26.10.2025
INTERVIEW

„Wenn ich Milliardär wäre, würde ich in Österreich einen Auftragsfertiger aufbauen”: Xing Zhou über Chinas Weg nach Europa

Xing Zhou ist Partner und Managing Director bei AlixPartners und Co-Head Automotive & Industrial DACH. In China geboren, in Deutschland aufgewachsen, als Kind einige Jahre in Oberösterreich: Im brutkasten-Interview spricht er über die Transformation der Autoindustrie, warum Österreich für chinesische Hersteller attraktiver ist als Deutschland und was er heimischen Zulieferern rät.
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Xing Zhou ist Co-Head Automotive & Industrial DACH bei AlixPartners. (Foto: AlixPartners; Hintergrund KI-generiert)
Xing Zhou ist Co-Head Automotive & Industrial DACH bei AlixPartners. (Foto: AlixPartners; Hintergrund KI-generiert)

Bei einem Abend von AlixPartners in Wien hat Xing Zhou eine pointierte These vertreten: Österreich tut sich mit Kooperationen mit chinesischen Autobauern leichter als Deutschland. Zhou ist Partner und Managing Director bei der Unternehmensberatung AlixPartners und Co-Head Automotive & Industrial DACH. Im brutkasten-Interview erklärt er, was hinter dieser These steckt, wie er die Transformation der Branche einschätzt und was er heimischen Zulieferern rät.


brutkasten: Du bist in China geboren, in Deutschland aufgewachsen und hast als Kind in Oberösterreich gelebt. Wie blickt man mit dieser Biografie auf die europäische Automobilindustrie?

Xing Zhou: Wir sind an einem Scheideweg, wir erleben eine Jahrhunderttransformation. Die Elektromobilität wird länger dauern als gedacht, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten je nach Region. In dieser Übergangszeit entscheidet sich, in welche Richtung sich Technologien, Partnerschaften und Geschäftsmodelle entwickeln. Will ich als Zulieferer noch zu 100 Prozent von der Automobilindustrie abhängen, oder baue ich andere Industrien auf? Solche Fragen entscheiden in den nächsten fünf Jahren, wie die Automobilindustrie in Europa dasteht. Eines ist klar: Es wird bunter und chinesischer werden müssen. Es wird keine reinrassige deutsche oder französische Industrie mehr geben, sondern viele Partnerschaften. Hersteller mit unter zwei Millionen Fahrzeugen pro Jahr werden es ohne Partner schwer haben. Und prominente Partner am Tisch sind chinesische OEMs, die jetzt nach Europa kommen.

In Wien hast du die These vertreten, dass sich Österreich mit solchen Kooperationen leichter tut als Deutschland. Warum?

Wenn ich Milliardär wäre, würde ich in Österreich einen Auftragsfertiger aufbauen, mit einer Linie wie bei Magna Steyr. Die Auftragsfertigung in Österreich ist markenneutral, das hat Tradition. Es gibt keinen falschen Stolz nach dem Motto: Ich baue hier eigentlich VWs, und jetzt kommt ein Chinese und baut sein Auto. Der große Vorteil aus chinesischer Sicht ist, dass Österreich zur EU gehört. Du möchtest in Europa Autos absetzen, hast aber Einfuhr- und Ausgleichszölle. Das Einfachste ist das Semi-Knocked-Down-Verfahren: Baugruppen in China vorfertigen, nach Österreich verschiffen und hier zusammenbauen. Dann zahlst du null Prozent Zölle und sparst 20 bis 30 Prozent. Deswegen brauchen wir viel mehr Auftragsfertigungsvolumen. In Deutschland sind die Werke dagegen unwiderruflich mit ihren Marken verbunden: Wolfsburg und Volkswagen, Zuffenhausen und Porsche. Die tun sich deutlich schwerer zu sagen: Ich mache jetzt Auftragsfertigung für Chinesen.

Und politisch?

Geschichtlich und politisch ist Österreich sicherlich offener. Das merke ich an den Anfragen aus Österreich: Da fragt man proaktiv, mit welchen Chinesen man ins Gespräch kommen kann, um Investitionen ins Land zu holen. In Deutschland hat das China-Bashing aus der Zeit der vorigen Bundesregierung noch Nachhall in Medien und Gesellschaft. Aber die Investoren werden kommen, Deutschland ist ein sehr wichtiges Zielland. Das kann man nicht aufhalten.

Wie wird Österreich in China als Industriestandort wahrgenommen?

Sehr positiv, aber vor allem noch als Land der Musiker, der Künstler und der Kultur. Die typische chinesische Europareise führt immer über Wien oder zumindest Salzburg. In den letzten ein, zwei Jahren hat man mehr darüber erfahren, dass Österreich auch ein Industrieland ist: dass hier Autos gebaut werden und dass es hochspezialisierte Nischenzulieferer gibt. In fast jedem Auto steckt irgendwo ein österreichisches Zulieferteil. Grundsätzlich schätzen die Chinesen die Anschlussfähigkeit Österreichs in alle Richtungen. Österreich kann geografisch wie politisch mit allen Ländern dieser Welt sprechen, der Umgang ist sehr diplomatisch. Wir haben keinen österreichischen Kanzler, der nach China fährt und dort zu Menschenrechten poltert, was für deutsche Politiker zum guten Ton gehört.

Siehst du über die Auftragsfertigung hinaus Kooperationsmöglichkeiten für Forschung, Startups und Zulieferer?

Schon. Wir haben in Österreich viele Innovationen im Hochvoltbereich, bei elektrischen Antrieben und bei Steckverbindungen. Da gibt es ein Ökosystem an unverzichtbaren Zulieferern, die aber am deutschen Automobilmarkt hängen. Die Chance ist, sich weiter zu internationalisieren und auch chinesische OEMs zu bedienen.

Warum ist China bei der E-Mobilität heute so führend?

China hat die E-Mobilität vor Jahrzehnten in den Fünfjahresplänen festgeschrieben, aber nicht, um Weltmarktführer für Elektroautos zu werden. Man hat gesehen: Wir werden 400 Millionen Haushalte haben, die sich ein oder zwei Autos leisten wollen. Das verkraften wir umwelttechnisch nicht, also müssen wir vom Verbrenner weg. Dazu wollte man die Abhängigkeit vom Öl reduzieren, weil rund 40 Prozent der Ölimporte in den Verkehr gehen. Also hat man Investitionsanreize geschaffen und Batterieforschung gefördert. Das ureigene Ziel war, den kommerziellen Verkehr zu elektrifizieren, also Lkw und leichte Nutzfahrzeuge. Durch diese Programme sind in den letzten zehn Jahren viele Privatunternehmen entstanden. Sie haben die Batterietechnik vorangetrieben, lange bevor man sich hier damit beschäftigt hat. Die Kosten pro Kilowattstunde liegen heute bei etwa 90 bis 100 Euro, vor fünf Jahren war es ein Vielfaches. Dazu kommen Innovationen wie Lithium-Eisenphosphat oder Blade-Batterien. Die gesamte Wertschöpfungskette einer Batterie zu beherrschen, zu innovieren, zu skalieren und zu industrialisieren, darin besteht die Kunst. Deswegen ist China technisch nicht wegzudenken.

In Wien hast du den Range Extender dem Plug-in-Hybrid gegenübergestellt. Was unterscheidet die beiden?

Der Range Extender ist ein Elektrofahrzeug mit deutlich kleinerer Batterie, maximal 50 Kilowattstunden statt 80 bis 120. Dazu kommt ein kleiner Verbrenner, der wie eine Powerbank die Batterie auflädt. Das Fahrzeug fährt die ganze Zeit elektrisch und erreicht 1.000 bis 1.500 Kilometer Reichweite. Das ist ein Verkaufsargument gegen Reichweitenangst und Lücken in der Ladeinfrastruktur. In einer Umfrage in Deutschland würden 80 Prozent der Befragten auf diese Technologie umsteigen. Das haben wir in Europa komplett vergessen, eigentlich ist es zu spät, wir müssen sie aus China einkaufen. Unsere aktuelle Analyse zeigt: Der Range Extender ist bei den aktuellen Spritpreisen nach Total Cost of Ownership die günstigste Antriebstechnologie in Deutschland. Vom Plug-in-Hybrid halte ich dagegen überhaupt nichts. Der kommt aus der Vergangenheit: Ich habe einen Verbrennungsmotor und schalte einen Elektromotor dazu. Der Range Extender denkt umgekehrt. Beim Plug-in hat man zwei komplexe Technologien, worst of both worlds. Die meisten fahren damit ohnehin nur mit dem Verbrenner, umwelttechnisch gewinnt man nichts, und die Batterie nimmt den Kofferraum weg.

Wie sieht der europäische Automarkt 2030 aus?

2030 haben wir eine Elektrifizierungsrate von über 30, fast 40 Prozent. Es gibt kein Mittelklasse-Segment mehr, wie wir es heute kennen, sondern ein billiges Segment, affordable, ich habe es auch disposable genannt, mit künstlichen Lebenszyklen. Dazu eine Klasse mit Luxus-Elektrofahrzeugen, der Rest ist Hybrid oder Verbrenner. Der Verbrenner wird wahrscheinlich werthaltiger und nachhaltiger sein als ein Elektroauto, das schnell an Wert verliert. Chinesische Hersteller werden 15 bis 20 Prozent Marktanteil haben, das ist eine vorsichtige Schätzung. Es wird viele chinesische Zulieferbetriebe in Europa geben und eine Handvoll chinesischer OEM-Fabriken.

Was rätst du einem österreichischen Zulieferer?

Kosten senken. Nach China fahren, sich die Wettbewerber anschauen und herausfinden, warum es dort günstiger ist. Dann prüfen, was davon übertragbar ist und compliant bleibt, auch gegenüber den USA. Sofort Partnerschaften eingehen und zugleich direkt an die chinesischen OEMs herantreten, um auf deren Plattformen zu kommen. In chinesischen Fahrzeugen steckt viel deutsche Technologie, die Chinesen kaufen auf den Weltmärkten ein, wo Technologie und Qualität stimmen. Und dann die Preise jetzt korrigieren, und zwar nach oben. Der Zeitpunkt ist günstig, um einen nachhaltigen Teilepreis durchzusetzen.

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Angela Wilkinson beim Verbund Venture Day 2026 | Verbund / elephant and porcelain
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Wiewohl die Debatte rund um den Klimawandel in den vergangenen Jahren nachweislich leiser geworden ist, bleibt die Energiewende großes Ziel – in Österreich und Europa alleine schon wegen der brandaktuellen Frage der Souveränität. Dabei versteht man unter Energiewende keineswegs weltweit das selbe, meint Angela Wilkinson, Secretary General und CEO des World Energy Council (WEC) im Interview.

Wir trafen die Chefin der in London ansässigen Dach-Organisation, die über 3.000 Partner-Organisationen in mehr als 100 Ländern hat, beim Verbund Venture Day 2026 an der WU Wien, wo sie auch eine Keynote hielt und an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Ihre Kernaussage: Die Menschheit brauche in der Energiewende eine positive gemeinsame Vision.


brutkasten: Was macht das World Energy Council eigentlich genau?

Angela Wilkinson: Das World Energy Council wurde vor 100 Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs gegründet. Die ursprüngliche Mission lautete: Wie verhindern wir am Ende der großen Weltreiche eine Situation, in der Nationalstaaten wegen knapper Ressourcen gegeneinander Krieg führen? Das sind die Wurzeln unserer Organisation. Seit 100 Jahren arbeiten und wachsen wir als globale Gemeinschaft – ein verteiltes Netzwerk aus Expertinnen und Experten, Entscheidungsträgern, Unternehmern und Innovatoren, die eine gemeinsame Mission teilen: mehr und bessere Energie für alle Menschen auf der Welt.

Wie kann man sich die konkrete Arbeit des WEC vorstellen?

Wir haben drei Hauptaktivitäten: Erstens erstellen wir Berichte – keine rein technischen Datenstudien wie die IEA (Anm. Internationale Energieagentur), sondern nutzen eigene Frameworks wie den „World Energy Trilemma“-Ansatz. Damit erfassen wir praktische Erfahrungen aus verschiedenen Ländern dazu, wie Regierungen Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit bei der Gestaltung ihrer Energiesysteme in Einklang bringen. Wir analysieren Praxisbeispiele, um Märkte und Politiken zu verbessern.

Zweitens organisieren wir Veranstaltungen: Wir bringen unsere Gemeinschaft aus 120 Ländern zusammen. Unser nächster World Energy Congress findet vom 26. bis 29. April 2027 in Riad statt und führt über 100 Ministerinnen und Minister, mehr als 5.000 CEOs und rund 18.000 Teilnehmende zusammen. Angesichts der globalen Elektrifizierungswelle untersuchen wir, was das System zusammenhält – von Verträgen über Vertrauen, Narrative und Daten bis hin zur Infrastruktur. Wir agieren dabei technologieagnostisch.

Drittens betreiben wir Community Building: Nachhaltige Veränderungen erfordern echte Gemeinschaften. Wie hier beim Ökosystem von Verbund X schafft eine Gemeinschaft das nötige Vertrauen für konstruktive Debatten und arbeitet pragmatisch mit den vorhandenen Stärken, statt in polarisierte Diskussionen zu verfallen.

Sie haben in Ihrer Keynote gesagt, es gebe weltweit recht klare Ziele für die Energiewende, aber es fehle an einer positiven Vision. Können Sie das näher ausführen?

Energiewende ist zu einem der am meisten missverstandenen Begriffe geworden. Europäer verstehen darunter den Verzicht auf fossile Brennstoffe, Golfstaaten das Eliminieren von Treibhausgasemissionen, während man in den USA den Begriff derzeit überhaupt meidet und lieber von „Energieüberfluss“ spricht. Die Realität ist jedoch: Energie ist das Betriebssystem und das Fundament des Ökosystems unserer Zivilisation. Wir sprechen meist nur darüber, was die Zukunft nicht sein soll. Wir führen aber keine inspirierende Debatte mit den Menschen auf der Straße darüber, welche neuen Möglichkeiten ihr Leben verbessern können. Die Energiewende wird zu sehr als Geschichte von Verzicht und Leiden dargestellt.

Sie meinten in Ihrer Keynote auch, es brauche die Aktivierung noch nicht vorhandener Nachfrage…

Es geht darum, Nachfrage als aktiven Gestalter der Energiewende einzubinden, statt nur als deren Folge. Ein Beispiel: Meine 26-jährige Tochter arbeitet in der Modeindustrie und hat per se keinen Bezug zur Energie; aber Branchen wie die Bekleidungsindustrie besitzen reale Stellschrauben. Anstatt nur über Erzeugung, Übertragung und Speicherung zu sprechen und den Endverbraucher zu vernachlässigen, müssen wir in der Energiebranche vom konkreten Nutzen für das tägliche Leben der Menschen aus denken. Wenn Menschen verstehen, wie Energie ihr Leben verbessert, begreifen sie auch deren Wert. Wir brauchen eine Geschichte der Möglichkeiten aus dem Alltag heraus und keine reine Technologie-Story von oben.

Sie sagten in Bezug auf die Energiewende auch: „Moleküle werden bleiben.“ Wie lautet dazu Ihre Prognose?

Selbst wenn wir das Ziel von 50 bis 60 Prozent Elektrifizierung bis 2050 erreichen, bleiben 40 Prozent übrig. Meine Wette gilt sauberen Molekülen – sei es durch CO2-Abscheidung, dekarbonisierte Barrels oder wasserstoffbasierte Treibstoffe. Flüssige und gasförmige Brennstoffe bieten eine Transportfähigkeit, Energiedichte, saisonale Speichermöglichkeit und Flexibilität, die Elektronen und Batterien schlicht nicht haben. Die Zukunft gehört einer Kombination aus Elektronen, Molekülen und Qubits.

Als CEO des World Energy Council haben Sie eine globale Perspektive. Welche Rolle spielen Europa und speziell Österreich in diesem globalen System?

Österreich verfügt mit Initiativen wie dem Verbund X Accelerator über ein starkes Innovations-Ökosystem. Meine Aufgabe besteht darin, solche lokalen Innovatoren auf die globale Bühne zum World Energy Congress zu bringen, damit verschiedene Regionen voneinander lernen können. Verbund X hat Gegenstücke in vielen Ländern. Bottom-up-Initiativen sind hervorragend, aber Bottom-up und Top-down müssen sich treffen, um echte Wirkung zu entfalten.

Zum Abschluss: Wie würden Sie in sehr wenigen Worten die wichtigsten Maßnahmen beschreiben, um die von ihnen skizzierte Vision umzusetzen?

In zwei Begriffen: Energy Literacy und Energy Fluency. Die meisten der neun Milliarden Menschen verstehen das Energiesystem nicht und wissen nicht, woher ihre Energie kommt. Selbst wenn ich in Europa Energieexperten frage, wie viel Energie sie verbrauchen, können es viele nicht beantworten. Wenn wir nicht einmal unseren eigenen Energieverbrauch benennen können – was verwalten wir dann überhaupt?

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