27.05.2025
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

„Wir haben alle keine Ahnung, was uns bevorsteht“

Bei einer Expertendiskussion zum Thema Künstliche Intelligenz der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG) vergangene Woche fielen unter der Gesprächsleitung von OCG Präsident Wilfried Seyruck, OCG-Vorstandsmitglieder Harald Leitenmüller, CTO von Microsoft Österreich, Wolfgang Pree, Informatik-Professor an der Universität Salzburg, und Peter Reichstädter, CIO in der Parlamentsdirektion in Wien äußerst bemerkenswerte Aussagen zur Zukunft von KI. Darunter eine Warnung vor einem "Divide" und einem Wandel des "Lernwegs".
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KI,
(c) PDION/OCG/zVg/ - (v.l.) Harald Leitenmüller, CTO Microsoft, Wolfgang Pree, Informatik-Professor an der Universität Salzburg, OCG Präsident Wilfried Seyruck und Peter Reichstädter (r.u.), CIO in der Parlamentsdirektion in Wien

Das allgemeine Stimmungsbild seit dem Auftreten von Künstlicher Intelligenz (KI) pendelt zwischen euphorischer Hoffnung auf gewaltige Produktivitätssteigerungen und der großen Sorge vor Missbrauch. „Wir haben alle keine Ahnung, was uns bevorsteht. Wir haben mit der KI ein unerwartetes Geschenk bekommen, auf das wir nicht vorbereitet sind“, meinte etwa Wolfgang Pree, Informatik-Professor an der Universität Salzburg vergangenen Woche bei einer Podiumsdiskussion der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG). „Das Potenzial von KI ist im Positiven unendlich – im Negativen zehnmal so groß.“

KI verändert schon

In der akademischen Lehre habe der Einzug von KI schon jetzt immense Veränderungen gebracht. Das Niveau habe sich deutlich nach oben geschraubt, weil Studierende dank KI in immer kürzerer Zeit komplexere Aufgaben erledigen würden. Wohin die Reise gehen könnte, zeigt dem Informatiker nach etwa Replit AI. Auf Replit.com könnten binnen Stunden Programme entwickelt werden, an denen zuvor ein dreiköpfiges Team ein ganzes Semester gearbeitet habe, erklärt Pree.

Dass Informatik dadurch für viele Menschen unmittelbar nutz- und anwendbar wird, wertet der Professor als große Chance: „Wenn nicht mehr das Programmieren im Mittelpunkt der Informatik-Ausbildung stehen wird, sondern der versierte Umgang mit KI-betriebenen Codegeneratoren gelehrt wird, sieht das Studium völlig anders aus. Vielleicht gehören wir dann bald zu den Erziehungswissenschaften?“

„Moralisches Gebot“

Auch Microsoft Österreich-CTO Harald Leitenmüller sieht den Benutzerkreis von Software durch KI massiv erweitert. So seien bisher von den rund 15.000 Funktionen von Excel nur drei Prozent wirklich genutzt worden. „Jetzt hilft KI den Anwendern, immer mehr Programmfunktionen zu nutzen. Das Spielchen hat sich umgedreht. Der Mensch lernt nicht mehr, den Computer zu verstehen, sondern der Computer lernt, den Menschen zu verstehen.“

Deshalb sei es für ihn auch ein moralisches Gebot, KI allen Menschen zugänglich zu machen. Leitenmüller warnt in diesem Sinne vor einem „Artificial Intelligence Divide“, der Menschen ohne Zugang zu dieser Technologie benachteilige und Entwicklungschancen vorenthalte.

Das österreichische Parlament indes geht beim Thema KI den Weg der Kooperation: „Wir sind im intensiven internationalen Austausch mit Parlamenten, welche Tools Standardtätigkeiten übernehmen könnten – wie etwa das Protokollieren von Reden mittels Speech-to-Text-Programmen“, präzisiert Peter Reichstädter, CIO der österreichischen Parlamentsdirektion.

Und weiter: „Für demokratische Institutionen ist der Grat zwischen Automatisierung von Standardprozessen und Sicherheitsbedenken sehr schmal.“ Umso wichtiger sei es, das Spannungsfeld von KI und Desinformation auf allen Ebenen zu thematisieren. „Wir haben gemeinsam mit dem Austrian Institute of Technology schon vor der Nationalratswahl 2017 konkrete Aufklärungsarbeit über die Gefahren von Fake-News und Fake-Videos gestartet“, sagt der Parlaments-CIO. Ähnliche Initiativen brauche es auch in Schulen. „Dort sollten wir schon ganz früh starten, das Problembewusstsein für Manipulationen zu schaffen und die Fähigkeit zu vermitteln, Falschinformationen zu erkennen.“

KI-Ängste nehmen und Mut machen

Pree plädiert in diesem Zusammenhang dafür, der OCG die Rolle des „National Operators“ für die internationale Zertifizierung für digitale Bildung ICDL (vormals Europäischer Computer Führerschein) zuzuschreiben. Immerhin liege Österreich bei der Verbreitung von ICDL-Zertifikaten in der Bevölkerung international an zweiter Stelle. Mit dieser Reichweite könne man möglichst viele Menschen zur KI-Nutzung bringen:. „Wir müssen Ängste nehmen und Bewusstsein schaffen“, sagt er.

Als Mutmacher bei KI versteht sich auch Microsoft-CTO Leitenmüller. Für Österreich sei der Zug Richtung KI noch längst nicht abgefahren. Nicht zuletzt, weil sich die Kosten für viele „Large Language Modelle“ (LLMs) um den Faktor 900 verbilligt haben, seien viele Startups mit ihren Geschäftsmodellen wieder verschwunden: „Die Konsolidierung des Marktes hat noch gar nicht begonnen“, warnte er vor einem überhitzten Startup-Hype rund um KI. „Wir brauchen Experten mit fundierten Grundkenntnissen der Materie, die gute Rahmenbedingungen für die gesamte KI-Entwicklung schaffen“, so sein Wunsch an die Politik.

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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