22.09.2025
INVESTMENT

Wohnio: Wiener Energy-Startup sichert sich sechsstellige Seed-Finanzierung

Das Wiener PropTech-Startup Wohnio sichert sich ein sechsstelliges Seed-Investment. Mit dem frischen Kapital will das Unternehmen seine Vision weiterverfolgen, das Heizen im mehrgeschossigen Wohnbau leistbar zu machen. Die Lösung des Startups soll Einsparungen bis zu 30 Prozent ermöglichen.
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Das Team von © Wohnio.

Nach einer erfolgreich abgeschlossenen Pre-Seed-Runde im Februar meldet sich das 2023 gegründete Wiener Energy-Startup Wohnio nun erneut mit einem Investment zurück. Durch die intelligente Steuerung und Überwachung von Heizungsanlagen sollen Wohnhäuser nachhaltiger und gleichzeitig wirtschaftlicher betrieben werden.

Seed-Finanzierung

Für das Seed-Investment habe man bewusst nach Partnern mit Industrie- und Software-Expertise gesucht, heißt es gegenüber brutkasten. Insgesamt sammelte das Startup 800.000 Euro sowie 350.000 Euro an Förderungen ein. Angeführt wird die Finanzierungsrunde von Serial-Investor Kai Romberg sowie von Bestandsinvestor und Planradar-Gründer Domagoj Dolinsek.

„Eigentlich investiere ich nicht mehr in Startups, aber bei Wohnio konnte ich nicht ‘Nein’ sagen. Wohnios visionäre und gleichzeitig hoch pragmatische Lösung adressiert ein massives Problem für viele von uns – hohe und stets steigende Heiz- und Energiekosten. Ihr Produkt hilft dabei nicht nur Geld zu sparen, sondern auch zum Klimaschutz beizutragen“, sagt Romberg, der unter anderem das europäische Tech-Investment-Unternehmen HgCapital mit aufgebaut hat.

Weitere Geldgeber sind unter anderem Thomas Röhrl (EOS Partners) und Stefan Margolis (HgCapital). Auch mehrere Investoren aus der Pre-Seed-Runde haben ihre Beteiligung aufgestockt – darunter Stefan Speiser (Latido-Gründer), Kurt Gürtler (Techsoft), Peter Steinberger und das Family Office Weilburg.

„Wir profitieren damit von einer starken Kombination aus tiefem Industrie-Know-how, praktischer Immobilienerfahrung und mehreren Angels mit Software-Scaleup-Erfahrung sowie lokaler Marktkenntnis“, so Wohnio-Founder Kevin Bauer.

„Solide“ Finanzierung

Das neue Kapital soll vor allem in die Weiterentwicklung der KI- und IoT-basierten Steuerung für Heizanlagen sowie in den Ausbau des Teams fließen. Derzeit zählt das Wohnio-Team 14 Personen. Durch Kapitalaufnahme, Förderungen und Cashflow aus dem operativen Geschäft sei das Startup “solide finanziert“, so Bauer.

„Das Team von Wohnio zeigt, dass es die Vision der digitalen Heizungsoptimierung im mehrgeschossigen Wohnbau mit viel Leidenschaft und Professionalität umsetzt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Wohnio das Potenzial hat, der Standard in diesem Bereich zu werden”, kommentiert Dolinsek sein Investment. 

One-Stop-Shop für intelligente Heizungsoptimierung

Wohnio versteht sich als One-Stop-Shop für die intelligente Heizungsoptimierung. Das System führt einen automatischen hydraulischen Abgleich durch und misst permanent Energie- und Wärmeströme im Gebäude. Die Daten werden in der Cloud ausgewertet, um Muster zu erkennen, die Heizkurve laufend anzupassen und Schwachstellen frühzeitig zu beheben.

Laut Wohnio spare ein Gebäude im Schnitt 16 Tonnen CO2 pro Jahr durch diese Lösung (Anmerk.: Das gilt für ein Gebäude mit etwa 50 Wohnungen). Pro Wohnung ergebe das eine Ersparnis von 150 bis 300 Euro jährlich. Die Lösung wurde gemeinsam mit großen Bauträgern wie ÖSW, Sozialbau, BWSG und WET entwickelt.

„Uns ist wichtig, dass unsere Lösung sozialverträglich und nachhaltig ist. Das heißt, es muss günstiger für die Mieter werden. Die grüne Transformation funktioniert nur, wenn es einen Business Case gibt, der CO2 und Kosten einspart“, sagt Bauer.

Ziel: Einsparungen von 200 Mio. Euro

In den nächsten fünf Jahren will Wohnio eine Million Wohnungen optimieren. Derzeit sind es bereits mehr als 10.000 Einheiten, darunter Projekte mit gemeinnützigen Bauträgern, privaten Eigentümer:innen und Energiedienstleistern. Mit seiner Technologie will Wohnio jährlich rund 500.000 Tonnen CO2 vermeiden und 200 Millionen Euro an Energiekosten einsparen.

„Durch die Optimierung der Heizanlagen vor dem Umstieg auf Fernwärme oder Wärmepumpen sinkt der erforderliche Leistungsbedarf. Gebäude kommen mit kleineren Anlagen aus, die Investitionskosten beim späteren Umstieg sinken im Durchschnitt um etwa 30.000 Euro je Gebäude. Über den Gesamtbestand entspricht das Einsparungen von rund einer Milliarde Euro“, so Bauer.

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Schulterschluss in Paris: Macron und Modi warben auf der VivaTech 2026 gemeinsam für eine „verantwortungsvolle KI" als Wertegemeinschaft. | (c) VivaTech

Am 12. Juni erreicht Anthropic ein Brief des US-Handelsministeriums. Drei Tage zuvor war Claude Fable 5 erschienen, das leistungsfähigste allgemein verfügbare Modell des Hauses. Nun ist es für jede Person ohne US-Staatsbürgerschaft zu sperren, im In- wie im Ausland. Weil sich Staatsangehörigkeit nicht in Echtzeit prüfen lässt, schaltet Anthropic beide Modelle weltweit ab, auch für die eigenen US-Kund:innen. Betroffen sind nicht nur einzelne Nutzer:innen: Anwendungen, die das Modell direkt einbinden, stehen über Nacht still, und der Fall führt vor Augen, wie viele Produkte und ganze Geschäftsmodelle auf einem einzigen, von außen abschaltbaren Modell ruhen. Der „kill switch“, über den Europa seit Jahren theoretisch debattiert, ist plötzlich real, und er trifft die fortgeschrittenste KI ihrer Generation. Anthropic kündigte an, den Zugang so rasch wie möglich wiederherzustellen, zum Redaktionsschluss war die Sperre weiter in Kraft.

Fünf Tage später öffnet in Paris die VivaTech, Europas größte Tech-Messe, zum zehnten Mal. 15.000 Startups, Jeff Bezos als Stargast, und doch reibt sich die KI-Euphorie an der Angst vor der eigenen technologischen Abhängigkeit. Schon auf der Eröffnungsbühne nimmt Frankreichs Wirtschaftsminister Roland Lescure direkt Bezug auf die Anthropic-Sperre: Es gehe nicht länger um eine Zugangsdebatte, Regeln könnten sich über Nacht ändern, und Souveränität heiße, dann noch handlungsfähig zu sein. Tags zuvor hatte Premier Lecornu verkündet, der französische Inlandsgeheimdienst trenne sich vom US-Konzern Palantir zugunsten des heimischen Anbieters ChapsVision. Die Kulisse ist gesetzt.

Souveränität, messbar gemacht

Ausnahmsweise lässt sich Souveränität hier auch messen. Nvidia hatte auf der VivaTech 2025 mehr als 20 KI-Fabriken für Europa versprochen und Mistral zum souveränen Compute-Champion erklärt. Und anders als im Vorjahr liefert die Messe Konkretes: Mistral Compute geht als europäische GPU-Cloud teilweise in Betrieb, Foxconn und Bull kündigen eine Serverfertigung im französischen Angers an. Aus Ankündigung wird Auslieferung. Nur ist selbst das Souveräne es nur halb: Mistral Compute läuft auf 18.000 Nvidia-Chips. Die ganze europäische KI ruht auf einem nicht-europäischen Silizium-Sockel. Doch genau hier liegt Europas einziger echter Trumpf: Ohne die EUV-Lithografie des niederländischen Konzerns ASML, dessen Chef Christophe Fouquet ebenfalls in Paris war und der inzwischen Europas wertvollstes Unternehmen ist, kann weltweit niemand Spitzenchips fertigen. Abhängig auf der einen Ebene, unverzichtbar auf der anderen. Souveränität als Baustelle, nicht als Zustand.

„Tech for humanity“: Narendra Modi positionierte Indien auf der VivaTech 2026 als KI-Länderpartner Frankreichs. (c) VivaTech

Und Österreich?

Und Österreich? Steht in dieser Debatte überraschend weit vorn. Die „Declaration on European Digital Sovereignty“, die inzwischen alle 27 EU-Staaten mittragen, geht auf eine österreichische Initiative rund um Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll zurück. Wien als Anstoßgeber dessen, worüber Paris nun diskutiert. Und das Bundesheer hat seine 2020 begonnene Migration von rund 16.000 Arbeitsplätzen auf LibreOffice 2025 abgeschlossen, bewusst ohne Cloud, also ohne fremden Schalter. Die unbequeme Frage für die heimische Szene lautet, ob aus solchen Verwaltungsentscheidungen auch ein Markt für österreichische Anbieter wird, oder ob Souveränität Behördensache bleibt.

Verhandeln aus der Schwäche

Den wahren Lackmustest liefert nicht die Bühne, sondern eine Frage am Rande. Auf die Fable-5-Sperre angesprochen, fordert Emmanuel Macron keine Unabhängigkeit. Er appelliert an die USA, ihre Spitzentechnologie zu teilen, und kündigt zugleich mehr Geld für die französische KI-Industrie an. Zuerst die Bitte um Zugang, dann, hilfsweise, die eigene Souveränität. Das kann man als Schwäche lesen. Man kann es auch als nüchterne Arbeitsteilung verstehen: das Beste nutzen, das es gibt, und parallel absichern, falls es wegbricht. Dass Macron sich die politische Bühne mit Indiens Premier Narendra Modi teilte, der für eine menschenzentrierte KI jenseits von Washington und Peking wirbt, unterstreicht denselben Reflex: Souveränität wird als Wertegemeinschaft inszeniert, die offene Frage nach Compute, Kapital und Chips bleibt.

Joe Tsai Chairman at Alibaba Group bei der VivaTech | (c) brutkasten / Martin Pacher

„Souveränität ist keine Isolation, sie ist Offenheit aus einer Position der Stärke“, sagt Deutschlands Digitalminister Karsten Wildberger. Schön gesagt, nur verhandelte Europa diese Woche aus Abhängigkeit, nicht aus Stärke. Alibabas Joe Tsai formulierte es zynisch ehrlicher: Europa solle seine Eier in zwei Körbe legen. Ein zweiter Lieferant ist keine Unabhängigkeit. Und doch, hier wird es unbequem, ist Diversifizierung für eine Region, die den ganzen Stack realistisch nie allein bauen wird, womöglich nicht die feige, sondern die rationale Antwort. Die ehrliche Variante von Souveränität wäre dann nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, den Lieferanten zu wechseln, wenn einer den Schalter umlegt, ohne dass das eigene Geschäft mit ihm stillsteht.

Der Preis der Autonomie

Bleibt die Frage, die diese Ausgabe aufwirft. Dass Europa Souveränität will, bestreitet niemand. Die eigentliche Frage ist der Preis: höhere Kosten, langsamere Verfügbarkeit, weniger Zugriff auf das jeweils beste Modell. Und ob das Geld dafür da ist. Auf die USA entfallen rund 50 Prozent des globalen Risikokapitals, auf China 40, auf Europa fünf. Solange sich daran nichts ändert, bleibt Souveränität das würdevollere Wort für eine gut gemanagte Abhängigkeit. Die Fable-5-Woche hat Europa beides gegeben, den Schreck und die Ausrede. Welche Lehre hängen bleibt, entscheidet sich nicht in den Hallen von Porte de Versailles, sondern in den Beschaffungsabteilungen, die nächsten Monat wieder eine Lizenz verlängern müssen.

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