem Hotel abliefern.

Ziel ist es, Leerfahrten zu reduzieren und Fahrzeuge auch außerhalb der Stoßzeiten auszulasten. Gleichzeitig soll das Angebot bestehende Bus- und Bahnverbindungen ergänzen und insbesondere die sogenannte „First und Last Mile“, also den Weg zur beziehungsweise von der nächsten Haltestelle, abdecken. Durch die gemeinsame Nutzung der Fahrzeuge und eine bessere Anbindung an den öffentlichen Verkehr sollen zudem CO₂-Emissionen reduziert werden. Die Regionen entscheiden dabei selbst, wann Personen- beziehungsweise Warentransporte angeboten werden. Die Durchführung übernehmen beispielsweise regionale Taxiunternehmen. Vioom selbst stellt keine Fahrzeuge oder Fahrpersonal bereit, sondern liefert die Software und begleitet die Umsetzung.

Wie sich die regionale Mobilität rechnen soll

Mit seinem Geschäftsmodell richtet sich vioom an Gemeinden und Regionen. Diese zahlen je nach Modell eine monatliche Gebühr für die Nutzung der Plattform. Zusätzlich erhält das Startup eine Vermittlungsprovision für jede gebuchte Fahrt. Die Fahrgäste und Unternehmen bezahlen für die jeweiligen Personen- oder Warentransporte. Diese Einnahmen fließen grundsätzlich an die Regionen selbst. Die Abrechnung erfolgt vollständig automatisiert über die Plattform.

Durch die Kombination von Personenbeförderung und Warenlogistik sollen die Fahrzeuge besser ausgelastet und zusätzliche Einnahmen erzielt werden. Langfristig will vioom damit die Wirtschaftlichkeit regionaler Mobilitätsangebote verbessern und deren Abhängigkeit von öffentlichen Förderungen verringern.

Technologiepartnerschaft mit ioki

Für die technische Umsetzung arbeitet vioom mit dem Mobilitätstechnologie-Anbieter ioki zusammen. Das Unternehmen ist ursprünglich aus der Deutschen Bahn hervorgegangen und bietet Software für bedarfsgesteuerte Mobilitätsangebote an. Vioom nutzt Teile dieser Technologie und hat darauf aufbauend ein eigenes Logistikmodul entwickelt.

Die Partnerschaft soll auch die Skalierung erleichtern. Für jede Region wird zwar eine individuelle Mobilitätsanalyse durchgeführt, die anschließende Umsetzung erfolgt jedoch über eine standardisierte, anpassbare Plattform.

Eigenfinanziert und erste Pilotprojekte geplant

Bislang wurde vioom vollständig aus Eigenmitteln der CEOs finanziert, mit einem Stammkapital von 12.000 Euro. An der VAREO Innovations GmbH sind die LOONEY GmbH (gehört unter anderem Lucia Studer) mit 66,67 % und scale.out (gehört Ronny Türtscher) mit 33,33 % beteiligt. Für externe Investoren zeigt sich das Unternehmen grundsätzlich offen.

Die größte Herausforderung besteht laut Türtscher darin, erste Referenzprojekte umzusetzen und nachzuweisen, dass die Kombination aus Personen- und Warentransporten tatsächlich wirtschaftliche Vorteile bringt. „Viele Kunden fragen: Was habt ihr schon gemacht und was könnt ihr nachweisen?“, erzählt der Gründer.

Der erste Pilotbetrieb ist derzeit in Vorarlberg in Vorbereitung, ein konkreter Starttermin steht noch nicht fest. Parallel führt vioom Gespräche mit zwei Landkreisen und einer Stadt in Deutschland. Bis Ende 2027 will das Startup drei bis fünf Regionen an die Plattform angebunden haben. Zusätzlich sollen weitere Partnerschaften und Anwendungen, etwa im Tourismus, entstehen.

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