25.10.2022

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

Der Tod von Dietrich Mateschitz hinterlässt in der heimischen Wirtschaftslandschaft eine klaffende Lücke. Viel war über den Red-Bull-Erfinder nicht bekannt. Anfänglich noch als "Didi mit Gummibärlisaft" tituliert, schuf der Unternehmer sein Getränk zu einer globalen Marke, veränderte und erfand Sportarten. Privat jedoch und unter dem medialen Radar laufend, galt er langjährigen Partnern als ein loyaler Zeitgenosse und wurde, ohne großes Aufsehen zu erregen, einer der größten Förderer dieses Landes. Ein Versuch die Denkweise des Milliardärs zu ergründen und in das Erfolgsgeheimnis des erfolgreichsten "Startups" Österreichs zu blicken.
/artikel/wirtschaftlicher-non-konformismus-didi-mateschitz-und-sein-gummibaerlisaft
Mateschitz
(c) redbullcontentpool - Dietrich Mateschitz lebte den Non-Konformismus.

Eine Einordnung von Dietrich Mateschitz als Person bleibt auch nach seinem Tod ein schweres Unterfangen. Manche nennen ihn den erfolgreichsten Unternehmer Österreichs der letzten 100 Jahre. Red Bull wies 1987 einen Umsatz von einer Million Euro aus. 13 Jahre später lag jener bereits bei 794 Millionen und steigerte sich im Vorjahr auf 7,8 Milliarden Euro.

Mateschitz: kein Steuerflüchtling

Andere weisen darauf hin, dass er ein Patriot war, nicht wie andere in die Schweiz geflüchtet ist und sein Konzern allein 2020 Steuern in Höhe von 405 Millionen Euro (Quelle: Dossier) in Österreich gezahlt hat.

Medienmogul, größter Steuerzahler, Arbeitgeber mit über 13.000 Mitarbeiter:innen im Red Bull-Imperium oder auch erfolgreichster Startup-Gründer aller Zeiten – alles weitere Bezeichnungen, die jeweils ein kleines Fragment der Art von Mateschitz einfangen sollen. Und es teilweise auch tun.

Aber: ein Begriff sticht aus alledem hervor, wenn man die Person Mateschitz zu charakterisieren sucht; einer, der von seiner über eine Dekade lang rechten Hand und langjährigem Freund Norbert Kraihamer bestätigt wird und jenem als „das Erfolgsgeheimnis“ von Red Bull gilt. Dietrich Mateschitz war „non-konformistisch“. Und sein Konzern ebenso.

Der österreichische Milliardär gab selten bis gar nicht Interviews, mied die Öffentlichkeit und blieb zeit seines Lebens ein verschlossenes Buch. Ausnahmen bildeten dabei Auftritte bei Formel 1-Rennen oder in Fußballstadien seiner Red Bull-Vereine. So wie auch (die sonst zur üblichen Zurückhaltung des Mürztalers disruptierende) Aussage zur Asylpolitik, Lob für Donald Trump, eine Drohung an einen Journalisten und der Umgang mit seinen Servus TV-Mitarbeiternden. Dies alles ist aufmerksamen Leser:innen längst bekannt und wird weiter unten ausführlicher behandelt.

Der Non-Konformismus als Erfolgsformel

Vorher muss man, um Mateschitz zu verstehen, die Erfolgsstrategie seiner Unternehmung genauer betrachten. Und dabei verstärkt den Begriff Non-Konformismus zur Hand nehmen.

Kraihamer war die menschgewordene Entlastung des Milliardärs, der Grund, warum Mateschitz Freitag nicht ins Büro musste und verwaltete die gesamte Vermarktung bzw. den Vertrieb des Getränke-Konzerns. Er kannte ihn wie kaum ein zweiter.

Er spricht von den Anfängen und vom damaligen Wunsch Mateschitzs, einfach ein Lebensmittel mit „Benefits“ zu kreieren. Mit einer wirklichen Wirkung. Dies erwies sich für den späteren Sport-Mäzen als schwierig, denn vor allem die Lebensmittelgesetzgebung zeigte sich für das Red Bull-Team als größte Hürde.

Von der EU-Ebene ausgehend, durfte das damalige Startup nicht auf der Dose ausweisen, wie das Getränk wirkt. Man passte in keine Schublade und befand sich zwischen Brausetabletten und Pharmazeutika irgendwo in einem undefiniertem Raum. Der Begriff „functional food“ musste erst kreiert werden.

„Brutal investiert“

Neben der Überwindung dieser Problematik arbeitete das damalige Red Bull-Team daran, großen Profit zu generieren, um ihn gleich wieder auszugeben.

„Wir haben brutal investiert, um unser Premiumsegment zu verteidigen und zehn Jahre lang kein Geld aus dem Unternehmen gezogen“, erinnert sich Kraihamer. Der für ein tieferes Verständnis des Bullen-Erfolgsgeheimnisses den firmencharakteristischen Begriff „diametrales Gegenteil“ zu üblichem VC-Kapital, Börsengängen, Exitgelüsten und zur Fremdfinanzierung einwirft.

Damit präzisiert er jene Erfolgsfaktoren Red Bulls, die den Konzern zu einer Weltmarke gemacht haben und jenen wirtschaftlichen Non-Konformismus meinen, den sein Mentor auch privat gelebt hat.

„Du brauchst ein Produkt, das was kann, musst es als Preis-Premium-Erzeugnis etablieren, mit niedrigen Herstellungskosten, um ein freiwerbendes Budget aufzubauen“, reduziert Kraihamer die Komplexität des globalen Siegeszuges von Red Bull auf ein Minimum.

Dass dies so möglich war, lässt sich schlicht auf das Mindset des Milliardärs zurückführen, der seine Karriere als Markenmanager bei Blendax begann.

Mateschitz als Fan der Schönheit und Finesse

Freunden und Wegbegleitern galt Mateschitz als extrem loyal, sprach geradeheraus aus, was er dachte, war perfektionistisch und ein Schöngeist.

„Fast an Narzissmus grenzend“, sagt Kraihamer. „Er war so aufgestellt, dass es ihn gestört hat, wenn er keinen druckreifen Satz gesprochen hat.“

Dies erkläre auch die seltenen Außen-Auftritte und dessen Vorliebe für schriftliche Statements.

Doch nicht nur eine gepflegte Sprache war dem Red Bull-Gründer wichtig. Eines der größten Geheimnisse seines Erfolgs war, neben der wirtschaftlichen auch eine humanistische Ausbildung zu haben – Interesse an Sprachen, Kulturen sowie an Geistes- und Naturwissenschaften. Das sei das, was vielen Managern heute abgehe.

Mateschitz ging es um Finesse und die Feinheit der Idee. Die Kommunikation, wie es das Red Bull-Team damals nannte und heute wohl grob als Marketing bezeichnet wird, war das „Betriebssystem“ seiner ganzen Unternehmung.

Die Anfänge von Red Bull

Ein Rückblick: Die Geschichte von Red Bull beginnt 1987. Bis dahin hatte Mateschitz über drei Jahre an der Rezeptur seines heutigen Kult-Getränkes getüftelt, ein Marketing-Konzept entwickelt, hatte Vertriebskanäle sowie offene Türen ge- und besucht und wurde dafür im Salzburger Umfeld milde belächelt.

„Der Didi und sein Gummibärlisaft“, war einer der Sätze, die den späteren Milliardär zu jener Zeit folgten. Der Durchbruch gelang in einem lokalen Nachtlokal, das damit begonnen hatte Red Bull als Mischgetränk zu verwenden. Mateschitz zeigte sich anfangs wenig begeistert von der Idee, sein Getränk mit Alkohol zu mischen – er sah es als reines Sportgetränk – lenkte aber aufgrund des enormen Erfolgs schnell ein.

Des Partybetreibers Erkenntnis

„Die Entstehung eines Mixdrinks war nie im Interesse der Firma“, erläutert Kraihamer. „Die Gastronom:innen waren schlau genug zu erkennen, dass die Wirkung von Red Bull diamteral dem üblichen Abbau der Trinkfestigkeit entgegensteht, wenn man sich betrinkt. Man konsumiert weniger und der Umsatz bricht gegen Mitternacht ein. Die große Erkenntnis der Partybetreiber war, dass wenn man Alkohol mixt, die Leute nicht einschlafen. Nicht weniger Promille haben, aber angenehmer ‚besoffen‘ sind. Natürlich haben wir das mitgenommen. Jeder Euro war gefragt.“

Die weitere Geschichte, wie der gebürtige Steirer den Energy-Drink als Geheimrezept einer asiatischen Familie nach Europa und in die Welt brachte, ist längst bekannt. Mit 49 Prozent Beteiligung durchbrach er Marketing-Barrieren für Getränke und verband die „Flügelverleihung“ mit Extremsport, was der Marke einen gewissen „Coolness-Faktor“ einbrachte.

Die Dose als Person gedacht

Als Unternehmer hat Mateschitz junge Leute um sich geschart, die ein ähnliches Mindset hatten wie er; penibel waren, perfektionistisch und emotional. Mit Ecken und Kanten. Der Durchschnitt interessierte ihn nicht, denn der war schlicht durchschnittlich.

Ein Grund vielleicht, warum Mateschitz und Co. die eigene Marke wie eine Person beschrieben haben und damit Marketing anders dachten, als der Rest.

Wie bei einer Beschreibung eines Menschen wurde Red Bull als Marke in Werbekampagnen und allgemein als Strategie mit Adjektiven unterlegt: non-konformistisch, frech, Regeln infrage stellend, positiv.

Die Checkliste und der Bruch damit

Intern gab es eine Checkliste passend zu diesem Markencharakter, nach der finanzielle Anfragen von Sportler:innen und Kulturtreibenden bis hin zu Vorstellungsgesprächen alles geprüft wurde. Lag der Wert unter 50 Prozent, so sah man dies als schädlich für die Marke an.

Die Unterstützung von Sportler:innen hingegen passte ideal zu dieser Strategie. Individualsport galt dem Bullen-Team als Extremsport mit starken Charakteren, die auch anecken. „Das liegt in der DNA der Marke“, so Kraihamer, der in diesem Sinne die spätere Zuwendung zum Fußball das „unlogischste“ nennt, was Red Bull je getan hat.

Der beliebteste Mannschaftsport der Welt war eigentlich per Firmentheorie ausgeschlossen. Was aber die Leute nicht verstanden hätten, war der Drang von Mateschitz, Dinge anders zu machen. „Es geht ja weniger darum was man macht, sondern wie man es macht – und da wurden im österreichischen Fußball neue Maßstäbe gesetzt“, so Kraihamer.

Innovativ aber reglementiert

Darunter Ideen, wie große Partys nach Heimsiegen feiern (deshalb der Kunstrasen im Salzburger Stadion), Einfahrten in die Kabinen, Graffitikünstler, die die Wände der eigenen Mannschaft mit positiven Bildnissen besprühen, jene der Gegner mit negativen. Sowie eine eigene Hymne – von Hubert von Goisern komponiert. All dies wurde vom ÖFB und der FIFA bzw. der UEFA verboten. Es war die Überreglementierung, gegen die Mateschitz zeit seines Lebens vorging, auch in diesem Fall.

All dies wissend, mag man vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel bringen, wenn man sich fragt, warum ein Mann, der hunderte Millionen in Förderungen, in Hilfen wie „Wings for Life“ und, weniger bekannt, ins lokale Umfeld steckte, sonst öffentlich schweigsam, 2017 für pure Aufregung sorgte.

Es waren wohl Ausbrüche, mit ein wenig Kalkül dahinter, um das non-konforme Wesen, das Dietrich Mateschitz in sich trug, etwas zu füttern.

Öffentliche Aussagen und Querstellung

Mateschitz gab der Kleinen Zeitung ein Interview und kritisierte die heimische und deutsche Asylpolitik, plädierte für strengere Kontrollen und lobte Donald Trumps Intelligenz. Auch sprach er sonst von einem Meinungsdiktat der etablierten Medienlandschaft und bedrohte den Profil-Journalisten Michael Nikbakhsh, als jener eine Biographie über ihn schreiben wollte und recherchierte. Mateschitz ließ ihm ausrichten: „Er werde nicht mehr sicher sein, solange in Moskau eine perforierte Kniescheibe 500 Dollar kostet“.

Sein Druck und Vorhaben den TV-Sender „Servus TV“ einzustellen, sollte ein Betriebsrat gegründet werden, reiht sich nahtlos in das Bildnis eines Geschäftsmannes ein, der Konformität ablehnt. Und deshalb auch zu Corona eine der Masse entgegenlaufende Haltung auf seinem Kanal förderte. Um wohl „Ecken und Kanten“ in die Gesellschaft zu tragen, wie er es sah.

Eigenverantwortlichkeit

„Wir haben mit 126 verschieden Nationalitäten zusammengearbeitet. Red Bull koscher und halal zertifiziert. Man kann uns Verschlossenheit gegenüber anderen Kulturen nicht vorwerfen“, sagt Kraihamer zu den seltenen „Ausrutschern“ seines ehemaligen Chefs. „Der kleinste gemeinsame Nenner bei all diesen Dingen ist der Begriff ‚Eigenverantwortlichkeit‘. Das hat automatisch eine politische Dimension. Dietrich ist irgendwann die Vereinnahmung durch das klassische Parteiensystem gegen den Strich gegangen. Er war der Antipode. Wir haben auf Ecken und Kanten geschaut, und wie wir Dinge besser machen können. Non-Konformismus heißt etwas ständig infrage stellen. Das macht den ‚point of difference‘ aus.“

Vielleicht war es dieser Drang, stets non-konform zu sein, vielleicht auch ein Marketing-Move, wie manche mutmaßen, eines scheint über Dietrich Mateschitz – egal, ob man Bewunderer ist, Kritiker oder kritischer Bewunderer – jedenfalls unleugbar zu sein. Mateschitz wusste genau, was er tat.

Mateschitz förderte im Großen und im Kleinen

„Er hat zahlreiche Sportvereine finanziell unterstützt, der österreichischen Firma Rauch die Abfüllung des Getränkes überlassen, kleine Firmen gefördert und galt als langjähriger Geschäftspartner und Handschlag-Unternehmer“, bestätigt Waterdrop-Gründer Martin Murray die soziale Ader von Dietrich Mateschitz. Als gebürtiger Salzburger hat er dessen Werdegang hautnah mitverfolgen können.

„Die halbe Salzburger Innenstadt hat ihm gehört. Er hat enorm viel für die Medizin getan und hunderte Millionen in Sportler gesteckt.“

„Time to market“

Für ihn liegt der Erfolg von Red Bull auch daran, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Die 90er Jahre wären eine Dekade des Koffeinkonsums gewesen, Lifestyle und Yoga standen nicht unbedingt an der Tagesordnung.

„Er hat seine Linie durchgezogen und viel ausprobiert. Sportarten erschaffen, wie den ‚Red Bull Flugtag‘, Klippenspringen und Flugshows“, ergänzt Murray. „Er war seiner Zeit voraus, hat das Sportmarketing in Europa erfunden und hatte eine klare Konstanz in der Bildsprache.“

Passend zum gelebten Non-Konformismus hat Mateschitz als Gründer eines globalen Konzerns auch etwas getan, das damals keiner verstanden hat. Man riet ihm nach Wien zu ziehen, doch er stemmte sich dagegen und eröffnete sein Hauptquartier im „winzigen, aber wunderschönen“ Fuschl am See bei Salzburg. Und zog bereits damals internationale Leute ins knapp 1.600 Leute fassende Dorf. „Das war außergewöhnlich“, so Murray weiter.

Über 90 Milliarden verkaufte Dosen

Heute kann Red Bull (von 2004 bis 2021) auf 94,4 Milliarden verkaufte Dosen zurückblicken. Der pro Kopf-Konsum des Energy-Drinks beträgt in Österreich im Schnitt jährlich 24 Dosen pro Person. Nicht bloß deshalb ein erfolgreiches Erbe, dass Dietrich Mateschitz mit seinem Ableben zurücklässt, dem es aber übereinstimmenden Quellen nie ums Geld gegangen ist. Dies zeigt auch ein Zitat aus dem Interview der „Kleinen Zeitung„.

Mateschitz, Umsatz Red Bull, verkaufte Red Bull Dosen
(c) Statista – Im Vorjahr wurden fast zehn Milliarden Red Bull-Dosen abgesetzt.

„Alles kann man maximieren, die Kreativität, die Innovation, die Intelligenz, alles, aber nicht den Gewinn. Erst durch die Maximierung all dessen, was geistreich, gut, schöpferisch und sinnvoll ist, kommt der Gewinn. Als Folge. Anders kann man einen Gewinn nicht maximieren. Das ist meine tiefe Überzeugung.“


Deine ungelesenen Artikel:
04.08.2026

USB-Stick-Erfinder Dov Moran: „Man muss Nischen finden, in denen man wirkliche Wettbewerbsvorteile aufbauen kann“

„Es reicht nicht mehr aus, nur auf reine Software-Anwendungen zu setzen“, warnt USB-Stick-Erfinder Dov Moran im brutkasten-Interview. Der israelische Tech-Pionier und heutige Deep-Tech-Investor erklärt, warum beim KI-Boom vor allem Hardware und Energieeffizienz zählen und warum Österreich sich nicht im Defense-Tech versuchen sollte. Brutkasten hat ihn auf der Restart Innovation & Investment Vienna getroffen.
/artikel/erfinder-des-usb-sticks-dov-moran-man-muss-nischen-finden-in-denen-man-wirkliche-wettbewerbsvorteile-aufbauen-kann
04.08.2026

USB-Stick-Erfinder Dov Moran: „Man muss Nischen finden, in denen man wirkliche Wettbewerbsvorteile aufbauen kann“

„Es reicht nicht mehr aus, nur auf reine Software-Anwendungen zu setzen“, warnt USB-Stick-Erfinder Dov Moran im brutkasten-Interview. Der israelische Tech-Pionier und heutige Deep-Tech-Investor erklärt, warum beim KI-Boom vor allem Hardware und Energieeffizienz zählen und warum Österreich sich nicht im Defense-Tech versuchen sollte. Brutkasten hat ihn auf der Restart Innovation & Investment Vienna getroffen.
/artikel/erfinder-des-usb-sticks-dov-moran-man-muss-nischen-finden-in-denen-man-wirkliche-wettbewerbsvorteile-aufbauen-kann
USB-Stick Erfinder Dov Moran im Interview. (c) LinkedIn/Dov Moran

Mit der Gründung von M-Systems und der Erfindung des USB-Flash-Laufwerks sowie revolutionärer Speicherlösungen schrieb der israelische Halbleiter-Pionier Dov Moran Technologiegeschichte, bevor er sein Unternehmen für rund 1,6 Milliarden US-Dollar an SanDisk verkaufte. Heute lenkt er als Managing Partner beim Deep-Tech-Fonds Grove Ventures als einer der angesehensten Tech-Investoren Israels die Zukunft von KI, Halbleitern, Cloud-Infrastruktur und digitaler Gesundheit.

Der Tech-Pionier und Investor erklärt im Interview, dass im aktuellen KI-Boom vor allem die physische Infrastruktur entscheidend ist und sich Europa statt auf Defense-Tech auf Nischen wie Quantentechnologie konzentrieren sollte. Darüber hinaus empfiehlt er staatliche Unternehmensbeteiligungen nach taiwanesischem Vorbild sowie eine Kultur, die echten Gründergeist und Mut zum Risiko fördert.

brutkasten: Sie haben geholfen, mit dem USB-Flash-Laufwerk eine der am weitesten verbreiteten Technologien der Welt zu erfinden. Wenn Sie zurückblicken: Was unterscheidet bahnbrechende Innovationen von Technologien, die niemals skalieren?

Dov Moran: Zunächst einmal ist der USB-Stick heute ein totes Produkt. Nur noch sehr wenige Menschen benutzen ihn, aber genau das ist das Wesen von Technologie: Man baut etwas auf, und das dient dann als Fundament für etwas Fortschrittlicheres. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich einen kleinen Teil zu dieser Infrastruktur beitragen konnte.

Bei M-Systems haben wir damals allerdings noch andere Dinge erfunden, die ich für fast noch wichtiger halte, auch wenn sie für Endkunden weniger sichtbar waren. Damals gab es zwei Arten von Flash-Speicher: NAND-Flash für reine Daten und NOR-Flash – dominiert von Intel und AMD –, um den Code für das Betriebssystem zu speichern. Das gesamte Marktkonzept sah vor, dass jedes System beide Komponenten benötigt. Wir haben damals eine technologische Lösung gefunden, um den NOR-Flash komplett zu eliminieren und den Code direkt in den NAND-Flash zu integrieren. Unser Weg, dieses Problem zu lösen, hat das NOR-Flash-Geschäft für Intel und AMD grundlegend verändert, aber gleichzeitig in jedem einzelnen Telefon auf der Welt den Platzbedarf reduziert und etwa drei Dollar pro Gerät gespart. Bei rund einer Milliarde produzierten Telefonen pro Jahr haben wir der Welt somit jährlich drei Milliarden Dollar eingespart.

Welche Technologie erinnert Sie heute am meisten an die Anfangstage des Flash-Speichers?

Ich denke, wir sehen derzeit eine grundlegende Wende auf dem Markt – weg von einer rein softwaregetriebenen Welt hin zu einer Welt der Infrastruktur. Marc Andreessen sagte einmal: „Software eats the world.“ Heute geht es jedoch vor allem darum, die richtige Hardware- und Infrastrukturbasis zu schaffen: Wir brauchen die richtigen CPUs, wir müssen das enorme Problem des Energieverbrauchs und der Kühlung lösen und wir müssen Rechenzentren bauen, die deutlich effizienter und effektiver sind.

Was heute an Infrastruktur existiert, kann die weltweite Nachfrage schlichtweg nicht bedienen, wenn bald jeder Mensch KI nutzt, forscht und eigene Agenten baut. Wenn auch nur zehn Prozent der Bevölkerung anfangen, intensiv KI-Agenten zu bauen und zu nutzen, würden unsere heutigen Systeme zusammenbrechen. Die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz steht genau vor solchen fundamentalen technologischen Skalierungsaufgaben.

Alle sprechen über KI. Wo sehen Sie die größten Chancen jenseits der aktuellen KI-Welle beziehungsweise wo sollte sich Europa positionieren?

KI ist eine gewaltige Revolution, die das Leben aller Menschen beeinflussen wird – vom Reinigungspersonal bis hin zum Leiter einer Onkologie-Abteilung, dessen Diagnostik und Behandlungsweisen sich grundlegend verändern werden. Eine so große Transformation bringt natürlich für jeden enorme Chancen mit sich – für Einzelpersonen, Krankenhäuser, das Bildungswesen und für ganze Staaten.

Wenn ein Land wie Österreich entscheidet, in diesen Markt zu investieren, sollte der Fokus auf der Infrastrukturebene oder auf sehr gezielten Nischen liegen, nicht auf reinen Anwendungen. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass Österreich versuchen sollte, im Bereich Defense Tech zu konkurrieren. Dieser Markt erfordert gewaltige Kapazitäten, riesige Budgets und spezifisches Know-how, wie es in den USA oder aufgrund ständiger Konflikte in Israel und der Ukraine existiert.

Man muss Nischen finden, in denen man wirkliche Wettbewerbsvorteile aufbauen kann. Das könnte zum Beispiel die Quantentechnologie sein, die Kombination aus Gesundheitswesen und KI oder hochentwickelte Sensorik für eine bessere medizinische Überwachung von zu Hause aus.

Israel bringt trotz seines relativ kleinen Marktes kontinuierlich globale Technologie-Champions hervor. Was erklärt diesen Erfolg und wie wird Unternehmertum dort gefördert?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Erfindern, Unternehmern und operativen Managern. Viele Erfinder kommen von Universitäten, aber selbst die beste Erfindung oder das beste Patent scheitert, wenn man nicht weiß, wie man ein Unternehmen führt und skaliert. Ich bin der festen Überzeugung, dass Unternehmertum und Innovation viel früher im Bildungssystem verankert werden müssen – spätestens an den weiterführenden Schulen.

Das Bildungssystem muss weg vom reinen Frontalunterricht und Auswendiglernen, hin zu echter Interaktion, Teamwork und praktischer Projektarbeit. Ich bin selbst Verwaltungsratsmitglied einer 150 Jahre alten jüdischen Schulkette namens ORT. Um den Schülern dieses Denken nahezubringen, habe ich ein Buch über Unternehmer geschrieben, das nach jedem Kapitel Diskussionsfragen aufwirft. Ich beginne darin mit Abraham als dem „ersten jüdischen Unternehmer“, der den Monotheismus erfunden hat.

Im Talmud gibt es die Geschichte, dass Abraham die Götzenstatuen im Laden seines Vaters zerstörte, weil er die Logik dahinter hinterfragte, und danach seine Heimat verließ, um ins Ungewisse nach Israel zu ziehen. Genau das passiert vielen Gründerinnen und Gründern: Sie haben eine Vision, jeder sagt ihnen, dass es unmöglich ist, und sie müssen bereit sein, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, um ihr Ziel zu erreichen. Schüler müssen lernen, solche kritischen Fragen zu diskutieren: Was bedeutet es, ins Ungewisse zu gehen? Ist Unternehmertum immer gut oder birgt es auch Risiken? Diese mentale Vorbereitung ist die Basis für eine Innovationskultur.

Was kann Europa und speziell ein Land wie Österreich von der israelischen Innovationskultur und anderen globalen Vorreitern lernen?

Zunächst einmal können auch wir viel von Europa lernen – zum Beispiel, wie man ein Land so lebenswert und friedlich gestaltet. Was die Förderung von Technologie betrifft, lohnt sich für Europa jedoch ein Blick nach Taiwan, speziell auf das ITRI-Institut (Industrial Technology Research Institute).

Der Staat dort verteilt nicht einfach nur passiv Fördergelder an Unternehmen, was oft nicht der klügste Weg ist. Stattdessen definieren kluge Köpfe alle paar Jahre strategische Zukunftsmärkte. So wurde vor Jahrzehnten entschieden, dass der Bau von Halbleiterwerken entscheidend sein wird, woraufhin man gezielt den Gründer von TSMC aus den USA zurückholte. Heute hängt die gesamte Weltwirtschaft von TSMC ab, was für Taiwan zugleich ein enorm starkes sicherheitspolitisches Instrument ist.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist, wie Staaten investieren: Wenn staatliche Innovationsbehörden Unternehmen mit Kapital unterstützen, sollten sie dafür im Gegenzug auch Unternehmensanteile (Equity) erhalten, anstatt nur verlorene Zuschüsse zu verteilen. Der Staat sollte sich als stiller Gesellschafter beteiligen, sich nicht in das operative Tagesgeschäft einmischen, aber bei einem erfolgreichen Exit sein Geld inklusive Rendite zurückerhalten. So kann ein Staat mit Innovation tatsächlich Geld verdienen, das wieder in das Ökosystem zurückfließen kann.

Welchen Rat würden Sie Gründern geben, die heute in Europa Deep-Tech-Unternehmen aufbauen?

Schauen Sie sich genau an, wer in der aktuellen Marktphase wirklich Geld verdient. Im KI-Bereich verlieren viele Software- und Anwendungsunternehmen derzeit Milliarden, während diejenigen, die die Infrastruktur und Hardware bereitstellen – wie Nvidia oder TSMC als deren Auftragsfertiger –, enorm erfolgreich sind.

Wir erleben eine Wende: Es reicht nicht mehr aus, nur auf reine Software-Anwendungen zu setzen. Die wahren Deep-Tech-Chancen liegen heute in der Lösung fundamentaler physischer und technischer Probleme – sei es bei der Energieeffizienz, der Kühlung von Rechenzentren, fortschrittlichen Halbleitern oder auch in der Weltraumtechnologie (Space Tech). Wenn Sie ein Unternehmen aufbauen, fokussieren Sie sich auf diese harten Infrastruktur- und Technologieprobleme, die die Welt zwingend lösen muss.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“