20.06.2022

Workation: Neue Destinationen für Digital Nomads und Laptop Luggers

Der Trend Workation – die Verbindung von Urlaub und Arbeit – beflügelt die Krea­tivität der Startups und der Tourismusbranche in Österreich.
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Der Mesnerhof-C in Tirol empfängt Workation-Reisende und Teams für Company Retreats © Werner Neururer
Der Mesnerhof-C in Tirol empfängt Workation-Reisende und Teams für Company Retreats © Werner Neururer

Die vergangenen zwei Jahre haben uns im Laufschritt in eine neue Realität der Schreibtischarbeit getrieben. Die Freude, im Büro wieder andere Menschen zu treffen, ist zwar groß, Arbeiten am Esstisch, im eigenen Wohnzimmer oder im Garten ist aber genauso normal geworden. Ein paar Arbeitstage dort, andere da, je nachdem, was gerade zu tun ist oder wie die Termine fallen. Dass das mitunter ein Effizienzgewinn ist, hat sich längst auch in konservativen Manager:innenkreisen herumgesprochen – dieser flexible Umgang mit dem Arbeitsplatz spart Wegzeiten und ermöglicht wechselweise eine stille Umgebung für konzentriertes Arbeiten oder ständigen kreativen Austausch. Die Pandemie mit ihren Lockdowns hat Unternehmen in diese Lage gedrängt. Einige haben sich nicht nur an diese Situation gewöhnt – sie denken sie sogar noch viel weiter. Remote Work ist das neue Home­office und bringt auch Umwälzungen im Tourismus und der Mobilität.

Rund um Remote Work bildet sich ein Markt, der noch in der Konzeptphase zu stecken scheint. Die Maximalvariante ist wohl das mobile Büro in Form eines Campers oder Vans. ­Claudia Falkinger hat das ausprobiert. Sie kennt sich mit Innovatio­nen in der Mobilität aus, war sie doch lange als Innova­tions­managerin bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) tätig und hat die Initiative „Community Creates Mobility“ mit aufgebaut. Dort treffen sich Menschen, die sich für die Zukunft der Mobilität interessieren und sie gestalten wollen, und diskutieren neue Konzepte – Unternehmen, Startups, Kreative, Politiker:innen und Bürger:innen. Falkinger probiert neue Trends aber auch gern selbst aus – so kam sie zum Start­up Emma Wanderer und verlegte ihr Büro ausgerechnet im beginnenden Winter in einen Van, mit dem sie durch einen Teil Österreichs tourte. 

Co-Working im fahrenden Van

Das kam so: Das vom Wiener Startup Studio initiierte Jung­unternehmen Emma Wanderer hatte im Herbst 2021 gerade erste PR-Aktivitäten gestartet. Teil davon war eine ­Einladung an Journalist:innen, die Verbindung von Remote Work und Natur­erlebnis auszuprobieren. Falkinger war neugierig und bestieg mit einer Bekannten einen Van des Startups my­vanture, um eine Woche lang arbeitend durch die Nationalparkregion im Süden Österreichs zu touren, also dort, wo Emma Wanderer den ersten „Campus“ errichten will. Ein ­solcher Campus soll mitten in der Natur eine Infra­struk­­­tur für Büroarbeiter:innen bieten (Co-Working, gute Internet­verbindung etc.) und zusätzlich Unterkünfte und Stellplätze für Vans offerieren.

Claudia Falkinger im Van
Claudia Falkinger im Van „Thomas“ von myvanture © Falkinger

Im Herbst 2021 gab es dazu lediglich ­Pläne und Visualisierungen, also musste sich Falkinger anders be­helfen. „Jeder Tag an einem anderen Ort“ war durchaus eine Heraus­forderung in der Planung – zwei unterschied­liche Apps lotsten sie zu Bauernhöfen und Weingütern, denn ein sieben Meter langer und drei Meter hoher Van kann nicht überall parken. Das unmittelbare Naturerlebnis hat bei Falkinger den stärksten Eindruck hinterlassen – der Klapptisch mitten in der Alpenlandschaft vor dem eigenen Van. Der Arbeitsalltag war aber eine größere Herausforderung, als man denken würde. 

So soll der Emma Campus in Hieflau aussehen © Emma Wanderer/Architekten W30
So soll der Emma Campus in Hieflau aussehen © Emma Wanderer/Architekten W30

Engpass Internet und Strom

„Den größten Druck hat man durch die Infrastruktur“, ­be­richtet Falkinger. Um arbeiten zu können, brauche man eben stabiles Internet, Strom und guten Kaffee, alles „on the road“ Mangelware, aber oft auch am Zielort selbst. Ist man zu zweit, kann eine:r fahren und die/der andere arbeiten – theo­retisch, denn in der Praxis sei es eben schwierig, wenn der Van während eines Videomeetings durch einen Tunnel fahren muss und die Verbindung abbricht. Im Van gibt es zahlreiche USB-Anschlüsse und sogar induktive Möglichkeiten, Smartphones und Tablets aufzuladen. „Für den Laptop muss der Van aber am Stellplatz an den Strom angehängt werden“, so Falkinger. Genau hier setzt Emma Wanderer mit der Idee des Campus an, die all das bieten soll – inklusive Naturerlebnis. 

So soll Remote Working am Emma Wanderer Campus aussehen © Tim Ertl
So soll Remote Working am Emma Wanderer Campus aussehen © Tim Ertl

Arbeitgeber öffnen sich Workation

Unternehmen schaffen zunehmend Möglichkeiten für ­An­gestellte, solche Konzepte auszuprobieren und in ihr Arbeitsjahr zu integrieren. Das mittlerweile weit über die Startup-­Szene hinaus bekannte Unternehmen Bitpanda hat im Frühjahr mit einem besonders radikalen Konzept Schlagzeilen gemacht: Über die gesetzlichen 25 Tage Urlaub hinaus kann sich jede:r Mitarbeiter:in – insgesamt sind es mehr als 1000 – so viele Tage freinehmen, wie er/sie möchte, solange alle Ziele des Unternehmens weiterhin erreicht und alle Aufgaben erledigt werden können. Unbegrenzter Urlaub nicht als Marketing-Gag, sondern um sicherzustellen, dass Angestellte trotz arbeitsintensiver Phasen leistungsfähig bleiben: „Das ist zu unserem eigenen Vorteil, denn Arbeit­geber, die sich für ein Umfeld einsetzen, das die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben fördert, haben weniger Fehlzeiten, eine höhere Produktivität und ein loyales, produktives Team“, so HR-­Chefin Lindsay Ross zum brutkasten. Zwei „­Recharge Breaks“ schicken das ganze Team auf Firmenurlaub, und auch für Remote Work gibt es bei Bitpanda eine zusätzliche Sonder­regelung: An 60 Tagen im Jahr kann von anderen Orten auf der Welt aus gearbeitet werden, solange 80 Prozent Überschneidung mit der täg­lichen Arbeitszeit des restlichen Teams möglich sind.

Emma Wanderer steht mittlerweile kurz vor dem Baubeginn im Nationalpark Gesäuse. Dort soll noch 2022 ein Campus für Menschen entstehen, die einen Teil ihres Arbeitsjahrs in der Natur verbringen wollen. Tagsüber arbeiten in inspirierender Umgebung, Tapetenwechsel; nach Feierabend und am Wochenen­de geht es aufs Mountainbike, den Berg oder sogar die Skier, denn der Campus soll ganzjährig bereitstehen. Neben einem Clubhouse, in dem Kaffeehaus und Co-Working-Plätze unterkommen, sind Tiny Houses geplant, die entsprechend mit Büromöbeln ausgestattet sind. Emma Wanderer kann man als Privatperson buchen, für das Start­up besonders spannend sind aber die ersten Firmenkunden, die individuelle Packages für ihre Mitarbeiter:innen buchen – mitunter auch als Retreat für Teams oder das ganze Unternehmen. 

Chance für Alpentourismus

Diesen vielleicht aufkeimenden Trend wünschen sich nicht nur Startups herbei – nach zwei Jahren ­Durststrecke lässt er auch die Tourismusbranche aufhorchen. Der in Bayern angesiedelte Verein CoworkationAlps will das Potenzial von Remote Work für die Tourismusregion der Alpen nutzbar machen. Mit dabei ist auch die Standortagentur Tirol; im Aufsichtsrat des Vereins sitzt unter anderem Georg Gasteiger, der in Tirol mit dem Mesnerhof-C in Steinberg bereits länger die Zielgruppe arbeitender Urlauber oder workshoppender Unternehmen anspricht. Die Plattform CoworkationAlps listet mehr als 20 Tourismusbetriebe mit Co-Working-Angebot auf – darunter auch ein für Co-Working ausgebauter Heustadel in Osttirol oder ein ganzes Co-Workation-Village im Piemont, das auf bis zu 100 Coworker:innen ausgerichtet ist und eine Durchschnittsaufenthaltszeit von fünf bis 20 Tagen bietet. 

Georg Gasteiger hat den Mesnerhof-C eröffnet © Harald Eisenberger
Georg Gasteiger hat den Mesnerhof-C eröffnet © Harald Eisenberger

Der Verein hat dazu auch eine Studie im Alpenraum durch­geführt, für die 2728 Berufstätige mit ortsungebundenen Jobs und 676 Unternehmen befragt wurden. 60 Prozent der befragten Berufstätigen können sich demnach eine Co-Workation vorstellen, 90 Prozent davon würde dafür der Alpenraum reizen. Unternehmen gaben in der Befragung an, dass die technische Infrastruktur vor Ort passen und eine klare, arbeitsrechtlich sichere Vereinbarung bestehen müsse.

Visa für Digital Nomads

Emma Wanderer hatte von Anfang an den Plan, nicht nur Öster­reicher:innen eine naturnahe Alternative zum Home­office anzubieten. Für 2023 ist nicht nur ein weiterer Campus in Österreich (konkret: in Kärnten) geplant – auch in Portugal, Griechenland und Kroatien steckt das Startup in Verhandlungen zu Locations. Andreas Jaritz, der Emma Wanderer 2021 mit aus der Taufe gehoben hat, hat dazu mit Julia ­Trummer eine Expertin für internationale Hotelleriekonzepte als Co-Founderin an Bord geholt. 

Die Wahl der Standorte hat nicht nur mit Naturnähe zu tun. Österreich sei vergleichsweise restriktiv, was Co-Working-Tourismus angehe, erklärt Jaritz dem brutkasten. Kroatien hingegen gibt seit 2021 spezielle Visa für Digital Nomads aus und lockt damit zahlreiche internationale Fachkräfte ins Land. Mit der „Digital Nomad Association Croatia“ (DNA) kümmert sich eine eigene NGO um die wachsende Community. Laut DNA dauert der Antrag etwa drei bis vier Wochen, dann darf man zwölf Monate lang in Kroatien für ein Unternehmen arbeiten, das keinen Sitz in Kroatien hat; im Gastland fällt dabei keine Einkommensteuer an. 

Andreas Jaritz ist CEO von Emma Wanderer © Tim Ertl
Andreas Jaritz ist CEO von Emma Wanderer © Tim Ertl

Airbnb-Chef auf Tour

In Italien gibt es ebenfalls bereits Überlegungen, ein ­solches Visum anzubieten, und Südafrika ist bereits in der ­Umsetzung. Dass der Trend gekommen ist, um zu bleiben, zeigt auch die Aufmerksamkeit, die große Plattformen dem Thema widmen: Airbnb-Chef Brian Chesky hatte Anfang des Jahres sogar selbst angekündigt, einige Monate auf Reisen zu gehen und währenddessen weiterhin das Unternehmen zu leiten – eine Tour, die nicht nur der persönlichen Abwechslung dient; ­Chesky will damit auch zeigen, dass Remote Work in unter­schiedlichen Airbnbs selbst für Firmenchefs eine Option ist, und damit das Work-and-Travel-Angebot der Ferien­unterkunft-Plattform anpreisen. „Alles, was man braucht, ist ein Laptop und ein Internetanschluss bei jemandem zu Hause, um seine Arbeit zu erledigen. Man kann so sogar ein fast 100 Milliarden Dollar schweres Unternehmen leiten“, sagte er zur Zeitung „USA Today“. 

Tourismus entdeckt Laptop Luggers als Zielgruppe

Laptop Luggers, wie Deloitte diese wachsende Gruppe Reisender nennt, sind eine lukrative Zielgruppe für die Touristikbranche: Sie reisen öfter, bleiben länger und haben eine hohe Kaufkraft, wie die Unternehmensberatung in einer Studie herausfand. Und sie haben spezielle Bedürfnisse: gutes WLAN, ruhige Arbeitsplätze und flexible Aktivitäten, die sich ihrem Arbeitstag anpassen. Internationale Hotelketten beginnen bereits, auf sie zu reagieren, etwa mit Abomodellen. 

Noch offen ist die Frage, was der Workation-Trend für die Mo­bilität und letztlich für die Umwelt bedeutet. Nach ihrer Workation-Tour durch die Nationalparkregion blieb bei Falkinger jedenfalls der Eindruck, dass die Zukunft der Arbeitswelt nicht ein Pkw sein könne – auch aus dem Blickwinkel der Umweltbelastung. Länger auf dem Campus zu arbeiten kann sie sich schon vorstellen, und genau darin sieht Jaritz auch eine Chance für den Klimaschutz: Workation verlängere die Dauer der Aufenthalte und reduziere damit die Zahl der besonders umweltschädlichen Kurztrips. Vier Wochen findet der Unternehmer ideal – zwei Wochen Workation und zwei Wochen Urlaub mit flexiblen Übergängen. 

Lesetipp: brutkasten Magazin #14

Dieser Beitrag erschien zuerst im brutkasten Magazin #14 (Ausgabe: Frühjahr 2022). Hier erfährst du, wie du das ganze Magazin lesen kannst.

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

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