09.02.2017

Wenn am Land ein Greißler schließt, bleibt eine (Markt-)Lücke

In einem kleinen Ort im Weinviertel muss der Greißler nach langem Kampf ums Überleben schließen. Für einige ist das Verschwinden des Nahversorgers ein großes Problem. Diese Lücke könnte genutzt werden.
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(c) fotolia.com - Jr Casas

Wenn man hineinkommt fühlt es sich immer wie eine Zeitreise an. Man wird freundlich mit dem Vornamen gegrüßt und gefragt, wie es einem geht. Ist man im Kaufhaus, wie es heißt, unbekannt, kommt ganz sicher nach kurzer Zeit die vorsichtige Frage: „Und wo gehören Sie dazu?“. Auf etwa 100 m² gibt es in jenem Greißler in einer kleinen Ortschaft im Weinviertel eine erstaunlich große Auswahl. Brot und Weckerl frisch vom Bäcker, eine Feinkosttheke, frisches Gemüse und Grundnahrungsmittel auf der einen Seite. Getränke, Tiefkühlkost, Drogerie-Produkte, Papierwaren, Zeitungen und Zeitschriften, Nähbedarf und Zigaretten auf der anderen Seite. Am Post-Schalter kann man seine Briefe und Pakete abgeben und kleinere Bankgeschäfte erledigen. Es gibt sogar ein kleines Fairtrade-Regal und, angepasst an den Kirchenkalender, wird das Geschäft dann und wann zum Blumenladen.

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Unglaubliche Effizienz als Nahversorger

Klar, mit ein wenig ausgefalleneren Produkten kann man im Kaufhaus vielfach nicht dienen und Dinge wie Frischfleisch gibt es nur auf Vorbestellung. Es gibt Spaghetti und Reis nur von jeweils einer Marke und nur zwei Sorten Kartoffelchips. Auch die Öffnungszeiten kommen vielen nicht entgegen: Montag bis Samstag von 07:00 bis 12:00 Uhr. Aber eigentlich – das weiß und schätzt jeder im Ort – erfüllt der Greißler seinen Job als örtlicher Nahversorger mit einer nahezu unglaublichen Effizienz, wenn man die Größe des Ladens bedenkt. Entsprechend sind auch immer Kunden im Geschäft. Nicht nur ältere, nicht mehr so mobile Menschen, die wirklich darauf angewiesen sind, nutzen das Angebot. Fast alle Bewohner der Ortschaft und ihres Nachbarorts kommen regelmäßig.

Und doch ist es nun vorbei

Doch damit ist jetzt Schluss. „Nach reiflicher Überlegung und mit viel Wehmut habe ich mich, mit der Unterstützung meiner Familie, dazu durchgerungen, den jahrzehntelang über mehrere Generationen geführten Familienbetrieb zu schließen“, steht auf einem händisch unterschriebenen Flugblatt, das jeder Haushalt im Ort in seinen Postkasten bekommt. Die Übermacht der großen Lebensmittelkonzerne hätten die Betreiberin in den vergangenen Jahren immer stärker unter Druck gesetzt, schreibt sie. Die aktuelle Entwicklung sei schlecht, der Ausblick negativ. Ende April werde endgültig geschlossen, dafür sei bereits alles veranlasst.

Die Bestürzung im Ort ist enorm. Niemand hatte gewollt, dass es soweit kommt. „Hätte ich doch noch häufiger dort eingekauft“, hört man da und dort. Die beiden Supermärkte im, acht Kilometer entfernten, nächsten größeren Ort hätten zu oft mit ihrer größeren Auswahl und den deutlich längeren Öffnungszeiten gelockt.

Es krankt nicht an fehlender Nachfrage

Doch ist fehlende Kundschaft tatsächlich das vorrangige Problem? Es ist der Betreiberin des Kaufhauses doch schließlich gelungen, das vorhandene Potenzial unter den gegeben Umständen wirklich gut auszunutzen. Nein, viel mehr Kundschaft, die das Geschäft über deutlich höhere Umsätze lukrativ machen könnte, ist bei den zwei kleinen Ortschaften, die den Einzugsbereich bilden, einfach nicht drinnen. Die traurige Wahrheit ist wohl: Ohne große Kette im Hintergrund und damit deutlich besseren Einkaufspreisen lässt sich so ein Geschäft einfach nicht lukrativ betreiben. Klar, es gibt Gegenbeispiele. Doch bei denen verzichten die Besitzer meist auf Angestellte und verbringen täglich zwölf Stunden im Laden, um am Ende mit einem Einkommen auszusteigen, das sie als Filialleiter eines Supermarkts mit 40 Wochenstunden bekämen – ganz ohne Risiko.

Redaktionstipps

Es bleibt eine Lücke

Was bleibt ist eine Lücke. In dem Ort, in dem es früher einmal einen Bäcker, einen Fleischhauer und sogar noch einen zweiten Greißler gegeben hatte, schließt auch der letzte Nahversorger. Die älteren Damen, die schon seit Jahrzehnten ihre Fahrradkörbe und Nachzieh-Einkaufswägen beim Greißler befüllten, sind nun auf Verwandschaft und Freunde angewiesen, um mit dem Auto zum Supermarkt gebracht zu werden. Die Online-Shops der großen Ketten werden sie jedenfalls nicht nutzen – so viel ist sicher. Und auch die anderen Dorfbewohner werden sich wohl noch oft denken, wie praktisch es wäre, wenn es das Kaufhaus noch gäbe.

Nachfrage und Potenzial bleiben brach liegen

Das legt natürlich auch eine Schlussfolgerung nahe: Die für viele schmerzliche Lücke ist zugleich auch eine Marktlücke. In jenem Ort im Weinviertel öffnet sie sich gerade erst. In den meisten anderen kleinen Ortschaften in Österreich ist sie schon längere Zeit offen. Die Nachfrage nach Nahversorgung ist da. Nur das Jahrzehnte alte Konzept des Greißlers hat am von großen Ketten dominierten Markt offensichtlich ausgedient. Für diese Ketten wiederum rentieren sich kleine Standorte nicht. Also bleibt die Nachfrage und damit das Potenzial brach liegen.

Es fehlt nur die eine Idee

Hier sind findige Gründer gefragt. Man könnte mit einem innovativen Business-Modell in den österreichweit tausenden Ortschaften ohne Nahversorger ein schier gigantisches Feld bearbeiten. Es fehlt nur der eine Einfall, wie man diese hunderttausenden potenziellen Kunden lukrativ bedienen könnte. Dass diese Idee scheinbar noch niemand hatte, dass diese Lücke scheinbar nicht auffällig genug ist, um eine Masse an Gründern auf den Plan zu rufen, ist eigentlich seltsam.

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Die beiden Geschäftsführer von mathion.ai Christoph Blizenetz und Alexander Buchinger | © mathion.ai

„Nächste Stunde ist Mathestunde“, ist vermutlich einer der gefürchtesten Sätze vieler Schüler:innen. Die Aufgaben sind oft schwierig und zermürbend. Da bietet es sich im Zeitalter von KI an, einen kurzen Prompt zu schreiben und Sekunden später wird die Lösung geliefert. Der Lerneffekt hält sich dabei bei vielen Schüler:innen in Grenzen. Hier setzt mathion.ai an.

Die KI von Founder Christoph Blizenetz liefert nicht fertige Lösungen, sondern chattet mit den User:innen und bringt sie so zum Ergebnis. Nach einem Pilotprojekt feierte die KI ihren Launch im vergangenen August. Sie ist in der Schweiz, Deutschland und Österreich erhältlich.

Harvard: „KI-gestütztes Tutoring übertrifft aktives Lernen im Unterricht“

Unterstützung erhalten KI-Tutoren wie jene von Blizenetz von der US-amerikanischen Harvard Universität. Im Juni 2025 veröffentlichte sie eine Studie, laut der KI-gestütztes Tutoring aktives Lernen im Unterricht übertreffe. Studierende, die mit einem KI-Tutor arbeiteten, lernten „deutlich mehr in kürzerer Zeit“ als in einer Präsenzveranstaltung. Außerdem würden sich Schüler:innen stärker eingebunden und motivierter fühlen. Harvard betont die Wirksamkeit „einer breit zugänglichen KI-gestützten Pädagogik zur signifikanten Verbesserung der Lernergebnisse“ und erklärt, dass die Ergebnisse überzeugend für die breite Anwendung einer KI-gestützten Pädagogik sprechen.

ChatGPT bringt dir Fertigkeiten bei, „die einfach nicht stimmen“

Für Blizenetz kann nicht einfach eine beliebige KI zum Lernen verwendet werden. Als ehemaliger Nachhilfelehrer kennt er die Probleme, die auftreten können. „Eine Schülerin hat mittels ChatGPT, das war damals noch etwas Neueres, gelernt und sich dabei Fertigkeiten und Begrifflichkeiten angeeignet, die einfach nicht stimmen“, sagt der 21-Jährige und ergänzt: „Nicht, weil das Opus der Mathematik aus der KI bzw. der LLM falsch ist. Es ist einfach nicht so lehrplanbezogen, wie es nun einmal das Schulbuch aber auch eine Lehrkraft ist.“

Daher begann Blizenetz mit der Entwicklung von mathion.ai, das sich aktuell auf die fünfte bis zur achten Schulstufe fokussiere. Es sei aber ein Ausbau bis hin zu Matura geplant.

Das Programm baut auf einem sogenannten „sokratischen“ System auf. Es stellt User:innen immer wieder Fragen, bis jene die Lösung selbst erarbeitet haben. Mathion.ai möchte dadurch zum Nachdenken anregen.

Dabei kann mit der KI geschrieben als auch gesprochen werden. „Wir haben gemerkt, dass junge Menschen einfach lesefaul sind. Sie können oft einfach nicht mehr wirklich sachlich lesen und Informationen über Texte sauber aufnehmen“, erklärt der mathion.ai-Gründer. Der Text wird dabei nicht einfach vorgelesen, sondern erklärt, „wie es ein Mensch tun würde“.

Mathion.ai liefere nicht einfach nur Ergebnisse, es erarbeite die Lösungen mit den Schüler:innen gemeinsam. | © mathion.ai

Standardisierter Lehrplan

Mathion.ai arbeite dabei nicht nur mit willkürlichen Inhalten, sondern mit einem standardisierten Lehrplan durch seinen Verlagspartner Lemberger, dessen Schulbuch „Genial! Mathematik“ von der fünften bis zur achten Schulstufe in mathion.ai eingefügt wurde. User:innen können Aufgaben aus diesen Büchern auswählen.

Lehrer:innen haben auf der anderen Seite die Möglichkeit über ein Verwaltungsportal ihren Schützlingen Inhalte zuzuweisen. „Da haben wir tausende Übungsaufgaben, die auch kapitelweise in Blöcke gezielt nach Themenbereichen zugewiesen werden können, zu den Schüler:innen und zu den Gruppen“, sagt Blizenetz. Zusätzlich können Lehrkräfte im Verwaltungsportal die Lernstände ihrer Schüler:innen einsehen und auch Inhalte erstellen: „Wir haben da einen eigenen Editor, wo, wie in einer PowerPoint, Textelemente, Dateien, interaktive Aufgaben gebaut und erstellt werden können.“ Der virtuelle Coach Tom führt anschließend durch den Kurs. Zusätzlich können von Lehrer:innen Aufgaben erstellt und zugewiesen werden.

Pädagog:innen durch KI zu ersetzen „ist auch gar nicht unser Ziel“

Wenn die KI bereits eigene Kurse halten kann, drängt sich naturgemäß die Frage auf, ob Lehrkräfte nicht ersetzbar sind. „Weder Lehrpersonen noch Pädagogen wird man durch KI in irgendeiner Art und Weise wirklich ersetzen können, das ist auch gar nicht unser Ziel“, stellt der TU-Student fest. Auch herkömmliche Nachhilfe sieht Blizenetz als sinnvoll an. Für ihn ist mathion.ai eine „Ergänzung“.

Es gebe auch die Möglichkeit für Nachhilifeinstitute, Inhalte einspielen zu können. „Als Schüler bzw. Schülerin habe ich den Unterricht mit der Lehrperson in der Klasse und im Nachhinein kann ich dann die Inhalte, gezielt mit den Aufgaben und dem Input der Lehrperson, weiter üben“, sagt Blizenetz.

Von B2C zu B2B

Mathion.ai kommt ursprünglich aus dem sogenannten Nachmittagsmarkt, in dem Eltern für ihre Kinder ein Abo abschließen. Allerdings möchte sich das Unternehmen nun im B2B-Bereich etablieren.

„Es ist einfach sehr schwierig, vor allem als österreichisches Unternehmen, in diesem B2C-SaaS-Bereich (Anm.: Software-as-a-Service-Bereich) wirklich standhaft zu werden“, erklärt Blizenetz. In Zukunft will sich mathion.ai auf Bildungsinstitute bzw. Bildungseinrichtungen fokussieren. Daher möchte der Gründer sein Unternehmen als zertifizierter Anbieter des Bildungsministeriums auf dem Markt etablieren. Das sei aber ein langer Weg. Mathion.ai befinde sich aktuell am Anfang des Genehmigungsverfahrens, ab September 2027 wolle man die Zertifizierung haben.

100 % eigenfinanziert

Das Unternehmen, offiziell bereits im Juli 2025 gegründet, kommt bisher ohne Investoren-Kapital aus und ist von Anfang an gebootstrappt. Blizenetz hat mathion.ai in Zusammenarbeit mit Weitsprung Solutions aufgebaut, das einen KI-gestützten Lerncoach anbietet. Bisher hat das Unternehmen noch keine Förderungen erhalten, allerdings laufe ein Förderantrag bei Netidee und ein FFG-Antrag für ein Forschungsprojekt werde aktuell erstellt.

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