25.10.2022

Wirtschaftlicher Non-Konformismus: „Didi Mateschitz und sein Gummibärlisaft“

Der Tod von Dietrich Mateschitz hinterlässt in der heimischen Wirtschaftslandschaft eine klaffende Lücke. Viel war über den Red-Bull-Erfinder nicht bekannt. Anfänglich noch als "Didi mit Gummibärlisaft" tituliert, schuf der Unternehmer sein Getränk zu einer globalen Marke, veränderte und erfand Sportarten. Privat jedoch und unter dem medialen Radar laufend, galt er langjährigen Partnern als ein loyaler Zeitgenosse und wurde, ohne großes Aufsehen zu erregen, einer der größten Förderer dieses Landes. Ein Versuch die Denkweise des Milliardärs zu ergründen und in das Erfolgsgeheimnis des erfolgreichsten "Startups" Österreichs zu blicken.
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Mateschitz
(c) redbullcontentpool - Dietrich Mateschitz lebte den Non-Konformismus.

Eine Einordnung von Dietrich Mateschitz als Person bleibt auch nach seinem Tod ein schweres Unterfangen. Manche nennen ihn den erfolgreichsten Unternehmer Österreichs der letzten 100 Jahre. Red Bull wies 1987 einen Umsatz von einer Million Euro aus. 13 Jahre später lag jener bereits bei 794 Millionen und steigerte sich im Vorjahr auf 7,8 Milliarden Euro.

Mateschitz: kein Steuerflüchtling

Andere weisen darauf hin, dass er ein Patriot war, nicht wie andere in die Schweiz geflüchtet ist und sein Konzern allein 2020 Steuern in Höhe von 405 Millionen Euro (Quelle: Dossier) in Österreich gezahlt hat.

Medienmogul, größter Steuerzahler, Arbeitgeber mit über 13.000 Mitarbeiter:innen im Red Bull-Imperium oder auch erfolgreichster Startup-Gründer aller Zeiten – alles weitere Bezeichnungen, die jeweils ein kleines Fragment der Art von Mateschitz einfangen sollen. Und es teilweise auch tun.

Aber: ein Begriff sticht aus alledem hervor, wenn man die Person Mateschitz zu charakterisieren sucht; einer, der von seiner über eine Dekade lang rechten Hand und langjährigem Freund Norbert Kraihamer bestätigt wird und jenem als „das Erfolgsgeheimnis“ von Red Bull gilt. Dietrich Mateschitz war „non-konformistisch“. Und sein Konzern ebenso.

Der österreichische Milliardär gab selten bis gar nicht Interviews, mied die Öffentlichkeit und blieb zeit seines Lebens ein verschlossenes Buch. Ausnahmen bildeten dabei Auftritte bei Formel 1-Rennen oder in Fußballstadien seiner Red Bull-Vereine. So wie auch (die sonst zur üblichen Zurückhaltung des Mürztalers disruptierende) Aussage zur Asylpolitik, Lob für Donald Trump, eine Drohung an einen Journalisten und der Umgang mit seinen Servus TV-Mitarbeiternden. Dies alles ist aufmerksamen Leser:innen längst bekannt und wird weiter unten ausführlicher behandelt.

Der Non-Konformismus als Erfolgsformel

Vorher muss man, um Mateschitz zu verstehen, die Erfolgsstrategie seiner Unternehmung genauer betrachten. Und dabei verstärkt den Begriff Non-Konformismus zur Hand nehmen.

Kraihamer war die menschgewordene Entlastung des Milliardärs, der Grund, warum Mateschitz Freitag nicht ins Büro musste und verwaltete die gesamte Vermarktung bzw. den Vertrieb des Getränke-Konzerns. Er kannte ihn wie kaum ein zweiter.

Er spricht von den Anfängen und vom damaligen Wunsch Mateschitzs, einfach ein Lebensmittel mit „Benefits“ zu kreieren. Mit einer wirklichen Wirkung. Dies erwies sich für den späteren Sport-Mäzen als schwierig, denn vor allem die Lebensmittelgesetzgebung zeigte sich für das Red Bull-Team als größte Hürde.

Von der EU-Ebene ausgehend, durfte das damalige Startup nicht auf der Dose ausweisen, wie das Getränk wirkt. Man passte in keine Schublade und befand sich zwischen Brausetabletten und Pharmazeutika irgendwo in einem undefiniertem Raum. Der Begriff „functional food“ musste erst kreiert werden.

„Brutal investiert“

Neben der Überwindung dieser Problematik arbeitete das damalige Red Bull-Team daran, großen Profit zu generieren, um ihn gleich wieder auszugeben.

„Wir haben brutal investiert, um unser Premiumsegment zu verteidigen und zehn Jahre lang kein Geld aus dem Unternehmen gezogen“, erinnert sich Kraihamer. Der für ein tieferes Verständnis des Bullen-Erfolgsgeheimnisses den firmencharakteristischen Begriff „diametrales Gegenteil“ zu üblichem VC-Kapital, Börsengängen, Exitgelüsten und zur Fremdfinanzierung einwirft.

Damit präzisiert er jene Erfolgsfaktoren Red Bulls, die den Konzern zu einer Weltmarke gemacht haben und jenen wirtschaftlichen Non-Konformismus meinen, den sein Mentor auch privat gelebt hat.

„Du brauchst ein Produkt, das was kann, musst es als Preis-Premium-Erzeugnis etablieren, mit niedrigen Herstellungskosten, um ein freiwerbendes Budget aufzubauen“, reduziert Kraihamer die Komplexität des globalen Siegeszuges von Red Bull auf ein Minimum.

Dass dies so möglich war, lässt sich schlicht auf das Mindset des Milliardärs zurückführen, der seine Karriere als Markenmanager bei Blendax begann.

Mateschitz als Fan der Schönheit und Finesse

Freunden und Wegbegleitern galt Mateschitz als extrem loyal, sprach geradeheraus aus, was er dachte, war perfektionistisch und ein Schöngeist.

„Fast an Narzissmus grenzend“, sagt Kraihamer. „Er war so aufgestellt, dass es ihn gestört hat, wenn er keinen druckreifen Satz gesprochen hat.“

Dies erkläre auch die seltenen Außen-Auftritte und dessen Vorliebe für schriftliche Statements.

Doch nicht nur eine gepflegte Sprache war dem Red Bull-Gründer wichtig. Eines der größten Geheimnisse seines Erfolgs war, neben der wirtschaftlichen auch eine humanistische Ausbildung zu haben – Interesse an Sprachen, Kulturen sowie an Geistes- und Naturwissenschaften. Das sei das, was vielen Managern heute abgehe.

Mateschitz ging es um Finesse und die Feinheit der Idee. Die Kommunikation, wie es das Red Bull-Team damals nannte und heute wohl grob als Marketing bezeichnet wird, war das „Betriebssystem“ seiner ganzen Unternehmung.

Die Anfänge von Red Bull

Ein Rückblick: Die Geschichte von Red Bull beginnt 1987. Bis dahin hatte Mateschitz über drei Jahre an der Rezeptur seines heutigen Kult-Getränkes getüftelt, ein Marketing-Konzept entwickelt, hatte Vertriebskanäle sowie offene Türen ge- und besucht und wurde dafür im Salzburger Umfeld milde belächelt.

„Der Didi und sein Gummibärlisaft“, war einer der Sätze, die den späteren Milliardär zu jener Zeit folgten. Der Durchbruch gelang in einem lokalen Nachtlokal, das damit begonnen hatte Red Bull als Mischgetränk zu verwenden. Mateschitz zeigte sich anfangs wenig begeistert von der Idee, sein Getränk mit Alkohol zu mischen – er sah es als reines Sportgetränk – lenkte aber aufgrund des enormen Erfolgs schnell ein.

Des Partybetreibers Erkenntnis

„Die Entstehung eines Mixdrinks war nie im Interesse der Firma“, erläutert Kraihamer. „Die Gastronom:innen waren schlau genug zu erkennen, dass die Wirkung von Red Bull diamteral dem üblichen Abbau der Trinkfestigkeit entgegensteht, wenn man sich betrinkt. Man konsumiert weniger und der Umsatz bricht gegen Mitternacht ein. Die große Erkenntnis der Partybetreiber war, dass wenn man Alkohol mixt, die Leute nicht einschlafen. Nicht weniger Promille haben, aber angenehmer ‚besoffen‘ sind. Natürlich haben wir das mitgenommen. Jeder Euro war gefragt.“

Die weitere Geschichte, wie der gebürtige Steirer den Energy-Drink als Geheimrezept einer asiatischen Familie nach Europa und in die Welt brachte, ist längst bekannt. Mit 49 Prozent Beteiligung durchbrach er Marketing-Barrieren für Getränke und verband die „Flügelverleihung“ mit Extremsport, was der Marke einen gewissen „Coolness-Faktor“ einbrachte.

Die Dose als Person gedacht

Als Unternehmer hat Mateschitz junge Leute um sich geschart, die ein ähnliches Mindset hatten wie er; penibel waren, perfektionistisch und emotional. Mit Ecken und Kanten. Der Durchschnitt interessierte ihn nicht, denn der war schlicht durchschnittlich.

Ein Grund vielleicht, warum Mateschitz und Co. die eigene Marke wie eine Person beschrieben haben und damit Marketing anders dachten, als der Rest.

Wie bei einer Beschreibung eines Menschen wurde Red Bull als Marke in Werbekampagnen und allgemein als Strategie mit Adjektiven unterlegt: non-konformistisch, frech, Regeln infrage stellend, positiv.

Die Checkliste und der Bruch damit

Intern gab es eine Checkliste passend zu diesem Markencharakter, nach der finanzielle Anfragen von Sportler:innen und Kulturtreibenden bis hin zu Vorstellungsgesprächen alles geprüft wurde. Lag der Wert unter 50 Prozent, so sah man dies als schädlich für die Marke an.

Die Unterstützung von Sportler:innen hingegen passte ideal zu dieser Strategie. Individualsport galt dem Bullen-Team als Extremsport mit starken Charakteren, die auch anecken. „Das liegt in der DNA der Marke“, so Kraihamer, der in diesem Sinne die spätere Zuwendung zum Fußball das „unlogischste“ nennt, was Red Bull je getan hat.

Der beliebteste Mannschaftsport der Welt war eigentlich per Firmentheorie ausgeschlossen. Was aber die Leute nicht verstanden hätten, war der Drang von Mateschitz, Dinge anders zu machen. „Es geht ja weniger darum was man macht, sondern wie man es macht – und da wurden im österreichischen Fußball neue Maßstäbe gesetzt“, so Kraihamer.

Innovativ aber reglementiert

Darunter Ideen, wie große Partys nach Heimsiegen feiern (deshalb der Kunstrasen im Salzburger Stadion), Einfahrten in die Kabinen, Graffitikünstler, die die Wände der eigenen Mannschaft mit positiven Bildnissen besprühen, jene der Gegner mit negativen. Sowie eine eigene Hymne – von Hubert von Goisern komponiert. All dies wurde vom ÖFB und der FIFA bzw. der UEFA verboten. Es war die Überreglementierung, gegen die Mateschitz zeit seines Lebens vorging, auch in diesem Fall.

All dies wissend, mag man vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel bringen, wenn man sich fragt, warum ein Mann, der hunderte Millionen in Förderungen, in Hilfen wie „Wings for Life“ und, weniger bekannt, ins lokale Umfeld steckte, sonst öffentlich schweigsam, 2017 für pure Aufregung sorgte.

Es waren wohl Ausbrüche, mit ein wenig Kalkül dahinter, um das non-konforme Wesen, das Dietrich Mateschitz in sich trug, etwas zu füttern.

Öffentliche Aussagen und Querstellung

Mateschitz gab der Kleinen Zeitung ein Interview und kritisierte die heimische und deutsche Asylpolitik, plädierte für strengere Kontrollen und lobte Donald Trumps Intelligenz. Auch sprach er sonst von einem Meinungsdiktat der etablierten Medienlandschaft und bedrohte den Profil-Journalisten Michael Nikbakhsh, als jener eine Biographie über ihn schreiben wollte und recherchierte. Mateschitz ließ ihm ausrichten: „Er werde nicht mehr sicher sein, solange in Moskau eine perforierte Kniescheibe 500 Dollar kostet“.

Sein Druck und Vorhaben den TV-Sender „Servus TV“ einzustellen, sollte ein Betriebsrat gegründet werden, reiht sich nahtlos in das Bildnis eines Geschäftsmannes ein, der Konformität ablehnt. Und deshalb auch zu Corona eine der Masse entgegenlaufende Haltung auf seinem Kanal förderte. Um wohl „Ecken und Kanten“ in die Gesellschaft zu tragen, wie er es sah.

Eigenverantwortlichkeit

„Wir haben mit 126 verschieden Nationalitäten zusammengearbeitet. Red Bull koscher und halal zertifiziert. Man kann uns Verschlossenheit gegenüber anderen Kulturen nicht vorwerfen“, sagt Kraihamer zu den seltenen „Ausrutschern“ seines ehemaligen Chefs. „Der kleinste gemeinsame Nenner bei all diesen Dingen ist der Begriff ‚Eigenverantwortlichkeit‘. Das hat automatisch eine politische Dimension. Dietrich ist irgendwann die Vereinnahmung durch das klassische Parteiensystem gegen den Strich gegangen. Er war der Antipode. Wir haben auf Ecken und Kanten geschaut, und wie wir Dinge besser machen können. Non-Konformismus heißt etwas ständig infrage stellen. Das macht den ‚point of difference‘ aus.“

Vielleicht war es dieser Drang, stets non-konform zu sein, vielleicht auch ein Marketing-Move, wie manche mutmaßen, eines scheint über Dietrich Mateschitz – egal, ob man Bewunderer ist, Kritiker oder kritischer Bewunderer – jedenfalls unleugbar zu sein. Mateschitz wusste genau, was er tat.

Mateschitz förderte im Großen und im Kleinen

„Er hat zahlreiche Sportvereine finanziell unterstützt, der österreichischen Firma Rauch die Abfüllung des Getränkes überlassen, kleine Firmen gefördert und galt als langjähriger Geschäftspartner und Handschlag-Unternehmer“, bestätigt Waterdrop-Gründer Martin Murray die soziale Ader von Dietrich Mateschitz. Als gebürtiger Salzburger hat er dessen Werdegang hautnah mitverfolgen können.

„Die halbe Salzburger Innenstadt hat ihm gehört. Er hat enorm viel für die Medizin getan und hunderte Millionen in Sportler gesteckt.“

„Time to market“

Für ihn liegt der Erfolg von Red Bull auch daran, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Die 90er Jahre wären eine Dekade des Koffeinkonsums gewesen, Lifestyle und Yoga standen nicht unbedingt an der Tagesordnung.

„Er hat seine Linie durchgezogen und viel ausprobiert. Sportarten erschaffen, wie den ‚Red Bull Flugtag‘, Klippenspringen und Flugshows“, ergänzt Murray. „Er war seiner Zeit voraus, hat das Sportmarketing in Europa erfunden und hatte eine klare Konstanz in der Bildsprache.“

Passend zum gelebten Non-Konformismus hat Mateschitz als Gründer eines globalen Konzerns auch etwas getan, das damals keiner verstanden hat. Man riet ihm nach Wien zu ziehen, doch er stemmte sich dagegen und eröffnete sein Hauptquartier im „winzigen, aber wunderschönen“ Fuschl am See bei Salzburg. Und zog bereits damals internationale Leute ins knapp 1.600 Leute fassende Dorf. „Das war außergewöhnlich“, so Murray weiter.

Über 90 Milliarden verkaufte Dosen

Heute kann Red Bull (von 2004 bis 2021) auf 94,4 Milliarden verkaufte Dosen zurückblicken. Der pro Kopf-Konsum des Energy-Drinks beträgt in Österreich im Schnitt jährlich 24 Dosen pro Person. Nicht bloß deshalb ein erfolgreiches Erbe, dass Dietrich Mateschitz mit seinem Ableben zurücklässt, dem es aber übereinstimmenden Quellen nie ums Geld gegangen ist. Dies zeigt auch ein Zitat aus dem Interview der „Kleinen Zeitung„.

Mateschitz, Umsatz Red Bull, verkaufte Red Bull Dosen
(c) Statista – Im Vorjahr wurden fast zehn Milliarden Red Bull-Dosen abgesetzt.

„Alles kann man maximieren, die Kreativität, die Innovation, die Intelligenz, alles, aber nicht den Gewinn. Erst durch die Maximierung all dessen, was geistreich, gut, schöpferisch und sinnvoll ist, kommt der Gewinn. Als Folge. Anders kann man einen Gewinn nicht maximieren. Das ist meine tiefe Überzeugung.“


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Gastautorin Mariebeth Aquino war auf der TechBBQ in Kopenhagen vor Ort | Foto: Mariebeth Aquino | (c) Kasia Sosulski

Tag zwei der TechBBQ in Kopenhagen, kurz vor acht Uhr morgens. Die Nacht davor war lang: Side-Events, Netzwerken, Gespräche bis weit nach Mitternacht. Ich schaffe es zwei Minuten vor Beginn zur Royal Reception, durch die Tür fast gleichzeitig mit Prinz Joachim von Dänemark. Ich setze mich an einen Tisch. Er auch. An denselben. Cooler Zufall.

So beginnt für mich der Defence & Dual-Use Summit: mit dem dänischen Königshaus am Tisch einer Startup-Konferenz. Prinz Joachim, der auch Verteidigungsindustrie-Attaché ist, sagt: Die Grenzen zwischen Tech, Wirtschaft und nationaler Sicherheit verschwimmen. Die interessantesten Lösungen kämen nicht mehr aus klassischen Rüstungskonzernen, sondern aus Startups, Uni-Labs und von Leuten, die mit Defence nie zu tun hatten. Und dieses Bild zieht sich durch die gesamte Konferenz: Grenzen verschwimmen.

Die TechBBQ ist mit über 10.000 Teilnehmer:innen Ende August die größte Startup-Konferenz Skandinaviens, und das meistgehörte Wort war heuer „Defence“. Wer regelmäßig auf europäischen Startup- und Tech-Konferenzen unterwegs ist, hat die Verschiebung bemerkt: 2022 sah man noch viele Impact- und Sustainability-Sessions auf den Bühnen. Heuer dominieren Resilienz und Sicherheit. Im Juni, auf der VivaTech in Paris, war das meistgehörte Wort „Sovereignty“ (Souveränität).

Defence Tech boomt

2025 gingen 13 Prozent des gesamten europäischen Venture Capitals in Verteidigung, Sicherheit und Resilienz, dreimal so viel wie drei Jahre zuvor (Dealroom und NATO Innovation Fund, Februar 2026). Auch Atomicos „State of European Tech 2025″ bestätigt den Boom bei Defence Tech. Das Kapital für Climate Tech wird dagegen seit 2022 mit jedem Jahr weniger (Atomico, „State of European Tech“ 2022 bis 2025).

Es braucht heute keinen militärischen oder nachrichtendienstlichen Hintergrund, um in diesem Feld etwas beizutragen. Man braucht technische Tiefe, die Bereitschaft, sich in eine fremde Domäne einzuarbeiten, und ein Umfeld, das einen dabei nicht ausbremst, sondern fördert. Wie in Dänemark.

Die TechBBQ fand am 26. und 27. August 2026 im Bella Center Kopenhagen statt | Foto: Mariebeth Aquino

2005 habe ich bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien ein Tool mitentwickelt, das aufdecken sollte, wer gerade versucht, eine Atombombe zu bauen. Im selben Jahr bekam die IAEA den Friedensnobelpreis. Zwanzig Jahre später jage ich mit derselben Logik organisierte Desinformationskampagnen, diesmal als Startup. Denn hybride Bedrohungen sind längst Alltag, auch in neutralen Ländern. Hochriskant, Ausgang offen. Ich versuche es trotzdem.

„Your idea is never too crazy for us. We want to see it. We want to hear it. We want revolutionary, not evolutionary ideas“, sagt Lindsay Heil, Chief of International Cooperation bei DARPA, auf der Bühne. DARPA will Antworten auf schwierige Probleme, und die kommen aus ihrer Erfahrung meistens von Startups. Dieser Aufruf hat mich besonders angesprochen.

Aus Überzeugung in Defence

Verteidigung hat die Verteidigungsblase verlassen. Auf der TechBBQ waren laut Veranstalter über 2.000 Investor:innen vor Ort. Ich habe rund ein Dutzend von ihnen gefragt, ob sie in Defence investieren. Keine einzige Absage. Aber auf einer Konferenz mit eigenem Defence-Summit ist das wohl erwartbar. Spannend war, dass die allerwenigsten einen militärischen oder sicherheitspolitischen Hintergrund haben. Sie tun es aus Überzeugung und lernen die Domäne unterwegs.

Wie sehr sich die Stimmung gedreht hat, bringt Philipp Schröder, CEO und Mitgründer des Hamburger Climate-Tech-Unicorns 1Komma5°, auf den Punkt, als ich ihn nach seinem Talk treffe: Den Shift Richtung Defence und Security spüre man klar. 2022 sei der Peak für Impact- und Energie-Themen gewesen, der sei vorbei. Sterben werde der Sektor aber nicht.

Wer ein europäisches Defence- oder Dual-Use-Startup baut, war auf der TechBBQ am richtigen Ort: Top-Management von Rheinmetall und Terma, DARPA, hochrangige Militärs, Leute vom skandinavischen Nachrichtendienst. Auf deren Badges standen nur der Vorname und der Geheimdienst, während alle anderen sämtliche Details preisgaben. Vor denen hatte ich Respekt.

Keine Minderheit mehr

Wer die Revolutionär:innen sucht, muss allerdings auch jene einladen, die bisher nicht mitgemeint waren. Auf männerdominierten Tech-Events ist Unconscious Bias mein ständiger Begleiter. Ich bin darauf sensibilisiert und nehme die Mikroexpressionen wahr: den kurzen Blick, der einordnet und weiterwandert. Ich bin eine kleine Frau mit Migrationsgeschichte. Das Stereotyp sagt: Die steht sicher in keiner Position mit Macht. Also werde ich übersehen, weil ich nicht dem Bild des erfolgreichen weißen Mannes entspreche.

Über 2.000 Investor:innen waren laut Veranstalter auf der TechBBQ in Kopenhagen vor Ort | Foto: Mariebeth Aquino

Nicht in Kopenhagen. Auf der TechBBQ wurden Frauen, Minderheiten und die Crazy Ones, die Misfits, die Rebels willkommen geheißen. Sogar von den alteingesessenen älteren Herren, die auf solchen Konferenzen sonst die Deutungshoheit haben, kam dieses Gefühl kein einziges Mal auf.

Und Frauen waren auf der TechBBQ keine Minderheit. Ich schätze, ein Drittel der Gäste waren Frauen, dazu eine große, durchgehend volle Women-in-Tech-Lounge. Die Organisationsforschung kennt den Effekt als kritische Masse: Unter etwa 15 Prozent ist man die Ausnahme und steht stellvertretend für die ganze Kategorie, ab rund einem Drittel wird man wieder als Individuum gesehen (Rosabeth Moss Kanter). In Kopenhagen war dieser Punkt überschritten, und das war spürbar. Ich fand es befreiend.

Ich gehe seit 2009 auf Tech-Konferenzen und weiß, wie ungewöhnlich das ist. In Kopenhagen wurde auf den Bühnen gefeiert, wofür man sonst schiefe Blicke erntet, oft ohne dass es den Blickenden bewusst ist: Frau sein, Neurodivergenz, Migrationsgeschichte, untypische Lebensläufe. Wenn die interessantesten Defence-Lösungen von Quereinsteiger:innen kommen, wie Prinz Joachim sagt, dann entscheidet genau diese Offenheit, wie groß der Talentpool ist.

Dänemark macht es vor

Dänemark hat seine Verteidigungsausgaben seit 2022 real um rund 180 Prozent erhöht, der stärkste Zuwachs aller NATO-Staaten (NATO, Juli 2026). Hier ist der Ukraine-Krieg geografisch näher an der Bevölkerung und die Gesellschaft hat ein anderes Mindset gegenüber Verteidigung. Und die Industrie hat gelernt, wie Tempo geht: Getestet wird vom ersten Tag an in der Ukraine, am Boden, nah an den Nutzern. Die Anforderungen kommen nicht aus einem Ministerium, sondern aus dem Schützengraben. Was sich dort bewährt, kommt in den Einsatz. Und skaliert wird über Dänemark hinaus, denn, so Terma-CEO Henriette Hallberg Thygesen auf der Bühne, Dänemark allein sei für eine Verteidigungsindustrie zu klein, und Innovation ohne Skalierung werde selten eine echte Fähigkeit im Einsatz.

Und Österreich?

Das Land der Seligen. Wir setzen halt auf die Neutralität. Nur fragen Desinformationskampagnen nicht nach Bündnissen, sie laufen längst, auch bei uns. Auf dem Summit habe ich zwei Tage lang zugehört, wie Dänemark laut die eigenen Schwächen seziert: zu wenig Dringlichkeit, keine Lizenz zum Scheitern. Österreich stellt diese Fragen nicht einmal. „Eure Idee ist uns nie zu verrückt.“ Ich hätte diesen Satz gerne einmal hier gehört.


Über die Autorin: Mariebeth Aquino ist Tech-Unternehmerin. Sie arbeitet an der Erkennung von Desinformations- und Einflusskampagnen (FIMI) in Europa und bildet Security-Software-Engineers aus. www.heldin.eu

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