19.05.2026
THEMENPARTNERSCHAFT

„Wir verlieren zu viele Unternehmen genau dann, wenn sie wachsen“

Unter dem Motto „How Europe Wins“ findet das European Forum Alpbach heuer ab 24. August zum 81. Mal statt. Präsident Othmar Karas spricht mit dem brutkasten über Europas Umsetzungslücke, die fragmentierten Kapitalmärkte und die Frage, warum der Kontinent zu viele Scaleups in der Wachstumsphase verliert – obwohl der Binnenmarkt größer ist als der nordamerikanische.
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Othmar Karas und Martin Pacher vom brutkasten sitzen an einem Tisch und führen ein Interview (c) Hannah Fasching
Othmar Karas leitet das European Forum Alpbach seit Oktober 2024 als Präsident. (c) Hannah Fasching

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ im Rahmen einer Themenpartnerschaft erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels


Herr Karas, das EFA26 steht unter dem Motto „How Europe Wins“. Wie definieren Sie „gewinnen“?

Wir haben das Thema heuer bewusst provokant gewählt. Für uns geht es nicht darum, über andere zu triumphieren, sondern darum, die Frage zu stellen: Muss jemand, der gewinnt, auch Verlierer produzieren? Was bedeutet Gewinnen aus unserer Sicht? Mit wem will man gewinnen? Es geht um die Fähigkeit, in einer härter werdenden Welt unsere Freiheit, unseren Wohlstand, unsere Demokratie und unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und auszubauen. Im Analysieren sind wir da recht gut; wir scheitern nicht an mangelnder Reflexion, auch nicht an mangelnden Konzepten. Wir wissen, was zu tun ist – aber Europa scheitert oft daran, das Notwendige rechtzeitig und gemeinsam umzusetzen.

Alpbach setzt auf eine Matrix aus vier Tracks und vier Focus Topics. Warum ist dieser interdisziplinäre Zugang gerade jetzt der richtige?

Weil die Wirklichkeit nicht in Ressorts denkt. Im politischen Diskurs werden wir wieder viel zu stark parteipolitisch, taktisch und nationalistisch – das ist ein krasser Widerspruch zu dem, was wir brauchen. Der interdisziplinäre Ansatz ist unsere Antwort auf die Komplexität. Der grenzüberschreitende, parteiübergreifende, internationale Dialog ist unsere Antwort auf den Nationalismus; und der Dialog zwischen Generationen ist seit 1945 unsere Antwort auf Polarisierungen. Alpbach darf kein Ort sein, an dem die Themen nebeneinander liegen wie Akten in getrennten Schubladen – Alpbach muss zeigen, wie die großen Fragen ineinandergreifen.

Beim EFA26 ist Finance einer der Tracks – auch für unsere Leser:innen aus der Startup-Szene zentral. Wo steht die Kapitalmarktunion heute?

Dass wir noch immer keinen europäischen Kapitalmarkt haben, ist ja zum Glück allen bewusst. Der Vorschlag der Kommission, die Kapitalmarktunion in den breiteren Zusammenhang einer Spar- und Investment-Union zu setzen, ist richtig – wir sind aber erst am Beginn. Es geht um die Beseitigung der Fragmentierung: Wir haben 27 Kapitalmärkte, nicht einen europäischen. Es geht darum,
privates Kapital, das in Europa in Fülle vorhanden ist und ruht, zu Investmentkapital zu machen. Und wir müssen Pensionsfonds für den Kapitalmarkt zur Verfügung stellen – das ist einer der größten Hebel. Hier sind uns Nordeuropa und die Amerikaner überlegen und meilenweit voraus. Das steht so auch im Draghi-Bericht und im Letta-Bericht. Parlament und Rat müssen das jetzt zügig vorantreiben.

Vor seiner EFA-Präsidentschaft war Karas 25 Jahre lang Mitglied des Europäischen Parlaments, zuletzt als Erster Vizepräsident (c) Hannah Fasching

Europa ist gut bei Forschung und Gründung, verliert aber Unternehmen in der Wachstumsphase. Wo liegen die größten Hebel, um das zu ändern?

Wir sind gut darin, Ideen zu entwickeln, gut in Forschung und Gründung; aber wir verlieren zu viele Unternehmen genau dann, wenn sie wachsen, wenn sie Kapital benötigen, wenn sie Managementstrukturen professionalisieren, wenn sie internationale Märkte erschließen. Manche gehen auch weg, weil es einfacher ist, die eigene Forschung anderswo in Produktion umzusetzen. Das müssen wir beseitigen. Die Kapitalmarktunion ist dabei ein Instrument, nicht schon die Lösung. Es gibt nicht die eine einfache Antwort. Was wir brauchen, ist ein neues Mindset in Europa.

Aus der Innovations-Community ist zunehmend Sorge zu hören, dass Regulierung Innovation bremst. Wo liegt die richtige Balance?

Mein Punkt ist: Wir brauchen nicht weniger Europa, sondern ein besseres Europa. Und wahrscheinlich brauchen wir nicht weniger Regeln – aber wir brauchen vor allem eines: dass keine europäische Regel in den Mitgliedsstaaten verdoppelt wird. Was heißt eigentlich Europa? Eine Regel für alle statt 27 unterschiedliche. Die europäische Regel sollte nicht auf eine nationale draufgesetzt werden, sondern 27 unterschiedliche beseitigen. Nehmen Sie den Binnenmarkt: Nordamerika hat 360 Millionen Bürgerinnen und Bürger, die EU hat 450 Millionen, mit Vereinigtem Königreich und Beitrittskandidaten 600 Millionen. Wir sind größer und mindestens so stark – wir müssen diese Stärke endlich als Kraftquelle nutzen.

Zum Abschluss: Blicken Sie heute optimistischer auf Europa als vor einem Jahr?

Es gibt Signale, die optimistisch machen – vor allem die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann. Sehen Sie sich an, was gemeinsame Antworten auf Krisen bewirkt haben: die Erweiterung um die ehemaligen kommunistischen Staaten, die Energiepolitik als Antwort auf Russlands Angriffskrieg, die Unterstützung der Ukraine, das Investitionsprogramm Next Generation EU, den
Rechtsstaatsmechanismus. Sind wir am Ziel? Nein. Aber das sind Schritte zu mehr Gemeinsamkeit. Sorgen machen mir der aufkeimende Nationalismus, die Frage der Autokratien, die Ignoranz gegenüber gemeinsamen Regeln. Europa hat immer dann Fortschritte gemacht, wenn Menschen Verantwortung übernommen haben. Genau das ist heute wieder notwendig.

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Alina Nikolaou, Co-Founder, Director & Curator TEDAI Vienna | Foto: TEDAI

„Es kommt nur selten vor, dass Vertreter:innen der weltweit führenden Frontier-Labs gleichzeitig an einem Ort zusammenkommen“, erklärt Alina Nikolaou, Co-Founder, Director & Curator der TEDAI. Mit der Ankündigung weiterer hochkarätiger Speaker:innen aus Organisationen wie Anthropic und Google DeepMind nimmt die dritte Auflage der TEDAI, die vom 28. bis 30. Oktober 2026 in der Wiener Hofburg stattfindet, nun konkrete Formen an. Rund 1.200 internationale Entscheidungsträger:innen, Pionier:innen und KI-Enthusiast:innen werden in Wien erwartet und sollen dort die Möglichkeiten, Grenzen und offenen Fragen der nächsten KI-Generation diskutieren.

Praktische Umsetzung im Vordergrund

Schon im März berichtete brutkasten über die ersten bekannten Namen im Line-up, darunter Physik-Nobelpreisträger Geoffrey Hinton und OpenClaw-Entwickler Peter Steinberger. Seither hat sich das Programm der weltweit einzigen offiziellen TED-Konferenz zu Künstlicher Intelligenz noch deutlich erweitert und wurde analog zur weiterhin rasanten KI-Entwicklung adaptiert. Während die Konferenz anfangs vor allem breite gesellschaftliche und ethische Themen im Visier hatte, rückt mit den neuesten Speaker:innen-Bestätigungen vom August die praktische Umsetzung in den Vordergrund. „Vom Modell zur Wirkung“ lautet das aktuelle Motto. Es gehe darum, „wie aus leistungsfähigen KI-Modellen verlässliche Anwendungen und KI-Agenten entstehen, die Menschen in Arbeit, Forschung und Wirtschaft konkret unterstützen“.

Zielsetzung der TEDAI im Wandel

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der personellen Auswahl der Veranstalter:innen wider. Erklärte Alina Nikolaou im März noch, dass im Fokus der Konferenz „die ambitioniertesten KI-Trends und Ideen unserer Zeit: konkrete Lösungen, radikale Paradigmenwechsel, augenöffnende Forschungsergebnisse und schwierige, aber dringend notwendige soziale Fragen“ stünden, so sagte Nikolaou im Juni bereits über die gewünschte Perspektivenvielfalt: „Wenn es um KI geht, entstehen die spannendsten Erkenntnisse oft nicht im Konsens, sondern dort, wo Perspektiven und Paradigmen aufeinanderprallen. Genau diese Spannungsfelder wollen wir auf der TEDAI 2026 sichtbar machen.“ Nun, mit den neuesten Ankündigungen von heute, stehe laut den Organisator:innen die Chance im Fokus, „Einblicke in Ideen zu gewinnen, an denen heute gearbeitet wird: von KI-Agenten in der Wirtschaft bis zur Zukunft der Wissensarbeit“.

Die Top-Speaker:innen

Unter den zahlreichen Neuzugängen sind einige besonders klingende Namen:

Geoffrey Hinton: Der britisch-kanadische Wissenschaftler gilt als einer der „Godfathers of AI“ und ist ein Pionier im Bereich neuronaler Netze und Deep Learning. Für seine grundlegenden Beiträge wurde er 2018 mit dem Turing Award und 2024 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet.

Peter Steinberger: Der gebürtige Österreicher sorgte mit seiner Open-Source-Anwendung OpenClaw für einen internationalen Hype. Inzwischen arbeitet er für das US-Schwergewicht OpenAI an Produkten für eine „Agent-first“-Welt, mit dem Ziel, jedem Menschen einen eigenen KI-Assistenten zur Verfügung zu stellen.

Felix Rieseberg: Er kommt neu ins Line-up und arbeitet bei Anthropic direkt an der Schnittstelle zwischen Modellen und praktischer Anwendung. Dort entwickelte er unter anderem Claude Cowork und verantwortete Engineering-Teams für Claude.ai sowie Claude Code auf dem Desktop.

Nenad Tomašev: Als Senior Staff Research Scientist bei Google DeepMind forscht er zu Multi-Agenten-Systemen, Agentic Economies sowie KI-Sicherheit. Seine Arbeit fokussiert darauf, wie komplexe KI-Agenten wirksam durch Menschen kontrolliert und an menschlichen Interessen ausgerichtet werden können.

Valeria Pettorino: Die Physikerin ist Project Scientist der Euclid-Weltraummission bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Sie bringt eine astrophysikalische Perspektive ein und zeigt, wie KI-Technologie unser Verständnis des Universums, insbesondere im Bereich Kosmologie und Dunkler Energie, erweitert.

Die weiteren Speaker:innen: breites Spektrum von Kosmologie bis Plattformkritik

Um den Anspruch zu erfüllen, die „gesamte Bandbreite der KI-Debatte abbilden“ zu können, bringen die weiteren Speaker:innen höchst diverse Perspektiven nach Wien. Die wissenschaftliche und technologische Grundlagenforschung wird durch die Forscherinnen Anna Goldie und Azalia Mirhoseini, Gründerinnen von Recursive Intelligence und ehemalige Leiterinnen des AlphaChip-Projekts bei Google, beleuchtet. Mahmoud „Mido“ Assran forscht an sogenannten World Models und Self-Supervised Learning, um effiziente und sichere KI-Agenten zu ermöglichen. Gehirnaktivitäten mittels KI entschlüsselt wiederum der japanische Neurowissenschaftler Yukiyasu Kamitani, dessen Arbeit bis zur Rekonstruktion von Träumen reicht.

Demgegenüber stehen kritische Stimmen aus Medien, Ethik und Gesellschaft: Nicholas Thompson, CEO von The Atlantic, und der bekannte Autor und Aktivist Cory Doctorow ordnen die gesellschaftlichen und politischen Folgen von KI ein. Um Datenschutz und Ethik dreht sich die Arbeit von Carissa Véliz (Associate Professor in Oxford), während der Rechtswissenschaftler César Rodríguez-Garavito (NYU) zu KI-Governance und Klima- sowie indigenen Rechten forscht. Die nigerianische klinische Psychologin Kauna Ibrahim Malgwi bringt zudem ihre Forschung zu algorithmischem Trauma und mentaler Gesundheit in prekären digitalen Arbeitsbedingungen ein.

Praxisnahe Anwendungen bringen schließlich Kateryna Lopatiuk (räumliche Datenanalyse für den Wiederaufbau), Dr. Layla Hosseini-Gerami (Ignota Labs, Chief Data Science Officer für KI-gestützte Medikamentenentwicklung) und Gabriella Di Laccio (Donne, Women in Music) mit Datenanalysen zur Sichtbarkeit von Komponistinnen ein.

Neben den rund 20 TED-Talks am abschließenden Konferenztag will die TEDAI 2026 den Besucher:innen ein umfassendes „Gesamterlebnis“ bieten. Dazu gehören ein festlicher Eröffnungsball, der Wiener Tradition mit moderner Innovation verbinde, sowie der sogenannte „Discovery Day“ mit interaktiven Workshops.

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