31.03.2026
INTERVIEW

„Der Angreifer braucht nur ein gekipptes Fenster“ – KI und die Asymmetrie in der Cybersicherheit

Interview. Künstliche Intelligenz verleiht Cyberkriminellen nie dagewesene Geschwindigkeit und macht Angriffe durch Deepfakes oder unregulierte „Schatten-KI“ zur existenziellen Bedrohung. Im Interview erklärt Security-Experte Avi Kravitz, wie sich die Spielregeln der Abwehr radikal verändern und mit welchen Strategien sich Unternehmen im neuen Wettlauf gegen die Zeit rüsten müssen.
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Avi Kravitz, Founder & CEO von A-Team Rocks Consulting | (c) Martin Pacher / brutkasten

Avi Kravitz ist Gründer von A-Team Rocks Consulting, einer spezialisierten Security-Boutique mit den Schwerpunkten Securityberatung und Offensive Security. Seit fast 20 Jahren arbeitet er an der Aufklärung von Cyber-Sicherheitsvorfällen und tritt als Trusted Advisor für Kunden in ganz Europa auf. Im Interview spricht er über die massiven Veränderungen durch Künstliche Intelligenz, die Tücken von „Shadow AI“ und warum der Faktor Zeit heute entscheidend ist.


Du beschäftigst dich schon fast dein ganzes Leben mit IT-Sicherheit. Warum hast du Anfang 2020 A-Team Rocks Consulting gegründet und wo liegt euer Fokus?

Avi Kravitz: Ich beschäftige mich tatsächlich schon, seit ich zehn Jahre alt bin, mit diesem Thema. Beruflich mache ich das Ganze jetzt seit fast 20 Jahren. Vor etwa sechs Jahren hatte ich die Idee, viel Kompetenz auf Senior-Level in einer Firma zu bündeln. Daraus entstand A-Team Rocks Consulting, das ich Anfang 2020 gegründet habe.

Wir konzentrieren uns auf drei Hauptthemen: Erstens die technische Seite, also Offensive Security. Wir simulieren Hackerangriffe und führen klassische oder sehr spezielle Penetrationstests durch. Zweitens das Thema Security Management und Governance. IT-Security wurde früher oft als reines IT-Thema gesehen. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass es ein ganzheitliches Thema ist, das stark mit Organisation, Prozessen, Policies und den Mitarbeitern zusammenhängt. Die dritte große Säule ist das Security Monitoring, wo wir für unsere Lösungen die laufende Überwachung übernehmen. Zudem machen wir forensische Analysen und Incident Response, helfen Unternehmen also, wenn sie gehackt wurden.

Wie seid ihr dafür personell aufgestellt?

Avi Kravitz: Wir sind aktuell fünf feste Mitarbeiter. Dazu haben wir einen Pool von etwa 15 Senior-Experten, die wir projektbezogen als Freelancer hinzuziehen. Das gibt uns die nötige Flexibilität, um Projekte auf höchstem Niveau abzuwickeln.

Wenn wir auf das aktuelle Top-Thema schauen: Künstliche Intelligenz. Wie verändert KI die Lage für Angreifer und Verteidiger in der Cybersicherheit?

Avi Kravitz: KI hat einen massiven Impact. Es gibt und gab in der Cybersicherheit immer eine Asymmetrie zwischen Angreifer und Verteidiger. Der Verteidiger muss schauen, dass das ganze „Haus“ abgesperrt ist, alle Fenster und Türen zu sind. Der Angreifer braucht nur ein einziges gekipptes Fenster, um einzubrechen.

KI verschärft diese Asymmetrie und bringt drei große Problemfelder mit sich. Das Erste ist der Faktor Zeit. Vor der KI-Ära haben wir bei Angriffen oft über Stunden und Tage gesprochen. Mit KI-gestützten Angriffen reden wir immer öfter über Minuten. Das ist signifikant, denn der Umkehrschluss lautet: Die Verteidigung muss genauso schnell reagieren können.

Was sind die anderen beiden Problemfelder?

Avi Kravitz: Das Zweite ist das Thema Täuschung. Vertrauen wird durch KI und Deepfakes massiv auf die Probe gestellt. Laut Microsoft ist KI-gestütztes Phishing mittlerweile rund dreimal effektiver als klassische Kampagnen. Früher hat man Phishing-Mails oft an schlechter Sprache oder schlechtem Design erkannt – heute sind sie sprachlich und visuell nahezu perfekt.

Das zieht sich auch ins Social Engineering. Wir hatten letztes Jahr einen Fall im deutschsprachigen Raum, bei dem ein Pharmaunternehmen einen hohen sechsstelligen Betrag durch einen Deepfake verlor. Die Angreifer hatten sich zuvor Zugriff auf das E-Mail-Konto einer zentralen Person im Unternehmen verschafft und dort über längere Zeit mitgelesen. So konnten sie laufende Geschäftsprozesse, Kommunikationsmuster und den nötigen Kontext genau nachvollziehen. Auf dieser Basis starteten sie eine Deepfake-Kampagne, die den CEO imitierte und sich über ein halbes Jahr aufbaute.

Nach diesen neun Monaten kam per Deepfake die Anweisung an den Geschäftsführer: „Bitte überweise diesen Betrag auf die Bank in Hongkong.“ Da der Kontext stimmte, hat er die Transaktion genehmigt. Erst am nächsten Tag, als er den echten CEO in der Schweiz traf, flog der Betrug auf.

Das klingt erschreckend. Wie lässt sich so etwas verhindern? Fällt hier die fehlende Governance ins Gewicht?

Avi Kravitz: Exakt. Wenn Unternehmen schon vor der KI-Zeit ihre Hausaufgaben im Bereich Governance nicht gemacht haben, fällt ihnen das jetzt auf den Kopf. Wenn kritische Geschäftsprozesse nicht durch ein Vier-Augen-Prinzip abgesichert sind, wird es gefährlich.

Für kritische Freigaben muss ein „Out-of-Band-Kanal“ etabliert sein. Das heißt: Wenn mich jemand anruft und drängt, sofort 100.000 Euro zu überweisen, muss ich über einen völlig anderen, unabhängigen Kanal zurückfragen: „Stimmt das wirklich?“ Solche fehlenden Prozesse machen KI-Angriffe jetzt noch verheerender. Zudem fehlen oft die Log-Files, also die „Augen und Ohren“ der IT. Wenn nicht entsprechend mitgeloggt wird und diese an sicheren Orten verwahrt werden, können wir in der Analyse im Nachhinein kaum oder nur schwer nachvollziehen, was in den vergangenen Monaten passiert ist.

Du hast vorhin noch ein drittes Problemfeld erwähnt.

Avi Kravitz: Ja, der Kontrollverlust. Wir nennen das „Shadow AI“‘. Früher sprach man von „Shadow IT“, wenn Mitarbeitende nicht freigegebene Geräte, Software oder Cloud-Dienste für die Arbeit nutzten. Heute verwenden Mitarbeitende für ihre Arbeit verschiedenste KI-Tools, oft ohne klare Regeln, Freigaben oder Sichtbarkeit für IT und Security.

Die Problematik: In diesen Tools landen sensible Firmendaten. Das Unternehmen gibt Interna heraus und hat keine Ahnung, wo diese Daten landen oder was die Anbieter damit machen. Es ist ein bisschen wie der Wilde Westen. Die IT hat darüber keine Hoheit mehr und klassische Security-Maßnahmen reichen hier allein nicht mehr aus. Auch das ist wieder ein Governance-Thema. 

Gibt es Unterschiede, wie Startups und Großkonzerne damit umgehen? Gerade im Vergleich zum Vorreiter Israel?

Avi Kravitz: Bei kleineren Startups in Österreich bekommt Cybersecurity ehrlicherweise oft noch zu wenig Aufmerksamkeit. Das liegt meist an knappen personellen und finanziellen Ressourcen. Für viele Startups haben Überleben, Produktentwicklung und schneller Markteintritt zunächst Priorität.

Israel ist im Cyberbereich deutlich reifer aufgestellt. Dort ist Cybersecurity oft sehr anwendungsnah und einsatzgetrieben. Die Einheit 8200 des israelischen Militärs bringt seit Jahren starke Cyber-Experten hervor, und das Ökosystem ist darauf ausgelegt, Startups früh mit Kapital, Netzwerk und internationaler Skalierung zu unterstützen. Dadurch fällt es vielen Unternehmen dort leichter, neue Technologien wie KI auch in der Verteidigung schneller zu adaptieren.

Wir leben auch in geopolitisch sehr angespannten Zeiten. Hat der Russland-Ukraine-Konflikt die Bedrohungslage für Unternehmen verändert?

Avi Kravitz: Definitiv. Seit dem Ausbruch des Ukrainekriegs ist Cyber für Unternehmen viel stärker als geopolitischer Risikofaktor sichtbar geworden. Wir sehen seither, dass staatliche und staatsnahe Akteure digitale Angriffe gezielt mit politischen und militärischen Zielen verknüpfen – etwa durch Wiper-Malware, die nicht auf Verschlüsselung, sondern auf gezielte Zerstörung ausgelegt ist, durch DDoS-Kampagnen zum Lahmlegen von Systemen, durch Angriffe auf kritische Infrastrukturen oder durch Angriffe entlang digitaler Liefer- und Dienstleisterketten. 

Besonders deutlich wurde das bei Angriffen auf die ukrainische Energieversorgung, etwa durch die russlandnahe Hackergruppe Sandworm und durch Industroyer2, eine speziell für Energie- und Steuerungssysteme entwickelte Schadsoftware. Für Unternehmen in Europa ist die Bedrohung dadurch greifbarer geworden, weil nicht nur einzelne Systeme, sondern auch Lieferketten, Dienstleister, Energieversorgung und digitale Abhängigkeiten stärker in den Fokus rücken.

Zusammenfassend: Wenn ein Unternehmen jetzt aufrüsten möchte, welche konkreten Tipps gibst du mit auf den Weg?

Avi Kravitz: Es gibt keine Silver Bullet und keine einzelne Maßnahme, die alle Probleme löst. Es braucht immer einen Mix aus technischen, organisatorischen und prozessualen Schutzmaßnahmen. 

Erstens: Identitäten schützen. Angreifer zielen heute sehr häufig auf Zugangsdaten, Tokens und privilegierte Konten. 

Zweitens: starke Authentifizierung und klare Verifikationsprozesse. Dazu gehören konsequente MFA und gerade im Zeitalter von Deepfakes, CEO-Fraud und Social Engineering eine zusätzliche, unabhängige Out-of-Band-Verifikation bei sensiblen Vorgängen wie Zahlungen, Kontowechseln, Freigaben oder Zugriffsänderungen – idealerweise nach dem Vier-Augen-Prinzip. 

Drittens: Systeme konsequent aktuell halten. Sicherheitsupdates schließen bekannte Schwachstellen, bevor Angreifer sie ausnutzen können. Und weil Angreifer heute oft in Minuten statt in Tagen agieren, wird Geschwindigkeit beim Patchen und Absichern zum entscheidenden Faktor. Das gilt nicht nur für exponierte Systeme, sondern für die gesamte IT-Landschaft – vom Server bis zum Client. 

Viertens: konsequentes Least Privilege. Niemand sollte mehr Zugriffsrechte haben, als für die jeweilige Aufgabe unbedingt nötig sind. 

Und fünftens: Monitoring. Gutes Monitoring ist unerlässlich, um Auffälligkeiten früh zu erkennen und im Ernstfall schnell reagieren zu können. Unternehmen brauchen heute mehrere Schutzebenen, nicht nur eine einzelne Maßnahme. Gleichzeitig sollte man KI nicht nur als Risiko sehen: Richtig eingesetzt kann sie auch auf der Verteidigungsseite helfen – etwa bei der schnelleren Erkennung von Auffälligkeiten, der Priorisierung von Vorfällen und der Entlastung von Security-Teams.


Event der AICC – Austrian-Israeli Chamber of Commerce im weXelerate

Wie brisant diese Entwicklung ist, zeigte sich erst kürzlich am 24. März 2026 beim Event „Cyber Security in the Age of AI“ der Österreichisch-Israelischen Handelskammer (AICC) im Wiener weXelerate. Vor rund 80 Gästen aus Wirtschaft und Tech-Szene brachte Avi Kravitz die aktuelle Bedrohungslage auf den Punkt: Die größte Gefahr durch Künstliche Intelligenz liege derzeit gar nicht in völlig neuen Bedrohungsformen, sondern in der massiven Beschleunigung bestehender Angriffe.

Photo (c) D.Mikkelsen v.l.n.r.: Benjamin Ruschin (Präsident, AICC), Michael Wilnitsky (Generalsekretär, AICC), Avi Kravitz (Founder & CEO, A-Team Rocks Consulting), Yaron Zehavi (Senior Enterprise Architect, Identity Architect & CIAM Product Owner, Raiffeisen Bank International), Christoph Moser (Chief Resilience Officer, Plasser & Theurer), Mara Weinblatt (Marketing & Kommunikation, AICC), Awi Lifshitz (Präsident, AICC).

Was für Abwehrteams früher ein „Stundenproblem“ war, wird durch KI zunehmend zum „Minutenproblem“. Gemeinsam mit Branchenexperten wie Christoph Moser (Plasser & Theurer) und Yaron Zehavi (Raiffeisen Bank International) warnte Kravitz auf dem Podium davor, dass Attacken durch KI nicht nur rasant skalieren und billiger werden, sondern auch in ihrer Täuschung kaum noch zu entlarven sind. Das eindringliche Fazit des Abends: Cybersicherheit darf kein technisches Nischenthema mehr bleiben, sondern muss im KI-Zeitalter zur zentralen Management- und Führungsfrage werden.

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Speedinvest-CEO Oliver Holle | (c) brutkasten / Haris Dervisevic
Speedinvest-CEO Oliver Holle | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Der KI-Boom der vergangenen Jahre hält nicht nur an. Zumindest was den Bereich Risikokapital angeht, erreichte er zuletzt seinen bisherigen Höhepunkt: OpenAI sicherte sich eine 12-, Anthropic und mehrere weitere US-AI-Unternehmen 11-stellige Investments. Nach SpaceX stehen weitere gigantische Börsengänge bevor, während die Marktkonsolidierung durch die Übernahme kleinerer KI-Startups voranschreitet.

Geht es nach Oliver Holle, Co-Founder, CEO und Managing Partner von Speedinvest, befindet sich die Welt in Sachen KI überhaupt erst am Anfang eines „Super Cycles“. „Artificial Intelligence ist eine immer noch unterschätzte Drehbewegung, die die ganze Branche umorientiert, auch die Venture-Branche“, sagt er im brutkasten-Talk.

„Brutaler und härter und natürlich auch viel, viel kompetitiver“

Auf deutlich niedrigerem Niveau und doch spürbar zeigen sich diese Entwicklungen auch in Europa und in Österreich. Auch getrieben durch KI stiegen die Investment-Volumina hierzulande zuletzt wieder stark an und Startup-Börsengänge sind aktuell wieder ein Thema. Was bedeutet das für den – Early-Stage-getriebenen – heimischen Venture-Capital-Sektor?

„Das Venture-Geschäft wird brutaler und härter und natürlich auch viel, viel kompetitiver“, sagt Holle. Und etwas salopper: „Die letzten paar Wochen waren crazy! Ich habe das so noch nie erlebt.“ Denn auch der Wiener VC sorgte in den vergangenen Wochen und Monaten für jede Menge Schlagzeilen. Im März berichtete brutkasten etwa von einem Stellenabbau, zuletzt dann von den großen KI-Exit-Deals für das Linzer Startup Emmi AI an Mistral und das Kieler (Deutschland) Startup Ona an OpenAI, bei denen Speedinvest jeweils Leadinvestor war.

Zur genannten Stellenkürzung sagt Holle: „Man darf das auch nicht überbewerten. Wir haben sechs Leute abgebaut, aber wir müssen auch die Speedinvest umbauen.“ Es sei ein „Aufstellen für die nächsten fünf Jahre, die sicher ganz, ganz anders sein werden als die letzten fünfzehn.“ Dabei setze man auch innerhalb der Organisation massiv auf KI. „Und wir müssen uns letztlich auch international so aufstellen, dass wir bei den allerbesten Deals gewinnen.“

„Wir sind alle inzwischen zu Hustlern geworden“

Denn die Top-Startups könnten sich aussuchen, wen sie als Investor hereinholen und würden sich oft für die großen US-Player entscheiden. Die Arbeit als VC bestehe mittlerweile nicht mehr primär im Screenen und Ausselektieren von Startups. „Die wirklich große Aufgabe ist, in die richtigen Runden reinzukommen“, so Holle. Hierbei gehe es um Teams, die einen entsprechenden Track Record hätten. „Wir sind alle inzwischen zu Hustlern geworden, aber weniger im Sinne von Geld eintreiben als im Sinne von Geld ausgeben.“ Und dabei investiere man mittlerweile wieder in Startups, die noch nicht einmal gegründet seien – „zu Bewertungen, die deutlich über dem liegen, was wir 2020 und 2021 gesehen haben“.

Oliver Holle im brutkasten-Studio | (c) brutkasten /Haris Dervisevic

Mit der neuen Arbeitsweise geht bei Speedinvest auch eine Anpassung der Strategie einher. Österreichische Startups spielen im Portfolio eine zunehmend geringere Rolle. Und: „Wir haben immer noch 90 Prozent des Fokus von Speedinvest in Europa, haben aber inzwischen eine kleine Unit für Middle East und Afrika aufgebaut – da sind wir mittlerweile einer der führenden Investoren“, so Holle.

Neuer Blick auf die Spätphase

Die Strategie-Frage ist aber keine rein geografische. Speedinvest entwickelt sich zunehmend in den Later-Stage-Bereich. Dabei soll die Aktivität in der Frühphase freilich nicht zurückgefahren werden. „Die einzige Chance, nachhaltig einen Growth Fund in Europa zu etablieren, ist Multistage. Das heißt, du fängst eigentlich in der Frühphase an, holst dir dadurch Zugang und baust dann aus dem heraus einen Growth Fund auf“, erklärt Holle.

Ambivalent steht er auch dem geplanten österreichischen Dachfonds gegenüber, der die Lage eben jener Spätphasen-Finanzierung verbessern soll. „Der Dachfonds ist eine gute Sache, er ist vernünftig und wird vor allem die Venture-Branche in Österreich stärken“, meint der Speedinvest-Chef. Aber: „Bis dieses Geld in Anschlussfinanzierungen sich durchdekliniert, werden noch einige Jahre ins Land ziehen und das wird jetzt keinen unmittelbaren Impact haben.“

Warum Speedinvest beim OpenAI-Exit profitieren wird

Sehrwohl unmittelbare Auswirkungen hat für Holle dagegen der aktuelle internationale Boom von Börsengängen, also das offene „IPO Window“. „Börsengänge von SpaceX, von OpenAI, von Anthropic werden enorm viel Kapital zurückspielen und das ist ein Trickle-Down-Effekt.“ Die vor allem US-amerikanischen institutionellen Investoren, die als Limited Partners (LPs) hinter den großen VC-Fonds stehen, hätten nämlich in den vergangenen sechs bis acht Jahren „extrem darunter gelitten, dass zu wenig Rückflüsse gekommen sind“, so der Speedinvest-Gründer. „Deswegen haben sie auch nicht neu investiert.“

Die aktuelle Welle an Börsengängen mache LPs weltweit also „wieder flüssig“. Und auch Speedinvest selbst werde etwa vom geplanten IPO des US-KI-Giganten OpenAI direkt profitieren. „Wir sind über den Ona-Exit nun auch bei OpenAI investiert“, erklärt Holle. Denn der nicht konkret bezifferte Kaufpreis – es soll sich um einen der größten Exits der vergangenen Jahre in Deutschland handeln – wurde teilweise in Unternehmensanteilen bezahlt. Letztlich gelte: „Wir brauchen Exits, die uns nicht fünfmal oder zehnmal, sondern hundertmal das Kapital zurückspielen, sonst funktioniert Venture nicht. Und das ist ja genau das, was jetzt passiert.“

Liquidation Preference: „Wirklich übrig bleiben dann eigentlich die Frühphaseninvestoren“

Denn bei den nicht so großen Exits gehen nicht nur Gründer:innen, sondern auch Frühphasen-Investoren immer wieder leer aus. Der Grund, der zuletzt in der heimischen Startup-Szene mitunter emotional diskutiert wird: die „Liquidation Preference“. Diese regelt, vereinfacht erklärt, vertraglich eine Mindestsumme, die bei einem Exit an VC-Investoren ausbezahlt wird, bevor die Gründer:innen an der Reihe sind. Wird hier etwa ein „Multiple“ von 3x vereinbart, bekommt der VC jedenfalls das Dreifache der investierten Summe (wenn die Exit-Summe überhaupt groß genug ist), bevor weiteres Geld verteilt wird. Über eine weitere Regelung – „non-participating“ vs. „participating“ werden zudem mögliche zusätzliche anteilige Auszahlungen neben dem genannten „Multiple“ definiert.

Wie handhabt das Speedinvest? „Es gibt in der Frühphasen-Venture-Branche inzwischen seit Jahren völlig klare Standards: 1x Liquidation Preference, einmalig, non-participating. Das ist für die Gründer extrem harmlos“, sagt Holle. Umgekehrt sei man aber durchaus von den Liquidation Preferences von Later-Stage-VCs betroffen. „Wir sind hier die engsten Verbündeten der Gründer, weil wir in der Liquidation Preference, genau wie sie, ganz unten sitzen.“ Als Beispiel nennt Holle das Investment in das E-Scooter-Startup Tier, bei dem nach zunächst sehr hoher Firmenbewertung eine Wertberichtigung gefolgt sei. „Wir haben das schon lange auf null abgeschrieben und die Gründer auch. Wir werden da kein Geld herausbekommen, auch wenn die Firma für 700 Millionen Euro verkauft wird“, so der Speedinvest-Chef.

Und er fügt an: „Es gibt aber einen großen Vorteil für Gründer: Wenn sie noch an Bord sind in einer CEO- oder Executive-Rolle, haben sie immer die Möglichkeit, sich einen Side-Deal herauszuverhandeln, und das machen sie auch alle. Wirklich übrig bleiben dann eigentlich die Frühphaseninvestoren oder die Mitarbeiter, die nicht mehr an Bord sind.“

„Das als 28th Regime zu verkaufen, ist einfach peinlich“

Deutlich äußert sich Holle auch zum Thema EU Inc. Er ist immer wieder öffentlich als Fürsprecher der gleichnamigen Inititative aufgetreten. Der daraufhin entstandene EU-Entwurf für eine paneuropäische Gesellschaftsform für Startups wird in der Szene aber bekanntlich dafür kritisiert, den Anspruch eines 28th Regime (neben den Rechtsrahmen der 27 Mitgliedstaaten) nicht zu erfüllen. „Wir sind immer noch in einer Situation, wo man glaubt, man kann sich durchschummeln“, sagt Holle. Es sei kein Problem der EU, sondern eines der Nationalstaaten, auf die es Druck auszuüben gelte. „Die Idee, hier ein Routing auf die einzelnen nationalen Lösungen hübsch als 28th Regime zu verkaufen, ist einfach peinlich und nicht adäquat für die Drucksituation, unter der Europa steht.“

Es gelte nun auch, schnell massive Mengen an Kapital in den europäischen Risikokapitalsektor „umzudirigieren“ – „und wenn wir das nicht tun, dann wird das für die europäische Gesellschaft nicht gut ausgehen“, meint der Speedinvest-Chef. Dabei mache er sich keine Sorgen um die Risikokapital-Gesellschaften selbst. „In unserer kleinen Bubble wird es uns gut gehen. Aber wer profitiert davon? Da profitieren im Moment die Pensionskassen in Kalifornien oder in Kanada, aber nicht die österreichische Gesellschaft.“

Dabei gehe es nicht nur um die zuvor erwähnten Rückflüsse, sondern auch um die aktuell viel diskutierte digitale Souveränität. „Wir haben natürlich einen enormen Investitionsdruck, die gesamte Infrastruktur, die diese KI-Welle braucht, auch in Europa umzusetzen“, so Holle. Und dass die aktuelle Welle der digitalen Souveränität auch von US-Investoren finanziert werde, weil europäisches Kapital dafür fehlt, sei paradox.

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