19.03.2025
INTERVIEW

WU-Bootcamp: „Können Venture Building mit KI erheblich beschleunigen“

Interview. Wie kann künstliche Intelligenz im Venture Building eingesetzt werden? Das zu untersuchen, ist das Ziel einer 48-Stunden-Lehrveranstaltung an der Wirtschaftsuniversität Wien, die diese Woche das zweite Mal stattfindet. Wir haben mit den Initiatoren gesprochen.
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Daniel Cronin, Peter Keinz und Andreas Ledere
Daniel Cronin, Peter Keinz und Andreas Lederer | Foto: Andreas Lederer

Wie KI die Entstehung neuer Geschäftsideen beschleunigen und gleichzeitig fundiertere Entscheidungen ermöglichen kann, beschäftigt Unternehmer:innen und Wissenschaftler:innen weltweit. Vor diesem Hintergrund startete an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) ein experimentelles Format: das „AI Bootcamp for Entrepreneurs“, das im Rahmen der Lehrveranstaltung „E&I Zone: Artificial Intelligence“ im Dezember an der Wirtschaftsuniversität Wien erstmals stattfand und nun diese Woche seine Wiederholung findet.

Die Idee dahinter: In nur 48 Stunden sollte der gesamte „Venture Building“-Prozess durchlaufen werden – von der ersten Konzeptskizze bis zum ausgereiften Pitch. Initiiert haben das Projekt AustrianStartups-Co-Founder Daniel Cronin, WU-Associate-Professor Peter Keinz, KI-Experte Andreas Lederer und Tributech-CEO Thomas Plank.

Gemeinsam mit ihren Studierenden wagten die Initiatoren ein praxisnahes Experiment: Wie weit können KI-Tools wie ChatGPT das Identifizieren, Validieren und Pitchen neuer Geschäftsideen unterstützen? Ist es realistisch, ein ganzes Semester an Arbeit in ein komprimiertes Wochenendformat zu packen – und wie hoch ist die Qualität der Ergebnisse? In diesem Interview geben die Initiatoren einen Einblick in ihre wichtigsten Erkenntnisse und erklären, wie künstliche Intelligenz das Potenzial hat, den Innovationsprozess grundlegend zu verändern.


brutkasten: Wie kam es zum “AI Bootcamp for Entrepreneurs” – wie ist die Idee entstanden und wie kam es zur Umsetzung?

Daniel Cronin: Die Idee zum “AI Bootcamp for Entrepreneurs” entstand fast beiläufig in einem Gespräch mit meinem langjährigen Freund Peter Keinz. Ich meinte damals: „Ich glaube, wir können den gesamten Venture-Building-Prozess mit Hilfe von KI erheblich beschleunigen.“ Peter reagierte sofort und schlug vor, genau diesen Ansatz einmal zu testen.

Von da an ging es rasant voran: Ich kontaktierte Andreas Lederer, einen Kollegen und KI-Experten, und erwartete zunächst, dass er die Idee aus technischer Sicht relativierte – stattdessen wurde er sofort Teil des Teams, um es in der Praxis auszuprobieren, und brachte das technische Know-how mit ein. Zudem holten wir Thomas Plank ins Boot, dessen umfangreiche Markterfahrung und gemeinsame Gedanken zur digitalen Transformation das Team perfekt ergänzten.

Gemeinsam setzten wir uns das ambitionierte Ziel, das, was normalerweise ein Semester an Arbeit ist, in nur 48 Stunden umzusetzen. Die schnelle und überzeugende Resonanz – unser Kurs „E&I Zone: Artificial Intelligence – AI Bootcamp for Entrepreneurs“ war nahezu sofort ausgebucht – bestätigte uns, dass wir mit diesem komprimierten, praxisnahen Format genau den Nerv der Zeit getroffen haben.

Was war euer Ziel mit dem Bootcamp, als ihr es aufgesetzt habt?

Peter Keinz: Mich persönlich hat die akademische Neugier angetrieben. Als Professor für Entrepreneurship und Innovation, der Venture Building unterrichtet und beforscht, beschäftigt mich die Frage, wie eine höchst disruptive Technologie wie KI mein Feld verändern wird. 

Das Bootcamp – eine Lehrveranstaltung im Rahmen der SBWL (Spezialisierung innerhalb des BWL-Studiums, Anm. d. Red.) „Entrepreneurship und Innovation“ der WU Wien – war im Grunde ein erstes Experiment, ein MVP, wenn man so will. Mein Hauptziel war zu lernen: Wie funktionieren die aktuellen Tools? Welchen Mehrwert stiften sie im Venture Building? Wie können angehende Entrepreneure mit KI umgehen? Wir haben jetzt ein paar erste, sehr vielversprechende Eindrücke. 

Im nächsten Schritt fände ich es spannend, sich diesem Thema auch wissenschaftlich anzunehmen. Wie valide sind beispielsweise Informationen, die im Rahmen synthetischer Customer-Discovery-Interviews gewonnen werden, wirklich? Wie verändert sich der Venture Building-Prozess strukturell? Ist die Qualität des Outcomes mit jenen der üblichen Formate vergleichbar, wo Studierende nicht gut 20 Stunden, sondern vier Monate an ihrem Venture arbeiten? Am Ende steht vielleicht die Entwicklung einer gänzlich neuen Venture-Building-Logik oder Methode?

Daniel Cronin: In den letzten Jahren habe ich viel Zeit mit Venture Building sowie mit Transformationsprozessen in Konzernen verbracht. Dabei hatte ich immer wieder das Gefühl, dass enorm viel Zeit darauf verwendet wird, überhaupt erst festzustellen, ob eine Idee tatsächlich verfolgenswert ist oder nicht.  

Gleichzeitig habe ich mich intensiv mit KI beschäftigt und war stets fest davon überzeugt, dass der sogenannte „Fuzzy Frontend“ – also der Prozess von der ersten Idee über den Markttest bis zur Erprobung beim Kunden – viel, viel schneller durchlaufen werden muss. Warum? Weil auf diesem Weg zu viel Zeit und Energie verschwendet wird.  

Ein zentrales Ziel für mich war daher, herauszufinden, ob dieser Prozess tatsächlich erheblich schneller möglich ist? Und ob er auch ohne jegliches Vorwissen durchlaufen werden kann? Von beidem war ich überzeugt. Doch es reichte nicht aus, nur daran zu glauben – es musste überprüft werden.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse, die ihr aus der Lehrveranstaltung mitnehmt? Gab es für euch Aspekte, die sich während der Veranstaltung herauskristallisiert haben und die für euch überraschend waren?

Peter Keinz: Überraschend war vor allem, wie versiert unsere Studierenden bereits im Umgang mit KI-Tools sind. Sie sind nicht in die Falle getappt, den Output ungeprüft als „faktisch richtig“ zu übernehmen, sondern haben verschiedene Prompts und Tools getestet, Ergebnisse verglichen und diese mit eigener Recherche validiert. Ihre Kreativität im Einsatz von KI während des Venture Building-Prozesses hat mich ebenfalls beeindruckt – sie haben Einsatzmöglichkeiten identifiziert, die wir als Lehrende so nicht erwartet oder vorhergesehen hatten.

Das zeigt, wie Personen mit dem nötigen Basiswissen KI-Tools auf innovative und unvorhersehbare Weise nutzen können. Auch wenn diese Beobachtungen nicht repräsentativ für alle potenziellen Anwender:innen sind, weil sich die Studierenden unseres Instituts durch überdurchschnittliche Neugier, Offenheit für Technologien und Problemlösungskompetenz auszeichnen, unterstreichen sie doch das enorme und noch nicht voll antizipierbare Potenzial von KI für den Venture Building-Prozess.

Andreas Lederer: Die Lehrveranstaltung hat gezeigt, dass KI-Tools wie ChatGPT und ähnliche Technologien großes Potenzial im Bereich Venture Building haben – wenn sie richtig eingesetzt werden. Die größte Wirkung entfalten sie häufig durch die Verwendung in Kombination mit menschlichem Urteilsvermögen. Ein für mich zentraler Punkt war zum Beispiel, dass KI in der Ideengenerierungsphase das skalierbare Finden neuer Produkt- und Geschäftsansätze ermöglicht.

Die Eigenschaft von KI kreativ zu „halluzinieren“ kann insbesondere in dieser Phase ein echter Vorteil sein, den man auch so sehen und nutzen muss. Das war überraschend: Was oft als Schwäche von KI betrachtet wird, nämlich die Tendenz zu fehlerhaften oder erfundenen Inhalten, kann im kreativen Prozess für den Nutzer einen inspirierenden Mehrwert darstellen.

KI hat sich in dieser ersten Ideenfindungsphase aber auch als sehr gut erwiesen, zum Beispiel in der Rolle als erfahrener und fachkundiger Investor eine große Anzahl erster Ideen substantiell, umfassend und kritisch gegenüber den Teilnehmern zu hinterfragen, um ihnen als zukünftigen Unternehmern rasch eine erste Grundlage für eine Entscheidung zu geben, ob eine bestimmte Idee es wert ist, mehr Arbeit zu investieren, um sie weiter zu verfolgen und umzusetzen. 

KI kann ein mächtiges Werkzeug im Venture Building sein, das es ermöglicht, kreativer und effizienter zu arbeiten. Das Seminar hat aber auch gezeigt, dass es einen bewussten, reflektierten Umgang mit diesen Tools braucht, um echte Innovation und Qualität sicherzustellen. KI kann Prozesse anstoßen und unterstützen – aber der Unternehmergeist, die Beurteilung und vor allem die Entscheidungen und die Umsetzung müssen weiterhin vom Menschen kommen.

Ihr habt euch angesehen, welche Tools im Venture Building Prozess eingesetzt werden können. Welche konkret habt ihr dabei am wertvollsten empfunden und würdet ihr weiter empfehlen? Welche Tools sind möglicherweise überschätzt?

Andreas Lederer: Leistungsfähige Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude haben sich in den meisten Venture Building Phasen als Allrounder und “Schweizer Taschenmesser” der KI-Tools bewährt. 

Für Aufgaben wie Market Research oder Competitor Research haben wir Tools wie Perplexity getestet, die mit Sprachmodellen arbeiten und einen Internetzugang für Echtzeitrecherchen haben. Für die Aufarbeitung und Analyse punktueller Rechercheergebnisse waren die Ergebnisse brauchbar, eine aktuell noch große Schwäche von solchen KI-Tools ist allerdings, dass umfassende – geschweige denn vollständige –  Live-Recherchen im Internet kaum automatisiert möglich sind.

Solche Tools finden zum Beispiel auf Anweisung punktuell Mitbewerber im Internet und können sie sehr treffend analysieren, aber eine umfassende oder vollständige Recherche der Wettbewerbslandschaft war zum Zeitpunkt des Seminars unseren Erfahrungen nach automatisiert durch KI noch nicht zu erwarten.

Spannend ist allerdings, dass sich alleine in den sechs Wochen nach unserem Seminar mit Google Deep Research (veröffentlicht im Dezember 2024) und OpenAI Deep Research (veröffentlicht im Jänner 2025) zwei KI-Agenten veröffentlicht wurden, die gerade in diesem Punkt große Verbesserungen versprechen. Dadurch zeigt sich, wie unglaublich rasch die Entwicklung momentan voranschreitet.  

Es gibt einige auf VentureBuilding spezialisierte Tools, die unserer Erfahrung aber noch alle Einschränkungen haben. Ein Beispiel: VentureKit. Diese KI verfasst auf Basis einer kurzen Geschäftsidee einen sehr ausführlichen Business Plan, der eher allgemein gehalten aber vom Gefühl auch zu 80 Prozent inhaltlich relevant ist. Wenn man eine fertig konzipierte Idee redaktionell ausarbeiten möchte, hilft diese redaktionelle Unterstützung natürlich enorm. Es bleibt einem aber nicht erspart, die wesentlichen 20 Prozent inhaltlich selbst zu ergänzen.

Und: Am Ende unseres Seminars hatten wir einige bereits sehr stark inhaltlich ausgearbeitete Ideen inkl Business Modell und Zielgruppendefinition. Wir haben dann festgestellt, dass die KI auf Basis so detaillierter Infos nicht gut arbeiten kann. Das reduziert natürlich den Wert, wird aber eine Frage der Zeit sein, bis diese Einschränkungen behoben sind.

Bei Dokumentation und Präsentation wurden einzelne KI-Tools wie fireflies (Dokumentation) oder beautiful ai verwendet, die sich als brauchbare Unterstützung erwiesen haben. Für die Aufarbeitung und Auswertung umfangreicherer Textmengen wurde NotebookLM verwendet, das dafür von vielen Tools die beste Performance geliefert hat. 

Was sind aktuell die größten Probleme oder Herausforderungen, wenn es um den Einsatz von KI-Tools im Venture-Building-Prozess geht?

Peter Keinz: Am Ball zu bleiben! Die Technologie und die entsprechenden Tools entwickeln sich mit einer so großen Geschwindigkeit, dass Wissen, Skills und Strategien, die heute noch wertvoll sind, morgen schon wieder obsolet sein können. Das beginnt bei der Auswahl der „richtigen“ Tools, geht über Promptingstrategien und endet bei der Frage, wofür ich die KI überhaupt einsetzen kann.

Für ein eigenes Gründungsprojekt hatte ich vor eineinhalb Jahren mal das gesamte Fuzzy Frontend des Venture Building-Prozesses durchlaufen. Und zwar ganz klassisch und ohne jegliche KI. Interviews, Tests verschiedener MVPs, Markt- und Konkurrenzanalyse, etc. Als ich den Prozess dann aus reiner Neugierde ein paar Monate später mit KI-Unterstützung wiederholte, waren die Ergebnisse enttäuschend – sehr oberflächlich und wenig valide. Da hätte ich der KI keinen großen Nutzen im Venture Building zugestanden.

Im Zuge der Vorbereitung des Bootcamps habe ich den Prozess jetzt nochmals durchgespielt mit der letzten Generation von Tools und was soll ich sagen: Die Ergebnisse erscheinen höchst valide. Aber wie gesagt: Diese Eindrücke sind jetzt durch wissenschaftliche Untersuchungen zu untermauern.

Die Lehrveranstaltung wurde in 48 Stunden abgehalten. Inwiefern hat dieses Format sich auf die Ergebnisse ausgewirkt?

Peter Keinz: Den gesamten Venture Building-Prozess in zwei Tage zu packen – eigentlich waren es nur gut 20 Stunden für die Studierenden – ist natürlich ein sehr ambitioniertes Format. In den üblichen Formaten haben die Studierenden für diese Aufgabe wesentlich länger Zeit, da sprechen wir von ein paar Monaten. Insofern war ich überrascht, wie gut die an unserem Demo Day präsentierten Pitches waren! Inhaltlich war alles da, was einen potenziellen Investor interessieren könnte, auch die Storyline der Pitches und die Slides waren top. Da hätte ich kaum einen signifikanten Unterschied zu den „klassisch“ erarbeiteten Pitches gesehen.

Was man aber schon merkt, ist, dass die Studierenden wenig Zeit hatten, all die gesammelte Information auch wirklich kognitiv zu verarbeiten. Es macht einfach einen Unterschied, ob ich mit einer Business Opportunity mehrere Monate beschäftige, sie wirklich aus verschiedensten Perspektiven in Ruhe durchdenken kann, oder aber innerhalb von nur ein paar Stunden eine Unmenge an relevanten Daten generiere und zu verarbeiten versuche.

Da kommt es schnell zum information overload und wichtige Details bleiben auf der Strecke. Das ist dann am Demo Day bei den sehr spezifischen Nachfragen der Investoren schon aufgefallen. Aber wie schon weiter oben erwähnt: Die Idee ist ja auch bisher gar nicht, die „klassischen“ Schritte des Venture Building-Prozesses zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen, zu bereichern und zu beschleunigen.

Was waren die interessantesten Business-Ideen, die von Studierenden im Rahmen der Veranstaltung identifiziert wurden? Gab es eine, die euch besonders beeindruckt hat?

Daniel Cronin: Es gab eine ganze Reihe spannender Business-Ideen, doch was mich weitaus mehr fasziniert hat, war die Geschwindigkeit, mit der Pivotierungen stattfinden konnten. Wir kennen alle den alten Grundsatz: “Never love your own product.“ In der Regel dauert es jedoch Wochen, wenn nicht sogar Monate, bis eine Gründerin oder ein Gründer die Erkenntnis gewinnt: „Wow, ich habe eine großartige Idee! – nur um wenig später festzustellen:  Oh, ich muss pivotieren.“

Doch was wir in unseren Tests schnell erkannt haben, war etwas vollkommen Neues: Pivotierungen waren hier nicht nur innerhalb weniger Stunden, sondern teilweise sogar innerhalb von Minuten notwendig. Warum? Weil KI als Sparring-Partner genau an diesen Punkt führt – schneller, präziser und mit knallharter Analyse.  

Der vielleicht eindrucksvollste Moment war, als wir in den Gesichtern der Studentinnen und Studenten sehen konnten, wie begeistert sie zunächst von ihren Ideen waren – nur um kurze Zeit später die harte Entscheidung treffen zu müssen. Denn auch wenn die Idee gut war, zeigten die Zahlen, die Daten und das KI-Feedback unmissverständlich: Ja, vielleicht müssen wir das Konzept doch noch einmal überdenken und weiterentwickeln.“  

Diese radikale Beschleunigung des Pivot-Prozesses ist eine der faszinierendsten Auswirkungen der KI auf den Innovationsprozess.

Können KI-gestützte Analysen einen Gründungsprozess „zu generisch“ machen, oder kann KI auch Originalität fördern?

Daniel Cronin: Diese Frage ist äußerst spannend, und ich würde sie aus mehreren Perspektiven betrachten. Der erste Punkt, ist dass KI Gründungen ohne Vorwissen ermöglicht. Das bedeutet konkret: KI kann Menschen die Möglichkeit bieten, großartige Ideen umzusetzen, die sonst niemals realisiert worden wären. Warum? Weil ihnen oft das richtige Umfeld, der fachliche Background oder der Zugang zu einer Hochschule fehlt. Viele scheitern nicht an ihren Ideen, sondern daran, dass ihnen die einfachen, aber essenziellen Werkzeuge fehlen, die man ansonsten nur in einem Entrepreneurship-Institut kennenlernen würde.  

Diese Entwicklung ist spektakulär, weil sie Unternehmertum zugänglicher macht und Menschen mit innovativen Ideen eine echte Chance gibt – unabhängig von ihrem Bildungshintergrund oder ihrem Netzwerk.  

Andererseits muss man auch ganz klar sagen: KI kann halluzinieren. Sie ist in ihrer grundlegendsten Form darauf trainiert, Muster zu erkennen und daraus Vorhersagen zu treffen. Das bedeutet, dass KI oft die wahrscheinlichsten und naheliegendsten Ausgänge bevorzugt.  

Doch was bedeutet das für Innovation? Könnte es dazu führen, dass KI nur bestehende Erfolgsmodelle reproduziert und wahre Originalität unterdrückt? Nicht unbedingt. Denn am Ende des Tages trifft immer der Mensch die Entscheidung. Die KI dient lediglich als Sparring-Partner, der Ideen in kürzester Zeit herausfordert und den Nutzer zwingt, neue Perspektiven einzunehmen.  

Insofern sehe ich KI als eine enorme Möglichkeit, Originalität zu fördern – aber nur, wenn der Purpose stark genug ist. Wie in allen Bereichen gilt: Der wahre Antrieb für eine Gründung muss aus einer tiefen Überzeugung kommen.  Ohne einen klaren Purpose, ohne das brennende innere Verlangen, ein wirklich relevantes Problem zu lösen, bleibt eine Idee schwach – ganz egal, wie gut die KI sie weiterentwickelt. Innovation braucht Mut, Leidenschaft und einen klaren inneren Antrieb.  

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Martin Ohneberg am World Venture Forum in Kitzbühel | (c) brutkasten

Beim World Venture Forum in Kitzbühel hielt Martin Ohneberg auf Einladung von Initiator Berthold Baurek-Karlic die Rede zum Gala-Dinner: über Europa im globalen Kontext. Seine Botschaft, die er im brutkasten-Gespräch wiederholt: Europa hat kein Ideen-, sondern ein Umsetzungs- und Kapitalproblem. Und: „Wir reden nicht von einer Krise, sondern von einer Transformation.“ In der Transformation bringe Warten nichts.

Ohneberg weiß, wovon er spricht. Der Vorarlberger Industrielle übernahm 2011 die HENN Gruppe und baute den Verbindungstechnologie-Spezialisten zum Nischen-Weltmarktführer bei Ladeluft-Schnellkupplungen für die Automobilindustrie aus – eine Position, die das Unternehmen bis heute hält. Während die Branche mitten in einer schmerzhaften Transformation steckt, richtet er seine Gruppe nun auf einen Megatrend aus, der von KI-Rechenzentren bis zu humanoiden Robotern reicht: Kühlung.

Im Gespräch mit brutkasten erklärt Ohneberg, warum Europa beim Thema Souveränität den letzten Moment erreicht hat, weshalb das Self-driving Car der echte Game Changer wird und was passieren muss, damit der Kontinent nicht zum reinen Anwender fremder Technologien wird.


brutkasten: In deiner Rede beim World Venture Forum hast du die Formel „Europe discusses, America decides, Asia acts“ aufgegriffen. Gleichzeitig läuft gerade die Debatte um Europas digitale Souveränität. Ist da ein Momentum?

Martin Ohneberg: Wenn Europa jetzt beim Thema Souveränität nicht aufwacht, wird es ganz schwierig. Ich glaube, es ist der letzte Moment. Das wurde erkannt, der Draghi-Report hat seinen Teil dazu beigetragen. Jetzt muss gehandelt werden. Die Frage ist: Haben wir noch eine Chance, das Ruder herumzureißen? Die Gefahr ist, dass wir vom Land der Innovation und der Produktion zum Land der Anwender werden. Und leicht wird das nicht: Kapital ist der Rohstoff der Zukunft. Wenn man sich den Börsengang von SpaceX anschaut, sind das Dimensionen, da können wir in Europa nicht mit. Wir haben tolle Ideen und viele tolle Startups. Aber wenn man anschaut, wo sie skalieren und wo sie das Geld holen, ist es dann doch Amerika.

Was muss auf europäischer Ebene passieren? Sollte die öffentliche Beschaffung etwa gezielt europäische Lösungen bevorzugen?

Man kann das leicht sagen, aber es ist diffiziler, als oft geglaubt wird. Unsere Abhängigkeiten sind in vielen Technologien und bei seltenen Erden inzwischen so groß, dass es extrem schwierig ist, sich stärker gegen andere Nationen aufzustellen. Dazu fehlt die Geschlossenheit: 27 Länder, jeder agiert selbst, Frankreich anders als Deutschland. Natürlich macht es Sinn, die europäische Wirtschaft stärker zu schützen. Aber die eigentlichen Probleme liegen tiefer: Wir haben keinen einheitlichen Kapitalmarkt, weshalb das Geld, das in Europa durchaus vorhanden ist, hauptsächlich nach Amerika geht. Die Bürokratie ist überbordend. Und wir müssen wegkommen von den Überschriften, ob das jetzt Green Deal heißt oder Industrial Acceleration Act, und in die Umsetzung kommen. Europa ist prädestiniert für tolle Strategien und Visionen. Am Ende mangelt es an der konsequenten Umsetzung.

Woran scheitert die?

Wir haben tolle Universitäten, Innovationen, eine starke Industrie. Aber wir bringen es nicht auf die Straße, weil Europa ein zu komplexes Gebilde ist. Allein die Geschwindigkeit: Bis etwas durch Parlament und Kommission ist, vergehen im Schnitt rund 18 Monate. Bis es in Kraft tritt, reden wir von zwei, drei Jahren. Wir sind aber in einer Zeit angekommen, in der Speed der Key ist. Es passieren ja Dinge, aber sie passieren halt außerhalb Europas. Das ist eigentlich das Thema. Die Konsequenz: Bei uns wird gegründet und entwickelt, skaliert wird in Amerika. Und dann importieren wir die Produkte wieder, die wir selbst erfunden haben.

Du bist mit HENN Zulieferer der Automobilindustrie. Bei VW und anderen ist enormer Druck im System. Wie nimmst du die Lage wahr?

Das, was jetzt in Europa passiert, ist meiner Ansicht nach erst der Beginn. Da wird noch mehr kommen. Vor ein paar Jahren hat man für diese Zeit von 125 Millionen produzierten Autos weltweit gesprochen, wir sind jetzt bei rund 90 bis 92 Millionen. Global wird wenig Wachstum vorhanden sein, dafür kommt ein massiver Verdrängungswettbewerb zwischen den Regionen, der nach aktuellem Stand zugunsten Asiens ausgehen wird. Wichtig ist mir die Unterscheidung: Wir reden nicht von einer Krise, sondern von einer Transformation. Eine Krise geht vorbei, ob Corona, Suezkanal oder Energiepreise. Die Transformation bleibt. In der Krise kannst du durchtauchen, in der Transformation bringt Warten nichts. Du musst handeln und gestalten.

Du siehst den nächsten großen Schub bei Self-driving Cars. Warum ausgerechnet dort?

Weil sich die Mobilität damit noch einmal fundamental verändert. Beim E-Auto ist der Customer Benefit de facto der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Das ist ideologisch, ob das ein riesiger Kundenvorteil ist, kann man diskutieren. Das Self-driving Car hat den echten Customer Benefit: Ich muss nicht mehr selbst fahren und kann jederzeit einsteigen. Wenn man sich anschaut, was Waymo, Huawei und andere schon auf der Straße haben und welche Datenmengen dort täglich generiert werden, kann man sich vorstellen, wie schnell das gehen wird. Für die Zulieferindustrie heißt das: extreme Standardisierung und Konsolidierung. Autos werden modular. Man kauft künftig ein „Skateboard“ mit vier Rädern, Batterie und integrierter Software, das Self-driving-Modul wird eingeschoben wie früher das erste Navi ins Auto. Und es wird die Foxconns geben, die das komplette Modul fertigen.

Wie stellt sich HENN darauf ein?

Wir kommen aus einer Nische, in der wir bis heute Weltmarktführer sind, der Ladeluft, und transformieren uns in einen Markt, der groß, aber extrem kompetitiv ist. Wir sind de facto in einem Red Ocean unterwegs. Deshalb richten wir die Gruppe stark auf den Megatrend Kühlung aus. Überall, wo verstärkt Elektrizität eingesetzt wird, braucht es Kühlung, und künftig immer öfter Wasserkühlung, weil die Leistungen so hoch sind. Die Rechenzentren, die jetzt gebaut werden, müssen alle wassergekühlt werden. Das ist unser Heimspiel: Da haben wir erste Anwendungen, Prototypen und intensive Gespräche. Dazu kommen Renewables wie Windkraft. Und humanoide Roboter, die aktuell noch luftgekühlt sind, künftig aber ebenfalls wassergekühlt werden müssen.

Stichwort Humanoide und Physical AI: Hat Europa dort überhaupt eine Chance?

Die Voraussetzungen wären da: Wir haben die Ingenieure, die klassische Industrie, hohe Innovationstätigkeit. Und die Notwendigkeit ist hundertprozentig gegeben: Demografisch müssen wir in Automatisierung und Robotik investieren, Punkt. Aber aktuell passiert wieder fast alles außerhalb Europas. Wenn Europa Souveränität ernst nimmt, muss spätestens bei den Humanoiden sichergestellt sein, dass es ein europäisches Produkt gibt, weil der Vergleich zum Menschen so nahe ist. Wenn China, die USA oder andere unsere Humanoiden in den Produktionshallen steuern, weiß ich nicht, ob das so angenehm ist. Es gibt positive Schritte wie die große Finanzierungsrunde von Neura Robotics mit Partnern wie Bosch und Schaeffler. Aber das Kapital fließt insgesamt wiederum nicht nach Europa. Die große Frage wird sein: Wie hoch ist unser Wertschöpfungsanteil? Dass wir anwenden werden, davon bin ich überzeugt. Ob wir ein eigenes Ökosystem aufbauen können, das entscheidet sich jetzt.

Zum Abschluss: Was gibst du Gründer:innen mit, die jetzt starten?

Es gibt nichts Besseres, als Unternehmer zu sein. Das ist die Champions League der Wirtschaft. Es kann jeder Unternehmer werden. Man braucht den Mut zu sagen: Jetzt mache ich den Sprung. Und dann Konsequenz. Aber es muss klar sein: Eine Unternehmerkarriere hat immer Höhen und Tiefen. Der Unternehmer ist der Einzige, der wirklich Risiko nimmt. Er ist bis zum Schluss auf dem Schiff.

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