02.04.2026
INTERVIEW

„Lobster Lager“: Wie Stefan Erschwendner mit einem KI-Bier auf der Nvidia-Keynote landete

Mit dem Showcase „Lobster Lager“ demonstrierten österreichische Innovationsexperten vor einem Millionenpublikum, wie autonome KI-Agenten künftig ganze Wertschöpfungsketten steuern können. Stefan Erschwendner spricht im Interview über den überraschenden Kontakt zu Nvidia und erklärt, warum sich Unternehmen jetzt dringend auf „Hybrid Teams“ aus Mensch und Maschine vorbereiten müssen.
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Stefan Erschwendner, Managing Partner bei frontira zu Gast bei brutkasten | (c) martin pacher / brutkasten

Auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz Nvidia GTC in San Jose rückte CEO Jensen Huang autonome KI-Agenten in den Mittelpunkt seiner Keynote. Als neues „Betriebssystem“ für diese Technologie präsentierte er OpenClaw, das vom Österreicher Peter Steinberger entwickelt wurde. Um die Praxistauglichkeit des Systems vor einem Millionenpublikum zu demonstrieren, wählte Nvidia das Projekt „Lobster Lager“: ein Bier, das maßgeblich von einem KI-Agenten geplant, gebraut und vermarktet wurde. Hinter diesem Use Case stehen Stefan Erschwendner, Managing Partner bei Frontira International, und Alex Meyer.

Das experimentelle Projekt verknüpft die KI-Software mit der realen Anlage einer Schweizer Mikrobrauerei. Den physischen Brauprozess leitete Erschwendners Vater, ein 68-jähriger Braumeister ohne IT-Hintergrund, der die Berechnungen des KI-Agenten lediglich per Text-Prompt freigab. Der Showcase soll aufzeigen, wie stark KI-Agenten künftig Arbeitsprozesse und Wertschöpfungsketten in Unternehmen verändern werden. Wir haben mit Stefan Erschwendner über die Hintergründe dieses außergewöhnlichen Projekts, den plötzlichen Kontakt ins Silicon Valley und die Zukunft der KI in der Arbeitswelt gesprochen.


brutkasten: Stefan, lass uns direkt über „Lobster Lager“ sprechen. Du hast das Projekt gemeinsam mit Alex Meyer umgesetzt. Wie kam es zu dieser Connection und der Idee?

Stefan Erschwendner: Die Verbindung entstand durch Marco, den ehemaligen Marketingdirektor von A1, der mittlerweile bei Hervis ist. Er hat uns vernetzt, da wir uns beide intensiv mit KI und Agentic Engineering beschäftigen. Wir haben uns kennengelernt, seit etwa einem Jahr verschiedene Projekte gemeinsam gemacht und überlegt, wie wir die Gesellschaft und Organisationen aufwecken können, um ihnen zu zeigen, dass mit KI heute viel mehr möglich ist. Beim Brainstorming kam ich dann auf die Idee, meinen Vater einzubinden. Er ist Braumeister und wir dachten uns: Wir könnten ihn doch mit OpenClaw verknüpfen. Ich habe das mit Alex besprochen, und er meinte, das müsste mit der Infrastruktur, die uns zur Verfügung steht, eigentlich funktionieren. Mein Vater war sofort mit dabei und dann ging das alles recht flott.

Bevor wir tiefer in das Nvidia-Projekt eintauchen: Was machst du eigentlich genau bei Frontira?

Wir sind klassisch als Unternehmensberatung für Strategie und Innovation gestartet. Wir haben erst Hardware-, dann Software-Innovation gemacht und stark auf agile Arbeitsweisen gesetzt. Vor etwa drei Jahren sind wir dann intensiv mit KI und Automation in Kontakt gekommen. Wir haben sehr schnell gemerkt, wie extrem das unsere eigene Organisation verändert. Da war uns klar: Wenn das bei uns der Fall ist, gilt das sicher auch für verschiedenste andere Industrien und Organisationen. Seit knapp drei Jahren helfen wir Firmen nun dabei, KI-, Automatisierungs- und vor allem Agentic-Lösungen in ihr Business zu implementieren. Wir haben Büros in Berlin sowie Salzburg und betreuen von dort aus Kunden in ganz Europa.

An welche Branchen richtet ihr euch da genau? Seid ihr stark in der Industrie vertreten?

In der Industrie eher weniger. Wir beschäftigen uns hauptsächlich mit den Aufgaben, die im Büro passieren. Für die Produktion gibt es spezialisierte Player. Unser Motto lautet: „Liberating intelligent people from unintelligent work“. Es gibt im Büro noch immer extrem viel „unintelligent work“, wie beispielsweise das simple Kopieren von Daten von links nach rechts. Wir wollen Mitarbeitern helfen, diese repetitiven Aufgaben abzugeben, damit sie sich wieder auf strategische Dinge fokussieren können. Das ist quer durch die Bank für jeden relevant. Unser kleinster Kunde in Österreich ist ein Architekt mit seinen Partnern, der größte Kunde ist der Sparkonzern.

Zurück zu Lobster Lager. Wie kam das Projekt überhaupt in die Keynote von Nvidia-CEO Jensen Huang auf der GTC? Habt ihr euch dafür beworben?

Nein, wir haben uns nicht beworben. Es war anfangs gar nicht klar, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Nvidia hatte eine eigene Version mit Nemo gelauncht und selbst nach Use Cases gesucht. Sie haben aber anscheinend keine gefunden, die spannend genug waren. Jensen Huang hat dann Peter Steinberger, den Erfinder von OpenClaw, angerufen und gefragt, was es sonst noch Besonderes mit seinem System gibt. Da wir Lobster Lager bereits Ende Januar auf der ClawCon in Wien präsentiert hatten, schlug Peter das Projekt vor.

Wie lief diese ClawCon ab und wie kam der Kontakt zu Peter Steinberger zustande?

Ich hatte das Glück, OpenClaw in der ersten Woche nach dem Release zufällig zu entdecken. Ich habe es im November selbst genutzt, um Agentic Services für uns und unsere Kunden zu bauen. Auf einem Meetup vor der ClawCon habe ich Peter getroffen und mich bei ihm bedankt, was dank seiner Technologie nun auch für einen „Normi“ alles möglich ist. Das blieb bei ihm hängen: Der „Normi“ aus Wien, der 20 Services gebaut hat. Als er für die ClawCon aufrief, wer noch eine Demo machen wolle, schrieb ich ihm unsere verrückte Idee vom Bierbrauen. Er antwortete: „I love it. Let’s do it.“ Später klingelte dann am Samstag um 17 Uhr das Telefon und Nvidia war dran.

Und dann bist du direkt in die USA geflogen?

Es gab erst etliche Abstimmungsrunden, denn es war völlig offen, ob wir wirklich in die Keynote kommen. Das Team war begeistert, aber man muss unzählige Daten, Erklärungen und Background-Storys abliefern. Irgendwann war klar, dass es eine realistische Chance gibt. Madison, Jensens Tochter, meinte dann, es wäre super, wenn jemand vor Ort ist. Also buchte ich einen Flug, flog rüber und arbeitete direkt mit dem Production-Team. Erst 30 Minuten vor der Keynote kam die finale WhatsApp-Nachricht: „Es ist alles delivered. Ihr seid dabei. Hope you enjoy your part.“

Wie hat sich dieser Moment angefühlt?

Es ist ein absolut surrealer Moment. Du sitzt in einem Stadion in San Jose mit 30.000 Leuten, hast in das Projekt eigentlich kein Geld investiert, nur schlaflose Nächte und Zeit, und bist dann für Sekunden in der Keynote der wertvollsten Company der Welt. Laut ChatGPT ist die Chance, im Lotto zu gewinnen, höher, als in diese Keynote reinzukommen.

Wie waren die Reaktionen nach der Präsentation?

Die Amerikaner sind deutlich schneller darauf angesprungen als die Europäer. Ich habe sehr schnell Nachrichten von Organisationen bekommen, die etwas mit uns machen wollten. Sie sind einfach entscheidungsfreudiger. Deshalb fliege ich am Samstag schon wieder in die USA. Der größte Autohändler in Louisiana möchte beispielsweise einen Personal Assistant für seine Kunden einsetzen. Auch Lebensmittelproduzenten haben sich gemeldet, um kleinere, bisher nicht automatisierte Teile zusammenzufassen, etwa für Dashboards. Und natürlich gibt es auch Microbreweries, die Interesse haben. Der „Bier-Use-Case“ geht also weiter, weil es eine tolle Story ist, die man sofort versteht: Ein Pensionist kann mit OpenClaw auf einmal Dinge tun, die vorher unmöglich waren.

Apropos Pensionist – wie hat dein Vater das alles aufgenommen?

Er ist immer noch beim Verarbeiten. Damit rechnest du als Pensionist ja nicht. Er wusste anfangs gar nicht genau, wer Nvidia oder Jensen Huang überhaupt ist. Jetzt taucht er in diese Welt ein, wurde sogar vom Nvidia-Team zur Watchparty nach Zürich eingeladen. Er findet es einfach cool und es macht ihm Spaß, auch wenn es nicht seine normale Welt ist.

Welche Entwicklungen siehst du bei KI-Agenten in naher Zukunft für Unternehmen auf uns zukommen?

Das Spannendste, worüber in Amerika gerade intensiv diskutiert wird, sind „Hybrid Teams“. Das bedeutet, dass Menschen und Agenten gemeinsam an Projekten arbeiten, eine gemeinsame To-do-Liste oder ein Ticketing-System haben und über Kommunikationskanäle wie echte Kollegen interagieren. Das wird massiv Einzug halten. Der zweite große Trend ist die veränderte Interaktion: In Zukunft hast du als Mitarbeiter einfach deinen persönlichen Agenten als Interface. Firmen werden primär APIs zur Verfügung stellen – für E-Mails, CRM oder Billing-Systeme. Welcher Software-Anbieter dahintersteckt, bekommst du als Mitarbeiter gar nicht mehr mit, weil dein Agent die Transferfunktion übernimmt. Das verändert die Wertschöpfung in Organisationen massiv.

Was ist dein abschließender Rat an Gründer:innen und CEOs, die das hier lesen?

Es ist höchste Zeit, aufzuwachen. Viele glauben, wenn sie Microsoft Copilot nutzen, nutzen sie Cutting Edge AI – das ist absolut nicht der Fall. Alles geht in Richtung KI-Agenten, und je früher man sich damit auseinandersetzt, desto besser. Organisationen müssen Dinge hinterfragen, die wir die letzten 30 Jahre als gegeben hingenommen haben. Projekte dauern mit Agenten nur noch ein Zehntel der Zeit. Du schreibst keine langen Konzepte mehr, du machst direkt Prototypen und experimentierst. Wertschöpfung muss neu und in Form von APIs gedacht werden. Es betrifft wirklich alle: Ein KI-Agent wird zwar keinen Parkettboden verlegen, aber er übernimmt für den Bodenleger die gesamte Administration, von Terminen über Angebote bis zu Rechnungen. So können sich die Menschen wieder auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren. Unser Lobster-Lager-Projekt soll ermutigen: Wenn mein Vater als Pensionist das umsetzen kann, ist wirklich alles möglich.

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KI-Risiko, KI Risiko, Risiko, Summt, Wasner,
(v.l.) Carina Zehetmaier, Raoul Maier, Alexander Brix, Clemens Wasner | © AustrianStartups

Eine Künstliche Intelligenz würde vielleicht schreiben: „Als Carina das Wort ergriff, wurde der Saal plötzlich still. Ein Windhauch durchbrach das betretene Schweigen und das, was Carina sagen sollte, würde den gesamten Abend prägen und alles verändern. Damit hatte niemand gerechnet und Schockwellen gingen durchs ganze Land.“

KI: Wie stehts denn mit dem Vertrauen?

Derart extrem war es nicht, als Carina Zehetmaier, Co-Founderin und CEO von paiper.one, Raoul Maier, Founding Partner bei Eudemian Ventures und Alexander Brix, CCO bei fonio im Rahmen des AustrianStartups Summit zusammentrafen, um mit Moderator Clemens Wasner (Founder und CEO EnliteAI) die Risiken von KI zu diskutieren. Doch die Aussage der Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Künstliche Intelligenz bei Austrian Standards hinterließ Eindruck. Und zeigte am Ende vielleicht genau das, worum es beim KI-Risiko wirklich geht: um den Vertrauens- und Skalierungsgedanken. Doch dazu später.

KI kann halluzinieren, KI kann sich, vor dem menschlichen Gehör versteckt, mit anderer KI austauschen. KI kann Server hacken, Daten lesen und Datenschutz ignorieren. Sie umgeht Grenzen, um Aufgaben zu erledigen und bleibt dabei intransparent. Vor allem aber kann sie automatisieren, Effizienz steigern und dort beschleunigen, wo es gewünscht wird. All das mit Gefahren verbunden, wenn man sich dieser nicht bewusst ist.

Risiko für Investor:innen verändert

Die Risiken Künstlicher Intelligenz werden hierzulande und weltweit auf mehreren Ebenen diskutiert. Etwa aus Fondsperspektive, wie Maier erklärte: Laut dem Experten habe KI das Risikoprofil für Investor:innen grundlegend verändert. Für das einzelne Unternehmen sei das Risiko gestiegen, für das gesamte Portfolio dagegen gleich hoch geblieben oder sogar niedriger geworden. Der Grund liege im sogenannten Power Law: In der Startup-Finanzierung entscheiden meist wenige Volltreffer über den Erfolg eines Portfolios, und weil KI die Entwicklung günstiger und schneller macht, könnte es künftig mehr solcher Treffer geben, so seine Prognose.

Zudem sinke Maier zufolge das Produkt- und Technologierisiko, das Teamrisiko bleibe in etwa gleich. Höher seien dagegen das Wettbewerbsrisiko, da Konkurrenten sehr schnell auftauchen könnten, das Umsetzungsrisiko, weil Startups bei schwacher Exekution rasch überholt würden, und auch das regulatorische Risiko.

Hinzu komme das Bewertungsrisiko, besonders in den USA. Bei den hohen Bewertungen werde es zum Problem, wenn der erwartete Exit-Wert ausbleibt: „Wir als Investoren müssen darauf vorbereitet sein, diese Risiken zu verstehen und sie auf sinnvolle Weise zu mindern“, sagte Maier. „Ich denke, es wird große Unterschiede geben, weil, wenn man sieht, dass ein Konkurrent sehr schnell auftaucht und sehr schnell an Fahrt gewinnt, wird es weniger darum gehen, zu versuchen ‚Zombies‘ zu pflegen, sondern sich wirklich auf seine Gewinner zu konzentrieren und auch die Diversifizierung des Portfolios tief bei den Gewinnern auszuspielen.“

Er sieht beim VC-Portfolio einen künftigen Trend hin zu einer „Gewinner-nimmt-das-Meiste“-Mentalität: „Was wir gesehen haben, ist, dass derzeit die Top 1 Prozent der Startups in den USA etwa 50 Prozent des Exit-Wertes einfangen. Das kann man mit der Ära von 2010 bis 2020 vergleichen, wo sie etwa 30 bis 35 Prozent des Exit-Wertes einfingen, davor — in der Ära von 2000 bis 2010 — waren es weniger als 20 Prozent. Wir haben also eine viel höhere Konzentration der Gewinner. Es geht nun viel mehr darum, diese Gewinner zu finden“, sagte Maier.

„Vertrauen, Fairness und Compliance von Anfang an“

Zehetmaier rückte danach die Risiken beim Bauen von KI-Produkten selbst in den Fokus. Wer ein Produkt in einer Hochrisiko-Sphäre entwickle, solle sich früh fragen, ob und wie man es in der Gesellschaft haben wolle, und es resilient, cybersicher und sicher aufsetzen. Austrian Standards arbeite derzeit an den risikobezogenen Standards zum EU AI Act, die klären sollen, womit Unternehmen konform sein müssen und welche Schritte nötig sind. Langfristig könne das für Gründerinnen und Gründer ein Vorteil sein, auch wenn die frühe Auseinandersetzung Zeit koste. „Wenn wir nicht Vertrauen, Fairness und Compliance von Anfang an einbauen, ist es hinterher viel schwerer“, sagte sie.

Zentral sei die Frage nach „Human in the Loop“, „Human in Command“ und „Human in Control“. Lösungen, wie Menschen tatsächlich im Entscheidungsprozess eingebunden bleiben, sind für Zehetmaier noch weitgehend offen: „Es kann nicht sein, dass man einfach einen Menschen hinsetzt und sagt: ‚Hak die Kästchen 1.000-mal am Tag ab‘. So bindet man keine menschliche Aufsicht ein.“

Die Frage nach dem: „Worum geht es eigentlich?“

Aus europäischer Perspektive frage sie sich manchmal, wofür das alles geschehe, so Zehetmaier. Gehe es am Ende darum, Beschäftigte loszuwerden, das Unternehmen hochzuskalieren und an ein weiteres US-Unternehmen zu verkaufen?

„Wir sollten die Idee des nachhaltigen Skalierens wirklich überdenken“, riet sie. Die erste Frage, die sich ein Startup stellen müsse, sei: „Was will ich bauen und wo will ich in der Zukunft sein? Was ist die Zukunft, in der meine Kinder leben werden, und wie sieht sie aus?” Das Ziel sei letztlich „nicht, es einfach hochzuskalieren und einfach an irgendwen zu verkaufen“, sondern eine bewusstere Reise zu gestalten. „Ich denke wirklich, dass es Chancen gibt, die Zukunft aktiv zu verändern und dazu beizutragen, das anzugleichen, was wir wollen“, sagte sie. „Um sicherzustellen, dass die Technologie für uns so frei von Voreingenommenheit und für so viele Menschen wie möglich funktioniert.“

Daran knüpfte Maier zustimmend an und griff Zehetmaiers Überlegungen zur Frage auf, welche Zukunft Technologieunternehmen eigentlich gestalten wollen. Die Frage unserer Zeit sei jedoch nicht nur, wie diese Zukunft aussehen solle, sondern auch, wer sie definiere und wer tatsächlich in der Lage sei, sie umzusetzen.

Denn selbst wenn es eine gesellschaftliche Einigung darüber gäbe, welche Richtung eingeschlagen werden sollte, sei keineswegs klar, wer die Macht habe, diese Vorstellungen durchzusetzen. Theoretisch seien es vor allem große Regierungen, die die Entwicklung der Technologie regulieren könnten. Doch gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz zeige sich, wie begrenzt dieser Handlungsspielraum sei.

„Europa nicht mehr auf Agenda“

Maier berichtete von einem Gespräch mit David Sacks (Mitglied des Podcasts All-In), der unter Donald Trump als KI-Beauftragter tätig war. Sacks habe ihm erklärt, dass die USA Künstliche Intelligenz nicht regulieren könnten, weil sie andernfalls Gefahr liefen, das Rennen gegen China zu verlieren.

„Das ist die Aussage des obersten US-Beraters für KI. Was uns das zeigt, ist, dass wir uns derzeit in einem chaotischen Zustand befinden, in dem wir im Wesentlichen ein Rennen zwischen zwei Supermächten haben“, sagte Maier. „Europa steht gar nicht mehr auf der Agenda. Es tut mir leid, euch das so beibringen zu müssen. Aber das ist der beängstigende Teil. Ich habe nicht die perfekte Antwort, aber ich stimme Zehetmaiers grundlegenden Fragen völlig zu.“

Aufsetzen ist nicht genug

Auch ohne Schockwellen führte die Diskussion der drei Expert:innen weiters zur Frage, wie sich KI-Startups in einem Markt behaupten können, in dem neue Wettbewerber schnell entstehen. Für Maier liegt die Antwort in der Verteidigungsfähigkeit des Geschäftsmodells. Ein bloßer „Wrapper“, also eine Anwendung, die lediglich auf ein bestehendes Sprachmodell aufsetzt, reiche kaum aus. Attraktiv seien Unternehmen, die sich durch proprietäre Daten, Branchen-Wissen, Kundenzugang oder komplexe Workflows abheben. Alexander Brix von fonio ergänzte, dass Startups ihren Wettbewerbsvorteil auch erst mit der Zeit entwickeln könnten – etwa durch eine starke Marke, Vertrauen und effiziente Vertriebsstrukturen. Gerade im B2B-Bereich sei Vertrauen entscheidend.

Carina Zehetmaier bestätigte diese Einschätzung aus der Perspektive eines Unternehmens, das sich auf KI-Compliance spezialisiert hat. Für paiper.one sei die Komplexität der Regulierung einerseits ein Hindernis, andererseits aber auch eine Chance, sich durch Fachwissen und Vertrauen zu differenzieren. Da sich gesetzliche Anforderungen von Land zu Land unterscheiden und laufend verändern können, lasse sich das Produkt nicht ohne Weiteres über verschiedene Märkte hinweg skalieren.

Wettbewerbsvorteil

„Was wir bisher beobachtet haben, ist, dass unser Wettbewerbsvorteil Vertrauen ist“, präzisierte Zehetmaier. Große Konzerne vertrauten dem Team aufgrund seiner Expertise und sähen paiper.one als Ansprechpartner, der sie bei der Einführung und Umsetzung neuer Anforderungen begleiten könne. Zugleich warnte sie davor, dass Europa seine Innovationskraft nicht allein aus der Regulierung schöpfen dürfe. Die Komplexität könne zwar einen Wettbewerbsvorteil schaffen, erschwere aber auch schnelles Wachstum.

Für sie liege eine zentrale Herausforderung jedoch nicht allein in der Technologie oder der Einhaltung von Vorschriften, sondern darin, KI tatsächlich in Unternehmen zu verankern.

Viele Unternehmen würden ihren Beschäftigten zwar entsprechende Lizenzen zur Verfügung stellen, doch diese würden nicht immer genutzt. Deshalb wolle sich paiper.one verstärkt darauf konzentrieren, Organisationen und ihre Mitarbeiter bei der Einführung von KI mitzunehmen und den Wandel aktiv zu begleiten. Denn, so Zehetmaier: „Wenn wir die beste Technologie haben, aber niemand sie nutzt, werden wir am Ende nicht glücklich sein.“

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