01.09.2025
KLIMATECHNOLOGIE

Wie das Steyrer Startup Carbony CO2-Speicherung neu denkt

Carbony setzt auf die "Enhanced Rock Weathering"-Technologie, um bereits in die Atmosphäre freigesetztes CO2 langfristig zu speichern. Im Frühjahr 2026 soll das erste Projekt zertifiziert sein, danach die Skalierung starten.
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Sandra Gottschall (CO & Gründerin), Matthias Rettenbacher (CEO & Gründer), Thomas Rinder (CSO & Gründer), Silyan Ivanov (CTO & Gründer) Foto: Limberger/Carbony

Kleine, frisch gepflanzte Bäume auf kleinen Höfen, dahinter alles zubetoniert: Landebahnen, Flugzeuge, Tanklaster. Immer mehr Flughäfen und Konzerne versuchen ihren enormen CO2-Ausstoß zu kompensieren – oft mit Symbolmaßnahmen. Ein Baum bindet etwa zehn Kilogramm CO2 pro Jahr. Zum Vergleich: Ein mittelgroßes Passagierflugzeug stößt stündlich um die 7.900 Kilogramm CO2 aus. Vielleicht braucht es also mehr als nur ein paar Bäumchen. Hier setzt das Startup Carbony aus Steyr an.

„Wir müssen jetzt nicht aufhören zu fliegen oder in die Steinzeit zurück. Wir brauchen neue Technologien, um den Lifestyle, den wir global haben, auch weiterhin führen zu können.“, sagt Matthias Rettenbacher, CEO und Mitgründer von Carbony.

Wie „Enhanced Rock Weathering“ funktioniert

Seit knapp zwei Jahren forscht das Startup aus Steyr an einer Lösung, CO2 langfristig zu speichern. Carbony nutzt einen natürlichen Prozess – die Verwitterung von Gestein –, um bereits ausgestoßenes CO2 langfristig aus der Atmosphäre zu binden. Durch das feine Vermahlen von zum Beispiel Basalt wird dieser Prozess stark beschleunigt. Die Methode wird auf nicht-landwirtschaftlichen Flächen wie Wäldern oder Grasland angewendet, so soll CO2 langfristig im Boden gespeichert werden. So sieht das in der Praxis aus:

Foto: Limberger/Carbony

Mit dieser Technologie hat sich Carbony bereits einen Platz unter den Top 10 der Startup-Initiative Greenstart des Klima- und Energiefonds für 2025 gesichert. Im Herbst werden die Top 3 gewählt.

800.000 Euro bisher investiert

Das Gründerteam – bestehend aus Matthias Rettenbacher (CEO), Silyan Ivanov (CTO), Sandra Gottschall und Thomas Rinder – verbindet Expertisen in den Bereichen Geochemie, Maschinenbau, Umweltmanagement sowie Marketing & Sales.

2023 erhielten sie für ihr Projekt „Carbon Removal“ eine FFG-Förderung in Höhe von 350.000 Euro (brutkasten berichtete). Mittlerweile sind insgesamt 800.000 Euro in das Startup geflossen – zusammengesetzt aus Eigenkapital, Förderungen, Unternehmensspenden, Consulting Workshops, der Zusammenarbeit mit der BOKU wie auch ein Projektverkauf an refurbed im Wert von 100.000 Euro.

Nun ist das Startup in der Zertifizierungsphase des ersten Projekts. Im Frühjahr 2026 soll es zertifiziert sein. Danach soll die erste Skalierungsphase starten.

Ziel: 100.000 Tonnen CO2 in fünf Jahren

Noch läuft ein Forschungsprojekt mit der BOKU (Universität für Bodenkultur). Der Fokus liegt derzeit auf der Messung und der Bewertung der Effekte – bisher wurden etwa 140 Tonnen CO2 entfernt. Das große Ziel: In den kommenden fünf Jahren 100.000 Tonnen an CO2-Emission zu entfernen. Dafür hätte man sich bereits das Land und Material zugesichert.

„Um das EU-Klimaziel zu erreichen, wird es Carbon Removals brauchen“, sagt Rettenbacher überzeugt. Es müssten politische Maßnahmen, Regulierungen und Reduktionen gesetzt werden, um die Klimakrise zu bewältigen. Und hier gehören eben auch Klimatechnologien dazu. „Früher oder später brauchen alle Firmen Carbon Removals, dann wird die Nachfrage auch groß sein“, meint Matthias Rettenbacher. Zumindest, „wenn die Europäische Union es mit Net Zero ernst meint.“

Noch würden ihnen die Firmen aber nicht die Türe einrennen, um nach Carbon Removal zu bitten. „In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird das Thema jedenfalls immer relevanter werden.“, meint der Gründer. Bis dahin müssten sie überleben und skalieren.

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Hannah Wundsam, Geschäftsführerin von AustrianStartups © Philipp Huber / EFA

Seit 1945 treffen sich im Tiroler Bergdorf Alpbach, auf rund 1.000 Metern, Sommer für Sommer Vordenker:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um über Europas Zukunft zu diskutieren. Heuer steht das European Forum Alpbach unter dem Motto „How Europe Wins“. Es geht um Wettbewerbsfähigkeit, Souveränität und die Frage, wie Europa im globalen Wettlauf bestehen kann.

Welche Rolle Startups in dieser Debatte einnehmen und inwiefern sie als Hebel für Europas Siegeszug dienen können, hat brutkasten mit Hannah Wundsam auf der Terrasse des Congress Centrums besprochen.


brutkasten: „How Europe Wins“ lautet das Leitmotiv des diesjährigen European Forum Alpbach. Welche Bedeutung kommt Startups in diesem Diskurs zu, und woran liegt es, dass bei einer so zentralen Zukunftsfrage die Gründer:innenszene vergleichsweise wenig vertreten ist?

Hannah Wundsam: Das ist eine gute Frage. Denn wenn der Titel „How Europe Wins“ lautet, können wir nicht nur darüber sprechen, wie wir das verteidigen, was wir bisher haben, und wie wir die bestehende Industrie und Wirtschaft schützen – sondern auch darüber, wie wir Neues schaffen und über die nächsten Jahre hinweg wettbewerbsfähig bleiben. Dafür braucht es das Zusammenspiel von bestehender Industrie, Politik beziehungsweise der öffentlichen Hand und vor allem dem Startup-Sektor. Dort liegen die Wurzeln des zukünftigen Wachstums.

Ich glaube aber, dass wir in Österreich immer noch sehr in Schubladen denken: Es gibt die Events für Startups und die neue Generation – und dann das European Forum Alpbach hier in den österreichischen Bergen, wo man das Gefühl hat, hier gehe es vor allem darum, die bestehende Industrie zu stärken und zu vernetzen. Dementsprechend sehen auch viele Gründer:innen das Event nicht als relevant für sich, weil sie sich nicht angesprochen fühlen.

Ich versuche aber immer, Gründer:innen zu motivieren, herzukommen, weil ich es für eine gute Möglichkeit halte, sich mit CEOs und Politiker:innen zu vernetzen: einerseits, um sich bei politischen Entscheidungsträger:innen Gehör zu verschaffen, deshalb sind auch wir immer hier, und andererseits, um Entscheidungspersonen aus großen und öffentlichen Unternehmen kennenzulernen, mit denen man dann zusammenarbeiten kann.

Welchen Platz kann ein vergleichsweise kleines Land wie Österreich in der europäischen Startup-Frage einnehmen?

Unsere Rolle ist gar nicht so klein, wenn man, das habe ich jetzt auch in der EU-Inc-Debatte gemerkt, die Vorbildwirkung Österreichs gegenüber den osteuropäischen Ländern nicht vergisst. Da ist oft die Haltung: Schauen wir mal, was Österreich macht, so wie wir uns anschauen, was die Deutschen machen. Ich glaube also tatsächlich, dass wir mit unseren Entscheidungen nicht ganz allein dastehen, sondern auch eine Auswirkung haben.

Österreich als eine Art Gateway vom Osten in den Westen ist etwas, das durch die EU Inc. theoretisch noch gestärkt werden könnte, aber ohnehin schon besteht. Insofern hat Österreich da eine Rolle. Und wir werden nach wie vor ein bisschen als neutraler Boden gesehen, der durchaus mit allen reden kann.

Welche Bedingungen bräuchte es, damit Startups in der „How Europe Wins“-Debatte mehr Gewichtung bekommen?

Ein Thema ist nach wie vor, dass österreichische Unternehmen im Vergleich zu anderen Ländern relativ wenig mit Startups zusammenarbeiten, das gilt auch für die österreichische Industrie. Selbst auf Ebene der Interessenvertretungen merke ich die Sorge, dass kein Geld mehr für die bestehende Industrie da ist, wenn die EU zu stark auf Startups fokussiert. Anstatt daran zu arbeiten, welche Möglichkeiten es gibt, damit Unternehmen und die öffentliche Hand tatsächlich zu Erstkund:innen von Startups werden. Viele Startups sagen mir, dass sie in Österreich gar nicht erst nach Kund:innen suchen.

Unternehmen müssten generell offener sein, ebenso die öffentliche Hand, und verstehen, dass sie mit Startups zusammenarbeiten müssen, wenn sie nachhaltig innovieren und wettbewerbsfähig sein wollen. Tatsächlich sagen viele Startups, dass sie eher im amerikanischen Markt nach Kund:innen suchen, weil man dort offener ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten, während man in Europa gleich fragt, ob man mit sämtlichen Richtlinien konform ist.

Auf europäischer politischer Ebene gibt es inzwischen ein viel größeres Verständnis dafür, dass Startups einer der Schlüsselfaktoren für unseren Standort und unsere Wettbewerbsfähigkeit sind, spätestens seit dem Draghi-Report. Das ist aber noch nicht in allen Mitgliedsländern angekommen. Am European Forum Alpbach etwa sind ganz viele Events, vor allem die Side-Events, auf Deutsch. Dabei sind gerade die für viele der eigentliche Grund, warum sie kommen. Das ist schwierig, wenn man die europäische Startup-Szene auch tatsächlich vor Ort haben möchte.

Wie sieht für dich als Geschäftsführerin von AustrianStartups ein Europa aus, das gewonnen hat?

Ich glaube, wir müssen es schaffen, eine starke Basis an Gründer:innen zu haben, und dafür braucht es mehrere Dinge. Es braucht eine Kultur quer durch Europa, in der Unternehmertum ein besseres Bild hat, in der Unternehmer:innen nicht als böse Kapitalist:innen gesehen werden, sondern als Zukunftsgestalter:innen, als Personen, die Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen, die spannend sind und Vorbilder für Schulkinder.

Damit sind wir beim zweiten Thema: Ein Kulturwandel braucht einen Wandel in der Bildung, Unternehmertum muss Teil der Bildung werden und zwar nicht nur an Schulen in Österreich, sondern quer durch Europa. Es gibt Konzepte dafür, aber eben nicht in der Breite.

Und im Endeffekt braucht es die Rahmenbedingungen, die es für Gründer:innen attraktiv machen, hier nicht nur zu starten, sondern auch zu skalieren und zu bleiben. Dafür braucht es Kapital und dafür wiederum unterschiedliche Vehikel, um mehr Kapital nach Europa zu holen beziehungsweise das Kapital, das hier bereits vorhanden ist, zu aktivieren.

Der Dachfonds ist eine super Initiative, die jetzt schnell auf die Beine gestellt werden muss. Aber dabei kann es nicht bleiben, wir müssen größer denken: Es braucht einen Dachfonds 2, 3, 4, die noch einmal um einiges größer sind als die 500 Millionen Euro, und es braucht Wachstumskapital. Dafür wird es die bestehende Industrie, die öffentliche Hand und Investor:innen aus dem Ausland brauchen.

Wir müssen vorsichtig sein, nicht zu sehr ins Abschottungsdenken zu verfallen, denn darauf sind weder Österreich noch Europa ausgerichtet. Wir sind auf Basis einer florierenden und freien Marktwirtschaft gebaut worden. Wir brauchen Souveränität und Leverage aber das muss auch im Rahmen globaler Zusammenarbeit passieren.

Du sprichst von den Bedingungen: Wie beeinflussen die aktuellen Entwicklungen rund um die EU Inc. deiner Meinung nach die Zukunft europäischer Startups?

Die EU Inc. hat wirklich einen basisdemokratischen Impact gehabt: Extrem viele Personen aus der Startup-Szene haben sich in einen politischen, europäischen Prozess eingebracht, sich damit beschäftigt und ihre Stimme genutzt – und es geschafft, dass das Thema nicht nur auf europäischer Ebene besprochen wird, sondern tatsächlich in die Umsetzung kommt. Es gibt inzwischen einen Kommissionsvorschlag, der zwar nicht genau dem entspricht, was wir wollten, der aber zumindest die Möglichkeit geschaffen hat, hier einen europäischen Standard zu setzen.

Was ich im Prozess durchaus als gefährlich sehe: Die Mitgliedstaaten sagen zwar, dass sie eine starke Europäische Union wollen, setzen aber, sobald es konkrete Vorschläge gibt, alles daran, diese wieder zu entkräften. Österreich hat bislang zwar vom Wirtschaftsministerium und vom Kanzler die Zusage, dass die EU Inc. gewollt ist, das Justizministerium ist aber sehr kritisch. Und es gibt sehr viele Einzelpersonen und Interessenvertretungen, die stark dagegen arbeiten, etwa die Notariatskammer, die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer, die kein Interesse an einer starken EU Inc. haben. Das ist nicht nur in Österreich ein Thema, aber Österreich hat, wie schon gesagt, eine Vorbildfunktion: Wenn Österreich sich in den Verhandlungen hinstellt und die Vorschläge grundsätzlich infrage stellt, sehen das viele Länder, die historisch zu Österreich aufschauen, und werden ebenfalls kritischer. Das haben wir in den Verhandlungen auf Ratsebene durchaus schon erlebt.

Ich hoffe, den Politiker:innen ist wirklich bewusst, was es bedeuten würde, wenn die EU Inc. scheitert, also wenn am Ende nur ein sehr schwacher Kompromiss herauskommt. Die europäische Startup-Szene würde das als Backlash empfinden und sich denken: Wenn nicht einmal das möglich ist, sehen wir in Europa keine Zukunft. Das halte ich für wirklich gefährlich.

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