17.10.2017

weXelerate: Das erste Interview nach dem Exit von Hassen Kirmaci

Vor knapp drei Wochen hat der Wiener Startup-Hub weXelerate den Betrieb aufgenommen, Startups und Eventformate nutzen nun die Räumlichkeiten und auch ein zweiter Batch wird eben vorbereitet. Zwischenzeitlich sorgte der Rücktritt von Geschäftsführer Hassen Kirmaci für Schlagzeilen. Darüber und über viele andere Themen sprach Der Brutkasten mit dem neuen Geschäftsführer, Dominik Greiner und dem Pressechef, Thomas Reiter.
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weXelerate-Accelerator Batch 2 steht fest
(c) weXelerate: Das Team von WeXelerate.

WeXelerate hat offiziell am 25. September den Betrieb aufgenommen. Die ersten Mieter sind am 2. Oktober eingezogen und es kommen sukzessive weitere dazu. Wie ist der aktuelle Status?

Der erste Batch des Wiener Startup-Hub weXelerate ist jetzt in der dritten Woche. 55 Startups sind im Haus. Teilweise arbeiten sie direkt dort, teilweise kommen sie zu Blockveranstaltungen des Accelerator-Programms. Es ziehen momentan laufend weitere Mieter ein. Derzeit zieht mit Speedinvest der größte Mieter ein. Auch dort wurde bereits mit der Arbeit begonnen. Bis Ende Oktober werden alle Flächen besiedelt sein.

Gibt es irgendwelche Probleme oder Verzögerungen beim Bau oder bei der Ansiedelung?

Bei der Ansiedelung gibt es keine Probleme. Wir haben am 29. September die Immobilie vom Hauseigentümer übernommen. Am zweiten Oktober haben wir bereits an einen Großteil der Mieter weiter übergeben. Was bei einem Projekt dieser Größe einfach so ist, ist, dass jetzt noch da und dort Mängel behoben werden müssen, dass etwa der Maler noch wo drüber muss. Auch passieren noch Aufbauten wie Meeting-Boxen und Mobiliar. Das wird sich aber bis Ende Oktober komplett eingespielt haben.

Gab es überraschende Mieter-Kündigungen, nachdem die ersten eingezogen sind, oder sind alle zufrieden mit den Räumen und Flächen, die sie da vorgefunden haben?

Nein, es gab keine Kündigungen. Es sind, soweit ich das beurteilen kann, alle sehr happy. Diese Phase, wenn man wo einzieht, bis das letzte Bild hängt und die letzte Wand die richtige Farbe hat, dauert halt ein paar Wochen. Und so haben wir das auch immer gesehen: Anfang Oktober ist Start. Am 17. November, wenn dann unser Grand Opening ist, ist das Ende der Soft Opening-Phase. Dann muss jedes Bild hängen und jede Wand die richtige Farbe haben.

Wie ist die erste Rückmeldung der Startups im Accelerator? Es gab ja schon Kontakte zu den Corporates. Sind da bereits konkrete Projekte im Entstehen?

Von der Corporate-Seite haben wir bereits viele positive Rückmeldungen. Es gibt sehr viele zusätzliche Matches zwischen Startups und Corporates. Die Unternehmen hatten sich zuerst bestimmte Kernthemen ausgesucht und haben bei unserer Inhouse-Fair dann gleich viele weitere für sie spannende Startups gefunden. Da ist das Feedback durchwegs positiv. Auch die Startups sind sehr angetan von den Möglichkeiten, die wir ihnen bieten. Sie besuchen auch unsere Veranstaltungen und profitieren dort sehr von den Touchpoints mit den Corporates.

Das Leistungsspektrum von weXelerate für die Corporates ist ja sehr groß – von Scouting über Sourcing und Scoring bis zum Matching. Auch dafür zahlen die Unternehmen entsprechende Beiträge. Sehen das die Corporates bislang als sinnvolle Investition?

Das Programm ist erst vor drei Wochen gestartet. Die erste wirkliche Analyse kann man wohl erst nach dem ersten Batch machen. Die Unternehmen sind aber jedenfalls happy über die Anzahl und die Qualität der Startups. Ihre nächsten Schritte sind sicher sehr unterschiedlich. Manche Corporates haben einen klaren Action-Plan, wie es weitergeht. Manche werden sich dagegen erst im Laufe des ersten oder zweiten Batch wirklich eine Roadmap festlegen, was sie dann mit den Startups machen. Das kann von Kooperation über ein Kundenverhältnis bis hin zu Investitionen, Beteiligungen oder überhaupt Kauf der Startups gehen.

Wenn man durch das Haus geht, sieht man an einem Tag mehr und am anderen weniger Startups. Wie funktioniert das Programm? Sind die Startups verpflichtet, da zu sein?

Das steht ihnen größtenteils frei. Wir wollten es ganz bewusst nicht zu strikt und schulisch machen. Wir haben zwei große Flächen, die gesamt etwas über 500 Quadratmeter haben, die ihnen wie eine Bibliothek zur Verfügung stehen – möbliert, mit Arbeitsplätzen, schnellem W-LAN und Beleuchtung. Es bleibt ihnen überlassen, ob sie dort Fulltime arbeiten oder ob sie nur Meetings, etwa mit Corporates, dort machen. Daher kommt auch diese Fluktuation, dass manchmal mehr Startups im Haus sind, weil sie vielleicht viele Termine haben oder weil an dem Tag Corporate-Touchpoints sind.

Es wird immer wieder gesagt, weXelerate entwickelt sich zum Zentrum des Wiener Startup-Ecosystems. Heißt das im Umkehrschluss, dass man zweitklassig ist, wenn man nicht dabei ist?

Nein, auf keinen Fall! Das Startup-Zentrum soll eigentlich dazu führen, dass sich an diesem Ort die Themen Gründen und Unternehmertum entfalten können. Wir wollen auch die Umgebung rund um das Gebäude als das zukünftige Startup-Grätzl positionieren. Aber eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt es auf keinen Fall. Die Startups, die im Programm sind, haben ohnehin die Vorteile, all diese Benefits kostenlos nutzen zu können. Und die Mieter hier im Haus haben, im Vergleich zu den Nebengebäuden, bessere Miet-Konditionen. Ich weiß schon, dass immer wieder vom „Luxus-Hub“ die Rede ist. Das liegt einfach daran, dass wir in ein Gebäude gegangen sind, das an sich ein Kunstwerk ist, das wir jetzt mit sehr innovativen Themen bespielen. Das ist für manche vielleicht noch neu und ein wenig anders greifbar.

Wie ist das Verhältnis zu den anderen Projekten, die entstehen, wie etwa die Linzer Tabakfabrik und Talent Garden, das noch immer auf Gebäude-Suche ist?

Wir sind auf jeden Fall froh, wenn diese Projekte realisiert werden. Es gibt mittlerweile viele Startups, denen wir wegen Platzmangels absagen müssen. Man muss natürlich auch differenzieren. Mit dem Accelerator haben wir eine sehr internationale Zielgruppe. Die Mieter sind dagegen natürlich eher aus dem österreichischen bzw. Wiener Bereich. Nachdem wir so vielen Startups absagen müssen, wäre es mir am liebsten, Talent Garden geht ins Nebenhaus und Startup300 macht auch noch einen Standort hier in der Gegend. Denn dann könnten wir dieses gemeinsame Verorten in Wien noch stärker forcieren. Meine einzige Sorge ist, dass wir wieder beginnen, drei, vier verschiedene Grätzln in Wien aufzubauen und die Wege wieder lang werden.

Wie ist die Durchmischung bei den Mietern? Wir haben unlängst darüber berichtet, dass es am Standort mehr als eine halbe Milliarde Euro an potenziellem Investitionskapital gibt. Gibt es darüber hinaus Startups und sonstige Player, die als Mieter im Gebäude eingezogen sind?

Natürlich. Das Venture Capital-Thema ist für uns sehr wichtig (Der Brutkasten berichtete). Aber es gibt auch Mieter aus vielen anderen Bereichen, die in dieses Ökosystem, Corporate Innovation und Corporate Acceleration passen. Wir haben etwa auch Sclable im Haus, das den Bereich Rapid Prototyping abdeckt. Mit Hackabu haben wir eine sehr gute Growth Marketing Agentur. Wir werden auch ein kleines Engineering-Büro haben, auch für Hardware-Startups. Mit Chiwa Media haben wir ein Filmstudio im Haus. Es geht also wirklich quer durch. Das Gebäude war ein Einkaufszentrum und es soll den Innovation Mall-Charakter beibehalten. Das heißt, ein One-Stop-Shop für Startups und Gründer.

Gibt es auch zwischen den Corporates im Haus hier Synergien? Spielt der Gedanke auch da eine Rolle?

Absolut. Ich war gerade heute mit dem achtköpfigen Vorstand eines unserer Partner im Haus unterwegs. Und gerade der Corporate Corner, wo sich die Großunternehmen treffen und austauschen können, hat ihnen sehr gut gefallen. Sie sagen: „Endlich haben wir eine Plattform, wo wir uns mit euren anderen zwölf Partnern austauschen können und von Innovation Manager zu Innovation Manager über die wirklich spannenden Themen sprechen können.“

Ich habe von Startups immer wieder den Vorwurf gehört, das Gebäude sei zu „schicki-micki“ für Startups. Wie siehst du das?

Das Gebäude besteht aus viel Glas und glatten Oberflächen, was schon an sich einen Luxuscharakter hat. Ich habe schon vorhin gesagt, es ist ein architektonisches Juwel, das nicht von Beginn an als Startup Hub geplant war. Wir müssen es nun in einen Raum, in dem Ideen entstehen können, verwandeln. Das ist uns in den Räumen schon sehr gut gelungen und es wird uns im Finetuning der einzelnen Bereiche noch besser gelingen, eine Mischung aus hochklassigem Design und der Crazyness der Startup-Branche zu erzeugen.

Redaktionstipps

Spielt das Thema Events eine wichtige Rolle?

Das ist eine wichtige Säule für uns. Wir haben uns bewusst entschieden, sehr hochwertige Meeting- und Eventinfrastrukturen aufzubauen. Wir sehen das in erster Linie als Angebot an die Startups und Mieter im Haus aber es wird auch immer wieder externe Buchungen geben für Vorträge, Abendevents, etc. Hier besteht großes Interesse.

WeXelerate war in den Wochen vor der Wahl einige Male in den Medien. Dabei ging es auch um die Höhe der Förderungen. Wie sieht das tatsächlich aus? Wie wurde diese Förderung beantragt und ist dabei etwas schief gelaufen?

Aus meiner Sicht ist dabei nichts schiefgelaufen. Der genaue Förderbetrag liegt bei 277.000 Euro, wobei dieser Förderbetrag ja noch nicht voll ausbezahlt ist, sondern nur ein Drittel davon. Wer sich mit Förderungen auskennt, weiß, dass man Kosten vorweisen muss, bevor man eine Förderung überhaupt abrechnen kann. Das heißt, wir müssen sowieso erst die Kosten in Höhe von 550.000 Euro vorweisen, um die Förderung abrechnen zu können.
In den sieben Monaten, in denen wir operativ laufen, haben wir übrigens den Förderbetrag durch Steuern wieder zurück an den Staat überwiesen. Das Projekt steht und wir beschäftigen mittlerweile 18 Mitarbeiter. Das ist wohl ein Paradebeispiel einer gelungenen Förderung.

Wie genau wurde die Förderung zuerkannt?

Die Stadt Wien hat einen Fördercall in der Gesamthöhe von einer Million Euro ausgerufen. 16 Projekte haben sich beworben und vier haben eine Förderzusage erhalten, zu unterschiedlichen Größenordungen. Wir haben die zweitgrößte erhalten. Und zur Abrechnung jedes einzelnen Födereuros müssen wir nun Kosten vorweisen.

Letzte Woche ist auch für Insider ziemlich überraschend Hassen Kirmaci als Geschäftsführer zurückgetreten. Bestärkt das diverse Verschwörungstheorien? Was waren die wirklichen Gründe für den Rücktritt?

Es war ein gemeinsamer Gesellschafterbeschluss (Der Brutkasten berichtete). Die Gerüchte dazu mag ich nicht kommentieren.

War es ein klassischer Founder-Clash?

Nein, es war eine gemeinsame Entscheidung, zu sagen, dass Stephan Jung, der bisher für das Programm-Management zuständig war und Dominik Greiner, der das Facility-Management die letzten Monate betreut hat, die Geschäftsführung übernehmen.

Ist Hassen Kirmaci noch beteiligt am weXelerate?

Nein, er hat seine Anteile abgetreten und ist aus dem Unternehmen ausgeschieden.

Wer hat seine Anteile übernommen?

Avi Lifshitz, der schon zuvor Geschäftsführer war. Er übernimmt 49 Prozent. Der Rest wird treuhändisch für die Beteiligung von Mitarbeitern gehalten. Davon halten mittlerweile Thomas Reiter und Stephan Jung jeweils ein Prozent.

Hält Avi Lifshitz die Anteile nur für sich oder auch für andere treuhändig?

Awi Lifshitz hält 49 Prozent der Gesellschaftsanteile. Zur konkreten Frage wurde Stillschweigen vereinbart.

Was ist sein Background? Wie konnte er sich den Kaufpreis leisten?

Avi Lifshitz ist Salesprofi in der IT-Branche. Angaben zum Kaufpreis und den finanziellen Möglichkeiten unserer Gesellschafter stehen mir nicht zu.

Wird er operativ tätig sein bzw. was wird seine Rolle als Hauptgesellschafter bei weXelerate sein?

Avi Lifshitz steht der Geschäftsführung von weXelerate – wie schon bisher – beratend und unterstützend zur Seite.

Hassen Kirmaci hat nahezu 59 Prozent der Anteile an einem Millionen-Projekt gehabt und diese ad hoc abgetreten. Das ist äußerst unüblich. War Hassen lediglich ein Strohmann?

Hassen Kirmaci hatte die Gründungsidee zu weXelerate und er hat die letzen 18 Monate unermüdlich und rund um die Uhr an diesem Projekt gearbeitet, alle handelnden Personen an den Tisch geholt und eine beispiellose Aufbauarbeit geleistet. Nun ist es zu akzeptieren, dass persönliche Gründe vorliegen, wieso er diese Arbeit nicht weiter fortführt.

Ist es für dich dennoch nachvollziehbar, dass dieser Vorgang viel Raum für diverse Mutmaßungen öffnet?

Es wurde viele Jahre in Österreich und Wien ein Leuchtturm-Projekt gefordert. Jetzt wurde dieses realisiert. Das erste Feedback des Vollbetriebs ist überwältigend. Wer es gesehen hat, wer die ersten zwei Wochen hier rein und rausgegangen ist, dem muss klar sein, dass hier ein Coup gelungen ist, der uns alle sehr stolz macht. Man hätte das vor wenigen Jahren in Wien nicht für möglich gehalten, angesichts der Größe und der Kürze der Umsetzungszeit. Das war das Herzensprojet von Hassen, er war der Motor dahinter und vorne an der Front. Ich kann nur nochmals wiederholen, dass nunmehr persönliche Gründe vorliegen, wieso er diese Arbeit nicht weiter fortführt. Es war ein gemeinsamer Gesellschafterbeschluss, der zu dieser finalen Entscheidung geführt hat und ich bitte das zu respektiren. Ebenso, dass wir dazu keine weiteren Angaben machen werden.

Ich muss trotzdem nochmals nachhacken: Macht ihr damit nicht umso mehr Raum für Mutmaßungen, Verschwörungstheorien und Angriffe?

Es ist nicht okay, auf diesem Thema weiter herumzureiten. Wir möchten uns wirklich nur darauf fokussieren, dieses Leuchtturm-Projekt weiter auszubauen. weXelerate ist vieles gelungen, an manchem arbeiten wir noch. Jedenfalls geht es jetzt darum, wieder mit vollem Fokus an die Tagesarbeit zu gehen, sich darauf zu konzentrieren, wofür dieses Projekt steht, nämlich den Standort Österreich aufzuwerten, international Österreich ein Gesicht zu geben, die Wertschöpfung in Österreich zu steigern und vor allem Innovationen zwischen Corporates und Startups auf ein neues Niveau zu bringen. Es gibt jeden Tag zahlreiche Meetings, die es unter Beweis stellen, dass das Konzept von weXelerate funktioniert. Nun möge man uns an den Ergebnissen und an den Taten messen und keine Spekulationen anstellen.

Es hat jetzt die Scouting-Phase für den zweiten Batch begonnen. Es wird angestrebt, 20.000 Startups zu erreichen. Was ist da die Erwartungshaltung und was wird sich gegenüber dem ersten Batch ändern?

Beim ersten Batch haben wir knapp 6.000 Startups angeschrieben. Wir planen jetzt gerade 20.000, also mehr als eine Verdreifachung. Wir erwarten, dass mit der Anzahl an Startups, die wir screenen, die Qualität und die Internationalität der Startups weiter steigen wird.
Wir haben auf den erste Batch sehr gute Reaktionen der Corporates bekommen, was uns zuversichtlich macht, auch den zweiten Batch sehr erfolgreich zu füllen. Der erste Batch war sicher der schwierigste, weil wir als komplett neuer Name vor allem international angetreten sind.

Im ersten Batch kam die Hälfte der Startups aus Österreich. Soll der zweite Batch internationaler werden?

Ich glaube wir waren beim ersten Batch schon verhältnismäßig gut aufgestellt. Es waren weniger als die Hälfte der Startups aus Österreich dabei. Es ist auf jeden Fall unser Ziel, noch internationaler zu werden.

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Umarmungen statt Visitenkarten: Zu Besuch beim ersten Conxious Picnic am Otto Wagner Areal

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Business Angel Hansi Hansmann und Conxious-Gründer Andreas Tschas | (c) Luisazzoe / StudioZucker

Es braucht seine Zeit, bis man oben ist. Wer zum Conxious Picnic will, muss hinauf auf die Baumgartner Höhe in Wien-Penzing, fernab der hektischen Innenstadt. Der Ort ist bewusst gewählt.

Das Otto Wagner Areal wurde vor rund 120 Jahren als Heil- und Pflegeanstalt eröffnet und umfasst rund 50 Hektar. Das entspricht der Fläche von rund 70 Fußballfeldern. Nach einem Jahrhundert klinischer Nutzung wird das denkmalgeschützte Jugendstilensemble neu belebt. 2030 oder 2031 soll hier die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) einziehen. Bis dahin wird das Gelände zwischengenutzt, unter anderem von Kreativkollektiven und für Kunst- und Kulturveranstaltungen.

Das Jugendstiltheater am Otto Wagner Areal in Wien-Penzing war Schauplatz des Conxious Picnic. Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Am 30. September und 1. Oktober war das Jugendstiltheater mit seinen Gärten Schauplatz des ersten Conxious Picnic. Schon beim Hineingehen weiß man: Hier geht es anders zu als bei einem üblichen Business-Event. Man spricht sich mit Vornamen an. Teilweise umarmt man sich bei der Begrüßung.

Das Betriebssystem von morgen

Hinter dem Format steht Andreas Tschas, Gründer von Conxious. Seine Vision fasst er im Gespräch mit brutkasten in einem Satz zusammen: „Ein neues Betriebssystem für unsere Wirtschaft, das auf Vertrauen und innerer Klarheit beruht.“ Nach diesem Gedanken sei auch die Veranstaltung aufgebaut gewesen. Es gehe darum, Wirtschaft wieder menschlicher zu machen: „Weg vom Business, hin zur Wirtschaft, zum Wirt.“ Der Wirt sei jemand, der auf die Ressourcen schaue, ein Host, der auf die Community achte.

Rund 200 Gäste waren laut Andreas Tschas an den beiden Tagen durchgehend vor Ort. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Das Interesse war größer als erwartet. 250 Personen waren laut Tschas angemeldet, durchgehend seien rund 200 vor Ort gewesen. Die Gäste kamen auch aus anderen europäischen Ländern, darunter die Niederlande, Portugal, Deutschland und Italien.

Was man mitbringen muss

Wer mitmachen will, braucht vor allem Zeit. Die Veranstalter baten ihre Gäste vorab, an beiden Tagen zu bleiben. Das Picknick sei als ein Bogen gedacht, bei dem jeder Akt auf dem vorigen aufbaut.

Dazu kommen Neugier, Präsenz und die Offenheit für Menschen, die man noch nicht kennt. So stand es in der Einladung an die Gäste. Wer wollte, brachte eine Blume mit, einen Kuchen zum Teilen oder ein Sitzkissen für die Wiese. Einen Dresscode gab es nicht, Farbe war ausdrücklich willkommen.

Wer sitzt, kann etwas vorbringen

Am zweiten Tag geht es im Jugendstiltheater um Träume. Bianca Gfrei von Conxious steht in der Mitte des Raums. Rund um sie sind Vintage-Möbel des Wiener Generationencafés Vollpension aufgereiht, dazwischen liegen Sitzkissen. Wer hier Platz nimmt, soll die Augen schließen und seine Wünsche benennen.

Bianca Gfrei von Conxious leitete am zweiten Tag die Runde zu den Träumen der Gäste. | Foto: Luisazzoe| / StudioZucker

Dann öffnet Gfrei die Runde. Gefragt wird nach Themen: Wer hat einen Traum, wenn es um Business geht? Wer, wenn es um Räume geht? Wer in der Runde sitzt, kann etwas vorbringen und sagen, welche Unterstützung er oder sie braucht.

Auch Tschas bringt einen Traum ein, und der betrifft Bildung. Inhalte für Kinder würden künftig viele Unternehmen liefern, entscheidend sei das Erlebnis rundherum. Mit „Conxious in the Garden“ treffen sich bereits Familien an Wochenenden. Er sei nicht überzeugt, dass sich das Bildungssystem in Österreich so schnell anpassen könne wie nötig. Zugleich gebe es sehr gute Schulen, nur brauche es mehr davon. Für das Vorhaben sucht er einen CEO, ein Investor sei bereits interessiert.

Vertrauen als Business Case

So weich das klingt, Tschas argumentiert wirtschaftlich. Das Fundament von Conxious sei Vertrauen, und das Picknick habe mit genau diesem Gedanken begonnen: „Trust as a Business Case“. Er erzählt dazu von Business Angel Hansi Hansmann, einem der Founding Partner von Conxious. Der habe ihm gesagt, dass es um Vertrauen gehe, sei für ihn ein No-Brainer. Für Tschas ist das der Punkt: „Du lernst den Menschen kennen und du vertraust ihm einmal.“ Daraus seien die großen Erfolgsgeschichten entstanden.

Auch der Autor und NEOS-Mitgründer Matthias Strolz war vor Ort. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

In Unternehmen sehe er oft das Gegenteil. Wenn er in Abteilungen nachfrage, wie viel Zeit in Konflikte und interne Politik fließe, höre er im Schnitt 70 Prozent. Der Grund sei ein Vertrauensproblem.

Bei Startups zeige sich das im Founder-Konflikt. Der „Return on Investment on emotional well-being“ werde völlig unterschätzt, sagt Tschas. Er kenne nur wenige Investoren, die vorbeugend etwas tun. Komme es zum Konflikt, könne man „mindestens 50 Prozent der Bewertung abschreiben“.

Auch die Freiflächen rund um das Jugendstiltheater wurden bespielt. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Wer dabei war

Auf dem Programm standen unter anderem der Impact-Investor Charly Kleissner, die Kulturanthropologin Bettina Ludwig, der Autor und NEOS-Mitgründer Matthias Strolz, Thomas Funke, Mitgründer der Tomorrow University, und Eversports-Mitgründer Hanno Lippitsch. Unter den Gästen waren laut Tschas zudem viele Gründer, die diesen Weg schon gegangen sind, darunter TTTech-Mitgründer Georg Kopetz sowie Busuu-Mitgründer und Investor Bernhard Niesner. Auch Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll und Bernhard Sagmeister, Geschäftsführer der Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws), waren vor Ort.

TTTech-Mitgründer Georg Kopetz im Gespräch mit Conxious-Gründer Andreas Tschas | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Auch der Unternehmer Klaus Buchroithner war dabei, dessen Firma das Merchandise für Conxious produziert. „Die letzten zwei Tage ist es sehr wenig ums Business gegangen und sehr viel um Persönlichkeitsentwicklung“, sagt er. Es habe Sessions gegeben, in denen man sich bewegt hat, aber auch Vorträge. Eine klassische Business-Konferenz sei es sicher nicht gewesen.

Besonders mitgenommen hat Buchroithner den Beitrag von Ludwig über eine der letzten Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften. Dort sei jeder von Geburt an Teil eines größeren Ganzen, weil die Gemeinschaft nur gemeinsam überlebt. Sein Schluss daraus: Egoistische Entscheidungen seien „eigentlich kompletter Unsinn“.

Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Was aus dem Picknick entstehen soll

Beim Reden soll es nicht bleiben. Tschas formuliert eine Hypothese: Unternehmen und Startups, die auf dieser Basis von Vertrauen gegründet werden, funktionieren besser. Aus der Community heraus würden gerade die ersten Unternehmen gemeinsam gestartet.

Konkret denkt man laut Tschas über drei Dinge nach. Ein Magazin, das sich um Bewusstsein in der Wirtschaft dreht. Räume für Meetings, in denen man präsenter und weniger abgelenkt ist. Und eine Schule. In drei bis vier Monaten werde man mehr dazu sagen können.

Das Prinzip dahinter beschreibt er so: „Dem Glück auf die Sprünge helfen, indem wir coole Leute und coole Ideen zusammenbringen und die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.“


Video-Tipp: Andreas Tschas über Conxious: „Ein neues Betriebssystem für die Wirtschaft“

Andreas Tschas spricht im Talk über sein Projekt Conxious – eine kuratierte Community, die Vertrauen und innere Klarheit ins Zentrum des wirtschaftlichen Handelns rücken möchte.

Im Gespräch erklärt Tschas, warum Vertrauen ein unterschätzter Produktivitätsfaktor in Unternehmen sei, wie aus tiefen menschlichen Verbindungen nachhaltige Projekte entstehen können und wie ein zukunftsfähiges Betriebssystem für die Wirtschaft aussehen soll.

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