20.03.2024
GASTBEITRAG

Warum sich Führungskräfte jetzt schon auf den AI Act 2026 vorbereiten sollten

Gastbeitrag. Warum Führungskräfte unbedingt jetzt schon mit den Vorbereitungen zum AI Act anfangen sollten und warum dafür eine umfassende KI-Strategie notwendig ist, erklären der Digitalisierungsexperte Martin Giesswein und Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy.
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AI Act
(c) zVg - Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy und Digitalökonom Martin Giesswein.

Wir alle erinnern uns noch daran, als im Mai 2018 die DSGVO in Kraft trat. Einige Unternehmen in Europa waren darauf vorbereitet, viele allerdings nicht – mit unangenehmen und oft langwierigen Konsequenzen. Diese Geschichte könnte sich jetzt mit dem AI-Act der EU wiederholen: Alle Unternehmen, die ab 2026 Produkte oder Dienstleistungen auf KI-Basis anbieten, müssen ihre KI-Systeme kategorisieren und von den Behörden prüfen lassen – ein aufwändiger und zum Teil kostenintensiver Prozess.

So viel ist sicher: An Künstlicher Intelligenz führt in Zukunft kein Weg mehr vorbei. Und wie bei jeder anderen fundamental neuen technologischen Entwicklung birgt sie gleichermaßen Chancen und Risiken für jedes Unternehmen. Heute gibt es kaum mehr Unternehmen, die KI nicht oder noch nicht nutzen – sei es, dass Mitarbeiter (heimlich) ChatGPT verwenden, die IT-Abteilung neue Microsoft-Funktionen wie Copilot einführt oder KI-Spezialanwendungen als Software-Lösungen implementieren.

Is this GDPR history repeating?

Den meisten Unternehmen ist heute schon bewusst, dass die Nutzung von KI auch regulatorische, ethische und soziale Verantwortung den unterschiedlichsten Stakeholdern gegenüber bedeutet. Bis dato waren aber sehr viele Bereiche in diesem Zusammenhang freiwillig.

Ab 2026 geht die EU mit ihrer Verordnung über Künstliche Intelligenz (AI Act) einen Schritt weiter. Alle Unternehmen, die KI einsetzen, haben dann erhebliche Compliance-Pflichten zu erfüllen – und zwar nicht nur die KI-Anbieter selbst, sondern alle Unternehmen, die KI verwenden. Der finale Text des weltweit ersten Regelwerks für KI ist dieser Tage in Finalisierung; rechtswirksam wird er 2026.

Die zentralen Eckpunkte des AI Act: Das Regelwerk umfasst konkrete Verbote für den Einsatz von KI in gewissen Bereichen, unter anderem zur Kategorisierung von Menschen anhand sensibler Merkmale wie religiöser Überzeugung. Das ist die erste von insgesamt vier Risikokategorien, in die die jeweiligen KI-Anwendungen unterteilt werden. Neben diesem „unannehmbaren Risiko“, das zu Verboten führt, gibt es die Kategorien hohes, begrenztes und minimales Risiko – jeweils mit unterschiedlichen Anforderungen für Unternehmen, je nachdem in welche Kategorie sie fallen.

AI-Act: Wer jetzt handelt, ist klar im Vorteil

Für Führungskräfte im Jahr 2024 bedeutet das, dass sie weniger als zwei Jahre Zeit haben, um sich strategisch auf den AI Act vorzubereiten und gleichzeitig unnötige Zusatzkosten und Belastungen, die ohne entsprechende Vorbereitung entstünden, zu vermeiden.

„Mich erinnert der AI Act stark an die Zeit vor dem Inkrafttreten der DSGVO: Alle wussten, dass die Verordnung kommen wird. Alle wussten, dass es im Vorfeld einiger strategischer und praktischer Bemühungen bedarf, um sich entsprechend vorzubereiten – aber viele Unternehmen haben einfach den Kopf in den Sand gesteckt. Nach dem Motto: So schlimm wird’s schon nicht werden“, sagt Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, die Führungskräften aus allen Branchen und Industrien daher rät, sich möglichst schnell mit dem AI Act im Detail auseinandersetzen.

Denn: Ähnlich wie bei den letzten großen technologischen Wellen wie der großflächigen Einführung des Internets in den 1990er Jahren, oder Social Media ab etwa 2006, sind auch jetzt alle Unternehmen betroffen.

Die eigene KI-Strategie – eine wichtige Übung, die sich auszahlt

Die EU hat sich dazu entscheiden, bei diesem Thema einen eigenen Weg zu gehen, der stärker ethisch als anderswo auf der Welt geprägt ist – durchaus auch zum potentiellen Nutzen der europäischen Wirtschaft. Die erhoffte positive Seite: B2B- und B2C-Kunden sehen ihr ethisches und transparentes Verhalten bei der Nutzung von KI als wertvollen Wettbewerbsvorteil.

„Was daher jedes Unternehmen bis zum Inkrafttreten des AI Act braucht, ist eine umfassende KI-Strategie. Mit ihr können sich Unternehmen zuverlässig KI-fit machen“, so Giesswein. „Eine umfassende Strategie ist keine ‚rocket science‘, aber sie umfasst einige zentrale Kernmodule, die eine Ergänzung und Optimierung der bestehenden Geschäftspläne auf der Grundlage der neuen Spielregeln, die von der KI-Technologie aufgestellt werden, umfasst.“


Die folgenden sechs Module stellen das Fundament einer umfangreichen KI-Strategie dar, mit der Führungskräfte ihr Unternehmen jetzt AI-Act-fit machen können:

Machen Sie sich mit KI vertraut: „Grundlegende KI-Anwender-Kenntnisse sind heute für jede Führungskraft Pflicht: Um die Zusammenhänge und die (mögliche) Tragweite eines KI-Einsatzes zu verstehen, aber auch um mit den eigenen Fachexperten aus der IT-Abteilung anschlussfähig zu bleiben. Führungskräften müssen die Auswirkungen ihrer Entscheidungen (in einer Welt voller KI) bewusst sein, aber auch, was es bedeutet, wenn der Mitbewerb KI einsetzt und das eigene Unternehmen nicht. Dazu müssen sie Bescheid wissen“, sagt Stöttinger.

An der WU Executive Academy ist daher KI schon in vielen Lehrangeboten ein wichtiger Teil der Digitalökonomie, der gemeinsam besprochen, strategisch analysiert und – idealerweise – auch konkret angewandt wird. Unternehmen sollten außerdem eigene Trainingsangebote innerhalb der Organisation aufbauen. So bietet beispielsweise das österreichische Startup mytalents.ai KI-Ausbildungen an, die sich an jenen Tools orientieren, die im jeweiligen Unternehmen zugänglich sind.

Martin Giesswein empfiehlt hier einen proaktiven Zugang: „Moderiertes Besprechen und Ausprobieren von KI gemeinsam mit Kollegen aus verschiedenen Abteilungen ist eine exzellente Möglichkeit, sich dem Thema professionell anzunähern.“

Zwei in einem – Ethische KI-Nutzung und Einhaltung des KI-Gesetzes: Hier können Führungskräfte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Eine ethische KI-Verwendung sicherstellen und gleichzeitig die rechtlichen Vorgaben erfüllen.

„Daher empfehle ich Führungskräften, sich schon jetzt der Compliance zum EU AI Act anzunähern, indem sie bei der Planung und Einführung neuer Systeme die Dokumentationen für eine spätere Klassifizierung erstellen“, so Giesswein. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang:

  • Bauen Sie internes Knowhow auf und lassen Sie sich von externen Experten beraten.
  • Machen Sie sich mit dem Risikorahmen des AI-Gesetzes (Einteilung in unterschiedliche Risikogruppen) vertraut.
  • Nutzen Sie den KI-Pakt der EU. Mit ihm haben EU-Unternehmen die Möglichkeit, auf freiwilliger Basis schon jetzt eine Compliance herzustellen.
  • Beobachten Sie laufend die Ergebnisse einschlägiger Forschung.
  • Verwenden Sie Standards und Zertifizierungen für (neue) IT-Systeme, die auf die Compliance mit dem AI Act abzielen und eine ethische Dokumentation garantieren, etwa diese:
    • ISO/IEC/IEEE 7000-Norm: Berücksichtigung ethischer Belange bei der Systementwicklung.
    • IEEE 7001 Transparenz von autonomen Systemen.
    • CertifAIEd-Zertifizierung und -Zeichen.

Erstellen Sie Ihre eigene KI-Richtlinie: Eine freiwillige, unternehmensspezifische KI-Richtlinie, die Sie jetzt schon erstellen, schafft Klarheit und Vertrauen bei Mitarbeitenden, Kunden, Lieferanten und anderen Partnern, wenn sie diese Punkte beinhaltet:

  • Wie stehen wir als Unternehmen generell zum Einsatz von KI?
  • Wie nutzen und kontrollieren wir KI? Streben wir eine Arbeitsplatzreduktion durch Optimierung bzw. Prozessautomatisierung an oder setzen wir vermehrt auf menschliche Kundeninteraktion, wenn Routineaufgaben von der KI übernommen werden?
  • Wie stellen wir Datenschutz und Fairness beim Einsatz von KI sicher?

„Beispiele für Unternehmen, die bereits eine KI-Richtlinie haben, gibt es einige – etwas die APA oder die Stadt Wien“, so Martin Giesswein. Die Austria Presse Agentur hat sich bereits früh mit KI beschäftigt. Schon vor dem Start von ChatGPT wurde eine interne Leitlinie zum Umgang dafür verabschiedet. Heute gibt es auch eine KI-Taskforce, die APA sieht sich auf dem Weg vom „Trusted-Content-Anbieter“ zum „Trusted-AI-Anbieter“.

Darüber hinaus gibt es Kooperationen mit anderen europäischen Medien- und Technologieorganisationen – auch das kann beispielhaft für andere Branchen sein.

Anders die Stadt Wien: Sie bietet auf übersichtlichen zwei Seiten eine Orientierung für Mitarbeitende und Bürger, wie mit KI in der Stadtverwaltung umgegangen wird.

Schätzen Sie die KI-Folgen ab und werfen Sie einen strategischen Blick in die Zukunft: „Ganz gleich, wie Sie mittelfristig, also drei bis fünf Jahre, in Ihrem Unternehmen planen, die Wahrscheinlichkeit, dass KI einen Einfluss auf Ihr Geschäft hat, ist groß. Integrieren Sie daher das Thema KI unbedingt in ihre Planung“, sagt Stöttinger. Dies Fragen können dabei helfen:

  • Gibt es für Ihre Branche durch den Einsatz von KI neue Wettbewerber und Herausforderer aus anderen Industrien?
  • Sind neue Nachfragemuster seitens der Kunden zu erwarten?
  • Ändern sich die traditionellen Wege eines Geschäftsabschlusses durch den Einsatz von KI-Interaktionen?
  • Ist KI ein Treiber des gesellschaftlichen Wandels und erzeugt neue Bedürfnisse, die Ihr Unternehmen decken kann?

Unternehmen, die jetzt schon Abteilungen haben, die sich mit CSR, ESG-Richtlinien und Non-Financial Reporting befassen, sollten die Auswirkungen der KI auf ihre Arbeit beachten.

„Es wäre möglicherweise sogar sinnvoll, eine strategisch vorausschauende Stabstelle der Geschäftsführung zu schaffen, die aus unterschiedlichen Bereichen wie Recht, Technik, Controlling und Compliance zusammengesetzt ist und so das Potential der KI für das gesamte Unternehmen hebt“, sagt Giesswein.

Stellen Sie betriebliche Produktivitätssteigerungen sicher: Die Befürworter des Einsatzes von KI im Unternehmen argumentieren in der Regel mit großen Produktivitätssteigerungspotenzialen. Aber von reinem Technikeinsatz wurde noch selten ein Euro eingespart oder mehr Umsatz generiert. Nur wenn die Technologie auch richtig eingesetzt wird, kann KI die Produktivität eines Unternehmens verbessern. Hier einige bewährte Schritte auf diesem Weg:

  • Schulen Sie Manager und Mitarbeiter im Einsatz von KI-Tools.
  • Identifizieren Sie jene Bereiche, wo KI sinnvoll eingesetzt werden kann: etwa in der Logistikoptimierung, beim Forecasting und bei Budgetsimulationen, bei der Automatisierung manueller Tätigkeiten im Büroalltag, oder beim Marketing und der Agentursteuerung.
  • Schaffen Sie eine firmenspezifische KI-Umgebung, abgestimmt auf Ihre individuellen Bedürfnisse. Unter dem Stichwort „CompanyGPT“ bieten Anbieter wie etwa die Linzer Firma 506.ai, die deutsche Aleph-Alpha und natürlich auch Microsoft entsprechende Lösungen an.
  • Erstellen Sie einen langfristigen Plan zu Steigerung Ihrer KI-Produktivität. Quick Wins sind auch mit KI nur selten nachhaltig.

Behalten Sie die nationale Umsetzung des AI-Gesetzes im Auge: „Für die Wettbewerbsfähigkeit Europas ist es notwendig, dass die jeweiligen nationalen AI-Offices gut abgestimmt sind und den AI Act einheitlich in ganz Europa verwalten“, sagt Stöttinger.

Mit dem AI Act und seinem strikten Regelwerk wird die EU weltweit zum Vorreiter, was wiederum europäischen Unternehmen aktiv als Asset nutzen sollten. Voraussetzung für eine erfolgreiche Anwendung in der betrieblichen Praxis ist aber eine unbürokratische und einheitliche Vorgehensweise der lokalen Behörden.

„Hier kann“, so Stöttinger reümierend, „für Unternehmen viel Potential entstehen, aber auch einiges auf der Strecke bleiben. Umso wichtiger ist daher jetzt eine sorgfältige Vorbereitung – denn der AI Act kommt ganz bestimmt.“

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28.03.2025

LinkedIn: Karrieresprung oder Spiel mit der Psyche

25 Prozent der Menschen in Österreich sind auf LinkedIn, davon postet nur ein Prozent. Was wir auf LinkedIn sehen, ist also das High-End einer High-End-Bubble. Was das mit dem Algorithmus der Plattform und der Karriere von Menschen macht? Ein Gründer und eine Psychologin erzählen.
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Symbolbild | Foto: Adobe Stock

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Du bist Gründer:in, du willst Connections, Investor:innen oder einfach eine Menge Kontakte? Dann bist du wahrscheinlich auf LinkedIn.

LinkedIn sieht sich selbst als die “weltweit größte Business-Plattform”. Das ursprünglich zur beruflichen Vernetzung entwickelte digitale Netzwerk wird aktuell in über 200 Ländern verwendet.

Weltweit hat es 1,5 Milliarden registrierte Nutzer:innen, die meisten davon sitzen in den USA, in Indien und in Brasilien. Einer amerikanischen Quelle zufolge erhöht sich die Nutzerbasis der Plattform jährlich um 15 Prozent. LinkedIn wurde 2002 in Kalifornien gegründet und wurde im Dezember 2016 von Microsoft gekauft.

LinkedIn: Die Nutzerstärkste Karriereplattform

Als Quasi-Pendant dazu fungiert die deutsche Business-Plattform Xing. Weltweit zählt das im August 2003 in Hamburg gegründete Netzwerk 22,5 Millionen Nutzer:innen (Stand: Jänner 2025). Das ist weniger, als LinkedIn allein in der DACH-Region zählt. Dort sind es 25 Millionen Registrierte.

Die Nutzerzahlen der Konkurrenz-Plattform Xing sind seit dem Jahr 2013 zwar konstant gestiegen, die Steigerung flachte allerdings seit dem Jahr 2020 ab. Im Jahr 2013 zählte Xing weltweit noch 6,3 Millionen Mitglieder, im Q2 des Jahres 2024 waren es dann 22,5 Millionen.

Die Beliebtheit von LinkedIn, gerade in der “Business-Bubble”, ist unumstritten. Laut einer Umfrage von Jänner 2024 nutzen 65 Prozent der Unternehmen weltweit LinkedIn auch zum B2B-Marketing. Generell zählt LinkedIn nach Facebook und Instagram zu den beliebtesten Social-Media-Plattformen unter Unternehmen.

Business- wird zum Social- und Opinion-Network

Wer die ein oder anderen Stunden auf der Plattform verbringt, wird merken: LinkedIn hat sich vom beruflichen Netzwerk zu einem Social- und Opinion-Network mit reichlich Content-Diversität entwickelt. Ein Beispiel dafür ist Deutschland: In unserem Nachbarland kam es zuletzt zu reichlich (politischen) Meinungsäußerungen im Netzwerk.

In Österreich ist dies auch vereinzelt, allgemein aber eher verhalten der Fall. Dennoch kann auch hierzulande nicht nur von Vernetzung gesprochen werden: Ein Kernelement der Business-Plattform ist die Selbstpräsentation.

Das sagt auch Julie Simstich, Arbeitspsychologin mit Fokus auf Neurodiversität und ADHS sowie auf stärkenorientierte Teamentwicklung. Sie befasst sich intensiv mit Gründer:innen und ihrem Arbeitsverhalten – und weiß daher auch, warum LinkedIn so tickt, wie es tickt:

“LinkedIn ist eine Plattform, auf der es darum geht, laut zu schreien und sich dabei selbst zu präsentieren.” Inhaltlich muss sich das Ganze nicht rein um den Beruf drehen. Das könnte die Reichweite unter Umständen sogar negativ beeinflussen. Denn wie so ziemlich jedes andere soziale Netzwerk hat auch LinkedIn einen Algorithmus.

Julie Simstich, Arbeitspsychologin | Foto: Sebastian Simstich

Wie der LinkedIn-Algorithmus tickt

Wie dieser funktioniert, weiß man noch nicht ganz genau. Bislang gibt es erst ein paar Tricks zur Algo-Optimierung, die auf Beobachtung basieren und bereits im Netzwerk selbst vermarktet werden:

So werden Profile, die viele direkte Nachrichten bekommen, vom LinkedIn-Algo eher gepusht als solche, die wenige rot-leuchtende Nummern in ihrer Inbox zählen. Außerdem bewertet der Algorithmus auch eine möglichst lange “View-Time” der geposteten Inhalte als positiv. Genauso wie die Anzahl der Kontaktanfragen und die sogenannten “External Shares“.

Letzteres bedeutet: Wenn Inhalte außerhalb deiner Kontakt-Bubble geteilt werden, ist das besonders lukrativ und bringt Reichweite. Dein Inhalt wird dann auch anderen Nutzer:innen ausgespielt – sofern dies deine Sicherheitseinstellungen erlauben. Das Ergebnis: Algorithmus-basierte Reichweite.

Zu guter Letzt: Zahlreiche Profil-Besuche und regelmäßige Interaktion freuen den Algorithmus besonders. Und: Ähnlich wie auf dem sozialen Netzwerk Instagram wünscht sich auch der LinkedIn-Algorithmus, dass möglichst viele deiner Postings von Nutzer:innen gespeichert werden. Empfohlen werden daher informative Inhalte, die User:innen Wissen bieten und bei Zeiten auch später abgerufen werden.

Das Spiel mit dem Wissen hat auch Manuel Messner, Co-Founder und CEO des Startups Mazing, versucht. Messner, der mit seiner Firma 3D und Augmented Reality für Websites anbietet, startete seine LinkedIn-Reise mit dem Fokus auf B2B-Akquisition und dem Teilen von Wissensinhalten.

Manuel Messner, Founder von Mazing | Foto: Mazing

Ursprünglich nutzte Messner die Business-Plattform als Marketingtool und zur Wissensvermittlung. Mazing setzte dafür auch Automatisierungstools ein, um sich effizient mit Interessenten zu vernetzen. Anfangs trug die Strategie zwar Früchte, nach ein paar Monaten sackte die Erfolgskurve allerdings ab. “Damals, vor drei Jahren, gab es einen Automatisierungsboom. Der Markt war schnell davon gesättigt, automatisierte Anfragen halfen nichts mehr”, erinnert sich Messner. Auch der Versuch, Kunden über persönliche Kaltakquise zu gewinnen, blieb erfolglos.

Die Folge: Messner reduzierte seine LinkedIn-Aktivität und begann, zwei- bis dreimal wöchentlich zu posten. Dafür brauchte er mehrere Stunden. “Und das war leider oft gezwungen”, erinnert sich der Founder.

Insgesamt blieb Messners Aktivität auf LinkedIn in den letzten drei Jahren allerdings hinter seinen Erwartungen. „Als skalierendes Startup muss man seine Zeit dort investieren, wo sie den größten Impact hat – und das war für uns nicht LinkedIn“, so Messner. Der Gründer vermutete, in welche Richtung sich die Plattform entwickelt hatte: Je polarisierender der Inhalt, desto besser. Also setzte er einen radikalen Schritt.

“Ich verlasse LinkedIn”, gab Messner im Jänner 2025 bekannt. Kurz darauf ging sein Posting viral. Es erhielt so viel Aufmerksamkeit wie wenige seiner bisherigen. “Ursprünglich wollte ich B2B-Marketing betreiben und Wissensinhalte teilen, von denen User profitieren. Dann ging mein ‘I quit LinkedIn’-Posting ziemlich gut und das zeigte mir, worum es eigentlich geht.”

Dass nur mehr Meinung und Polarisierung zählen, kann nicht ganz gesagt werden. Denn vollständig durchschaut wird der LinkedIn-Algorithmus noch nicht. Eine unabdingbare Voraussetzung für das Viral-Gehen polarisierender Postings gibt es auch nicht. Dennoch kann eine Tendenz erkannt werden. Und zwar jene der polarisierenden Selbstrepräsentation, die nicht immer mit dem Unternehmensinhalt zu tun hat.

Jubelplattform mit Druck und Perfektion

“Im Gegensatz zu Instagram, wo es häufig um den Lebensstil geht, geht es bei LinkedIn um berufliche Erfolge. Und da haben gerade Menschen, die vielleicht sogar unter dem Imposter-Syndrom leiden, eher zu kämpfen”, sagt Psychologin Simstich. “Natürlich gibt es einige Posts, die zeigen, wie Misserfolge passieren. Aber der allgemeine Tenor geht in Richtung Jubelplattform.”

Nun könnte man glauben: Gründer:innen sind das gewohnt. Sie sind hart im Nehmen, Perfektionist:innen und mit ständigem Druck und dem Vergleichen vertraut. “Klarerweise ist das nicht bei allen Gründer:innen, und schon lange nicht bei allen LinkedIn-Nutzenden, der Fall”, so Simstich.

“Auf Founderinnen und Foundern herrscht natürlich ein sozialer Druck. Eine Erwartungshaltung, aus der eigenen Firma etwas Großes zu machen, und das am besten in absehbarer Zeit. Es gibt Studien dazu, die sagen, dass Perfektionismus und der soziale Druck bei Foundern viel höher sein können als bei einem CEO, der selbst nicht gegründet hat. Dabei spricht man von einer Art des ‘sozial-vorgeschriebenen Perfektionismus’”, so die Psychologin.

“Natürlich kann man das nicht pauschal für jeden Gründer und jede Gründerin sagen, aber es gibt Hinweise, die besagen: Je höher der Perfektionismus bei einer Person ausgeprägt ist, desto niedriger ist das eigene Zufriedenheits- und Glücksempfinden. Hohe Ansprüche an sich zu haben und sich konstant mit seinem Umfeld zu vergleichen, kann die Psyche sehr belasten.”

Zudem tummeln sich auf der Plattform die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Psychologin Simstich weiß zum Beispiel, dass die Anzahl an ADHS-Diagnosen unter Gründer:innen weitaus höher ist als unter der Gesamtbevölkerung: “Die Wahrscheinlichkeit ist um 300 Prozent höher, dass jemand mit ADHS ein Unternehmen gründet, als jemand, der nicht mit ADHS lebt”, so die Psychologin.

Eine ADHS-Diagnose bringt im Gründungskontext zahlreiche Vorteile mit sich – etwa das intensive Interesse an einem Themenfeld oder ein intensiver Fokus, der sogenannte Hyperfokus. Auch die Bereitschaft zu risikoreichen Schritten und das instinktive Setzen von Impulsen zählt zu den Vorteilen.

Routinetätigkeiten, Organisation und Planung können sich manchmal jedoch als Stolpersteine erweisen. Genauso wie eine geringe Frustrationstoleranz und die Präsenz von Selbstzweifeln: “Egal ob ADHS oder nicht, bestehende Selbstzweifel können nachweislich über Plattformen wie LinkedIn verstärkt werden – gerade, wenn es darum geht, sich selbst und Erfolge zu präsentieren oder sich mit eben jenen konstant zu vergleichen”, so Simstich.

Der ununterbrochene Vergleich mit der Leistung anderer ist vielen mit Sicherheit auch von anderen Social-Media-Plattformen bekannt. In Lifestyle- oder Marketing-Themen sei dies wohl die Plattform Instagram. Doch im Business-Kontext ist LinkedIn ganz vorne im Bestätigen bestehender Zweifel:

“Viele Menschen, gerade auch Menschen mit ADHS, haben Schwierigkeiten, ihre Erfolge selbst anzuerkennen. LinkedIn tut uns dabei nicht unbedingt gut”, so Simstich. Eine logische Konsequenz ist das Gefühl, nicht erfolgreich genug zu sein, nicht genug zu arbeiten oder nicht in der erwarteten Zeit die erwarteten Erfolge zu erzielen.

Realitätsverzerrt gepostet

Ein weiteres LinkedIn-Phänomen: Die Realitätsverzerrung durch selektive Darstellung. “Nutzer:innen picken sich natürlich die Inhalte heraus, die sie posten wollen und die Anerkennung bringen. Das kennen wir auch von anderen Social-Media-Plattformen. Wichtig ist, sich bewusst zu machen: Was wir sehen, ist nur ein Ausschnitt der Realität – und dieser Ausschnitt wird oft bewusst verzerrt.”

Wie zu erwarten kommt dabei auch der bislang noch wenig durchschaute LinkedIn-Algorithmus ins Spiel: “Wie wir bisher wissen, belohnt es der Algorithmus, wenn viel Zeit auf der Plattform verbracht wird. Je häufiger und länger Menschen auf LinkedIn sind, desto besser sind ihre Karrierechancen. Dazu gibt es einige Studien. Je mehr wir interagieren, desto mehr Reichweite hat unser Profil. Das heißt: LinkedIn provoziert, dass wir auf der Plattform aktiv sind. LinkedIn ist ja auch nur ein Unternehmen, das User anlocken will. Dessen muss man sich bewusst sein. LinkedIn spielt mit der psychischen Gesundheit von Menschen“.

Will man also groß rauskommen und als Gründer:in im Markt Fuß fassen, scheint LinkedIn ein quasi unvermeidbarer Hebel zu sein. Regulieren kann man das Ganze allerdings selbst – und zwar mit einigen Mechanismen, wie Simstich erklärt:

“Sollte ich merken, dass mir der Content in irgendeiner Art und Weise nicht gut tut, ich aber beruflich dazu verpflichtet bin, auf der Plattform aktiv zu sein, kann ich mir mit ein paar Tools helfen.”

25 Prozent sind auf LinkedIn, nur 1 Prozent postet

Statt sich gezielt zu vergleichen, sollte man seine Fühler auch in andere Felder auszustrecken: “LinkedIn wird hauptsächlich von Unternehmen und der High-Performance-Bubble genutzt. Etwa 25 Prozent der Menschen in Österreich nutzen LinkedIn. Von diesen postet aber nur etwa ein Prozent. Das, was wir auf LinkedIn sehen, ist nur ein kleiner und manchmal bewusst verzerrter Teil der ‘echten Welt’. In unserem Wirtschaftssystem gibt es aber auch viel Fachpersonal in vielen analogen Bereichen. Sei es die Postbotin, der Müllmann oder Menschen in Pflegeberufen. Jede und jeder von ihnen leistet einen wesentlichen Beitrag zu unserem Wirtschaftssystem und unserer Gesellschaft, auch wenn man das nicht auf LinkedIn sieht oder liest.”

Wichtig sei dahingehend vor allem, sich der selektiven Darstellung bewusst zu sein: “Dank der Algorithmen rutschen wir in eine Bubble. Dahingehend kann ich nur jedem und jeder wärmstens ans Herz legen: Macht aktive Realitätschecks und erweitert eure Perspektive. Sucht auf LinkedIn nach FuckUp-Nights, stöbert durch andere Branchen oder geht auf Portale oder Profile, die nicht in eurer Bubble sind.”

Das LinkedIn-Selbstexperiment

Überprüfen kann man das auch mithilfe eines Selbstexperiments: “Bevor du dich einloggst, beobachte, wie es dir geht. Dann setz dich hin, scrolle ein bisschen durch die Plattform und schau nach 15 Minuten, was dein Gemütszustand dann sagt. Fühlst du dich gestärkt und selbstbewusst oder eher down? Ignoriere das Gefühl nicht, sondern überlege dir anschließend, wie du deinen LinkedIn-Konsum gezielt gestalten könntest, damit nicht nur dein Business profitiert, sondern auch du als Mensch. Konkrete Zeitfenster können dabei ganz gut helfen, um Abstand zu gewinnen und bewusst zu entschleunigen.”

Überdies sollte man auch nicht vergessen: LinkedIn-Postings stammen nicht immer vom Menschen selbst: “Wenn ich das Gefühl habe: Meine Branchenkollegin verfasst deutlich erfolgreichere LinkedIn-Posts als ich, während mein eigener Content kaum Reichweite erzielt, dann lohnt es sich, zu hinterfragen: Hat sie ihren Beitrag wirklich selbst geschrieben? Hat sie dafür einen Profi engagiert? Oder steckt ChatGPT dahinter?”

Mensch versus Team und KI

Simstich verweist damit auf ein Phänomen der modernen Zeit: Der Vergleich mit Leistungen, die längst nicht mehr ausschließlich menschlich sind – sei es durch den Einsatz von KI-generierten Inhalten oder durch Teams, die hinter einer einzelnen Person agieren.

“Oft entsteht der Eindruck, dass eine Einzelperson außergewöhnliche Leistung erbringt, obwohl in Wahrheit Technologie oder ein ganzes Team im Hintergrund mitwirken. Unser Gehirn sieht nur den scheinbaren Erfolg und zieht eine Bilanz. Deshalb rate ich, einfach vorsichtig zu sein. Natürlich soll man LinkedIn nutzen, ich mache es ja auch, aber sei dir bewusst, dass die Plattform mit zunehmendem Fortschritt technologischer Innovation ein bisschen unberechenbarer wird.”

Dessen ist sich auch Manuel Messner bewusst. Mittlerweile hat er sein wöchentliches LinkedIn-Pensum auf 50 Minuten reduziert. Die restliche Content-Zeit kann er nun anderweitig nutzen: Messner postet Wissensinhalte auf Instagram und spürt dabei einen deutlich größeren Mehrwert für sein Unternehmen.

“Das ein oder andere LinkedIn-Posting lässt sich nicht vermeiden. Aber auch mit weniger Effort geht es jetzt gut. Ich folge ausgewählten Personen und kontrolliere meine Bubble. Und ich finde, man sollte nicht vergessen, dass Connections auch im realen Leben passieren und Fundamente für Business-Beziehungen oft im Analogen gepflastert werden. Eine Messe, ein Networking-Abend oder ein One-on-One-Meeting kann nur schwer durch LinkedIn ersetzt werden.”

28.03.2025

LinkedIn: Karrieresprung oder Spiel mit der Psyche

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Symbolbild | Foto: Adobe Stock

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Du bist Gründer:in, du willst Connections, Investor:innen oder einfach eine Menge Kontakte? Dann bist du wahrscheinlich auf LinkedIn.

LinkedIn sieht sich selbst als die “weltweit größte Business-Plattform”. Das ursprünglich zur beruflichen Vernetzung entwickelte digitale Netzwerk wird aktuell in über 200 Ländern verwendet.

Weltweit hat es 1,5 Milliarden registrierte Nutzer:innen, die meisten davon sitzen in den USA, in Indien und in Brasilien. Einer amerikanischen Quelle zufolge erhöht sich die Nutzerbasis der Plattform jährlich um 15 Prozent. LinkedIn wurde 2002 in Kalifornien gegründet und wurde im Dezember 2016 von Microsoft gekauft.

LinkedIn: Die Nutzerstärkste Karriereplattform

Als Quasi-Pendant dazu fungiert die deutsche Business-Plattform Xing. Weltweit zählt das im August 2003 in Hamburg gegründete Netzwerk 22,5 Millionen Nutzer:innen (Stand: Jänner 2025). Das ist weniger, als LinkedIn allein in der DACH-Region zählt. Dort sind es 25 Millionen Registrierte.

Die Nutzerzahlen der Konkurrenz-Plattform Xing sind seit dem Jahr 2013 zwar konstant gestiegen, die Steigerung flachte allerdings seit dem Jahr 2020 ab. Im Jahr 2013 zählte Xing weltweit noch 6,3 Millionen Mitglieder, im Q2 des Jahres 2024 waren es dann 22,5 Millionen.

Die Beliebtheit von LinkedIn, gerade in der “Business-Bubble”, ist unumstritten. Laut einer Umfrage von Jänner 2024 nutzen 65 Prozent der Unternehmen weltweit LinkedIn auch zum B2B-Marketing. Generell zählt LinkedIn nach Facebook und Instagram zu den beliebtesten Social-Media-Plattformen unter Unternehmen.

Business- wird zum Social- und Opinion-Network

Wer die ein oder anderen Stunden auf der Plattform verbringt, wird merken: LinkedIn hat sich vom beruflichen Netzwerk zu einem Social- und Opinion-Network mit reichlich Content-Diversität entwickelt. Ein Beispiel dafür ist Deutschland: In unserem Nachbarland kam es zuletzt zu reichlich (politischen) Meinungsäußerungen im Netzwerk.

In Österreich ist dies auch vereinzelt, allgemein aber eher verhalten der Fall. Dennoch kann auch hierzulande nicht nur von Vernetzung gesprochen werden: Ein Kernelement der Business-Plattform ist die Selbstpräsentation.

Das sagt auch Julie Simstich, Arbeitspsychologin mit Fokus auf Neurodiversität und ADHS sowie auf stärkenorientierte Teamentwicklung. Sie befasst sich intensiv mit Gründer:innen und ihrem Arbeitsverhalten – und weiß daher auch, warum LinkedIn so tickt, wie es tickt:

“LinkedIn ist eine Plattform, auf der es darum geht, laut zu schreien und sich dabei selbst zu präsentieren.” Inhaltlich muss sich das Ganze nicht rein um den Beruf drehen. Das könnte die Reichweite unter Umständen sogar negativ beeinflussen. Denn wie so ziemlich jedes andere soziale Netzwerk hat auch LinkedIn einen Algorithmus.

Julie Simstich, Arbeitspsychologin | Foto: Sebastian Simstich

Wie der LinkedIn-Algorithmus tickt

Wie dieser funktioniert, weiß man noch nicht ganz genau. Bislang gibt es erst ein paar Tricks zur Algo-Optimierung, die auf Beobachtung basieren und bereits im Netzwerk selbst vermarktet werden:

So werden Profile, die viele direkte Nachrichten bekommen, vom LinkedIn-Algo eher gepusht als solche, die wenige rot-leuchtende Nummern in ihrer Inbox zählen. Außerdem bewertet der Algorithmus auch eine möglichst lange “View-Time” der geposteten Inhalte als positiv. Genauso wie die Anzahl der Kontaktanfragen und die sogenannten “External Shares“.

Letzteres bedeutet: Wenn Inhalte außerhalb deiner Kontakt-Bubble geteilt werden, ist das besonders lukrativ und bringt Reichweite. Dein Inhalt wird dann auch anderen Nutzer:innen ausgespielt – sofern dies deine Sicherheitseinstellungen erlauben. Das Ergebnis: Algorithmus-basierte Reichweite.

Zu guter Letzt: Zahlreiche Profil-Besuche und regelmäßige Interaktion freuen den Algorithmus besonders. Und: Ähnlich wie auf dem sozialen Netzwerk Instagram wünscht sich auch der LinkedIn-Algorithmus, dass möglichst viele deiner Postings von Nutzer:innen gespeichert werden. Empfohlen werden daher informative Inhalte, die User:innen Wissen bieten und bei Zeiten auch später abgerufen werden.

Das Spiel mit dem Wissen hat auch Manuel Messner, Co-Founder und CEO des Startups Mazing, versucht. Messner, der mit seiner Firma 3D und Augmented Reality für Websites anbietet, startete seine LinkedIn-Reise mit dem Fokus auf B2B-Akquisition und dem Teilen von Wissensinhalten.

Manuel Messner, Founder von Mazing | Foto: Mazing

Ursprünglich nutzte Messner die Business-Plattform als Marketingtool und zur Wissensvermittlung. Mazing setzte dafür auch Automatisierungstools ein, um sich effizient mit Interessenten zu vernetzen. Anfangs trug die Strategie zwar Früchte, nach ein paar Monaten sackte die Erfolgskurve allerdings ab. “Damals, vor drei Jahren, gab es einen Automatisierungsboom. Der Markt war schnell davon gesättigt, automatisierte Anfragen halfen nichts mehr”, erinnert sich Messner. Auch der Versuch, Kunden über persönliche Kaltakquise zu gewinnen, blieb erfolglos.

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Dass nur mehr Meinung und Polarisierung zählen, kann nicht ganz gesagt werden. Denn vollständig durchschaut wird der LinkedIn-Algorithmus noch nicht. Eine unabdingbare Voraussetzung für das Viral-Gehen polarisierender Postings gibt es auch nicht. Dennoch kann eine Tendenz erkannt werden. Und zwar jene der polarisierenden Selbstrepräsentation, die nicht immer mit dem Unternehmensinhalt zu tun hat.

Jubelplattform mit Druck und Perfektion

“Im Gegensatz zu Instagram, wo es häufig um den Lebensstil geht, geht es bei LinkedIn um berufliche Erfolge. Und da haben gerade Menschen, die vielleicht sogar unter dem Imposter-Syndrom leiden, eher zu kämpfen”, sagt Psychologin Simstich. “Natürlich gibt es einige Posts, die zeigen, wie Misserfolge passieren. Aber der allgemeine Tenor geht in Richtung Jubelplattform.”

Nun könnte man glauben: Gründer:innen sind das gewohnt. Sie sind hart im Nehmen, Perfektionist:innen und mit ständigem Druck und dem Vergleichen vertraut. “Klarerweise ist das nicht bei allen Gründer:innen, und schon lange nicht bei allen LinkedIn-Nutzenden, der Fall”, so Simstich.

“Auf Founderinnen und Foundern herrscht natürlich ein sozialer Druck. Eine Erwartungshaltung, aus der eigenen Firma etwas Großes zu machen, und das am besten in absehbarer Zeit. Es gibt Studien dazu, die sagen, dass Perfektionismus und der soziale Druck bei Foundern viel höher sein können als bei einem CEO, der selbst nicht gegründet hat. Dabei spricht man von einer Art des ‘sozial-vorgeschriebenen Perfektionismus’”, so die Psychologin.

“Natürlich kann man das nicht pauschal für jeden Gründer und jede Gründerin sagen, aber es gibt Hinweise, die besagen: Je höher der Perfektionismus bei einer Person ausgeprägt ist, desto niedriger ist das eigene Zufriedenheits- und Glücksempfinden. Hohe Ansprüche an sich zu haben und sich konstant mit seinem Umfeld zu vergleichen, kann die Psyche sehr belasten.”

Zudem tummeln sich auf der Plattform die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Psychologin Simstich weiß zum Beispiel, dass die Anzahl an ADHS-Diagnosen unter Gründer:innen weitaus höher ist als unter der Gesamtbevölkerung: “Die Wahrscheinlichkeit ist um 300 Prozent höher, dass jemand mit ADHS ein Unternehmen gründet, als jemand, der nicht mit ADHS lebt”, so die Psychologin.

Eine ADHS-Diagnose bringt im Gründungskontext zahlreiche Vorteile mit sich – etwa das intensive Interesse an einem Themenfeld oder ein intensiver Fokus, der sogenannte Hyperfokus. Auch die Bereitschaft zu risikoreichen Schritten und das instinktive Setzen von Impulsen zählt zu den Vorteilen.

Routinetätigkeiten, Organisation und Planung können sich manchmal jedoch als Stolpersteine erweisen. Genauso wie eine geringe Frustrationstoleranz und die Präsenz von Selbstzweifeln: “Egal ob ADHS oder nicht, bestehende Selbstzweifel können nachweislich über Plattformen wie LinkedIn verstärkt werden – gerade, wenn es darum geht, sich selbst und Erfolge zu präsentieren oder sich mit eben jenen konstant zu vergleichen”, so Simstich.

Der ununterbrochene Vergleich mit der Leistung anderer ist vielen mit Sicherheit auch von anderen Social-Media-Plattformen bekannt. In Lifestyle- oder Marketing-Themen sei dies wohl die Plattform Instagram. Doch im Business-Kontext ist LinkedIn ganz vorne im Bestätigen bestehender Zweifel:

“Viele Menschen, gerade auch Menschen mit ADHS, haben Schwierigkeiten, ihre Erfolge selbst anzuerkennen. LinkedIn tut uns dabei nicht unbedingt gut”, so Simstich. Eine logische Konsequenz ist das Gefühl, nicht erfolgreich genug zu sein, nicht genug zu arbeiten oder nicht in der erwarteten Zeit die erwarteten Erfolge zu erzielen.

Realitätsverzerrt gepostet

Ein weiteres LinkedIn-Phänomen: Die Realitätsverzerrung durch selektive Darstellung. “Nutzer:innen picken sich natürlich die Inhalte heraus, die sie posten wollen und die Anerkennung bringen. Das kennen wir auch von anderen Social-Media-Plattformen. Wichtig ist, sich bewusst zu machen: Was wir sehen, ist nur ein Ausschnitt der Realität – und dieser Ausschnitt wird oft bewusst verzerrt.”

Wie zu erwarten kommt dabei auch der bislang noch wenig durchschaute LinkedIn-Algorithmus ins Spiel: “Wie wir bisher wissen, belohnt es der Algorithmus, wenn viel Zeit auf der Plattform verbracht wird. Je häufiger und länger Menschen auf LinkedIn sind, desto besser sind ihre Karrierechancen. Dazu gibt es einige Studien. Je mehr wir interagieren, desto mehr Reichweite hat unser Profil. Das heißt: LinkedIn provoziert, dass wir auf der Plattform aktiv sind. LinkedIn ist ja auch nur ein Unternehmen, das User anlocken will. Dessen muss man sich bewusst sein. LinkedIn spielt mit der psychischen Gesundheit von Menschen“.

Will man also groß rauskommen und als Gründer:in im Markt Fuß fassen, scheint LinkedIn ein quasi unvermeidbarer Hebel zu sein. Regulieren kann man das Ganze allerdings selbst – und zwar mit einigen Mechanismen, wie Simstich erklärt:

“Sollte ich merken, dass mir der Content in irgendeiner Art und Weise nicht gut tut, ich aber beruflich dazu verpflichtet bin, auf der Plattform aktiv zu sein, kann ich mir mit ein paar Tools helfen.”

25 Prozent sind auf LinkedIn, nur 1 Prozent postet

Statt sich gezielt zu vergleichen, sollte man seine Fühler auch in andere Felder auszustrecken: “LinkedIn wird hauptsächlich von Unternehmen und der High-Performance-Bubble genutzt. Etwa 25 Prozent der Menschen in Österreich nutzen LinkedIn. Von diesen postet aber nur etwa ein Prozent. Das, was wir auf LinkedIn sehen, ist nur ein kleiner und manchmal bewusst verzerrter Teil der ‘echten Welt’. In unserem Wirtschaftssystem gibt es aber auch viel Fachpersonal in vielen analogen Bereichen. Sei es die Postbotin, der Müllmann oder Menschen in Pflegeberufen. Jede und jeder von ihnen leistet einen wesentlichen Beitrag zu unserem Wirtschaftssystem und unserer Gesellschaft, auch wenn man das nicht auf LinkedIn sieht oder liest.”

Wichtig sei dahingehend vor allem, sich der selektiven Darstellung bewusst zu sein: “Dank der Algorithmen rutschen wir in eine Bubble. Dahingehend kann ich nur jedem und jeder wärmstens ans Herz legen: Macht aktive Realitätschecks und erweitert eure Perspektive. Sucht auf LinkedIn nach FuckUp-Nights, stöbert durch andere Branchen oder geht auf Portale oder Profile, die nicht in eurer Bubble sind.”

Das LinkedIn-Selbstexperiment

Überprüfen kann man das auch mithilfe eines Selbstexperiments: “Bevor du dich einloggst, beobachte, wie es dir geht. Dann setz dich hin, scrolle ein bisschen durch die Plattform und schau nach 15 Minuten, was dein Gemütszustand dann sagt. Fühlst du dich gestärkt und selbstbewusst oder eher down? Ignoriere das Gefühl nicht, sondern überlege dir anschließend, wie du deinen LinkedIn-Konsum gezielt gestalten könntest, damit nicht nur dein Business profitiert, sondern auch du als Mensch. Konkrete Zeitfenster können dabei ganz gut helfen, um Abstand zu gewinnen und bewusst zu entschleunigen.”

Überdies sollte man auch nicht vergessen: LinkedIn-Postings stammen nicht immer vom Menschen selbst: “Wenn ich das Gefühl habe: Meine Branchenkollegin verfasst deutlich erfolgreichere LinkedIn-Posts als ich, während mein eigener Content kaum Reichweite erzielt, dann lohnt es sich, zu hinterfragen: Hat sie ihren Beitrag wirklich selbst geschrieben? Hat sie dafür einen Profi engagiert? Oder steckt ChatGPT dahinter?”

Mensch versus Team und KI

Simstich verweist damit auf ein Phänomen der modernen Zeit: Der Vergleich mit Leistungen, die längst nicht mehr ausschließlich menschlich sind – sei es durch den Einsatz von KI-generierten Inhalten oder durch Teams, die hinter einer einzelnen Person agieren.

“Oft entsteht der Eindruck, dass eine Einzelperson außergewöhnliche Leistung erbringt, obwohl in Wahrheit Technologie oder ein ganzes Team im Hintergrund mitwirken. Unser Gehirn sieht nur den scheinbaren Erfolg und zieht eine Bilanz. Deshalb rate ich, einfach vorsichtig zu sein. Natürlich soll man LinkedIn nutzen, ich mache es ja auch, aber sei dir bewusst, dass die Plattform mit zunehmendem Fortschritt technologischer Innovation ein bisschen unberechenbarer wird.”

Dessen ist sich auch Manuel Messner bewusst. Mittlerweile hat er sein wöchentliches LinkedIn-Pensum auf 50 Minuten reduziert. Die restliche Content-Zeit kann er nun anderweitig nutzen: Messner postet Wissensinhalte auf Instagram und spürt dabei einen deutlich größeren Mehrwert für sein Unternehmen.

“Das ein oder andere LinkedIn-Posting lässt sich nicht vermeiden. Aber auch mit weniger Effort geht es jetzt gut. Ich folge ausgewählten Personen und kontrolliere meine Bubble. Und ich finde, man sollte nicht vergessen, dass Connections auch im realen Leben passieren und Fundamente für Business-Beziehungen oft im Analogen gepflastert werden. Eine Messe, ein Networking-Abend oder ein One-on-One-Meeting kann nur schwer durch LinkedIn ersetzt werden.”

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