24.04.2026
BEZIEHUNGEN

Work-Love-Balance: „Diese Zeit hat uns viel gekostet“

Was passiert mit Beziehungen, wenn einer gründet? Partner:innen von Gründer:innen erzählen, wie es ist, mit einem Menschen zu leben, der nie abschaltet.
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Nicole Berger und Andreas Tschas mitten in der Startup-Zeit mit der ersten Tochter im Jahr 2015 (c) Cihan Kadir
Nicole Berger und Andreas Tschas mitten in der Startup-Zeit mit der ersten Tochter im Jahr 2015 (c) Cihan Kadir

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 “Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Viele Abenteuer erkennt man erst hinterher. Gründen ist eines davon. Oft übersieht man: Nicht nur die Gründer:innen wagen diesen Schritt, sondern auch ihr Umfeld. Und die Betroffenen in – vermeintlich – zweiter Reihe ahnen noch weniger, was auf sie zukommt. So ergangen ist es Claudia Granig, Nicole Berger und Christoph Eichhorn.

Claudia Granig ist verheiratet mit Martin Granig, der 2018 das Fintech-Startup Monkee mitgegründet hat. Nicole Berger steht seit 17 Jahren an der Seite von Seriengründer Andreas Tschas – er co-initiierte unter anderem die Startup-Plattform Pioneers.io und 2020 das B2B-Edtech-Startup Glacier. Christoph Eichhorn erlebt Unternehmertum aus einer anderen Perspektive: Seine Frau Manon Soukup baut seit 2024 mit kultur*knistern ein neues Kulturmedium auf.

So unterschiedlich ihre Wege auch sind, eines verbindet alle drei Paare: Am Anfang steht Zuversicht – und die Ahnung, dass man noch nicht fassen kann, was da auf einen zukommt.

Sprung ins kalte Wasser

Die erste Zeit war für Claudia Granig geprägt von Energie, Hoffnung – und wenig Vorstellung davon, was wirklich kommen würde. „In der Theorie klingt Gründen machbar. In der Praxis merkt man erst später, was es emotional wirklich mit einer Familie macht“, erzählt sie. Sie sagte ihrem
Mann für die Gründung von Monkee volle Unterstützung zu, „ohne zu wissen, in welchem Ausmaß
sie irgendwann nötig sein würde.“ Christoph Eichhorn erlebte den Start von kultur*knistern aus einer ähnlichen Unsicherheit heraus: „Man weiß rational, was Gründen bedeutet – aber emotional ist man darauf nicht wirklich vorbereitet.“

Nicole Berger wiederum kannte es nie anders: Sie hat Andreas Tschas in der Gründungsphase seines ersten Unternehmens Pioneers kennengelernt. „Er war ständig auf Veranstaltungen unterwegs, um sein Netzwerk aufzubauen, das war von Anfang an Teil unseres Alltags.“ An Bergers Alltag änderte sich trotzdem einiges: „Damals war ich bei Korean Air am Flughafen Wien tätig und bin privat viel gereist. Das hat schnell aufgehört, weil Andi kaum Zeit für Urlaub hatte“, erzählt sie.

In guten wie in schlechten Zeiten

Die Partner:innen ermutigen, während sie selbst oft nicht mehr als beobachten können. Aber von Anfang an spüren alle den Druck: Zeitmangel, Geldfragen, Unsicherheit.

„Ich trage das Risiko emotional voll mit – auch wenn meine eigene Karriere davon eigentlich nichts hat. Aber ich möchte, dass kultur*knistern funktioniert“, sagt Christoph Eichhorn. Er selbst arbeitet als Teamleiter bei einem IT-Dienstleister, Überstunden sind auch für ihn keine Seltenheit. Dass sich Arbeit mental unterschiedlich anfühlen kann, erlebt er im Vergleich mit seiner Frau Manon Soukup besonders deutlich: „Am Anfang hat mich das frustriert, wenn sie abends wieder gearbeitet hat, obwohl wir eigentlich Zeit miteinander verbringen wollten. Aber man muss sich damit abfinden, dass ein Teil der mentalen Kapazität immer beim Projekt ist.“ Eichhorn versteht das nicht als Vorwurf, sondern als Learning: „Wenn ich sie daran hindern oder ihr ein schlechtes Gewissen machen würde, wäre das falsch. Ich will nicht, dass es am Ende heißt: Es hat nicht funktioniert – wegen mir, wegen unserer Beziehung oder aus irgendeinem anderen Grund. Wir haben uns einen Zeitrahmen vereinbart, in dem sie alles ins Projekt stecken kann“, sagt er.

Auch finanziell bringt eine Gründung harte Einschnitte. Während andere jährlich mehr verdienen, zahlen sich viele Founder:innen monatelang gar kein Gehalt aus. Selbst wenn der Partner oder die Partnerin genug verdient oder Ersparnisse für den Notfall bereitliegen, nagt die ständige Ungewissheit. „Man trägt ein Risiko mit, das man selbst nie bewusst gewählt hat. Auch wenn objektiv genug Geld da war, hatte ich ständig das Gefühl von Mangel“, erinnert sich Claudia Granig. Vor der Gründung arbeiteten sowohl sie als auch ihr Mann Martin angestellt bei Swarovski. Als Martin Granig das Startup gründete, wusste seine Frau: Notfalls lag es an ihr, das Familieneinkommen zu sichern. Was das hieß, wurde ihr erst später klar. „Das finanzielle Risiko habe ich erst richtig gespürt, als es um Finanzierungsrunden ging – da stand plötzlich alles auf der Kippe“, sagt Granig. „Diese finanzielle Unsicherheit ist etwas, das wir emotional bis heute ein Stück weit mitschleppen.“

Oft geht es vor allem darum, die Situation mental durchzustehen. Nicole Berger empfand es so: „Die finanzielle Unsicherheit war tragbar, aber sie war nicht immer leicht auszuhalten. Besonders unsere Eltern haben sich viele Sorgen gemacht. Der Exit von Andreas’ erstem Unternehmen Pioneers hat uns dann zum ersten Mal echte Sicherheit gegeben und vieles entspannt.“ Das Unternehmen hinter dem Pioneers Festival, die JFDI GmbH, wurde 2018 von der startup300 AG zu einem mittleren siebenstelligen Eurobetrag übernommen. Tschas hat zum Zeitpunkt des Verkaufs etwas mehr als 28 Prozent an der Gesellschaft gehalten. Wie viel er mit dem Exit verdient hat, ist öffentlich nicht bekannt.

Christoph Eichhorn erlebt mit seiner Frau Manon Soukup gerade die Gründungsphase.

Startup und Familie

Aber lange vor jedem Exit belastet die Gründungsphase das gesamte Umfeld: Partner:innen, Eltern und Kinder. Diese Zeit hat auch Claudia Granig als schwierig in Erinnerung: „Der Mental Load war unglaublich hoch – der Großteil des privaten Alltags lag bei mir. Während Martin für Monkee monatelang Fundraising gemacht hat, habe ich versucht, zu Hause alles zusammenzuhalten.“ 2018, als Martin Granig Monkee gründet, hat das Paar eine kleine Tochter. „Martin hat in dieser Zeit viele Momente mit unserer Tochter verpasst – nicht nur, weil er nicht immer am selben Ort war, er war auch mit dem Kopf ganz woanders. Zumindest habe ich es so wahrgenommen“, sagt Claudia Granig. Denn das Unternehmen war unterschwellig immer präsent: bei gemeinsamen Aktivitäten wie Urlauben, Feiertagen oder Besuchen bei den Eltern.

Nicole Berger und Pioneers-Co-Founder Andreas Tschas haben zwei Kinder, die heute sechs und zehn Jahre alt sind. Besonders herausfordernd fand Berger die Zeit, als die beiden noch klein waren: „In der Karenz bei unserem zweiten Kind bin ich in ein Burn-out gerutscht und habe gemerkt, dass ich meine eigenen Grenzen lange ignoriert habe.“ Ohne die Unterstützung ihrer Eltern, sagt sie, hätte sie das nicht geschafft.

Wie das Gründen Familien verändert, zeigt sich nicht nur im Alltag mit Kindern – sondern auch in den Entscheidungen davor. Denn die Fragen beginnen früher. Auch Christoph Eichhorn, der keine Kinder hat, beschäftigt das Thema: „Die Selbstständigkeit mit kultur*knistern beeinflusst natürlich auch unsere Familienplanung – einfach, weil sich Lebensrealitäten verschieben.“ Dafür, wie Familie und Unternehmertum zusammengehen, gibt es keine Blaupause.

Es bleibt: Bewunderung

Warum also bleiben, wenn es einen so viel kostet? Auf diese Frage haben alle drei viele schöne Antworten. „Ich sage Manon mindestens einmal die Woche, dass ich gerne so wäre wie sie. Ich finde es bewundernswert, wie sie das alles stemmt“, sagt Christoph Eichhorn. Claudia Granig beschreibt ihren Mann Martin als Kämpfer: „Er hat unglaublichen Biss, er kann über Monate, über Jahre am Anschlag arbeiten. Ich habe ihn oft nah am Burn-out gesehen – und trotzdem hat er sich immer wieder aufgerappelt“, erzählt sie. Auch Nicole Berger bewundert an Partner Andreas Tschas seine mentale Stärke und „wie er heute mit schwierigen Phasen umgeht. Er hat in den letzten Jahren viel über sich gelernt und ist reflektierter geworden“.

Claudia Granig hält das Leben am Laufen, während ihr Mann gründet – und baut am Ende selbst ein Unternehmen auf (c) Isabelle Bacher

Erholungsinseln

Gelernt haben die drei Paare vor allem eines: bewusster mit ihrer gemeinsamen Zeit umzugehen – und besser auf die eigenen Grenzen zu achten. Denn auch, wenn sich das Zusammenleben bis zu einem gewissen Grad gestalten lässt, verschiebensich Prioritäten im Gründungsalltag oft schneller, als man es erwartet.

„Das Private passt sich irgendwann dem Unternehmen an, nicht umgekehrt“, sagt Christoph Eichhorn. Trotzdem versuchen er und Manon Soukup, sich im Alltag kleine gemeinsame Inseln zu schaffen – etwa, indem sie morgens bewusst gemeinsam Kaffee trinken, bevor der Arbeitstag beginnt.

Auch bei Nicole Berger und Andreas Tschas spielt Zeit am Morgen eine zentrale Rolle. „Seit einiger Zeit nehmen wir uns jeden Morgen zwischen 5 Uhr 30 und 6 Uhr 30 Zeit nur für uns, zum Meditieren und Reflektieren. Diese Morgenroutine hat unsere Beziehung und unseren Alltag spürbar verändert“, erzählt Berger.

Claudia Granig setzte während der intensiven Gründungsphase von Monkee vor allem auf gemeinsame Abende und Familienzeit mit ihrem Mann Martin. Gleichzeitig betont sie, dass diese Momente oft nur oberflächlich erholsam waren: Das Startup sei „immer unterschwellig“ präsent gewesen. Selbst bei Familienbesuchen an Feiertagen arbeitete ihr Mann häufig als Beifahrer im Auto am Laptop oderführte nach dem Mittagessen Gespräche mit potenziellen Investoren. „Heute sehe ich: Diese Zeit hat uns viel gekostet, aber sie hat uns auch unglaublich geprägt“, sagt sie.

Martin Granig arbeitet nach der Insolvenz seines Startups Monkee im Unternehmen seiner Frau (c) Victor Malyshev

Zusammenfinden

Nach und nach findet Claudia Granig mit Gesichtsyoga sogar selbst in die Selbstständigkeit. Dass ihr Mann Martin vor einigen Jahren Monkee gegründet hat, sieht sie dabei allerdings nicht als Vorbild; sie ist ihren eigenen Weg gegangen. Mit an Bord ist er jetzt trotzdem – denn Monkee musste im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden; die Sanierung ist gescheitert. Die Gesellschaft besteht rechtlich noch, ihre Schließung ist aber angeordnet. Nun hat Martin Granig bei Bare Skin, dem Unternehmen seiner Frau, die Rolle des Co-Geschäftsführers übernommen. „Martin ist jemand, der gern an der Front steht, der Dinge in die Hand nimmt und Kontrolle haben möchte. Jetzt muss er lernen, ein Stück davon abzugeben“, sagt Granig. Denn diesmal ist sie das Gesicht des Unternehmens – ohne sie läuft das Business nicht. Mit ihrem Partner zusammenzuarbeiten hätte sie früher für eine Schnapsidee gehalten, jetzt findet sie es spannend: „Natürlich gibt es Konflikte, man reibt sich viel. Aber man hat jemanden an der Seite, auf den man sich zu hundert Prozent verlassen kann – und das ist einfach so viel wert“, sagt sie. Ihr Unternehmen finanziere mittlerweile den ganzen Familienunterhalt; darauf ist sie stolz.

Und sie genießt, dass es viel mehr Freiheiten gibt. Claudia und Martin Granig nehmen sich bewusste Auszeiten und Urlaub. Wichtig ist ihnen, dass sie beide zu Hause sind, wenn die Tochter von der Schule kommt. Für die nächste Generation hat das Unternehmertum der Eltern gleich mehrere positive Effekte: „Unsere Tochter bekommt dadurch einen anderen Zugang zu Arbeit und Geld, ich finde das schön.“

Ansteckungsgefahr

Nicole Berger wiederum hat die Startup-Welt so sehr fasziniert, dass sie 2018 gleich selbst eingestiegen ist: „Ich war fasziniert, wie schnell sich ein Startup in nur einem Jahr entwickeln kann. Genau diese Dynamik hat mich inspiriert, selbst in ein Startup zu gehen: damals Feinkoch, heute Happy Plates. Damit habe ich
den Rollercoaster ganz bewusst auch in mein eigenes Leben geholt.“

Während ihr Partner Andreas Tschas mit der Plattform ConXious gerade ein neues Projekt gestartet hat, arbeitet Nicole Berger an ihrem eigenen – und unterstützt auch seines im Backoffice und bei Events. Dass es kein „klassisches Startup“ ist, erleichtert sie: „Sein jetziges Unternehmen fühlt sich anders an, weil es weniger um ‚Höher, schneller, weiter‘ geht und mehr um Bewusstsein und Achtsamkeit. Heute teilen wir uns Kinderbetreuung, Organisation und Alltag deutlich ausgeglichener. Das entlastet mich enorm“, sagt Berger.

Ihr gemeinsames Leben habe sich deutlich normalisiert; zum Positiven. Ihr Mann sei im Familienalltag präsenter und auch finanziell sei die Familie stabil. Was sie sich für die Zukunft wünscht? „Mehr Leichtigkeit.“ Der Weg bis hierhin sei intensiv gewesen, aber heute überwiege der Stolz.

Christoph Eichhorn, der noch mittendrin steckt in der Gründungsphase seiner Frau, seufzt ein wenig bei der Frage nach seiner aktuellen Gefühlslage. Aber er findet eine diplomatische Antwort: „Beides kann gleichzeitig existieren: Müdigkeit und Stolz.“


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Scalable-Capital-Co-CEO Erik Podzuweit beim Interview in Wien | Foto: brutkasten
Scalable-Capital-Co-CEO Erik Podzuweit beim Interview in Wien | Foto: brutkasten

Die Münchner Banking- und Investmentplattform Scalable Capital verwaltet mittlerweile über 60 Milliarden Euro an Kundenvermögen. Seit Anfang Oktober hat das Unternehmen eine offizielle Bankniederlassung in Wien, damit können österreichische Kund:innen erstmals steuereinfach investieren. Das bedeutet: Scalable führt die Kapitalertragsteuer (KESt) auf Gewinne, Dividenden und Zinsen automatisch an das Finanzamt ab, Anleger:innen müssen ihre Kapitalerträge also nicht mehr selbst in der Steuererklärung angeben. Co-Founder und Co-CEO Erik Podzuweit war zum Start in Wien. brutkasten traf ihn zum Gespräch über die Expansionspläne, den Mitbewerb und seine Vision vom „Finanzcoach in der Tasche“.


brutkasten: Scalable Capital war in Österreich schon länger aktiv, seit Anfang Oktober gibt es eine Bankniederlassung in Wien. Warum gerade jetzt?

Erik Podzuweit: Wir sind als App auf den Systemen einer anderen Bank gestartet und haben in den letzten Jahren unsere gesamte technische Infrastruktur selbst entwickelt und vertikalisiert: mit eigenem Kernbankensystem, eigenem Market Making über einen Handelsplatz, den wir gemeinsam mit der Börse Hannover betreiben, sowie eigener Konto- und Depotführung. Diese Plattform können wir jetzt nutzen, um viel schneller und flexibler in andere Länder wie Österreich zu gehen.

Man konnte schon vor Jahren als Österreicher Kunde werden, aber nicht steuereinfach. Dafür mussten wir zwei Dinge tun: eine offizielle Bankniederlassung gründen, wie wir es auch vor kurzem in Italien getan haben, und die Steuersoftware entweder einkaufen oder selbst bauen. Für Österreich haben wir sie selbst gebaut. Dank moderner KI-Anwendungen geht das heute extrem effizient im eigenen Haus. Das waren die letzten Schritte zu einem massentauglichen Produkt in Österreich. Jetzt bauen wir das lokale Team weiter aus und fahren das Marketing hoch. Ab Mitte Oktober werden wir in ganz Österreich mit Werbung deutlich präsenter sein. Und es kommen weitere Produkte: im November Festgeld und später ein Kreditangebot.

Wie wollt ihr in die breite Masse gehen? Anbieter wie Bitpanda setzen stark auf Sportsponsoring.

Wir setzen sehr stark auf Außenwerbung, parallel spielen wir die ganze Klaviatur des Online-Marketings. Sportsponsoring machen wir nur in kleinem Umfang, da gibt es viele Streuverluste. Und wir sind in einem zyklischen Markt: Bei volatilen Börsen muss man das Marketing zurückfahren können. Bei Krypto hat man das gesehen, da ist das Handelsvolumen eingebrochen, und es war schwer, aus mehrjährigen Verträgen wieder rauszukommen.

Welche Zielgruppe sprecht ihr in Österreich an?

Vor ein paar Jahren waren wir viel nischiger. Unsere klassische Kundschaft waren die sogenannten Smart Busy Professionals: Menschen, die noch nicht zwangsläufig reich sind, aber gut ausgebildet, mit gutem Einkommen, oft städtisch, die in der Wirtschaft oder als Programmierer arbeiten. Bei einer klassischen Bank fallen diese Kundinnen und Kunden oft durchs Raster: Sie passen noch nicht ins Private Banking, sind aber auch keine Retailkunden, denen man irgendeinen Fonds verkauft. Mit der Zeit werden sie immer attraktiver. Heute gehen wir eine viel breitere Masse an. Neben dem Investieren haben wir mit Tagesgeld und Festgeld auch den Bereich Sparen. 2,6 Prozent Zinsen versteht jeder. Damit gewinnt man auch Kunden, die wenig Risiko wollen oder in Rente sind, und zwar von klassischen Banken. Die Smart Busy Professionals kommen eher von anderen Online-Banken zu uns.

Wer ist euer direkter Mitbewerber?

Mit Bitpanda sehen wir wenig Überschneidung. Wir haben ein Kryptoangebot, Bitpanda hat ein Aktienangebot, aber das sind zwei getrennte Welten. Dann schon eher alle Banken. Wenn man aber auf Preis, Zins, Gebühren und das Nutzererlebnis schaut, sind die klassischen Banken keine direkte Konkurrenz für uns. Der direkteste Mitbewerber ist Trade Republic. Aber es gibt Unterschiede im Preismodell und bei den Zinsen. Unser Zins ist etwas besser. Wir liegen bei 2,6 Prozent versus 2,5 Prozent.

Warum braucht es ein lokales Team in Wien, wenn Geldanlage ein globales Geschäft ist?

Wenn ein österreichischer Kunde eine Tesla-Aktie kauft, ist das dieselbe Aktie wie für einen italienischen Kunden. Aber im Kundengeschäft braucht man lokale Präsenz. Auch BlackRock hat ein Büro in Wien und eins in Mailand, man kann Europa nicht allein aus New York steuern, und wir nicht allein aus München. Die regionalen Unterschiede liegen vor allem auf der Steuerseite. Jetzt fangen auch einzelne Staaten der EU an, gezielte steuerliche Anreize und Zuschüsse zum Investieren zu geben. In Deutschland kommt das Altersvorsorgedepot, in Österreich wird das Zukunftsdepot diskutiert. Da muss man die Entscheidungen nah verfolgen und ein lokales Produkt bauen. Sobald das Zukunftsdepot kommt, werden wir es maßgeschneidert in Österreich anbieten.

Welche Ziele habt ihr euch für Österreich gesetzt?

Der österreichische Markt ist zwar kleiner als der deutsche, aber die durchschnittlichen Depotgrößen sind hier sogar etwas höher. Ziel ist es, in den nächsten Jahren ein Kundenvolumen von zehn bis zwanzig Milliarden Euro in Österreich aufzubauen. Aktuell liegen wir bei über 60 Milliarden auf der gesamten Plattform. In vier bis sechs Jahren soll die Hälfte des Kundenstamms von außerhalb Deutschlands kommen. Dabei sind wir klar auf Europa fokussiert, eine Expansion darüber hinaus planen wir nicht.

Ihr habt Agentic Investing eingeführt. Was ist die Idee, und wer nutzt das?

Wir haben zwei Schnittstellen geöffnet – technisch nennt sich die eine CLI (Command Line Interface) und die andere MCP (Model Context Protocol). Über die erste kann ein Kunde seine eigene KI-Anwendung anschließen. Über die MCP-Schnittstelle können auch Leute ohne Programmierkenntnisse in wenigen Minuten beispielsweise ChatGPT oder Claude mit ihrem Scalable-Konto verknüpfen. Man stellt die Freiheitsgrade ein: Im Read-Only-Modus sieht und analysiert der Agent das Portfolio, erstellt Charts oder aggregiert Newsfeeds. Wer möchte, kann ihn aber auch bis zum Ausführen von Trades und Trading-Strategien freischalten. Geblockt ist aus Sicherheitsgründen jede Zahlung, es kann nie Geld abfließen. Das Feature ist vor ein paar Wochen gestartet, die ersten 20.000 Agenten sind täglich aktiv. Noch nutzt es eher die technologieaffine Kundschaft, vor allem für Portfolioanalysen, manche fahren aber bereits aktive Strategien.

Und die Zukunft?

Ich erwarte nicht, dass jeder Kunde komplexe Trading-Strategien umsetzt, das macht für die meisten auch gar keinen Sinn. Die Vision ist eine Welt, in der jeder einen persönlichen Agenten hat. Der sagt nicht nur, dein Konto bei Bank XY hat zu wenig Zinsen, sondern eröffnet direkt ein Konto und Depot bei Scalable. Man sagt: “Ich habe zehn Euro im Monat übrig und möchte mit mittlerem Risiko anlegen” und der Agent sucht die passenden ETFs heraus und setzt einen Sparplan auf. Der Anspruch ist dabei nicht die zusätzliche Rendite, sondern dass der Zugang zum Kapitalmarkt einfacher wird. 80 Prozent der Menschen haben noch nie investiert. Ein Finanzcoach in der Tasche, der auch aktiv werden kann, das ist die Zukunft der Geldanlage. Das kommt nicht von heute auf morgen, aber in den nächsten Jahren. Private Geldanlage ist im Aufwind, Anbieter wie wir senken Hürden und Gebühren, und jetzt kommt KI dazu. Das ist ein ideales Zusammenspiel.


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