23.09.2025
LOSLASSEN

Wer bist du, wenn du nicht mehr CEO bist?

Sie haben das getan, was vielen Gründer:innen noch bevorsteht: Sie haben ihre eigenen Unternehmen verlassen. Nicht im Streit, nicht im Scheitern, sondern freiwillig. Nach Jahren voller Druck, Risiko und Wachstum gaben sie ab, was sie selbst aufgebaut haben. Sie traten aus der ersten Reihe, um Platz für Neues zu machen. Was das mit einem macht und wie man damit umgeht, erzählen die Gründerinnen von the female factor und die Gründer von woom.
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Die woom-Gründer Christian Bezdeka und Marcus Ihlenfeld und die Gründerinnen von the female factor Mahdis Gharaei und Tanja Sternbauer. | © woom. GoldenHour Pictures

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Als Startup-Gründer:in wird es früher oder später passieren: Nachdem man jahrelang ein Unternehmen aufgebaut hat, wird der Zeitpunkt kommen, an dem man loslassen und Platz für Neues schaffen muss. So erging es auch den beiden Gründerinnen Mahdis Gharaei und Tanja Sternbauer von the female factor. „Als wir gegründet haben, haben wir eigentlich schon besprochen, wie lange wir das operativ machen wollen und wann wir in die strategische Richtung gehen“, erzählt Gharaei. Über fünf Jahre widmeten sie sich mit ihrer Female-Leadership-Plattform der Mission, die weltweite Community von weiblichen Führungskräften zu stärken. „Wir haben uns am Anfang drei Jahre gegeben. Life happens: Pandemie, Krieg – es kamen immer wieder Dinge, wo wir gesagt haben, es braucht uns noch“, erinnert sich die ehemalige CEO. Doch 2023 kam schließlich der Moment, in dem es beiden klar war: „Wir saßen zusammen und wussten irgendwie: Es wird Zeit“, erzählt Sternbauer weiter.

Auch beim Kinderfahrrad-Scaleup woom war von Anfang an abgesprochen, dass sich die Gründer früher oder später aus dem operativen Geschäft zurückziehen. „Es war uns beiden immer klar, dass wir das nicht für immer und ewig machen können“, sagt Co-Founder Christian Bezdeka. „Wir sind nur für eine gewisse Phase des Unternehmens gut, weil wir ganz klar die Startup-Typen sind.“ Nach fast neun Jahren übergaben sie das Unternehmen 2022 an einen neuen CEO. „Diese Entscheidung passiert nicht über Nacht. Es ist so ein Gefühl, das man hat“, schildert Co-Founder Marcus Ihlenfeld.

Emotionen und Leere

„Emotional“: So beschreibt Mahdis Gharaei das Gefühl, als the female factor öffentlich machte, dass sie und Sternbauer ihre Rolle als CEO abgeben. „Ich kann mich an den Moment erinnern, als wir die Pressemitteilung ausgeschickt haben. Ich war gerade auf Bali, weil ich mir eine Auszeit gönnen wollte. Ich saß in diesem Moment in einem Taxi und habe einfach angefangen zu weinen. Ich wusste, dass es passiert, und es war dennoch emotional. Ich dachte: Wer bin ich jetzt und was mache ich jetzt?“, erinnert sie sich zurück.

Mahdis Gharaei und Tanja Sternbauer gründeten gemeinsam the female factor. | © GoldenHour Pictures

Diese Leere können auch die woom-Gründer gut nachvollziehen: „Wir haben es keine Sekunde bereut, den Schritt gemacht zu haben. Uns ging es trotzdem nicht gut. Das hat nichts damit zu tun gehabt, diesen Schritt gegangen zu sein, sondern eher damit, dass dann eine große Leere gekommen ist“, erzählt Bezdeka.

Nachfolge intern oder extern?

Emotional kann man sich auf den Moment, in dem man sein eigenes Unternehmen in andere Hände legt, kaum vorbereiten. „Obwohl ich wusste, dass es die richtige Entscheidung ist, war es trotzdem emotional“, sagt Gharaei. Umso wichtiger war es den the-female-factor-Gründerinnen, das Unternehmen strukturiert auf diesen Übergang vorzubereiten. „Wir haben das über ein Jahr lang geplant. In diesem Jahr haben wir nach und nach immer mehr Aufgaben abgegeben“, erzählt Sternbauer. Schon früh zeichnete sich ab, dass zwei interne Mitarbeiterinnen die Nachfolge antreten würden. „Sie sind bei uns von intern zu VP zu C-Level aufgestiegen. Sie sind die komplette Career Journey mit the female factor gegangen“, sagt die Co-Founderin.

Weil Lisa Ambros und Olena Kondratenko zuvor noch keine Führungsrolle übernommen hatten, war es den Gründerinnen besonders wichtig, sie gemeinsam mit einer Leadership-Coachin auf ihre neue Verantwortung vorzubereiten. Eine externe Lösung stand dabei nie ernsthaft zur Debatte. „Für mich wäre es schwierig gewesen, einer externen Person zu 1.000 Prozent zu vertrauen. Lisa und Olena kennen wir schon seit fünf Jahren und wissen, wie sie in gewissen Situationen reagieren. Wir kennen ihr Wertesystem, und für mich ist ein hundertprozentiges Vertrauen da“, erklärt Gharaei. „Die zwei sind perfekt für die Aufgabe. Die machen es in vielen Bereichen noch viel besser als wir.“

Auch bei woom fiel die Wahl zunächst auf eine interne Nachfolge: Paul Fattinger, bereits zwei Jahre im Unternehmen, übernahm im Oktober 2022 die CEO-Rolle und übergab sie zwei Jahre später an eine externe Führungskraft, den heutigen CEO Bernd Hake. Fattinger habe woom „nach vier intensiven Jahren im besten gegenseitigen Einvernehmen verlassen“, erklären die Gründer. „Unter seiner Führung hat sich woom vom Startup zum Scaleup entwickelt und entscheidende Meilensteine erreicht. Paul hat woom durch eine herausfordernde Phase geführt und ein starkes Fundament gelegt, auf das Bernd nun aufbauen kann.“ Mit dem Wechsel wollten die Gründer neue Impulse setzen und gezielt Führungserfahrung für die nächste Phase der globalen Skalierung ins Unternehmen holen. Ganz nach ihrem Motto: „Jeder CEO zu seiner Zeit.“

„Unser Ziel war es immer, uns mit Menschen zu umgeben, von denen wir lernen können – auch wenn das bedeutet, nicht der Klügste im Raum zu sein“, sagt Christian Bezdeka. „Wir können sehr gut mit Chaos, aber diese Strukturen dann auszubauen ist dann nicht mehr so spannend für uns.“ Das Gründerduo suchte gezielt nach einem CEO, der nicht nur führt, sondern langfristig Strukturen schafft. „Für uns war es wichtig, jemanden an Bord zu holen, der Dinge bis zum Schluss durchdenkt. Wir sind eher die, die mal schnell eine Entscheidung treffen“, sagt Marcus Ihlenfeld. „Die passende Nachfolge zu finden war kein geradliniger Weg – es gab einige Lernschritte auf dem Weg dorthin.“

Neue Chancen

Warum also geht man diesen Schritt als Gründer:in und lässt das eigene Unternehmen, in das man jahrelang Zeit, Kraft und Leidenschaft gesteckt hat, weiterziehen? „Wir haben gemerkt, dass es nicht mehr unsere Berufung und unser Traum war. Es hat uns echt sehr viel Energie gekostet“, erklärt Bezdeka. „Der logische Schluss ist, zu gehen. Dann kommen andere, die genau für diese Unternehmensphase geeignet sind – und viel besser sind als man selbst.“

Dass es oft genau dieser Schritt ist, der einem Unternehmen neue Chancen eröffnet, bestätigt auch Nikolaus Franke. „Ein Startup ist grundsätzlich etwas extrem Dynamisches. Im Prozess ändern sich die Herausforderungen: In der frühen Phase lebt ein Startup oft von der Vision, Energie und Risikobereitschaft der Gründer:innen; doch wenn das Unternhemen wächst, braucht es klare Strukturen, Prozesse und den klaren Willen zur Skalierung“, sagt der Gründer und Direktor des Instituts für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien. „Manchmal wachsen die Fähigkeiten des Gründers mit, manchmal passen sie nicht mehr. Dann ist ein gut geplanter Wechsel sinnvoll“, erklärt Franke.

Nikolaus Franke gründete 2001 das Institut für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien und leitet es seither. | © WU Wien

Bei the female factor war – ähnlich wie bei woom – irgendwann einfach die Luft raus. Es war Zeit, Platz zu machen für frischen Wind. „Wir beide sind eher Builder als System-Maintainer“, sagt Mahdis Gharaei. Nach intensiven Aufbaujahren fehlte den Gründerinnen die Energie, das Unternehmen weiterhin mit der gewohnten Kraft voranzutreiben. „Das Problem in einem Startup- Umfeld ist, dass es nie genug ist“, sagt Tanja Sternbauer. „Du gibst immer dein Bestes – und trotzdem waren wir nie an dem Punkt, wo wir dachten, wir könnten mal chillen.“ Der Rückzug aus der Führungsrolle bedeutete deshalb auch ein Gefühl von Erleichterung.

Identitätskrise

Nach Jahren voller Schlafmangel, hohem Druck und dem ständigen Gefühl, nie genug zu leisten, klingt der Abschied vom CEO-Posten zunächst wie eine Erlösung. Doch so einfach ist das Loslassen selten. Gerade die Aufbauphase eines Startups ist intensiv. Sie fordert Zeit, Energie und nicht selten auch ein Stück der eigenen Identität. „Ein Unternehmen zu schaffen, das ist mehr als nur ein Job. Man verwirklicht etwas, man überwindet zahllose Hindernisse, man ist stolz auf den Erfolg. Man identifiziert sich mit dem eigenen Unternehmen“, erklärt Franke.

Auch die woom-Gründer kennen diesen inneren Konflikt nur zu gut: „Wir hatten dann schon eine Identitätskrise. Man definiert sich so stark über das, was man im Job macht – und auf einmal muss man sich fragen: Was machst du jetzt eigentlich? Das hat uns beide ziemlich beschäftigt“, erzählt Ihlenfeld. Eigentlich hatten sich die woom-Gründer auf mehr Zeit mit der Familie und eine bewusste Auszeit gefreut. Doch die Realität sah anders aus: „Wenn du dein Leben lang um Work-Life-­Balance kämpfst, und irgendwann hast du nur noch Life, dann bist du nicht mehr in der Balance, weil dir fehlt ja der Work-Teil. Der hat bei uns auch 95 Prozent des Lebens – und das für zehn Jahre – ausgemacht. Dieser Part fehlte uns auf einmal. Das wird total unterschätzt“, so Ihlenfeld. „Vielleicht war es auch so eine Art Pensionsschock, der 20 Jahre zu früh gekommen ist. Uns war dann eigentlich relativ bald klar: Die Pension ist das jetzt sicher noch nicht. Wir machen andere Dinge.“

Gesagt, getan: 2023 gründeten Ihlenfeld und Bezdeka ihr neues Unternehmen Poptop. Bei dem Kindermöbel-Startup hielten sich die Gründer operativ von Anfang an im Hintergrund. „Uns war langweilig und wir mussten irgendwas tun. Außerdem wollten wir sehen, was wir bei woom wirklich gelernt haben. Eines der Learnings war, dass wir von Beginn an in der zweiten Reihe stehen wollen und stattdessen junge Menschen ans Steuer setzen“, so Bezdeka. Und das soll erst der Anfang sein: Die nächsten zehn Jahre wollen sie zehn weitere Startups auf die Beine stellen.

Marcus Ihlenfeld und Christian Bezdeka mit ihren bisherigen „Startup-Babys“: woom und poptop. | © woom

Loslassen und vertrauen

Weder die Gründerinnen von the female factor noch das Duo hinter woom sind nach ihrem Rückzug aus dem operativen Geschäft ganz aus dem Unternehmen verschwunden. Stattdessen wechselten sie in beratende Rollen, um weiterhin unterstützend zur Seite zu stehen; und natürlich, um die Fäden nicht ganz aus der Hand zu geben. „Es ist die totale Challenge, sich nicht mehr einzumischen und zu erkennen, dass die Entscheidungen nicht mehr bei einem selbst liegen“, gesteht Tanja Sternbauer. „Es ist bestimmt auch schwierig mit uns zwei als Persönlichkeiten: Wir haben ständig zu allem immer eine Meinung und alles weiß man besser.“ Auch Mahdis Gharaei kennt diesen inneren Konflikt: „Ich musste lernen, dass ich in der Rolle nicht mehr bin, wo ich das Schiff leiten muss, sondern ich höre zu und lasse mich leiten. Für mich ist das extrem schwer. Das war so ein Switch und hat ein bisschen gedauert.“

Diese Herausforderung – loszulassen, ohne völlig loszulassen – kennen auch die woom-Gründer. „Das Problem ist, wenn jemand nicht so performt, wie du dir das erwartest, dann involvierst du dich wieder und bist quasi fast am Micromanagen“, sagt Ihlenfeld. Besonders schwer fiel es, zuzusehen, wenn Entscheidungen getroffen wurden, von denen sie schon im Vorfeld wussten, dass sie nicht funktionieren würden. „Das war für uns persönlich eine der schwierigsten Challenges. Aber irgendwann verstehst du, dass du eigentlich ein Störfaktor in dem System bist und dass du wirklich den Mund halten musst. Diese Phase des Mundhaltens hat mich persönlich wahnsinnig viel Energie gekostet“, sagt Bezdeka.

Dieses Verhalten sei keineswegs ungewöhnlich, bestätigt Nikolaus Franke – ganz im Gegenteil. Der Experte für Entrepreneurship begegnet diesem Phänomen in seiner Arbeit immer wieder. „Nachfolge ist ein Prozess, kein Ereignis. Kommunikation, eine klare Rollenverteilung und vor allem wechselseitiges Vertrauen sind sehr wichtig. Und dann ist natürlich ent­scheidend, dass der Loslassende auch tatsächlich loslässt und den Neuen machen lässt – sich also nicht einmischt, wenn Führungsstil und strategische Schwerpunkte anders sind“, erklärt er.

Frühes Comeback

Nachdem man die Rolle der Führungskraft abgibt, hat man vor allem eines: Zeit. Zeit, von der man vorher nur träumen konnte. Mahdis Gharaei konnte unter der Woche zum Pilates gehen oder sich einfach um sich selbst kümmern. Dinge, die viele als Entlastung empfinden, fühlten sich für sie zunächst ungewohnt an. „Ich habe für mich gemerkt, dass ich nicht zu 100 Prozent ich selbst bin. Ich habe nach vier Monaten gespürt, dass mir persönlich ein bisschen etwas fehlte“, gesteht die Co-Founderin.

Viel Zeit, um sich an die neue Rolle im Hintergrund zu gewöhnen, blieb den Gründerinnen aber nicht. Nur sechs Monate nach dem offiziellen Rückzug aus der Geschäftsführung von the female factor kam eine überraschende Wendung: „Jetzt haben sich Dinge entwickelt, die wir auch erst vor Kurzem erfahren haben. Wir werden doch anscheinend früher zurückkommen als gedacht“, verrät Gharaei. Der Grund: Eine der Nachfolgerinnen hat festgestellt, dass die Rolle als CEO nicht das Richtige für sie ist. „Lisa merkte, dass sie sich in der CEO-Rolle nicht wiederfindet. Wir mussten uns dann fragen: Okay, what now?“, erzählt Sternbauer. Lange überlegen mussten die beiden nicht, denn die Lust, wieder aktiv einzusteigen, war schnell wieder da. „Es hat mehr Stabilität gebraucht und einfach ein bisschen Ruhe in der Firma. Das haben die beiden super gemacht. Aber in der eher schwierigen wirtschaftlichen Zeit macht es mehr Sinn, wieder verrückte Ideen umzusetzen. So we are back“, sagt Sternbauer. Seit Anfang Juli sind beide Gründerinnen wieder als Geschäftsführerinnen tätig. Auch bei Gharaei ist die Freude und Motivation spürbar: „Wir sind refreshed. Wir haben wieder neue Ideen, weil wir das Ganze mit Abstand betrachten konnten.“

Groß denken

Obwohl die Gründerinnen früher als gedacht wieder in die Führungsrolle zurückgekehrt sind, blicken sie dankbar auf die kurze Pause zurück. „Die Pause hat mich als Perfektionistin gelassener gemacht. Vorher habe ich bei allem 180 Prozent gegeben, und jetzt habe ich gemerkt, es geht auch mit 80 Prozent. Mein Anspruch hat sich geändert und es ist so viel einfacher“, sagt Sternbauer. Seit ihrer Rückkehr übernehmen die beiden zwar wieder die Geschäftsführerinnenrolle, operative Aufgaben stehen aber weniger im Vordergrund. „Du kannst noch immer die Verantwortung tragen fürs Unternehmen und CEO sein, aber musst jetzt nicht operativ überall eingebunden sein. Jetzt merkt man, dass man nicht überall involviert sein muss, auch wenn man am Ende unterzeichnet. Das war für mich ein großes Learning“, findet auch Gharaei. Die neue Klarheit gibt ihnen Raum für das, was sie wirklich antreibt: Visionen entwickeln und groß denken.


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Andreas Klinger ist einer der Initiatoren von EU Inc | (c) brutkasten / Dervisevic
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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Nach mehreren Karrierestationen bei großen Tech-Unternehmen kehrte der Österreicher Andreas Klinger während der Coronakrise aus dem Silicon Valley nach Europa zurück. Mittlerweile zählt er mit seinem Fonds Prototype zu den einflussreichsten Deeptech-Investoren des Kontinents und kämpft mit der Initiative „EU Inc.“ für einen geeinten europäischen Markt. Im Interview spricht er darüber, worauf er bei Investments schaut, über Robotics als Europas Chance, die Schwächen des EU-Inc.-Entwurfs – und darüber, warum die EU für ihn nur ein „Debattierklub“ ist.


brutkasten: Dein Fonds Prototype wurde kürzlich von 20VC als zweitbester Microfund Europas genannt. Du selbst wurdest von Dealroom unter die Top 30 der „Most Influential People in Deeptech in Europe“ gelistet. Was ist dein Erfolgsrezept?

Andreas Klinger: Glück. Glück in der Karriere zu haben würde ich auch jedem empfehlen.

Du sprichst deine Karriere an: Du warst beispielsweise CTO von Product Hunt. Wie hilft dir das, was du zuvor gemacht hast, jetzt als Investor?

Fast alle Stationen in meiner Karriere – egal ob als Founder, bei Product Hunt, AngelList oder On Deck – haben mir eine sehr gute Metaperspektive auf Startups gegeben. Also nicht nur auf eine spezifische Branche, sondern auf Startups als eigene Gesamtmechanik, oder wie man in der Ökonomie sagen würde: wie man Hochrisiko-Investments in der Innovation Economy macht. Diese Metaperspektive gibt mir einen gewissen Vorteil, den der typische Investor nicht hat. Wobei ich der starken Überzeugung bin, dass der typische Investor keine Benchmark sein sollte. VC folgt dem Power Law, genauso wie Startups. Du konkurrierst nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit den oberen zehn, fünf oder einem Prozent und das auf globaler Ebene.

Du bist mittlerweile zu einer sehr starken Stimme für Europa geworden. Bevor wir über dein Engagement für die „EU Inc.“ sprechen: Wie ist der Beschluss gefallen, es in Europa mit einem eigenen Micro-VC zu versuchen?

Ich bin aktiv geworden, weil ich mitbekommen habe, wie immer mehr meiner amerikanischen Kollegen und Freunde sehr abfällig über Tech in Europa und generell über Europa geredet haben. Das Problem dabei war: Die Hälfte der Dinge, die sie gesagt haben, schwankte irgendwo zwischen Propaganda, Misinformation oder absolut schwachsinniger Simplifizierung. Die andere Hälfte hat aber leider ziemlich gestimmt. In Europa hast du durch den kleineren Markt echte Nachteile. Viele denken, Europa sei ein Riesenmarkt, aber das stimmt nicht, weil alles in Silos fragmentiert ist. Du agierst nicht auf europäischer Ebene, sondern auf österreichischer oder slowenischer Ebene. Die einzelnen Märkte können nicht mit Amerika oder vor allem mit China konkurrieren.

Skalierung ist hier ein reales Problem. Wenn du in deinem eigenen Land viele große Kunden hast, ist es leichter, groß zu werden. Ob wir das in Europa mit den verschiedenen Sprachen jemals lösen können, ist eine Frage, aber das Problem besteht eben auch auf Investorenseite. Wenn du als Startup von Tag eins an mit China und Amerika konkurrierst, summiert sich jeder kleine lokale Nachteil.

Aus der Grundidee heraus, dass wir paneuropäische Lösungen für paneuropäische Probleme brauchen, ist mein Engagement entstanden. Bei EU Inc. geht es zum Beispiel darum, wie man Corporate Investments und Stock Options auf paneuropäischer Ebene in einen Standard gießen kann, der groß genug ist, sodass jeder Investor auf der Welt mit drei Klicks mitmachen kann, ohne erst herausfinden zu müssen, wie das Rechtssystem in Slowenien funktioniert und ob der lokale Anwalt überhaupt Ahnung von Startups hat. In der Praxis macht das sonst niemand, weniger als 18 Prozent der Frühphasen-Investments sind paneuropäisch.

Vor einiger Zeit wurde der EU-Inc.-Verordnungsentwurf der EU-Kommission veröffentlicht. Du warst nicht ganz zufrieden damit. Was ist gut gelungen und wo muss man nachbessern?

Sehr spannend ist, dass die Kommission den Ansatz nach unserem Projekt benannt hat. Das Proposal selbst ist aber nicht wirklich das, was wir vorgeschlagen haben, sondern eine typische EU-Lösung. Das Hauptproblem: Weil die EU Angst vor einem einstimmigen Votum hat – das leider für alle großen Dinge in Europa nötig ist –, haben sie eine Art Workaround entwickelt. Sie sagen: Es bleibt alles national, aber es wird alles genau gleich aufgebaut. In der Praxis heißt das: Du hast zwar dieselbe rechtliche Entität in jedem Land, aber die Gerichtshöfe und Firmenbücher bleiben lokal. Es ist zwar toll als administrative Harmonisierung, aber wenn ich wirklich schnell 100 Millionen in eine Company investieren will, brauche ich absolute rechtliche Klarheit.

Der Gesetzgebungsprozess passiert erst jetzt. Was ist in den nächsten Schritten noch möglich, um Verbesserungen zu erzielen, und was ist der Plan B?

Grundsätzlich gibt es zwei Pfade. Der eine: Man repariert den jetzigen Vorschlag, indem man ein zentralisiertes Firmenbuch und einen zentralisierten Gerichtshof einführt. Das könnte man theoretisch sogar komplett optional gestalten, ähnlich wie beim Patentrecht. Plan zwei ist ein Neustart: Man versucht es noch einmal als echtes 28th Regime mit den korrekten EU-Artikeln, aber nicht über ein einstimmiges Votum, sondern über die sogenannte Enhanced Cooperation – ein Opt-in-Verfahren für einzelne Länder, das über die EU moderiert wird. Mindestens neun Länder müssen dafür an Bord sein.

Wir wissen, dass in einigen Ländern ein sehr starkes Interesse besteht. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass die EU keine Regierung im klassischen Sinne ist, sondern eher eine Art Debattierklub. Die Länder müssen sich nun entscheiden: Wollen wir mehr Europa oder nicht? Die Spieltheorie macht das für die einzelnen Staaten sehr schwierig, weil zwar alle sagen, sie wollen mehr Europa, in Wahrheit aber niemand Kompetenzen abgeben möchte. Das ist die Grundfrage unserer Generation: Werden wir ein starker, vereinter Block wie die USA oder bleiben wir einzelne Länder mit ein paar Handelsbeziehungen wie in Lateinamerika? Letzteres wird von größeren Akteuren wie China und den USA sehr stark gegeneinander ausgespielt.

Du hast nun auch Erfahrungen als eine Art Insider in der EU-Politik gesammelt. Wie war das für dich persönlich?

Ich nehme daraus vier Learnings mit. Das erste: Die Kommission wird von den Mitgliedsstaaten gerne als „Shadow Government“ dargestellt – „die Bösen in Brüssel, die uns Dinge aufzwingen“. In Wahrheit liegt die gesamte Entscheidungsmacht bei den Mitgliedsstaaten. Alle Erfolge werden gerne national verbucht, alles Furchtbare ist europäisch.

Das zweite Learning: Der Job eines Politikers ist nicht so, wie man ihn sich vorstellt. Man denkt oft, man müsse nur die richtige Information zur richtigen Entscheidungsperson bringen und dann wird das Problem gelöst. Aber das Problem ist nicht, dass Politiker nicht zuhören. Sie hören Tausende Dinge, die sich widersprechen, von Leuten mit völlig verschiedenen Incentives. Der Job in der Policy-Arbeit besteht nicht darin, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen, sondern Signal versus Noise zu filtern und komplexe Probleme zu simplifizieren. Drittens besteht die Aufgabe von Politikern darin, Momentum wahrzunehmen und abzugleichen, wo wirklich Bewegung herrscht.

Und mein letztes Learning: Wenn du aus einem Meeting mit einem Politiker gehst und das Gefühl hast, du wurdest gehört, war es oft ein schlechtes Meeting. Ein guter Politiker gibt dir nämlich immer das Gefühl, gehört worden zu sein. Produktiv war das Meeting erst, wenn du wirklich die internen Probleme der anderen Seite verstanden hast. Wenn man in einem Startup arbeitet und überlegt, in die Politik zu gehen, ist mein Haupttipp ohnehin: Lass es. Du hast wahrscheinlich mehr politischen Einfluss, wenn du eine Company baust, die Millionen oder Milliarden an Umsatz macht.

Um auf deinen Fonds Prototype zurückzukommen: Bei all den Herausforderungen investierst du dennoch in europäische Startups…

Wir investieren aus zwei Gründen in Europa. Erstens, weil Europa die nächsten großen BIP-treibenden Unternehmen hervorbringen muss, sonst sind wir weg vom Fenster. Zweitens, weil der Markt extrem unterschätzt wird. Wir sind in Europa Weltmeister in Hardware, Maschinenbau und Robotics, verkaufen uns aber ständig unter Wert. Wenn du den besten Roboter für eine Industrie baust, is es dem Kunden völlig egal, ob er aus China, den USA oder Europa kommt – solange es wirklich der beste Roboter der Welt ist.

Wir investieren daher sehr aggressiv in Themen, in denen Europa stark ist und die wir auch strategisch behalten müssen. Robotics erlebt gerade eine unglaubliche Entwicklung, eine Art „ChatGPT-Moment“, wo auf einmal Dinge möglich werden, die vorher unvorstenbar waren. Gerade in der CEE-Region, von Slowenien über Österreich bis in die Schweiz und nach Süddeutschland, haben wir wahrscheinlich eines der besten Machinery- und Manufacturing-Netzwerke der Welt.

Was sind die Schlüsselmerkmale, auf die du bei Gründer:innen schaust, wenn du dich für ein Investment entscheidest?

Da ich sehr früh investiere, ist die Entscheidung stark auf die Founder fokussiert. Es gibt für mich zwei zwingende Dinge, die überraschend selten vorkommen. Das erste ist Obsession. Ich empfehle technischen Foundern oft, anfangs gar nicht so sehr über das Business-Modell nachzudenken, sondern sich wirklich obsessiv in ein Thema reinzutigern und darin zu den besten zwei Prozent in einer Region zu gehören.

Das zweite ist „Bias to Action“, also ein starker Drang zur Umsetzung. Wir haben leider eine Gründerkultur, die extrem auf Pitch-Decks, Competitions, Acceleratoren und Startup-Programme fokussiert ist. Das ist alles Bullshit. Was du als Gründer brauchst, ist die Fähigkeit, in kürzester Zeit möglichst weit voranzukommen. Wir neigen zu einer Intellektualisierung des Ganzen – man sucht nach der perfekten Idee, anstatt einfach Traction aufzubauen. Es bringt nichts, ein Pitch-Deck zu schreiben, bevor man mit Kunden geredet hat. Sprich mit 50 Kunden, hol dir die Aufträge: und wenn du nicht mehr nachkommst, such dir das Investment für diese große Opportunity.

Eine klassische Abschlussfrage: Wie optimistisch blickst du in die Zukunft – als Investor, aber auch bezogen auf Europa?

Ich glaube, Europa steht jetzt an einem Scheideweg. Wir müssen uns in einer Welt von Giganten entscheiden: Sind wir ein Gigant oder nur ein Netzwerk von guten Ländern? In Industrien, die dem Power Law folgen, bedeutet Marktdominanz alles – der Unterschied zwischen gut und großartig kann ein Faktor von eins zu hundert sein.

Es ist erschreckend, wie viele Zukunftsindustrien in Europa aktuell schon abgeschrieben werden. Wenn man in Brüssel redet, sagen viele, bei KI könnten wir ohnehin nicht mehr mithalten. Meiner Meinung nach ist das Blödsinn. Aber im aktuellen Setup, wenn wir als Europa nicht geeint auftreten, können wir tatsächlich nicht mithalten. Das Problem ist, dass diese Industrien die Zukunft sind. Aus Software wurde Cloud, aus Cloud wurde AI, aus AI wird nun Physical AI beziehungsweise Robotics. Mittlerweile zahlt jede Firma eine Art „ChatGPT-Steuer“. Wir können aber nicht ewig nur reine Kunden bleiben. Früher oder später müssen wir selbst Premium-Unternehmen haben, die Marktrelevanz besitzen, sonst sind wir geostrategisch einfach weg vom Fenster. Tech-Strategie und Geopolitik wachsen heute sehr stark zusammen.

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