15.04.2026
SOZIALES UMFELD

Was mit Freundschaften passiert, wenn man ein Startup gründet

Wer gründet, baut nicht nur ein Unternehmen, sondern verändert auch sein soziales Umfeld. Ewa Lenart, Gründerin von Howie, und Daniel Keinrath, Co-Founder von fonio.ai, erzählen, weshalb einige Freundschaften am Erfolg zerbrechen – und warum das manchmal sogar notwendig für die Karriere ist.
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Ewa Lenart (Founder von Howie) und Daniel Keinrath (Co-Founder von fonio.ai). | © Suchart Wannaset, Kurt Keinrath

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 “Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Vielleicht beginnt es mit einer verpassten Nachricht oder einer abgesagten Geburtstagsfeier. Oder dem Moment, in dem man merkt, dass man Gespräche nicht mehr zu Ende führt. Während ein Startup wächst, schrumpft oft etwas anderes leise mit: Zeit. Und plötzlich stellt sich die Frage: Was passiert eigentlich mit Freundschaften, wenn ein Leben im Ausnahmezustand läuft?

„Der Kreis ist definitiv kleiner geworden, seitdem ich Unternehmer bin“, sagt Daniel Keinrath, Co-Founder und CEO von fonio.ai. Freundschaften bedeuten für ihn Geborgenheit, Spaß und Freude: „Es muss nicht alles im Leben Business sein“, sagt er. Und doch ist Arbeit gerade eine riesengroße Priorität im Leben des 26-Jährigen. „Ich glaube, ich könnte als Mensch nicht happy werden, wenn ich jetzt nicht eine große Firma bauen würde“, erklärt Keinrath. „Ich bin bereit, dafür viele Opfer zu bringen.“ Eine Sache musste vor allem in der Aufbauphase besonders unter seiner Karriere leiden: sein Privatleben; und damit auch die sozialen Kontakte.

Gründen verändert nicht nur das Leben der Gründer:innen, sondern auch das der Menschen um sie herum. Die Zeit wird knapper, während Gespräche einseitiger werden und Dynamiken sich verschieben. „Ein großer Teil einer Freundschaft ist der Austausch über alltägliche Themen. Bei mir dreht sich natürlich viel um Business“, sagt Keinrath. Sein Wiener Startup entwickelte einen KI-Telefonassistenten, für den es Ende 2025 ein Investment in Höhe von drei Millionen Euro erhielt. Seither ist fonio.ai stark auf Wachstums- und Expansionskurs.

Keinrath bemerkt manchmal die verschiedenen Lebenssituationen im Austausch mit Menschen in seinem Alter. Wenn er über Business-Themen spricht, fehlt oft das unmittelbare Verständnis. Der Kontrast sei vielleicht zu groß: Während er Teams aufbaut und Finanzierungsrunden vorbereitet, stehen viele mit Mitte 20 noch am Ende ihres Masterstudiums.

Daniel Keinrath ist Co-Founder und CEO des Wiener KI-Startups fonio.ai. | © Kurt Keinrath

Bedürfnisse im Ungleichgewicht

Diese Veränderungen in Freundschaften beobachtet auch Sonja Schmidradler, Business Coach und Leadership-Trainerin, bei vielen ihrer Klient:innen. „Freundschaften entwickeln sich auseinander, weil das Miteinander nicht mehr fließt“, erklärt sie. Es gehe um Geben und Nehmen – um ein Gleichgewicht. Wenn jemand nur mehr Zeit für den Job hat und der andere gemeinsame Erlebnisse sucht, gerät das System ins Wanken. Das passiere oft nicht bewusst, sondern schleichend, so Schmidradler.

Dabei gehe es selten um Schuld eines/einer Einzelnen, sondern um unterschiedliche Realitäten: Während die einen Stabilität suchen, brauchen die anderen Flexibilität. Dadurch entstehe eine Asynchronität in einer Freundschaft, die oft in Missverständnissen endet: Die eine Seite fühlt sich vernachlässigt, die andere missverstanden.

Dass Freundschaften sich manchmal verlaufen, sei ganz normal, erklärt Schmidradler. Nicht jede Beziehung könne jede Lebensphase tragen. Was heute auseinandergeht, kann außerdem irgendwann wieder zueinanderfinden. Darin liege auch die Chance, nicht alles sofort zu bewerten und jede Veränderung als Verlust zu lesen. „Lebensphasen bringen auch neue Freunde und stellen meistens infrage, wer deine alten Freunde waren“, sagt Schmidradler.

Schlechtes Gewissen

Viele Gründer:innen berichten von einem inneren Konflikt: Der Wunsch nach Nähe und Verbindung bleibt, die Kapazität dafür jedoch schrumpft. „Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber Freunden, weil es mir wehtut, dass ich so hart priorisieren muss“, sagt Keinrath. Doch für den Mehrfachgründer sind die Prioritäten derzeit nicht verhandelbar.

Samantha Tady würde trotzdem jedem Gründer / jeder Gründerin raten, Freundschaften hoch zu priorisieren. „Am Ende des Tages sind wir Menschen, die Beziehungen brauchen, damit es uns gut geht“, erklärt sie. Tady war selbst einmal Gründerin – heute ist sie Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision und Business Coach. Exit und Burn-out sind das, was am Ende von ihrem Unternehmen übrig geblieben sind. „Wenn ich mich daran zurückerinnere, hatte ich null Kapazität für Beziehungen“, sagt sie. Es sei also leichter gesagt als getan.

Die hohe Intensität, der Stress und die Verantwortung im Leben der Gründer:innen zwingen viele in den Überlebensmodus. „In dieser Zeit bräuchte man eigentlich Menschen um sich herum, die nach einem greifen und schauen“, so Tady.

Samantha Tady ist Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision und Business Coach. | © Julian Roniger

Auf die alten Zeiten

Oft sind es die alten Freundschaften, die am meisten Kraft geben. „Tatsächlich sind es die Freunde, die nichts mit der Arbeit zu tun haben, die mich wieder zurück auf den Boden bringen. Es ist ihnen einfach scheißegal, was ich mache“, sagt fonio.ai-Gründer Keinrath. In einem Alltag, in dem vieles an Leistung und Erfolg gekoppelt ist, tue es gut, außerhalb dieser Welt zu existieren – als normaler Mensch und nicht als erfolgreicher Gründer.

Für Ewa Lenart, Gründerin und CEO von Howie, ist Loyalität der Kern einer Freundschaft. „Ich halte meinen Freundeskreis gern klein“, sagt sie. Die meisten ihrer Freundschaften stammen noch aus der Zeit vor der Gründung ihres Wiener Proptech-Startups, das eine KI-gestützte Datenmanagement- und Analyselösung für die Bauindustrie entwickelte. Wirklich vergleichbar enge neue Freundschaften seien seitdem kaum dazugekommen. „Es braucht viel Energie, um Freundschaften zu pflegen. Gerade brauche ich auch keine neuen Freunde. Ich habe einen Partner, meine Familie und ein paar sehr enge Freunde. Das reicht mir vollkommen“, erklärt Lenart.

In ihrem Umfeld ist Lenart die einzige Gründerin. „Meine Freunde haben ganz unterschiedliche Karrieren. Aber das spielt absolut keine Rolle bei uns. Sie haben mich immer unterstützt“, sagt sie. Dass ihr Freundeskreis nicht nur aus Unternehmer:innen besteht, sei bewusst gewählt. „Manchmal habe ich kaum Zeit, aber ich gehe trotzdem mit meinen Freunden essen. Das ist etwas ganz anderes als ein Business-Dinner. Dort muss man performen; mit Freunden kann ich auch einfach still sein. Sie reden über ihr Leben und ich kann endlich abschalten“, erklärt die Gründerin.

Ewa Lenart ist Gründerin und CEO des Wiener Proptech-Startups Howie. | © Suchart Wannaset

Alles hat seinen Business Value?

Fast jede:r Unternehmer:in kennt diesen Satz aus Coaching-Büchern: „Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du Zeit verbringst.“ Die Menschen um dich herum entscheiden also im weiteren Sinne über deinen Erfolg. Oder? „Man fängt so direkt an, seine Beziehungen infrage zu stellen; ob diese Menschen noch in sein Leben gehören oder nicht“, sagt Tady. Sie warnt vor Schnellschüssen: „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, wo viele schnell einfach ‚Ciao‘ sagen. Ich finde das zu kurz gedacht.“

Auch Daniel Keinrath kennt diese Aussage. „Ich werde meine Freunde nie danach aussuchen, wer mir Business Value bringt und wer nicht“, sagt er. „Ich verbringe gerne Zeit mit Leuten, die nichts mit Business zu tun haben. Wichtig ist mir nur, dass sie irgendwas machen, das sie happy macht. Worauf ich gar keine Lust mehr habe, ist, wenn Leute in einem Zustand sind, der ihnen nicht gefällt, sie nichts dagegen unternehmen und dann darüber jammern“, ergänzt Keinrath.

Die entscheidende Frage sei eine andere, sagt Ex-Gründerin und Psychotherapeutin Samantha Tady: Was gibt mir tatsächlich langfristig Energie? „Es ist die Person, die Wärme gibt und dich in schwierigen Zeiten hält. Das zeigt doch, dass die Qualität der Beziehung, die du mit dieser Person aufgebaut hast, so gut ist, dass dein ganzes Nervensystem runterfährt. Ich glaube, dass wir in einer Welt, die nur auf Erfolg gepolt ist, genau diese Sachen aus den Augen verlieren“, sagt Tady.

Geteiltes Leid

Gleichzeitig entstehen neue Verbindungen oft dort, wo ähnliche Herausforderungen geteilt werden: innerhalb des Startup-Kreises. „Diese Personen verstehen einen besser. Ohne dass man Worte aussprechen muss, wissen sie aus eigener Erfahrung zu hundert Prozent, was man durchmacht“, so Tady.

Auch Leadership-Trainerin Sonja Schmidradler bestätigt das: „Gemeinsames verbindet. Dadurch entstehen natürlich auch neue Freundschaften. Dieses Miteinander – und dass man voneinander profitiert – ist ja auch bereichernd für beide Seiten.“ Für Ewa Lenart stehen im Startup-Umfeld vor allem der fachliche Austausch und die gegenseitige Unterstützung im Fokus. „Ich schätze den Kontakt zu anderen Gründer:innen sehr, aber meine engsten Freundschaften liegen außerhalb dieser Branche“, sagt sie. „Am Wochenende brauche ich ganz bewusst einen Ausgleich zu meinem Alltag als Unternehmerin.“

Zu glauben, man dürfe als Gründer:in nur unter Gleichgesinnten Freundschaften pfle-gen, ist laut Tady ein Trugschluss: „Wir sind zwar einerseits Gründer:innen, aber wir sind nicht nur das. Wir sind mehr als nur eine Sache.“

Sonja Schmidradler ist Business Coach und Leadership-Trainerin. | © Miriam Mehlman

Freundschaften im eigenen Unternehmen?

Und dann gibt es da noch eine besondere Konstellation: Freundschaften im Unternehmen. „Ich habe die Erfahrung gemacht, wie anspruchsvoll es sein kann, wenn enge persönliche Beziehungen und berufliche Verantwortung zusammenkommen“, sagt Lenart. „Das erfordert sehr klare Rollen und Grenzen.“

Daniel Keinrath hat damals sogar mit zwei Freunden ein Unternehmen gegründet. „Bei der vorherigen Firma war die Freundschaft die Basis für die Firma und nicht das Inhaltliche“, sagt er. Das Problem: Konflikte bleiben nicht im Büro. „Wir hatten leider mit einer Person einen Co-Founder-Clash. Wenn man dann trotzdem am Abend in derselben Freundesgruppe gemeinsam ein Bierchen trinkt, dann kann man sich dabei kaum in die Augen schauen. Das war eine anstrengende Zeit“, erzählt der Mehrfachgründer.

Bei seinem jetzigen Unternehmen hat Keinrath diesen Reibungspunkt nicht mehr: Er und Matthias Gruber seien an allererster Stelle Co-Founder und Businesspartner. „Das Geile ist, dass wir uns dazu noch so gut verstehen. Aber der Output war und bleibt immer an oberster Stelle; und es ist mir auch wichtig, dass das so bleibt“, sagt er. Mittlerweile sei aber auch hier schon eine enge Freundschaft entstanden.


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NovaLabs
© NovaLabs - Gründer von NovaLabs: Christian Gubik und David Schweiger (v. l.).

NovaLabs ist ein steirischer Produzent von Nahrungsergänzungsmitteln und hat seit der Gründung vor rund fünf Jahren den Umsatz jährlich verdoppelt: Allein heuer sollen 25 Millionen Euro erwirtschaftet werden, so das Ziel.

NovaLabs: Drei Millionen Euro in neue Anlagen

Das Wachstum veranlasste die beiden Gründer und Geschäftsführer David Schweiger und Christian Gubik nun zum nächsten Expansionsschritt: Nachdem heuer bereits rund zwei Millionen Euro in den Aufbau des kürzlich eröffneten zweiten Standorts in Graz-Rudersdorf geflossen sind, werden bis Jahresende weitere drei Millionen Euro in neue Maschinen und Anlagen investiert.

„Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel – von Proteinen und Kollagen über Vitamine bis hin zu Mineralstoffen – wächst extrem stark. Wir haben uns als Produzent mit hohem Qualitätsanspruch einen Namen gemacht. Mit der aktuellen Investition bauen wir unsere Kapazitäten gezielt aus, um mit der steigenden Nachfrage Schritt halten zu können“, erklärt das Gründerduo unisono.

Im Mittelpunkt des Investitionsprogramms stehen zwei neue Verpackungslinien für Kapseln am Standort Graz-Rudersdorf. Auch am Hauptsitz in Graz-Straßgang wird die Produktion erweitert: Eine neue Füllmaschine dosiert pulverförmige und optional auch flüssige Produkte automatisiert in Stickpacks. Ergänzt wird die Anlage durch eine neue Standbodenbeutel-Linie für wiederverschließbare Pulververpackungen sowie einen Pick-and-Place-Roboter. Damit soll vor allem die steigende Nachfrage nach pulverförmigen Produkten, insbesondere Kollagen, abgedeckt werden.

„Pulver im Standbodenbeutel oder in den Stickpacks ist derzeit eines der großvolumigsten Segmente am Markt. Gleichzeitig sehen wir weiterhin eine sehr starke Nachfrage nach Kapseln in unterschiedlichsten Formen und Rezepturen“, sagt Schweiger. Die neuen Anlagen werden dem Unternehmen zufolge sukzessive in den kommenden Wochen geliefert beziehungsweise in Betrieb genommen. Bis Jahresende soll das gesamte Investitionsprogramm umgesetzt sein.

Neue Mischhalle

Auch am Grazer Hauptsitz wird erweitert: In die bestehende Produktion wird eine neue Mischhalle mit drei Anlagen integriert. Dort werden Rohstoffe künftig automatisiert eingewogen, zugeführt und weiterverarbeitet. Zum Einsatz kommt unter anderem ein Kugelmischer mit einem Fassungsvermögen von rund 2.000 Litern. Zwei gegenläufig arbeitende Wellen würden dabei für eine gleichmäßige Durchmischung sorgen. Der Mischvorgang soll dadurch von bisher bis zu 20 Minuten auf rund 90 Sekunden verkürzt werden.

Dabei gehe es aber nicht nur um Geschwindigkeit, sagt Schweiger: „Die immer komplexeren Zusammensetzungen stellen auch höhere Ansprüche an die eingesetzte Mischtechnologie. Bei einer Rezeptur können beispielsweise mehrere hundert Kilogramm eines Rohstoffes mit nur wenigen Gramm eines anderen Wirkstoffes kombiniert werden. Auch bei diesen Kleinstmengen muss am Ende eine gleichmäßige Verteilung im gesamten Produkt sichergestellt werden.“ Das Gründer-Duo sieht darin auch einen Beleg für eine sich immer stärker professionalisierende Branche: „Was vor wenigen Jahren mit klassischen Fassmischern ausreichend war, genügt den heutigen Anforderungen nicht mehr.“

NovaLabs-Umsatz genährt durch Export

Bemerkenswert ist zudem, dass rund 50 Prozent des NovaLabs-Umsatzes mittlerweile im Export erzielt werden. Deutschland ist mit rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes inzwischen der wichtigste Auslandsmarkt. Weitere Produkte gehen unter anderem in die Schweiz, nach Belgien und Frankreich. Über Kunden und Vertriebspartner gelangen die in der Steiermark hergestellten Nahrungsergänzungsmittel darüber hinaus bis nach Dubai und China. „Unsere Kunden wachsen – und wir mit ihnen. Gleichzeitig gewinnen wir laufend neue Aufträge. Unsere Aufgabe ist deshalb, die Produktion heute bereits so aufzustellen, dass sie auch mit den Mengen von morgen umgehen kann“, sagt Gubik.

Der Expansionskurs macht sich bei NovaLabs auch bei der Beschäftigung bemerkbar. Anfang des Jahres verfügte NovaLabs über 76 Mitarbeiter:innen. Rund 30 zusätzliche Stellen wurden 2026 bislang geschaffen – die Beschäftigtenzahl ist damit auf über 100 gestiegen. Weitere Neueinstellungen sind bis Jahressende geplant.

„Je automatisierter und größer wir werden, desto wichtiger werden Menschen, die Prozesse verstehen, Anlagen beherrschen und unsere Strukturen mitentwickeln“, erklärt Schweiger. Für ihn und Co-Gründer Gubik ist die Millioneninvestition daher weniger Abschluss der jüngsten Expansion als Vorbereitung auf die nächste Wachstumsstufe, so die Geschäftsführer: „Am ursprünglichen Ziel hat sich nichts geändert: Wir sind angetreten, um Europas führender Produzent für Nahrungsergänzungsmittel zu werden. Dafür schaffen wir jetzt die industrielle Basis.“

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