16.06.2025
LONGEVITY

Warum wir uns (nicht) gesund tracken sollten

Ob Self-Tracking unser Gesundheitssystem reformieren kann und welche Devices dafür am besten geeignet sind, verraten Calm/Storm-Partner Johannes Blaschke und Digital-Health-Forscherin Angelika Rzepka.
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Johannes Blaschke (li.) von Calm/Storm Ventures und Angelika Rzepka (re.), Scientist Digital Health Information Systems beim AIT Austrian Institute of Technology | Foto: Johannes Blaschke, AIT

Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe unseres brutkasten-Printmagazins „Neue Welten“. Das Magazin wird exklusiv an die wichtigsten Stakeholder des österreichischen Innnovations-Ecosystems zugestellt. Ein Download-Link findet sich am Ende des Artikels.


Die Zahl die 62 leuchtet auf seinem Handgelenk. „Was, nur 62?“ Die Laune ist im Keller – der Sleepscore offensichtlich auch. Vermutlich hatte der Proband auf eine bessere Schlafqualität gehofft; zumindest besser, als sie ihm seine Smartwatch weismachen will.

Unser Proband hat nicht schlecht geschlafen, aber sein Körper ist laut Smartwatch nicht erholt. Eigentlich hatte sein Device ja lediglich die Intention, seine Gesundheitsdaten quantitativ aufzubereiten und brauchbar zu analysieren. Vielleicht wollte sie ihm aber sagen: „Geh heute früher ins Bett“ oder „Lass den Kaffee nach 15 Uhr weg“.

Das Problem

Szenarien wie diese könnten fleißigen Tracker:innen bekannt vorkommen: Ein Blick auf das Smartwatch-Display sagt etwas anderes, als man erwartet hätte. Ist das gefährlich? Entfernen wir uns damit von unserem Körpergefühl?

Die Antworten auf diese Fragen sind vielschichtig – das sagen auch Expert:innen. Warum wir uns gerne tracken, hat mehrere Gründe; sei es das Interesse an einem gesunden Körper oder das Verlangen nach Kontrolle, um in einer Welt, die geopolitisch und wirtschaftlich zu zerbröckeln scheint, wenigstens die Kontrolle über sich selbst zu behalten.

Zu jedem dieser Zwecke kann das Health-Tracking ein passendes Tool sein. Das meinte auch Medienwissenschaftler Oliver Zöllner im Rahmen eines SWR-Podcasts im Oktober 2024: „Vielleicht hat das (Tracking, Anm.) etwas mit einer Sehnsucht nach Unsterblichkeit zu tun.“

Im selben Podcast wirft auch Soziologe Stefan Selke eine These in die Runde: „Wir leben in einer erschöpften Gesellschaft. Das Einzige, worauf wir wirklich Einfluss haben, ist nicht die große Welt oder die Politik, sondern unser Körper, unsere eigene Lebensführung. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum das Tracking so populär geworden ist: weil es mit einer Kontrollillusion versehen ist.“

Die Sehnsucht

Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit kommt nicht von irgendwoher. Laut dem Austrian Health Report aus dem Jahr 2022 verwenden fast die Hälfte der Österreicher:innen (49 Prozent) zu- mindest einen Gesundheitstracker in ihrem Alltag, 20 Prozent davon so gut wie immer. Am ehesten neigen Personen zwischen 30 und 44 Jahren zum Health-Tracking via Wearables. Überraschenderweise ist das genau jene Altersspanne, in der meist erste Wehwechen oder die traditionelle Midlife-Crisis auftreten. Aber kann das Self-Tracking nicht nur die eigene Gesundheit, son- dern auch das Wohlbefinden unserer Gesellschaft positiv transformieren?

Johannes Blaschke, Partner bei Calm/Storm Ventures | Foto: Johannes Blaschke

Ja, könnte es, meint Johannes Blaschke. Er ist Partner bei Calm/Storm Ventures. Die Venture-Capital-Gesellschaft mit Sitz in Wien zählt zu den aktivsten Healthtech-Investoren in Europa. Nicht nur beruflich fokussiert er sich auf Healthtech-Innovationen, auch privat hat er bereits eine Affinität zum Self-Tracking entwickelt.

Die Realität

Dieses ist für ihn aber kein Selbstzweck: „Unser Gesundheitssystem ist auf ‚Sick Care‘ und nicht auf ‚Health Care‘ ausgerichtet. Ein Großteil unserer Gesundheitsausgaben geht in die Bekämpfung von chronischen Krankheiten, die oft vermeidbar wären“, erläutert Blaschke im Gespräch mit brutkasten.

Eine Rolle spielt der demografische Wandel: „Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der Menschen, die über sechzig sind, verdoppeln. Menschen werden älter, man lebt länger. Aber das heißt nicht, dass man unbedingt besser lebt. Der Lifespan verlängert sich – aber nicht zwingend der Health-Span, und ich glaube, das ist das entscheidende Argument, warum Self-Tracking boomt: Wir wollen länger gesund leben.

Dazu sollten bestimmte Krankheiten nicht erst nach ihrem Auftreten bekämpft, sondern vermieden werden: „Die meisten gehen zum Arzt, wenn sie Symptome spüren, weil unser System auf diesen Prozess ausgelegt ist. Was wir aktuell machen, ist reine Symptombekämpfung. Das ändert sich hoffentlich bald. Früher war unsere Gesundheit eine Blackbox, heute können wir sie mit Tracking-Tools beobachten.“

Auch das Argument, dass Prävention zu teuer sei, über- zeugt Blaschke nicht: „Jeder Euro, den man in Prävention investiert, würde dem Gesund- heitssystem vier Euro an Kosten sparen. Dennoch gehen aktuell weniger als fünf Prozent der Gesundheitsausgaben unseres Systems in die Prävention.“

Die Lösung

Die Lösung scheint einfach, kauf dir ein Wearable und tracke dich. Ganz so leicht geht das jedoch nicht, meint Angelika Rzepka, Scientist des Departments Digital Health Information Systems am AIT Austrian Institute of Technology. Sicherlich sei das Gesundheitstracking ein gutes Tool, um die Fitness zu steigern und gewisse gesundheitliche Ereignisse vorherzusagen. Aber Rzepka hat einen Einwand: „Aus einem Digital-Health-Aspekt heraus muss ich sagen: Daten werden sehr häufig ein- fach blind getrackt. Wenn man einen Mehrwert für das Gesundheitswesen schaffen will, muss man Mechanismen finden, um diese Daten zu aggregieren und auch einem Health-Care-Provider strukturiert zur Verfügung zu stellen.“

Angelika Rzepka, Scientist Department Digital Health Information Systems am AIT Austrian Institute of Technology | Foto: AIT

Die Daten

Um mit dem Self-Tracking also Nutzen für unser Gesundheitssystem zu erzielen, braucht es ein Health- Gateway zu unserem Gesundheitssystem, wie es Rzepka im Digital-Health-Team des AIT entwickelt hat. Auf diesem können viele unterschiedliche Tracking-Devices andocken. „Auf unserem Health-Gateway kann ich die von den Patienten erhobenen Daten weiterverarbeiten und damit gewisse Versor- gungsprozesse in unserem System verbessern“, so Rzepka.

Ob das Self-Tracking allerdings unser Gesundheitssystem reformieren kann, könne man heute schwer sagen, so die Forscherin: „Um das System, so wie es jetzt läuft, überlebensfähig zu halten, braucht es Reformen. Das ist eine sehr politische Sache. Ich glaube, da macht das Self-Tracking einen sehr kleinen Teil aus.“

Die Strategie

Gänzlich irrelevant sei das Tracking allerdings keineswegs, bestärkt Rzepka: „Wenn man aktiver sein oder chronische Krankheiten managen will, dann macht das Self-Tracking definitiv Sinn“, so die Forscherin.

Um sich im Tracking-Kosmos zurechtzufinden, braucht es aber einige Parameter, die man beachten sollte, damit nicht eben genau das passiert, wovor Rzepka warnt: das „blinde Herumtracken“. Und: Die Forscherin hat mit ihrem Team eine Checkliste entwickelt, mit der sich Tracking-Begeisterte auf Gefahren im Datenkosmos vorbereiten können (Checkliste unter www.gesund- informiert.at/gesundheits-apps).

Das Ziel

Um also sicher, erfolgreich und vor allem nicht „blind“ zu tracken, braucht es zuerst ein Ziel, so Rzepka: „Bevor man anfängt, sollte man sich fragen: Steht verbesserte Fitness, allgemeine Gesundheit oder eine spezielle körper- liche Anforderung im Fokus?“ Hier kommt der Proband Johannes Blaschke ins Spiel: Er selbst hat vor knapp zwei Jahren mit seiner Self- Tracking-Journey begonnen – und da- raus seither einige Learnings gezogen.

Die Wearables

„Ich habe anfangs mit meiner Samsung-Smartwatch getrackt, parallel dazu habe ich auch das Arm-band von Whoop verwendet“, erzählt er. „Später bin ich auch auf den Oura-Ring gestoßen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass der Ring nicht primär meinen Anforderungen entspricht.“

Aus Erfahrung weiß Blaschke, dass es sich bei Oura um umfassendes Gesundheitstracking handelt: „Oura ist sicher einer der diskretesten Tracker von allen. Der Ring eignet sich opti-mal für allgemeine Gesundheitsdaten und das Schlaftracking. Aber wenn du ins Gym gehst oder Gewichte hebst, vielleicht auch laufen gehst und dabei deine Zeiten oder Splits sehen willst, ist der Ring für mich nicht ideal“, schildert er. Auch zum Zyklus-Tracking eignet sich Oura aus Erfahrungsberichten, den konkreten Anwendungsfall sollte allerdings jede Frau für sich bewerten.

Der Anwendungsfall

Für Blaschke stand sportliche Leistung in Kombination mit genauem Schlaftracking im Vordergrund. Um zu wissen, welches Wearable seinen Zweck dabei besser erfüllte, nutzte er Whoop und die Samsung-Smartwatch parallel. Das Ergebnis: Die beiden Devices zeigen ähnliche Ergebnisse, die Abweichung war gering, das Tracking also sehr genau.

„Das Positive an Whoop war das Design des Armbands und das User-Interface in der App. Auch die Akkulaufzeit war sehr gut: Bei mir hielt der Akku des Armbands gut vier bis fünf Tage“, erinnert sich Blaschke. Auch das Sleep-Tracking der Applikation ließ keinen Wunsch offen; Zusatzfunktionen wie Protokolle und Tagebuch-Tools ergänzten das Portfolio.

Blaschke: „Das Negative ist immer sehr subjektiv. Ich finde es gerade bei intensivem Sport sehr gut, live zu sehen, wo meine Werte gerade stehen. Das macht die Smartwatch aus: Deine Werte kannst du am Bildschirm direkt mitverfolgen. Das war beim Whoop-Armband nicht der Fall, da fehlte mir das interaktive Display.“

Nach zwei bis drei Monaten parallelen Trackings entschied sich Blaschke für seine Smartwatch, unter anderem dank der Kompatibilität mit seinem Samsung-Smartphone. Ausschlaggebend für die Entscheidung gegen Whoop war auch das Abo-Modell des Tracking-Anbieters: Die Applikation basiert auf einem Preismodell mit Jahres- oder Monatsabos. Die Anfangsinvestition ist allerdings geringer als jene in eine Smartwatch von Anbietern wie Apple oder Samsung. „In diesem Fall muss einfach jeder für sich abwägen, was er oder sie lieber hätte“, so Blaschke.

Die Parameter

Nun zum nächsten Schritt: die richtigen Parameter. Für Blaschke ergeben sich im Tracking zwei Haupt-Use-Cases: Fitness und Schlaf. „Beim Sport schaue ich auf Puls, Sauerstoffsättigung, also ‚VO2max‘, und unter anderem auf Kalorien und die Schrittzahl. Dabei spielt auch die Herzgesundheit eine große Rolle.“

Über die Jahre nahm auch der Schlaf eine besondere Stellung in seinem Tracking-Alltag ein: „Noch bevor ich jemandem Guten Morgen sage, schaue ich auf meinen Sleepscore. Dabei achte ich auf die verschiedenen Schlafphasen, die Wachzeiten und die Schlafdauer. Daraus ergibt sich ein Regenerationsgrad für den Tag.“

Der Fokus

Auch sein Fokus hat sich über seine Tracking-Journey hinweg verändert: „Früher hatte ich eine ‚Work hard, play hard‘-Einstellung. Ich habe mich wenig mit dem Gesundheitsparameter Schlaf be- fasst, aber gerade im Hinblick auf die Regeneration ist dieser Parameter enorm wichtig.“ Ein weiteres Learning aus seiner Tracking-Journey: „Nicht alle Daten brauchen Action. Man muss nicht in jedem Bereich den Optimalwert erreichen. Am besten sucht man sich ein bis zwei Werte und schaut, dass diese im Idealbereich liegen. Alles andere kann der Orientierung dienen.“

Der Nutzen

Ob das Tracking auch einen Nutzen im Alltag zeigt? „Ja, definitiv. Ich nutze die getrackten Daten, um gesündere Entscheidungen in meinem Alltag zu treffen. Damit kann ich oft, schon bevor es mir mein Körper zeigt, sagen, wann ich aufgrund von mangelnder Regeneration oder einem niedrigen Energielevel nicht oder nur weniger trainieren sollte.“

Darüber hinaus wirkt das Tracking motivierend: „Es ist spannend, am Ende der Woche oder des Monats einen Rückblick auf seine Leistung zu bekommen. Das motiviert und fördert Disziplin und Kontinuität.“

Das Potenzial

Dennoch appelliert Blaschke an einen achtsamen Umgang mit Wearables: „Der Optimierungs- zwang kann bei intensivem Tracken schon ausarten – gerade bei Personen, die perfektionistische Züge zeigen. Bei mir gab es auch einen Punkt, an dem ich eine Pause gebraucht und mich wieder meinem Körpergefühl gewidmet habe.“

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Clark Parsons, CEO des European Startup Network | (c) Parsons

Macht es richtig oder macht es gar nicht“ – Mit diesen Worten brachte EU-Inc.-Mitinitiator Andreas Klinger im Vorjahr die Frustration des Startup-Ökosystems auf den Punkt. Begonnen hatte alles im Oktober 2024 mit einer Koalition europäischer Gründer:innen und Investor:innen, deren Petition zehntausende Unterschriften sammelte. Dann kam der Auftritt von Ursula von der Leyen in Davos, im März schließlich der Vorschlag der Kommission – der schon vor seiner Präsentation geleakt wurde und die Szene enttäuschte. In einem offenen Brief warnten EU-INC, Allied for Startups und das European Startup Network vor „27 verschiedenen Geschmacksrichtungen“ der neuen Rechtsform.

In den kommenden Tagen legt das Parlament seinen Bericht vor. Clark Parsons, CEO des European Startup Network, ist seit Beginn Teil dieses Prozesses. Im Interview spricht der ehemalige Gründer und heutige Investor über die 28. Rechtsform, den Widerstand von Gewerkschaften und Notaren – und über eine Chance, die Österreich gerade verschläft.


brutkasten: Warum ist eine EU Inc. so wichtig? Warum konzentriert ihr euch nicht eher auf den Kapitalmarkt oder andere Aspekte?

Der Kapitalmarkt ist die andere Hälfte des Themas, keine Frage. Aber EU Inc. ist aus ein paar Realitäten entstanden. Wir haben in Europa keinen Binnenmarkt für Startups und keinen für Kapital. Wenn Sie ein Tech-Unternehmen gründen, haben Sie 27 Mitgliedstaaten und rund 60 verschiedene Rechtsformen. In Wien mag es genügend Investoren im Ökosystem geben. Aber sind Sie in Bukarest oder Athen, gibt es sehr wenig Kapital. Viele europäische Gründerinnen und Gründer gründen deshalb nie in ihrem Heimatland – manchmal in Estland, manchmal in London, meistens in Delaware. Und die Ironie ist: Selbst Gründer aus Frankreich oder Deutschland gehen nach Delaware.

Warum ausgerechnet Delaware?

Weil es zum De-facto-Standard geworden ist. Jeder kennt es, jeder versteht es, es gibt einen langen Bestand an Rechtsprechung. Wachstumskapital ist in Europa schwer zu bekommen, also gehen Sie früher oder später in die USA – und dort sagen alle Investoren: „Es wäre viel einfacher, wenn du eine Delaware Inc. hättest, in die ich investieren kann, statt deine verrückte GmbH-Struktur verstehen zu müssen.“ Manche amerikanische Investoren kommen nie nach Deutschland, weil sie sich sonst zwei Tage lang beim Notar den Vertrag vorlesen lassen müssten – ein Kabuki-Theater, das außerhalb des deutschsprachigen Raums als verrückt gilt. Also haben Leute wie Andreas Klinger gefragt: Warum schaffen wir nicht etwas, das mit Delaware konkurriert?

Das ist die Idee des 28. Regimes.

Genau. Die Draghi- und die Letta-Berichte haben beide festgestellt: Wir sind nicht wettbewerbsfähig genug, und einer der Hauptgründe ist, dass wir keinen echten Binnenmarkt haben. Wir sind zu fragmentiert, und das schadet uns massiv. Beide griffen eine Idee auf, die Brüssel seit dreißig Jahren das 28. Regime nennt: ein Rechtsrahmen, der europaweit gilt. Sie registrieren einmal, es gibt ein Vehikel, das jeder kennt. Wir haben Roaming fürs Handy, unsere Bürger und Arbeitnehmer überqueren Grenzen problemlos – aber unsere Startups können das nicht. Das ist doch Wahnsinn.

Kritiker sagen, das sei ein Nischenthema. Nur für ein paar reiche Investoren.

Tech ist in Europa in einem Jahrzehnt von vier auf fünfzehn Prozent des BIP gewachsen. Das ist die nächste Ökonomie für Europa. Wenn Sie glauben, wir fallen hinter die USA und China zurück; wenn Sie wollen, dass alte Industrie überlebt, muss sie mit Robotik und KI modernisiert werden. Selbst wenn Ihr Hauptthema der Klimawandel ist: All das lösen Startups und Scaleups. Regierungen lösen das nicht, Gründerinnen und Gründer tun es. Sie schaffen Werte und Arbeitsplätze. Wenn Sie also nicht dafür arbeiten, dass man in Europa gründen und wachsen kann, dann beschweren Sie sich später nicht, dass Ihre Kinder keine Jobs haben. Das ist kein Nischenthema – es ist die Quelle, aus der alles fließt.

Und woran würde man messen, ob EU Inc. funktioniert?

An ziemlich einfachen KPIs. Wie viele EU Incs werden gegründet? Setzen unsere Gründer künftig eine EU Inc. auf statt einer deutschen GmbH oder einer englischen Limited? Aktuell überschreiten nur rund 18 Prozent unseres Investmentkapitals Grenzen. Und einen KPI, an den niemand denkt: Wie viele EU Incs werden von Menschen gegründet, die gar nicht in Europa sitzen? Amerikaner, Inder, Chinesen gründen in Delaware. Warum sollten sie nicht eine EU Inc. gründen – und damit sofort Zugang zu einem Markt von 450 Millionen Menschen haben? Für Beitrittskandidaten wie die Ukraine oder Montenegro, aber auch für die Schweiz, Norwegen oder das Vereinigte Königreich könnte das die Speerspitze wirtschaftlicher Integration sein.

Welche Rolle könnte Österreich dabei spielen?

Österreich hat sich lange als Westeuropas Tor nach Osteuropa verstanden. Das muss nicht verschwinden – im Gegenteil, es lässt sich mit einer EU Inc. stärken. Bislang war es vielleicht einfacher, in Wien Anwälte und Notare zu haben, die wissen, wie man am Balkan operiert. Wenn eine EU Inc. automatischen Zugang zu diesen Gründern gibt, könnt ihr euch als Tor nach Osteuropa neu erfinden. Wenn ein Wiener VC plötzlich leicht in ein Bukarester Team investieren kann, ohne einen Anwalt für 50.000 Euro zu bezahlen, der das rumänische System erklärt, dann nehmen wir enorm viel Reibung heraus. In Wien gibt es mehr Kapital als in vielen dieser Städte, direkte Flüge, juristische Kompetenz. Das ist eine echte Chance – und keine, über die man ein Märchen erzählen müsste.

Die Gewerkschaften fürchten, EU Inc. höhle Arbeitsrechte aus.

Das hat mit der Realität wenig zu tun. Es ist eine optionale Rechtsform – keine bestehende Form verschwindet. Und das Arbeitsrecht ist hier gar nicht drin: Stelle ich einen Deutschen an, gilt deutsches Arbeitsrecht, mit Kündigungsschutz und ab einer bestimmten Zahl mit Betriebsrat – immer dort, wo der Beschäftigte sitzt und arbeitet. Niemand wird betrogen. Man hatte Angst, ein Wirt in Tirol zahle dem Koch dann kein Gehalt, sondern nur Anteile. Ich dachte, es gibt einen Mindestlohn. Wenn Sie wollen, schreiben wir hinein, dass Mindestlohngesetze weiter gelten – kein Problem. Was mich wirklich verblüfft, ist der Kampf gegen Mitarbeiterbeteiligung. Karl Marx wollte, dass die Arbeiter die Produktionsmittel besitzen – und wir müssen hart darum kämpfen, die Beschäftigten zu bereichern.

Und die Notare, die auf Rechtssicherheit pochen?

Viele Mitgliedstaaten kommen ohne Notare im Prozess bestens zurecht. Niemand behauptet, estnischen Startups fehle Rechtssicherheit, obwohl man dort in zehn Minuten online gründet. Wir schaffen ja Kontrollen nicht ab – Artikel 14 erlaubt die Prüfung durch ein Gericht, eine zuständige Behörde oder einen Notar. Wir streichen nur den verpflichtenden Kanal, nicht die Kontrolle. Dass rigorose KYC- und Geldwäscheprüfungen online funktionieren, hat Wien mit Bitpanda längst gezeigt.

Gibt es einen Anreiz, die Notare an Bord zu holen?

Absolut. Staaten können Prüffunktionen delegieren – für den TÜV gehe ich zur DEKRA, nicht zur Stadt. Wenn österreichische oder deutsche Notare zu ihren Regierungen gingen und sagten: „Macht uns zum Teil dieser Zertifizierung innerhalb von zwei Werktagen“ – man würde sie mit offenen Armen empfangen. Sie könnten eine großartige Cottage-Industrie aufbauen, die Brücke zum Bankkonto oder zur Steuernummer sein. Ein österreichischer Notar könnte nach Dubai fliegen und sagen: „Gründet eine EU Inc., kommt nach Österreich, wir machen den One-Stop-Shop.“ Sonst übernehmen Stripe Atlas, Qonto und die Neobanks das Geschäft. Ich habe bloß noch keine einzige Idee der Notare gesehen, wie sie Teil der Lösung sein wollen. Sie sollten, ich wage es zu sagen, ein bisschen wie Startups denken.

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