06.07.2022

Wie sich nachhaltige Unternehmen an der Börse Kapital holen

Mit CLEEN Energy und Wolftank sind zwei mittelständische Unternehmen aus Österreich an der Wiener Börse notiert, die von der wachsenden Nachfrage grüner Finanzprodukte profitieren.
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V.l.n.r.: brutkasten Chefredakteurin Sara Grasel diskutierte mit Lukas Scherzenlehner (CLEEN Energy), Peter Werth (Wolftank Group), Katharina Schönauer (KPMG) und Christoph Boschan (Wiener Börse) © Wiener Börse
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Der Kapitalmarkt spielt eine gewichtige Rolle, wenn es um die grüne Transformation der Wirtschaft geht. “Denn es braucht sehr viel Kapital für die Transformation in eine möglichst CO2-freie Zukunft”, sagt Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema Finanzierung und Nachhaltigkeitskriterien. Einen gewissen Teil des Kapitals kann der Staat über Förderungen und Steuern in diese Richtung lenken. Daneben sei es aber auch sehr wichtig, so viel privates Kapital wie möglich für diesen Wandel zu aktivieren und dabei spiele auch die Börse eine wichtige Rolle.

Börse als Turbo für den Mittelstand

Ein Unternehmen, dem das bereits sehr gut gelingt, ist die CLEEN Energy AG. Das 2014 gegründete Unternehmen betreibt Anlagen für Photovoltaik und Biogas in mittlerweile sechs Ländern in Europa und ist seit 2017 an der Wiener Börse gelistet. “Unser Businessmodel ist sehr kapitalintensiv, weil wir meistens in Vorleistung gehen und hohe Investitionen haben, bevor wir unsere Projekte starten können”, erklärt Co-Founder und CEO Lukas Scherzenlehner. „Uns gibt es seit 2014 und 2017 sind wir bereits an die Börse gegangen. Seitdem haben wir ein sensationelles Wachstum hingelegt“. CLEEN Energy setzt in der Regel auf ein Contracting-Modell und verrechnet als Betreiber der Anlagen den Kund:innen einen günstigen Stromtarif. Für diese kapitalintensive Vorfinanzierung sei die Börse in Kombination mit Bankenfinanzierungen ideal. Erst im April platzierte CLEEN Energy ein Privateplacement, das überzeichnet war und schließlich von 5 Millionen Euro auf 7 Millionen Euro aufgestockt wurde. 

Auch das Tiroler Unternehmen Wolftank muss kapitalintensive Anlagen vorfinanzieren – mittlerweile häufig Wasserstoff-Tankstellen – und setzt dabei auf die Börse. Dort ist das Unternehmen im Einstiegssegment direct market plus gelistet – wo für KMU und rasch wachsende Unternehmen geringere Zugangsvoraussetzungen und Folgepflichten und geringere Gebühren gelten. „Wenn wir als kleiner Tiroler Mittelständler den Schritt an die Börse nicht gewagt hätten, wären wir nicht da, wo wir heute sind“, sagt CEO Peter Werth. Neben klassischen Kapitalerhöhungen hat Wolftank 2021 erstmals auch einen Green Bond begeben. Sobald ein Finanzprodukt ein grünes Label erhält, kommt etwas ins Spiel, das bisher kaum standardisiert ist: die nichtfinanzielle Berichterstattung und ein ESG-Rating. 

Wenn ESG-Ratings ins Spiel kommen

Wolftank hat sich dabei an den GRI-Standards orientiert – diese Richtlinien der Global Reporting Initiative sind Grundlage der weltweit am häufigsten verwendeten Standards für Nachhaltigkeitsberichterstattung. “Die Liste ist für ein kleines Unternehmen sehr lange, also sind wir das schrittweise angegangen”, erklärt Werth. Er empfiehlt mit der Wesentlichkeitsmatrix (Materiality Matrix) zu beginnen. Dabei wird analysiert, welche Themen für die nachhaltige Unternehmensentwicklung relevant sind. Auf dieser Basis habe Wolftank dann zunächst konkrete Ziele definiert. Einer der ersten Schritte war beispielsweise ein interner Wettbewerb zum Thema Recycling an allen Unternehmensstandorten. 2021 entstand auf Basis der GRI-Standards schließlich der erste Nachhaltigkeitsbericht von Wolftank, für den das Unternehmen mit einer Beratung zusammengearbeitet hat, die auch die Mitarbeiter:innen ausgebildet hat. 

Das Rating hat weitere Vorteile

Für den Green Bond war zusätzlich ein ESG-Rating notwendig, für das Wolftank mit einer Ratingagentur zusammengearbeitet hat, die Erfahrung mit kleineren Unternehmen hat. Das war auch über die Anleiheemission hinaus praktisch: “Das Rating hat uns im Nachhinein eine Menge Arbeit gespart”, sagt Werth. Die üblichen ESG-Fragebögen von Aktionären beantwortet das Unternehmen mittlerweile einfach mit dem Rating-Zertifikat. “Die Beantwortung dieser Fragebögen hat mitunter eine Vollzeitkraft über Wochen hinweg gebunden. Der Umstieg auf das Zertifikat wurde von allen Investoren sofort akzeptiert”, erklärt der CEO. 

Das Vienna ESG Segment der Wiener Börse für grüne Anleihen setzt auf die speziell für solche Bonds etablierten Standards des internationalen Branchenverbands für Kapitalmarktteilnehmer ICMA. Das Rating, das Emittenten vorlegen müssen, diene der Vertrauensbildung durch eine “Second Party Opinion”, erklärt Boschan. “Die ermöglicht eine Beurteilung losgelöst von den Kommunikationsbemühungen der Unternehmen selbst und ist ein großer Glaubwürdigkeitsgewinn für das Segment”. 

Immer mehr Unternehmen verpflichtet

In der Nachhaltigkeitsberichterstattung sind diese Ratings nicht verpflichtend. “Die Ratings sind ein Tool für mehr Glaubwürdigkeit, um an Kapital heranzukommen”, erklärt Reporting-Expertin Katharina Schönauer von KPMG und erzählt, dass sich deshalb viele Unternehmen für die Ratings entscheiden, die von ihrer Hausbank gefordert werden oder eben von der Börse. Nicht freiwillig sind für immer mehr Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte. Wolftank fällt mit rund 150 Mitarbeiter:innen derzeit nicht unter die entsprechenden Richtlinien, die Zahl der Firmen wird in den kommenden Jahren aber stark steigen. Kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeiter:innen müssen in Europa bereits seit 2017 nichtfinanziell Bericht erstatten. Bis 2024 soll diese Grenze auf 250 Mitarbeiter:innen sinken. “In Österreich gehen wir von rund 2000 Unternehmen aus, die dieser Nachhaltigkeitsberichterstattung unterliegen werden”, sagt Schönauer. Der Standard dafür soll vereinheitlicht werden – noch befindet sich die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) allerdings im Begutachtungsprozess der Entwürfe. 

Die Chancen höherer Transparenz

CLEEN Energy steht bei dem Thema noch am Anfang und fällt mit rund 50 Mitarbeiter:innen auch unter die Freiwilligen. Bisher gab es noch keinen Bedarf an einem Rating, was sich aber durch Produkte wie einen Green Bond ändert. “Es gibt von uns kein Endprodukt, das nicht nachhaltig ist”, sagt Scherzenlehner, der auch immer seltener erklären muss, was sein Unternehmen tut. “Bis 2020 musste man noch sehr oft erklären, was Photovoltaik überhaupt ist”. Das sei nun anders, jede Bank habe eigene Expert:innen für Nachhaltigkeitsthemen. “Es gibt viel Know-how und eine große Bereitschaft, etwas zu tun”, so der Unternehmer. Eine solide Datenbasis für ein Nachhaltigkeits-Reporting ist für CLEEN Energy keine Hürde. Die Anlagen würden durch ein eigens entwickeltes digitales Produkt in Echtzeit gemonitort. Ein Rating hat der Gründer bisher vermieden, weil es keinen einheitlichen Standard gebe. “Die jüngste Kapitalerhöhung hat aber gezeigt, wie groß die Nachfrage ist, weshalb wir jetzt über eine Anleihe nachdenken”, so Scherzenlehner. 

Nachhaltigkeitsberichterstattung birgt aber noch viel mehr Chancen, meint Schönauer: “Die gesteigerte Transparenz hilft uns, ein klareres Bild zu bekommen, wie resilient ein Geschäftsmodell ist und wieviel Zukunftschancen ihm beigemessen werden. Dadurch kann das Kapital auch besser kanalisiert werden. Darin liegt die große Chance und das ist auch das, was man sich in Brüssel davon verspricht”.

Der gesamte ESG-Talk als Video

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Umarmungen statt Visitenkarten: Zu Besuch beim ersten Conxious Picnic am Otto Wagner Areal

Zwei Tage lang hat die Community rund um Andreas Tschas auf dem Otto Wagner Areal in Wien an einem „neuen Betriebssystem für unsere Wirtschaft“ gearbeitet. Ein Besuch beim ersten Conxious Picnic.
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Business Angel Hansi Hansmann und Conxious-Gründer Andreas Tschas | (c) Luisazzoe / StudioZucker

Es braucht seine Zeit, bis man oben ist. Wer zum Conxious Picnic will, muss hinauf auf die Baumgartner Höhe in Wien-Penzing, fernab der hektischen Innenstadt. Der Ort ist bewusst gewählt.

Das Otto Wagner Areal wurde vor rund 120 Jahren als Heil- und Pflegeanstalt eröffnet und umfasst rund 50 Hektar. Das entspricht der Fläche von rund 70 Fußballfeldern. Nach einem Jahrhundert klinischer Nutzung wird das denkmalgeschützte Jugendstilensemble neu belebt. 2030 oder 2031 soll hier die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) einziehen. Bis dahin wird das Gelände zwischengenutzt, unter anderem von Kreativkollektiven und für Kunst- und Kulturveranstaltungen.

Das Jugendstiltheater am Otto Wagner Areal in Wien-Penzing war Schauplatz des Conxious Picnic. Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Am 30. September und 1. Oktober war das Jugendstiltheater mit seinen Gärten Schauplatz des ersten Conxious Picnic. Schon beim Hineingehen weiß man: Hier geht es anders zu als bei einem üblichen Business-Event. Man spricht sich mit Vornamen an. Teilweise umarmt man sich bei der Begrüßung.

Das Betriebssystem von morgen

Hinter dem Format steht Andreas Tschas, Gründer von Conxious. Seine Vision fasst er im Gespräch mit brutkasten in einem Satz zusammen: „Ein neues Betriebssystem für unsere Wirtschaft, das auf Vertrauen und innerer Klarheit beruht.“ Nach diesem Gedanken sei auch die Veranstaltung aufgebaut gewesen. Es gehe darum, Wirtschaft wieder menschlicher zu machen: „Weg vom Business, hin zur Wirtschaft, zum Wirt.“ Der Wirt sei jemand, der auf die Ressourcen schaue, ein Host, der auf die Community achte.

Rund 200 Gäste waren laut Andreas Tschas an den beiden Tagen durchgehend vor Ort. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Das Interesse war größer als erwartet. 250 Personen waren laut Tschas angemeldet, durchgehend seien rund 200 vor Ort gewesen. Die Gäste kamen auch aus anderen europäischen Ländern, darunter die Niederlande, Portugal, Deutschland und Italien.

Was man mitbringen muss

Wer mitmachen will, braucht vor allem Zeit. Die Veranstalter baten ihre Gäste vorab, an beiden Tagen zu bleiben. Das Picknick sei als ein Bogen gedacht, bei dem jeder Akt auf dem vorigen aufbaut.

Dazu kommen Neugier, Präsenz und die Offenheit für Menschen, die man noch nicht kennt. So stand es in der Einladung an die Gäste. Wer wollte, brachte eine Blume mit, einen Kuchen zum Teilen oder ein Sitzkissen für die Wiese. Einen Dresscode gab es nicht, Farbe war ausdrücklich willkommen.

Wer sitzt, kann etwas vorbringen

Am zweiten Tag geht es im Jugendstiltheater um Träume. Bianca Gfrei von Conxious steht in der Mitte des Raums. Rund um sie sind Vintage-Möbel des Wiener Generationencafés Vollpension aufgereiht, dazwischen liegen Sitzkissen. Wer hier Platz nimmt, soll die Augen schließen und seine Wünsche benennen.

Bianca Gfrei von Conxious leitete am zweiten Tag die Runde zu den Träumen der Gäste. | Foto: Luisazzoe| / StudioZucker

Dann öffnet Gfrei die Runde. Gefragt wird nach Themen: Wer hat einen Traum, wenn es um Business geht? Wer, wenn es um Räume geht? Wer in der Runde sitzt, kann etwas vorbringen und sagen, welche Unterstützung er oder sie braucht.

Auch Tschas bringt einen Traum ein, und der betrifft Bildung. Inhalte für Kinder würden künftig viele Unternehmen liefern, entscheidend sei das Erlebnis rundherum. Mit „Conxious in the Garden“ treffen sich bereits Familien an Wochenenden. Er sei nicht überzeugt, dass sich das Bildungssystem in Österreich so schnell anpassen könne wie nötig. Zugleich gebe es sehr gute Schulen, nur brauche es mehr davon. Für das Vorhaben sucht er einen CEO, ein Investor sei bereits interessiert.

Vertrauen als Business Case

So weich das klingt, Tschas argumentiert wirtschaftlich. Das Fundament von Conxious sei Vertrauen, und das Picknick habe mit genau diesem Gedanken begonnen: „Trust as a Business Case“. Er erzählt dazu von Business Angel Hansi Hansmann, einem der Founding Partner von Conxious. Der habe ihm gesagt, dass es um Vertrauen gehe, sei für ihn ein No-Brainer. Für Tschas ist das der Punkt: „Du lernst den Menschen kennen und du vertraust ihm einmal.“ Daraus seien die großen Erfolgsgeschichten entstanden.

Auch der Autor und NEOS-Mitgründer Matthias Strolz war vor Ort. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

In Unternehmen sehe er oft das Gegenteil. Wenn er in Abteilungen nachfrage, wie viel Zeit in Konflikte und interne Politik fließe, höre er im Schnitt 70 Prozent. Der Grund sei ein Vertrauensproblem.

Bei Startups zeige sich das im Founder-Konflikt. Der „Return on Investment on emotional well-being“ werde völlig unterschätzt, sagt Tschas. Er kenne nur wenige Investoren, die vorbeugend etwas tun. Komme es zum Konflikt, könne man „mindestens 50 Prozent der Bewertung abschreiben“.

Auch die Freiflächen rund um das Jugendstiltheater wurden bespielt. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Wer dabei war

Auf dem Programm standen unter anderem der Impact-Investor Charly Kleissner, die Kulturanthropologin Bettina Ludwig, der Autor und NEOS-Mitgründer Matthias Strolz, Thomas Funke, Mitgründer der Tomorrow University, und Eversports-Mitgründer Hanno Lippitsch. Unter den Gästen waren laut Tschas zudem viele Gründer, die diesen Weg schon gegangen sind, darunter TTTech-Mitgründer Georg Kopetz sowie Busuu-Mitgründer und Investor Bernhard Niesner. Auch Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll und Bernhard Sagmeister, Geschäftsführer der Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws), waren vor Ort.

TTTech-Mitgründer Georg Kopetz im Gespräch mit Conxious-Gründer Andreas Tschas | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Auch der Unternehmer Klaus Buchroithner war dabei, dessen Firma das Merchandise für Conxious produziert. „Die letzten zwei Tage ist es sehr wenig ums Business gegangen und sehr viel um Persönlichkeitsentwicklung“, sagt er. Es habe Sessions gegeben, in denen man sich bewegt hat, aber auch Vorträge. Eine klassische Business-Konferenz sei es sicher nicht gewesen.

Besonders mitgenommen hat Buchroithner den Beitrag von Ludwig über eine der letzten Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften. Dort sei jeder von Geburt an Teil eines größeren Ganzen, weil die Gemeinschaft nur gemeinsam überlebt. Sein Schluss daraus: Egoistische Entscheidungen seien „eigentlich kompletter Unsinn“.

Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Was aus dem Picknick entstehen soll

Beim Reden soll es nicht bleiben. Tschas formuliert eine Hypothese: Unternehmen und Startups, die auf dieser Basis von Vertrauen gegründet werden, funktionieren besser. Aus der Community heraus würden gerade die ersten Unternehmen gemeinsam gestartet.

Konkret denkt man laut Tschas über drei Dinge nach. Ein Magazin, das sich um Bewusstsein in der Wirtschaft dreht. Räume für Meetings, in denen man präsenter und weniger abgelenkt ist. Und eine Schule. In drei bis vier Monaten werde man mehr dazu sagen können.

Das Prinzip dahinter beschreibt er so: „Dem Glück auf die Sprünge helfen, indem wir coole Leute und coole Ideen zusammenbringen und die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.“


Video-Tipp: Andreas Tschas über Conxious: „Ein neues Betriebssystem für die Wirtschaft“

Andreas Tschas spricht im Talk über sein Projekt Conxious – eine kuratierte Community, die Vertrauen und innere Klarheit ins Zentrum des wirtschaftlichen Handelns rücken möchte.

Im Gespräch erklärt Tschas, warum Vertrauen ein unterschätzter Produktivitätsfaktor in Unternehmen sei, wie aus tiefen menschlichen Verbindungen nachhaltige Projekte entstehen können und wie ein zukunftsfähiges Betriebssystem für die Wirtschaft aussehen soll.

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