22.04.2026
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ViennaUP 2026: Wien als Sprungbrett für Gesundheitsinnovationen

Die Wirtschaftsagentur Wien macht Health Tech zu einem Schwerpunkt der ViennaUP 2026. Was der Standort kann, zeigen Georg Popp von Turn Motion und Markus Müller von Flinn: Der eine baut KI-gestützte Orthesen mit industrieller Fertigungstechnik, der andere automatisiert die Zertifizierung für die MedTech-Branche. Im Vorfeld des Festivals haben wir mit beiden über die Vorteile des Standorts gesprochen.
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(c) Wirtschaftsagentur Wien / Karin Hackl

Wenn die ViennaUP von 18. bis 22. Mai 2026 in ihre sechste Ausgabe geht, rückt die Wirtschaftsagentur Wien heuer Gesundheitsinnovationen besonders in den Fokus. Und das aus gutem Grund: Wien hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der spannendsten Health-Tech-Standorte Europas entwickelt. Drei Säulen tragen diese Entwicklung – exzellente Forschungseinrichtungen, eine starke Förderlandschaft mit der Wirtschaftsagentur Wien, FFG und aws, sowie ein wachsendes Ökosystem, das internationale Talente und Investor:innen anzieht. Dass das Universitätsklinikum AKH Wien gemeinsam mit der MedUni Wien im Februar 2026 im Newsweek/Statista-Ranking „World’s Best Hospitals“ auf Platz 20 kletterte – eine Verbesserung um sieben Plätze gegenüber dem Vorjahr –, unterstreicht die medizinische Exzellenz des Standorts zusätzlich.

Was dieses Ökosystem für Gründer:innen konkret bedeutet, weiß Georg Popp aus eigener Erfahrung: Beim Connect Day der ViennaUP im Vorjahr knüpfte sein Startup Turn Motion wertvolle Kontakte zu Förderstellen und potenziellen Partner:innen. „Da entsteht eine Verbindung, die extrem wichtig ist“, sagt Popp. Seine Geschichte zeigt exemplarisch, wie aus Wiener Forschung, Förderung und persönlicher Motivation ein Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Manufacturing und Health Tech entsteht.

Vom Polio-Kind zum KI-Orthesen-Gründer

Popp kennt die Schwächen herkömmlicher Orthesen nicht aus Lehrbüchern, sondern aus dem eigenen Alltag. Als Kind erkrankte er an Polio, sein linkes Bein und sein rechter Fuß wurden gelähmt. Die Prognose: Rollstuhl. Doch Popp gab sich damit nicht zufrieden. Über Jahre kämpfte er sich mit Operationen, Reha und verschiedensten Stützapparaten zurück in die Mobilität. Was blieb, war die Erkenntnis, dass die Orthopädietechnik im 21. Jahrhundert noch immer erschreckend analog arbeitet – Gipsabdrücke, wochenlange Wartezeiten, Handarbeit für jedes einzelne Hilfsmittel.

Gründer Georg Popp (Mitte) mit seinen Co-Foundern | (c) Turn Motion

Aus dieser Erfahrung heraus gründete er Turn Motion. Streng genommen ist das Startup kein klassisches Health Tech: Im Kern geht es um Manufacturing, Design-Algorithmen und KI – Popps Wurzeln liegen an der TU Wien, nicht an einer medizinischen Fakultät. Doch die Technologie ist von Anfang an auf den menschlichen Körper zugeschnitten. „Es geht immer um Bewegungen – wie kann man die mit KI so kontrollieren, dass man Unterstützungen individuell angepasst produziert“, erklärt Popp.

Im Team arbeiten auch zwei Biomedical-Engineering-Fachkräfte, die diese Brücke zwischen Fertigungstechnik und Medizin schlagen. Das Ergebnis: KI-gestützte Orthesen, die mithilfe adaptiver Algorithmen und 3D-Druck individuell berechnet und gefertigt werden. Statt einer einzelnen Orthese pro Arbeitszyklus können mit der Turn-Plattform bis zu 15 Stück in derselben Zeit entstehen.


💡Tipp der Redaktion für die ViennaUP: Die Homebase am Karlsplatz

Zentraler Treffpunkt des Festivals ist die Homebase am Karlsplatz, direkt gegenüber der Karlskirche. Als Info-Point, Networking-Spot und entspannter Meeting-Ort ist sie von 18. bis 22. Mai 2026 täglich geöffnet. Teilnehmer:innen mit ViennaUP-Bändchen können hier Wiener Weine und kulinarische Spezialitäten verkosten, am Abend läuft ab 19 Uhr ein abwechslungsreiches Musikprogramm. Wer zwischen den Events durchatmen oder neue Kontakte knüpfen will, ist hier genau richtig.
Die Homebase der ViennaUP am Karlsplatz | (c) Wirtschaftsagentur Wien / Philipp Lipiarski

Forschung, Fertigung und Förderung

Dass Turn Motion in Wien entstanden ist, ist kein Zufall. Popp studierte an der TU Wien und an der Universität für angewandte Kunst, sein Co-Gründer Chien-hua Huang ist Experte für Strukturoptimierung und maschinelles Lernen. Der dritte im Bunde, Manuel Lachmayr, war zuvor CTO von Revo Foods und bringt Erfahrung in industriellem 3D-Druck mit. Mit dem Bewegungslabor der TU Wien am Getreidemarkt laufen bereits Gespräche zur Produktvalidierung.

Entscheidend war das Zusammenspiel der Fördergeber: Die Wirtschaftsagentur Wien, die FFG und die aws schufen gemeinsam die Basis für die technologische Entwicklung. Besonders die Wirtschaftsagentur Wien begleitete Turn Motion weit über die finanzielle Unterstützung hinaus – und ermöglichte dem Startup etwa einen Auftritt bei der UNO-Konferenz Zero Project, bei der Barrierefreiheit und innovative Lösungen im Zentrum stehen.

„Die Förderlandschaft in Österreich ist vor allem bei Health Tech sehr wichtig, damit man noch in der Entwicklung ist und nicht gleich mit einem VC aufskalieren muss“, sagt Popp. Wien biete „mitunter alles, was man braucht“ – von exzellenter Forschungsinfrastruktur bis hin zu den richtigen Förderinstrumenten, um den Weg von der Idee zum Produkt zu schaffen.

Der Enabler im Hintergrund

Doch selbst die beste Technologie nützt wenig, wenn sie am regulatorischen Rahmen scheitert – eine Hürde, die auch Turn Motion als Medizinprodukt irgendwann nehmen muss. Genau hier setzt Flinn an und zeigt die andere Seite der Wiener Health-Tech-Medaille. Das 2023 gegründete Scaleup entwickelt KI-gestützte Software, die regulatorische und qualitative Prozesse für MedTech- und Pharmaunternehmen automatisiert. Wo bisher dokumentenlastige Compliance-Arbeit Entwicklungszyklen in die Länge zog, ersetzt Flinn manuelle Workflows durch skalierbare, intelligente Systeme.

Gründer Markus Müller (Mitte) mit seinen Co-Foundern | (c) Flinn

Die Resonanz ist enorm: Im Februar 2026 sicherte sich Flinn ein Series-A-Investment von 20 Millionen US-Dollar, angeführt von HV Capital und unterstützt durch Bertelsmann Healthcare Investments, Cherry Ventures, Speedinvest und SquareOne. Insgesamt hat das Unternehmen bereits rund 30 Millionen Dollar eingesammelt. Kunden wie Carl Zeiss, Philips und Paul Hartmann setzen auf die Plattform – und das Team plant die Expansion in die USA.

Dass Wien als Standort auch international Strahlkraft besitzt, merkt Müller im Kundenkontakt: „Wien hat ein positives Image bei unseren Kunden. Es ist ein schöner Icebreaker, wenn man in Süddeutschland unterwegs ist.“ Diesen Effekt will Flinn 2026 noch verstärken – mit der ersten eigenen Kundenkonferenz, die über 200 internationale MedTech-Entscheider:innen nach Wien bringen soll.

Die ViennaUP-Highlights für Health Tech

Turn Motion und Flinn stehen exemplarisch für zwei Seiten des Wiener Health-Tech-Ökosystems: die eine sichtbar, produktnah und körperlich spürbar, die andere unsichtbar, regulatorisch und infrastrukturell. Genau diese Bandbreite will die ViennaUP 2026 abbilden.

Events im Rahmen der ViennaUP wie From Pitch to Patient am 19. Mai beleuchten genau das Spannungsfeld, in dem Turn Motion und Flinn operieren: Wie schaffen es digitale Gesundheitslösungen und KI vom Konzept in die klinische Praxis? Die Future of Health and Age Tech: Pitch Session am 20. Mai gibt Startups die Bühne, ihre Lösungen vor Investor:innen und Branchenexpert:innen zu präsentieren. Ergänzt wird das Programm durch den Connect Day mit MedTech-Schwerpunkt, die Onco:Innovate Conference und das Longevity Business Forum.

Ebenfalls zu empfehlen: der bereits erwähnte Connect Day am 19. Mai – das zentrale Matchmaking-Event der ViennaUP, bei dem Startups, etablierte Unternehmen und Investor:innen in 1:1-Meetings zusammenkommen. Heuer mit eigenem MedTech- und Life-Sciences-Schwerpunkt. Und für alle, die wie Turn Motion an der Schnittstelle von KI und industrieller Fertigung arbeiten, lohnt sich der Manufacturing Day am 21. Mai – mit über 500 Teilnehmer:innen aus mehr als 50 Ländern das Leit-Event für die Manufacturing-Branche während der ViennaUP.


Die ViennaUP 2026 findet von 18. bis 22. Mai statt und wird von der Wirtschaftsagentur Wien initiiert. Alle Infos unter viennaup.com.

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Apollo, KI, Altgiechisch, Mistral
© Österreichische Nationalbibliothek/ÖAW/Daniel Hinterramskogler - Papyrus aus der römischen Kaiserzeit mit einer griechischen Geburtsanzeige, von Apollo rekonstruiert (Römisches Ägypten, 149 n. Chr.) und Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW.

In Museen und Bibliotheken weltweit lagern hunderttausende Inschriften und über eine Million Papyrusfragmente aus der Antike. Der Großteil des Materials ist fragmentarisch und schwer lesbar. „92 Prozent der Papyri warten bis heute auf ihre Entzifferung. Ein gigantischer, unerschlossener Schatz der Geschichte“, heißt es per Aussendung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Genau hier möchte Apollo ansetzen.

Apollo: „Neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe“

Entwickelt wurde das Large Language Model (LLM) in einer Kooperation zwischen der ÖAW und den europäischen KI-Unternehmen Mistral AI und SAIL Reply. Am gestrigen Mittwoch präsentierten die Forschungspartner die erste Stufe des Apollo-KI-Systems, das ab sofort der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

„Apollo zeigt, was europäische Zusammenarbeit leisten kann, wenn KI, die gezielt an wissenschaftliche Anforderungen angepasst werden kann, auf jahrhundertealtes wissenschaftliches Wissen trifft“, sagt Guillaume Lample, Co-Founder und Chief Scientist von Mistral. „Indem Mistrals Technologie dabei hilft, Texte wiederherzustellen, die seit zweitausend Jahren nur fragmentarisch überliefert sind, eröffnet sie ein neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe – und das ist erst der Anfang.“

600 Millionen Wörter

Die meisten Texte der Antike sind nur unvollständig überliefert und es fehlen einzelne Wörter oder sogar ganze Textpassagen. Das Sprachmodell Apollo könne fehlende Inhalte von Fragmenten eigenständig ergänzen und dabei helfen, das Verständnis und die historische Einordnung eines Schriftstückes zu verbessern.

Obwohl für das Training der KI in Altgriechisch nur 600 Millionen Wörter zur Verfügung standen – mehrere zehn Milliarden Wörter gelten üblicherweise als der Standard für LLMs – sei eigenen Angaben nach Apollo treffsicher.

„Bei einem vorhandenen Originaltext auf Papyrus erreicht das Modell bei maskierten, also bewusst versteckten Passagen eine Trefferquote von rund 80 Prozent“, erklärt Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW und Mastermind hinter dem Projekt. Bei tatsächlich unbekannten Textlücken bewerteten internationale Fachexpert:innen, die das KI-System im Rahmen einer Blindstudie evaluiert haben, Apollos Vorschläge in 77 Prozent der Fälle als mindestens ebenso gut wie durch Menschen vorgenommene Ergänzungen und in 16–20 Prozent der Fälle sogar besser, heißt es.

Apollo erkennt Sprachstufen

Besonders beeindruckend sei zudem, wie präzise Apollo zwischen verschiedenen Sprachstufen des Griechischen unterscheiden kann, betont Dolganov: „Unser LLM kann mit vergleichsweise geringem Wissen über einen Kontext weitreichende Schlüsse ziehen. Anhand von Satzbau und Vokabular erkennt Apollo präzise, ob ein Text zum Beispiel aus Homers ‚Odyssee‘ stammt, und ergänzt ihn im passenden Sprachregister.“

Als Beweis zeigte Dolganov bei der Präsentation von Apollo etwa eine antike Geburtsurkunde, die vollständig rekonstruiert wurde. Zudem wurde eine beim Ausbruch des Vesuvs verkohlte Schriftrolle an entscheidenden Stellen „vollständig lesbar gemacht“. Und mit der Rekonstruktion einer fragmentarischen Inschrift aus dem Schwarzmeerraum hat sich der Forscherin zufolge belegen lassen, dass in einer bestimmten Region bereits römisches Recht galt. Die Aussendung sprach hierbei von einer „weitreichenden Erkenntnis, die durch einen Beleg für die römische Prostitutionssteuer untermauert wird.“

Weitere Stufen geplant

„Mithilfe der KI entsteht ein neues Bild der antiken Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, da sich viele Erkenntnisse erst aus der Masse der Dokumente ergeben – etwa bei Steuerquittungen“, präzisiert Dolganov.

Und Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ergänzt: „Apollo bringt die Erforschung von historischen Schriftstücken und Dokumenten in ein neues Zeitalter. Der Einsatz des neuen Sprachmodells wird völlig neue Forschungsfragen zulassen und unser historisches Wissen erweitern. Wir sind stolz, dass die ÖAW gemeinsam mit dem europäischen KI-Unternehmen Mistral diese wegweisende Technologie entwickelt hat. Für die Zukunft streben wir eine vertiefte Zusammenarbeit mit Mistral an.“

© ÖAW/Daniel Hinterramskogler – Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, bei der öffentlichen Vorstellung von Apollo.

Der ersten Stufe des Modells sollen bald noch weitere folgen. „Das Ziel ist ambitioniert, aber machbar“, wie Dolganov betont: Die KI soll künftig unerschlossene Papyri sowohl entziffern als auch rekonstruieren können. Geplant ist außerdem eine Erweiterung, mit der das Modell thematische und semantische Suchen in der gesamten griechischen Textüberlieferung durchführen sowie Parallelstellen suchen soll und so die passende Evidenz für Ergänzungsvorschläge gleich mitliefert.

Dolganov, die ÖAW und Mistral wollen jedoch bei Altgriechisch nicht aufhören. Aufbauend auf den Erfahrungen soll die KI künftig auch mit einem lateinischen Textkorpus trainiert werden. Dafür stehen dann rund zwölf Milliarden Wörter zur Verfügung. Was für das Projekt noch fehlt, sei ein passender Name.

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