15.09.2025
STIMMEN AUS DER SZENE

Was macht Europa im Innovationsbereich richtig?

Wir haben Personen aus der heimischen Innovationsszene gefragt, wo Europa – bei aller berechtigten Kritik an Regulierung und Co – im Innovationsbereich gute Arbeit leistet.
/artikel/was-macht-europa-im-innovationsbereich-richtig
Das sagt die heimische Innovationsszene über die Lage in Europa. | credits unten genannt

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Anja Hintermeier | Wien Energie

Anja Hintermeier ist Head of New Business & Venture Development bei Wien Energie. | © Lea Fabienne Business

Im Corporate Venture Building eines Energieversorgers profitieren wir von Europas Stärken: der Tiefe der industriellen Kompetenz und dem Fokus auf reale systemische Herausforderungen. Europas regulatorischer Rahmen schafft – gerade im Bereich Nachhaltigkeit und Energie – gezielten Raum für Innovation. Durch exzellente Universitäten und Forschungseinrichtungen haben wir Zugang zu unternehmerischen Talenten und zukunftsrelevanter Forschung.

Tanja Spennlingwimmer | aws

Tanja Spennlingwimmer ist Leiterin IP Management, Deep Technologies und Entrepreneurship bei der Austria Wirtschaftsservice GmbH. | © aws

Europa hat was drauf – und das dürfen wir ruhig sagen! Brillante Köpfe, engagierte Talente, erfahrene Macher:innen und gelebte Vielfalt machen unsere Innovationskraft aus. Wir investieren in KI, Green Tech und Quanten, der Wissenstransfer aus Hochschulen nimmt Fahrt auf, Forschung und Wirtschaft rücken enger zusammen. Wir wollen Wohlstand sichern, Umwelt schützen und mobilisieren öffentliches wie privates Kapital für die Innovationen von morgen. Let’s go, Europe!

Jodok Batlogg | Pina Earth

Jodok Batlogg ist Co-Founder und CEO von Pina Earth. | © darko todorovic

Europa setzt auf langfristige Innovation mit kultureller Tiefe. Förderprogramme wie Horizon oder LIFE sind Ausdruck eines abendländischen Denkens, das Vielfalt, Nachhaltigkeit und Verantwortung verbindet. Statt Turbokapitalismus: neue Wege, die Technologie, Natur und Gesellschaft zusammendenken.

Rudolf Dömötör | WU Entrepreneurship Center

Rudolf Dömötör ist Direktor WU Entrepreneurship Center. | © KD Busch

Europa ist vielleicht nicht der schnellste Ort für Innovation, aber hat erkannt, dass diese mehr ist als technologische Disruption: Sie braucht gesellschaftliche Relevanz, nachhaltige Werte und wissenschaftliche Tiefe. Genau das könnte in Zukunft unser entscheidender Vorteil sein.

Lee Barad | RacePace

Lee Barad ist Co-Founderin von RacePace. | © RacePace

Europa gibt Gründer:innen die seltene Freiheit, ihre Ideen zu erkunden, ohne sofort unter dem Druck zu stehen, Geld beschaffen zu müssen. Mit Fördermitteln, Forschungspartnern und Programmen, die Ausprobieren und Lernen unterstützen, ist es ein Ort, an dem man Neugier in Fortschritt und echten Impact verwandeln kann. Diese frühe Unterstützung finanziert nicht nur Projekte, sondern gibt auch das Selbstvertrauen, etwas Dauerhaftes aufzubauen.

Andreas Klinger | EU-Inc

Andreas Klinger ist einer der Initiatoren von EU Inc | (c) Prototype Capital
Andreas Klinger ist Investor und Co-Initiator EU-Inc | © Prototype Capital

Robotik, Manufacturing, Mining, Halbleiter und Space Tech sind aktuell besonders aufstrebende Startup-Branchen – und gleichzeitig Themen, bei denen Europa sowohl in der Forschung stark ist als auch das notwendige Partner-Ökosystem hat, um erfolgreich zu sein. Wenn es mit Projekten wie EU-Inc.org gelingt, systematische Probleme wie zu viel Regulierung und Fragmentation zu lösen, hat Europa hier seit Langem wieder eine starke Ausgangsposition.


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Die Dæly-Gründer v.l.: Paul Truffner, Florian Ritter und Alexander Walliser | (c) Dæly
Die Dæly-Gründer v.l.: Paul Truffner, Florian Ritter und Alexander Walliser | (c) Dæly

„Es ist so ein bisschen der iPhone-Moment für das Familien-Whiteboard“, sagt Florian Ritter, Co-Founder des Grazer Startups Dæly, im Gespräch mit brutkasten. Gemeinsam mit Paul Truffner und Alexander Walliser hat der 26-Jährige ein digitales Wandgerät entwickelt, das die traditionelle Zettelwirtschaft in Haushalten ersetzen soll. Der 15,6 Zoll große Touchscreen fungiert als zentrales Organisationsmedium und soll verstreute Kalender, Einkaufslisten und To-Do-Anwendungen vereinen.

Die Organisation in vielen Familien sei nämlich auf bis zu acht verschiedene, teils digitale und teils analoge Werkzeuge verteilt, erklärt Ritter. Kinder besäßen oft noch kein Smartphone, weshalb Eltern Termine zwar digital im Google- oder Apple-Kalender pflegten, parallel aber einen analogen Wandkalender führten, damit der Nachwuchs sehe, wann etwa das Fußballtraining stattfinde. Diese fragmentierte Organisation führe zu mangelndem Überblick, ständigen Missverständnissen und Koordinationsstress im Alltag.

„Wir bringen diese ganzen Tools in ein einziges System“

Um Abhilfe zu schaffen, führt das System verschiedene Datenquellen zusammen. „Wir bringen diese ganzen Tools in ein einziges System, das für alle funktioniert“, erläutert Ritter. Die Gründer haben das Gerät systemagnostisch aufgebaut, sodass Nutzer Google-, Outlook- oder Apple-Kalender synchronisieren können. Dies löse ein häufiges Problem in Partnerschaften, in denen die Beteiligten oft unterschiedliche Kalendersysteme nutzten. Über eine kostenlose Begleit-App für iOS und Android lassen sich Einträge auch von unterwegs verwalten.

Neben der Terminplanung bietet das Gerät eine Aufgabenverwaltung, ein Punktesystem für Kinder sowie eine Einkaufs- und Essensplanung. Für Ritter ist klar: „Unser Ziel ist es, das beste Familienhaushalts-Managementsystem zu bauen, das es gibt.“ Die kontinuierliche Weiterentwicklung erfolge auf Basis des Feedbacks einer engagierten Nutzerschaft, wobei das System Software-Updates automatisch und kostenfrei aufspiele.

Hardware-Entwicklung ohne Investorengelder

Im konkreten Segment, in dem es mehrere internationale Player gibt, ist man bereits Marktführer im DACH-Raum. „Wir sind bereits bei mehreren Tausend Familien im Einsatz“, sagt Ritter. Dabei setzt so ein Hardware-Startup bekanntlich eine stabile finanzielle Basis voraus. Hier unterscheidet sich der Weg des Unternehmens von einigen im Technologiesektor üblichen Mustern: Dæly ist vollständig eigenfinanziert und bereits profitabel. Für die Entwicklung und den Start investierten die Gründer einen sechsstelligen Betrag aus eigenen Mitteln, die sie unter anderem durch ihr bestehendes E-Commerce-Unternehmen „Tassenliebling“ erwirtschaftet hatten. Der weitere Aufbau erfolge primär über eine Vorbestellungskampagne sowie den laufenden operativen Cashflow. „Wir können das richtig gut aus dem eigenen Cashflow heraus stemmen“, sagt Ritter.

Er sieht in diesem „Finance Based Scaling“ eine zentrale Stärke des jungen Unternehmens. Auf Risikokapital wolle das Team vorerst verzichten, um die Unabhängigkeit zu wahren. Die Bildschirme lässt das Startup wie branchenüblich in China fertigen. Ritter räumt dabei ein, dass eine Produktion in Europa wünschenswert wäre, dass jedoch die Kosten für das Endgerät, das aktuell 300 Euro kostet, massiv steigern würde.

Fokus auf den DACH-Raum und europäische Sicherheitsstandards

Trotz der Hardware-Fertigung in Asien legt das Unternehmen großen Wert auf europäische Sicherheitsstandards. Ein zentraler Aspekt des Produkts ist die bewusste Abgrenzung von US-amerikanischen Cloud-Diensten. Um die Privatsphäre der Familien zu schützen, betreibt das Unternehmen seine Server ausschließlich in Deutschland. Synchronisierte Kalenderdaten speichert das System laut Herstellerangaben nicht zwischen. Die technische Infrastruktur verzichtet bei der Datenspeicherung auf US-Anbieter wie Google Firebase, um die Einhaltung der DSGVO und europäischer Sicherheitsstandards zu gewährleisten.

Beim physischen Produkt setzt das Startup auf Nachhaltigkeit: Das Gerät verfügt über keinen Akku. Ritter begründet dies mit der höheren Energieeffizienz eines direkten Stromanschlusses und dem Umweltschutz durch die Vermeidung seltener Rohstoffe. Der feste Standort an der Steckdose sichere, dass das Gerät stets für alle Familienmitglieder auffindbar bleibe. In den kommenden Monaten liege der strategische Fokus des Teams ganz auf dem DACH-Markt. Eine weitere geografische Expansion behalte man sich für einen späteren Zeitpunkt vor.

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