05.03.2026
KREISLAUFWIRTSCHAFT

Wiener Matratzen-Startup Matr wird liquidiert

Das 2022 gegründete Circular-Economy-Startup Matr stellt den Betrieb ein. Trotz namhafter Hotelkunden und Investments der Greiner Gruppe zwingen verzögerte EU-Regulierungen und ein schwieriges Marktumfeld die Gründerinnen zur freiwilligen Liquidation. Verena Judmayer und Michaela Stephen haben uns mehr zu den Hintergründen erzählt.
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Michaela Stephen und Verena Judmayer | (c) Andi Jakwerth

Über 30 Millionen Matratzen landen in Europa jährlich im Abfall. Um dieses Problem zu lösen, traten Verena Judmayer und Michaela Stephen 2022 mit ihrem Startup Matr an. Ihre Vision: Matratzen nach den Kriterien des EU-Ecodesigns und Circular Designs zu entwickeln, sie an Hotels zu vermieten oder zu verkaufen und am Ende des Lebenszyklus vollständig zu recyceln.

Mit ihrem Konzept konnten sie Kunden wie das Boutique-Hotel Altstadt Vienna oder die Sportlers Lodge in Sölden gewinnen. Auch Investoren glaubten an die Idee: Greiner Innoventures – die Innovationsschmiede der Greiner AG – stieg bereits 2022 ein (brutkasten berichtete). Trotz dieser Erfolge ist nun Schluss. Ende vergangenen Jahres haben die Gründerinnen die Entscheidung getroffen, die hinter Matr stehende Circularful GmbH zu liquidieren.

Verzögerte EU-Regulierung bremste das Wachstum

Die Gründe für das Aus sind vielschichtig. Das Startup startete mit der Erwartung in den Markt, dass Regulierungen im Bereich Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft zügig greifen würden. Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Vor allem auf europäischer Ebene mahlten die Mühlen deutlich langsamer als erhofft.

„Wir wissen jetzt, dass Matratzen erst 2029 in die europäische Ökodesign-Verordnung aufgenommen werden“, erklärt Verena Judmayer gegenüber brutkasten. Auch die Überarbeitung der EU-Abfallrahmenrichtlinie, die den rechtlichen Umgang mit alten Matratzen und deren Wiederverwertung erleichtern sollte, ließ auf sich warten. Das Fazit von Co-Gründerin Michaela Stephen zu den politischen Rahmenbedingungen ist ernüchternd: „Die Kernaussage ist: Es wird immer weiter verschoben“.

Hotellerie unter Druck, Investoren zurückhaltend

Neben den fehlenden politischen Hebeln veränderte sich auch das Marktumfeld gravierend. Angesichts von steigenden Kosten und der Energiekrise rutschte laut den beiden Gründerinnen das Thema Nachhaltigkeit bei vielen Hotels auf der Prioritätenliste nach unten. Die Margen in der Hotellerie schrumpften, weshalb Investitionen sehr viel genauer geprüft werden mussten. „Nachdem wir jahrelang gepusht und viel Vertrieb gemacht haben, wurden unsere Erwartungen an die Umsätze am Ende einfach nicht erfüllt“, so Judmayer.

Gleichzeitig gestaltete sich die Suche nach frischem Kapital als zunehmend schwierig. Für Hardware-Themen im Nachhaltigkeitsbereich, denen ein skalierbarer „Tech-Stack“ im Hintergrund fehlt, sei laut den Gründerinnen aktuell kaum externe Finanzierung zu bekommen. Zwar konnte sich das Startup Anfang vergangenen Jahres noch eine Finanzierung sichern, die den Betrieb bis Jahresende sicherstellte, doch danach wurde die Luft dünn.

Geordnetes Ende und ein Funken Hoffnung

Um Schaden von Kunden und Partnern abzuwenden, entschied sich das Duo bewusst gegen einen Konkurs und für eine freiwillige Liquidation. „Wir haben es rechtzeitig erkannt, um sicherzustellen, dass wir zu unseren eigenen Bedingungen schließen können“, so Judmayer. Voraussichtlich im Frühling soll die Abwicklung abgeschlossen sein. Ganz ausgeschlossen ist ein Fortbestand der Marke jedoch noch nicht: Aktuell laufen Gespräche über einen möglichen Asset Deal, durch den Matr in einer anderen Organisation weitergeführt werden könnte.

Für bestehende Kunden ist indes gesorgt. Die Matratzen seien auf eine Lebensdauer von über zehn Jahren ausgelegt. Für das Ende der Nutzungsdauer hat Matr eine Kooperation mit Unternehmen, das sich unter anderem auf Matratzen-Recycling spezialisiert hat. 

„Wenn man es nicht versucht, wird man es nie wissen“

Trotz des harten Schnitts ziehen die beiden Gründerinnen eine positive Bilanz. „Ich bin wirklich stolz darauf, dass wir zu dem wohl nur einen Prozent der von Frauen gegründeten Teams gehören, die ein Investment erhalten und überlebt haben“, so Judmayer über die vergangenen fünf Jahre. Neben den über 40 zahlenden Hotelkunden, reichte der Einfluss über das eigene Geschäftsmodell hinaus. So trieb das Startup das Thema auch branchenweit voran – unter anderem durch die Mitgründung der Österreichischen Matratzen Allianz.

„Wir haben die Art und Weise verändert, wie die Menschen denken. Und das ist riesig“, so Judmayer. Anderen Gründerinnen wollen sie Mut machen, ein solches Ende nicht als Niederlage zu sehen. Sie bereuen keine Minute ihrer unternehmerischen Reise. Ihre eindringliche Botschaft an die Startup-Community lautet daher: „Innovation braucht Change Maker, und man muss es versuchen. Wenn man es nicht versucht, wird man es nie wissen“.

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Hannah Wundsam, Geschäftsführerin von AustrianStartups © Philipp Huber / EFA

Seit 1945 treffen sich im Tiroler Bergdorf Alpbach, auf rund 1.000 Metern, Sommer für Sommer Vordenker:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um über Europas Zukunft zu diskutieren. Heuer steht das European Forum Alpbach unter dem Motto „How Europe Wins“. Es geht um Wettbewerbsfähigkeit, Souveränität und die Frage, wie Europa im globalen Wettlauf bestehen kann.

Welche Rolle Startups in dieser Debatte einnehmen und inwiefern sie als Hebel für Europas Siegeszug dienen können, hat brutkasten mit Hannah Wundsam auf der Terrasse des Congress Centrums besprochen.


brutkasten: „How Europe Wins“ lautet das Leitmotiv des diesjährigen European Forum Alpbach. Welche Bedeutung kommt Startups in diesem Diskurs zu, und woran liegt es, dass bei einer so zentralen Zukunftsfrage die Gründer:innenszene vergleichsweise wenig vertreten ist?

Hannah Wundsam: Das ist eine gute Frage. Denn wenn der Titel „How Europe Wins“ lautet, können wir nicht nur darüber sprechen, wie wir das verteidigen, was wir bisher haben, und wie wir die bestehende Industrie und Wirtschaft schützen – sondern auch darüber, wie wir Neues schaffen und über die nächsten Jahre hinweg wettbewerbsfähig bleiben. Dafür braucht es das Zusammenspiel von bestehender Industrie, Politik beziehungsweise der öffentlichen Hand und vor allem dem Startup-Sektor. Dort liegen die Wurzeln des zukünftigen Wachstums.

Ich glaube aber, dass wir in Österreich immer noch sehr in Schubladen denken: Es gibt die Events für Startups und die neue Generation – und dann das European Forum Alpbach hier in den österreichischen Bergen, wo man das Gefühl hat, hier gehe es vor allem darum, die bestehende Industrie zu stärken und zu vernetzen. Dementsprechend sehen auch viele Gründer:innen das Event nicht als relevant für sich, weil sie sich nicht angesprochen fühlen.

Ich versuche aber immer, Gründer:innen zu motivieren, herzukommen, weil ich es für eine gute Möglichkeit halte, sich mit CEOs und Politiker:innen zu vernetzen: einerseits, um sich bei politischen Entscheidungsträger:innen Gehör zu verschaffen, deshalb sind auch wir immer hier, und andererseits, um Entscheidungspersonen aus großen und öffentlichen Unternehmen kennenzulernen, mit denen man dann zusammenarbeiten kann.

Welchen Platz kann ein vergleichsweise kleines Land wie Österreich in der europäischen Startup-Frage einnehmen?

Unsere Rolle ist gar nicht so klein, wenn man, das habe ich jetzt auch in der EU-Inc-Debatte gemerkt, die Vorbildwirkung Österreichs gegenüber den osteuropäischen Ländern nicht vergisst. Da ist oft die Haltung: Schauen wir mal, was Österreich macht, so wie wir uns anschauen, was die Deutschen machen. Ich glaube also tatsächlich, dass wir mit unseren Entscheidungen nicht ganz allein dastehen, sondern auch eine Auswirkung haben.

Österreich als eine Art Gateway vom Osten in den Westen ist etwas, das durch die EU Inc. theoretisch noch gestärkt werden könnte, aber ohnehin schon besteht. Insofern hat Österreich da eine Rolle. Und wir werden nach wie vor ein bisschen als neutraler Boden gesehen, der durchaus mit allen reden kann.

Welche Bedingungen bräuchte es, damit Startups in der „How Europe Wins“-Debatte mehr Gewichtung bekommen?

Ein Thema ist nach wie vor, dass österreichische Unternehmen im Vergleich zu anderen Ländern relativ wenig mit Startups zusammenarbeiten, das gilt auch für die österreichische Industrie. Selbst auf Ebene der Interessenvertretungen merke ich die Sorge, dass kein Geld mehr für die bestehende Industrie da ist, wenn die EU zu stark auf Startups fokussiert. Anstatt daran zu arbeiten, welche Möglichkeiten es gibt, damit Unternehmen und die öffentliche Hand tatsächlich zu Erstkund:innen von Startups werden. Viele Startups sagen mir, dass sie in Österreich gar nicht erst nach Kund:innen suchen.

Unternehmen müssten generell offener sein, ebenso die öffentliche Hand, und verstehen, dass sie mit Startups zusammenarbeiten müssen, wenn sie nachhaltig innovieren und wettbewerbsfähig sein wollen. Tatsächlich sagen viele Startups, dass sie eher im amerikanischen Markt nach Kund:innen suchen, weil man dort offener ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten, während man in Europa gleich fragt, ob man mit sämtlichen Richtlinien konform ist.

Auf europäischer politischer Ebene gibt es inzwischen ein viel größeres Verständnis dafür, dass Startups einer der Schlüsselfaktoren für unseren Standort und unsere Wettbewerbsfähigkeit sind, spätestens seit dem Draghi-Report. Das ist aber noch nicht in allen Mitgliedsländern angekommen. Am European Forum Alpbach etwa sind ganz viele Events, vor allem die Side-Events, auf Deutsch. Dabei sind gerade die für viele der eigentliche Grund, warum sie kommen. Das ist schwierig, wenn man die europäische Startup-Szene auch tatsächlich vor Ort haben möchte.

Wie sieht für dich als Geschäftsführerin von AustrianStartups ein Europa aus, das gewonnen hat?

Ich glaube, wir müssen es schaffen, eine starke Basis an Gründer:innen zu haben, und dafür braucht es mehrere Dinge. Es braucht eine Kultur quer durch Europa, in der Unternehmertum ein besseres Bild hat, in der Unternehmer:innen nicht als böse Kapitalist:innen gesehen werden, sondern als Zukunftsgestalter:innen, als Personen, die Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen, die spannend sind und Vorbilder für Schulkinder.

Damit sind wir beim zweiten Thema: Ein Kulturwandel braucht einen Wandel in der Bildung, Unternehmertum muss Teil der Bildung werden und zwar nicht nur an Schulen in Österreich, sondern quer durch Europa. Es gibt Konzepte dafür, aber eben nicht in der Breite.

Und im Endeffekt braucht es die Rahmenbedingungen, die es für Gründer:innen attraktiv machen, hier nicht nur zu starten, sondern auch zu skalieren und zu bleiben. Dafür braucht es Kapital und dafür wiederum unterschiedliche Vehikel, um mehr Kapital nach Europa zu holen beziehungsweise das Kapital, das hier bereits vorhanden ist, zu aktivieren.

Der Dachfonds ist eine super Initiative, die jetzt schnell auf die Beine gestellt werden muss. Aber dabei kann es nicht bleiben, wir müssen größer denken: Es braucht einen Dachfonds 2, 3, 4, die noch einmal um einiges größer sind als die 500 Millionen Euro, und es braucht Wachstumskapital. Dafür wird es die bestehende Industrie, die öffentliche Hand und Investor:innen aus dem Ausland brauchen.

Wir müssen vorsichtig sein, nicht zu sehr ins Abschottungsdenken zu verfallen, denn darauf sind weder Österreich noch Europa ausgerichtet. Wir sind auf Basis einer florierenden und freien Marktwirtschaft gebaut worden. Wir brauchen Souveränität und Leverage aber das muss auch im Rahmen globaler Zusammenarbeit passieren.

Du sprichst von den Bedingungen: Wie beeinflussen die aktuellen Entwicklungen rund um die EU Inc. deiner Meinung nach die Zukunft europäischer Startups?

Die EU Inc. hat wirklich einen basisdemokratischen Impact gehabt: Extrem viele Personen aus der Startup-Szene haben sich in einen politischen, europäischen Prozess eingebracht, sich damit beschäftigt und ihre Stimme genutzt – und es geschafft, dass das Thema nicht nur auf europäischer Ebene besprochen wird, sondern tatsächlich in die Umsetzung kommt. Es gibt inzwischen einen Kommissionsvorschlag, der zwar nicht genau dem entspricht, was wir wollten, der aber zumindest die Möglichkeit geschaffen hat, hier einen europäischen Standard zu setzen.

Was ich im Prozess durchaus als gefährlich sehe: Die Mitgliedstaaten sagen zwar, dass sie eine starke Europäische Union wollen, setzen aber, sobald es konkrete Vorschläge gibt, alles daran, diese wieder zu entkräften. Österreich hat bislang zwar vom Wirtschaftsministerium und vom Kanzler die Zusage, dass die EU Inc. gewollt ist, das Justizministerium ist aber sehr kritisch. Und es gibt sehr viele Einzelpersonen und Interessenvertretungen, die stark dagegen arbeiten, etwa die Notariatskammer, die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer, die kein Interesse an einer starken EU Inc. haben. Das ist nicht nur in Österreich ein Thema, aber Österreich hat, wie schon gesagt, eine Vorbildfunktion: Wenn Österreich sich in den Verhandlungen hinstellt und die Vorschläge grundsätzlich infrage stellt, sehen das viele Länder, die historisch zu Österreich aufschauen, und werden ebenfalls kritischer. Das haben wir in den Verhandlungen auf Ratsebene durchaus schon erlebt.

Ich hoffe, den Politiker:innen ist wirklich bewusst, was es bedeuten würde, wenn die EU Inc. scheitert, also wenn am Ende nur ein sehr schwacher Kompromiss herauskommt. Die europäische Startup-Szene würde das als Backlash empfinden und sich denken: Wenn nicht einmal das möglich ist, sehen wir in Europa keine Zukunft. Das halte ich für wirklich gefährlich.

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