29.07.2025
DEEP DIVE

Warum es Standards und Normen für eine erfolgreiche Skalierung braucht

Normen klingen nach Bürokratie – sind für Startups aber oft der Schlüssel zur Skalierung und Internationalisierung. Warum das so ist, erklären Bitmovin-Mitgründer Christian Timmerer und Karl Grün von Austrian Standards.
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vll. Karl Grün, Austrian Standards Deputy Managing Director, und Bitmovin-Mitgründer Christian Timmerer | (c) Felicitas Matern (Foto links) | Universität Klagenfurt (Fotos rechts)

Sobald ein junges Unternehmen mit einer frischen Idee auf den Markt drängt, tauchen immer wieder dieselben Fragen auf: Passt meine Lösung in die bestehende Systemlandschaft? Verstehen potenzielle Partner das Format? Und wie bleibe ich anschlussfähig, wenn ich international wachsen will? Die Antworten haben oft wenig mit wagemutigem Marketing, dafür viel mit nüchternen Normen zu tun. Standards sorgen für Kompatibilität, Interoperabilität, mindern Integrationskosten – und können so zum echten Wachstumsmotor werden.

Bitmovins Vorsprung durch Normarbeit

Christian Timmerer, Professor für Multimediasysteme und Mitgründer von Bitmovin, erinnert sich an die Anfänge: „Wir haben ja an diesem Standard MPEG-Dash mitgearbeitet. Die erste Version von MPEG-Dash wurde 2012 veröffentlicht und daran gearbeitet hat man ja schon die Jahre davor.“ Das spätere Startup saß also bereits gemeinsam mit vielen weiteren Komiteeteilnehmenden am Tisch und diskutierte mit, als noch nicht feststand, wie Video-Streaming künftig exakt funktionieren sollte.

Dieses Engagement zahlte sich aus. Als der Standard verabschiedet war, konnte Bitmovin einen Encoder und einen Player präsentieren, die exakt auf das neue Format abgestimmt waren. Das verkürzte Verkaufsgespräche, weil Kundinnen und Kunden weder an proprietäre Lösungen gebunden noch dazu gezwungen waren, ihr gesamtes Streaming-Setup auszutauschen.

Interoperabilität als Verkaufsargument

Timmerer bringt den Nutzen auf den Punkt: „Wenn man natürlich beide Sachen kontrolliert, braucht man eigentlich keinen Standard. Aber wir haben halt Kunden, die einerseits den Encoder benutzen und einen anderen Player haben oder eben nur den Player haben und einen anderen Encoder. Das heißt, die Dinge müssen irgendwie zusammenspielen, müssen sozusagen interoperabel sein und da braucht man dann standardisierte Formate.“

Gerade für junge Firmen ist das entscheidend. Sie haben selten die Marktmacht, ein eigenes Ökosystem aufzubauen. Ein klarer Bezug zu etablierten Normen verschafft ihnen Glaubwürdigkeit und senkt Hürden bei der Einführung ihres Produkts.

Austrian Standards: offene Tür zur Welt der Normen

Damit Startups überhaupt erfahren, welche Regeln gelten und wo sie mitgestalten können, braucht es Vermittler. In Österreich übernimmt das Austrian Standards, die österreichische Organisation für Standardisierung. Karl Grün, Deputy Managing Director und langjähriger Normenexperte von Austrian Standards, betont zunächst den freiwilligen Charakter: „Standards sind, wenn auch nicht vom Charakter, vom Status her, Empfehlungen.“

Empfehlungen, die Wirkung zeigen, weil sie am Markt Akzeptanz genießen. Grün ergänzt: „Nichtsdestotrotz sagen Standards, wie etwas gut aussehen kann.“ Wer sich daran orientiert, liefert nachvollziehbare Qualität und spart sich zähe Diskussionen über Grundbegriffe und Formate.

Niedrige Einstiegshürde, großes Netzwerk

Viele junge Gründer fürchten, Normung sei teuer und zeitaufwendig. Grün räumt mit dem ersten Vorurteil auf: „Die Teilnahme an der Standardisierung bei uns ist kostenlos.“

Mitmachen lohnt sich auch aus Netzwerk-Sicht. „Wir haben 4.800 Expertinnen und Experten bei uns, die wir aus über 2.880 Organisationen managen“, sagt Grün. In solchen Gremien treffen Startups häufig genau jene Ansprechpartner, die später über Pilotprojekte oder Beschaffungen entscheiden.

Ein langer Atem – doch der Einsatz rechnet sich

Normung ist kein Sprint. Grün nennt sie ein „Long-Term Commitment“ – Prozesse dauern Monate bis Jahre, weil sich viele Stakeholder einig werden müssen. Bitmovin nahm diese Mühe in Kauf. „Ohne diese Mitwirkung würde es Bitmovin eigentlich in der Form nicht geben“, resümiert Timmerer. Das Kernteam hatte nicht nur frühe Einblicke in Spezifikationen, sondern konnte während der Sitzungen Vertrauen aufbauen – ein weicher Faktor, der sich später in Kundengesprächen auszahlte.

Offene Standards und Schutzrechte – kein Widerspruch

Grün stellt klar, dass Austrian Standards keine Monopolstrukturen fördert. Patentierte Technologie darf nur Teil einer Norm werden, wenn sie zu fairen Bedingungen lizenziert wird. So entstehen „offene Standards“, die Wettbewerb ermöglichen. Für Startups bedeutet das: Wer ein eigenes, nicht essenzielles Detail schützen will, kann das tun – solange die Allgemeinheit weiterhin Zugang zum Kern der Spezifikation behält.

Frühwarnsystem für Risiken

Bitmovin nutzt das Netzwerk, das ihm durch die Beteiligung am Normungsprozess zur Verfügung steht, auch zur Kontaktpflege, um Patentstreitigkeiten zu beobachten. Kommt es zu Klagen zwischen Großkonzernen, prüft das Team umgehend, ob die fraglichen Schutzrechte das eigene Produkt berühren. Diese Wachsamkeit ist ein direktes Ergebnis der Normungsarbeit: Man kennt die Player, weiß, welche Claims sie anmelden, und kann reagieren, bevor es teuer wird.

Standards als Qualitätssiegel für Investorinnen und Investoren

Nicht nur Kunden, auch Geldgeber achten auf Anschlussfähigkeit. Ein Investor will sicher sein, dass eine Lösung skaliert, ohne bei jedem Integrationsschritt neu erfunden zu werden. Die klare Referenz auf MPEG-Dash half Bitmovin in frühen Finanzierungsrunden: Der Standard ist international etabliert; damit sinkt das Risiko, dass sich ein Nischenformat durchsetzt, an dem das Startup scheitert.

Praxisbeispiel für andere Branchen

Was im Video-Streaming gilt, trifft auch auf KI-Modelle, Cleantech-Sensoren oder Medizintechnik zu. In allen Bereichen entstehen Normen, die Kompatibilität und Interoperabilität sichern. Startups können – wie Bitmovin – mitreden, Dokumente kommentieren, Spezifikationen von Prototypen zur Evaluierung einreichen und so ihr künftiges Marktumfeld mitgestalten.

Die selbe Sprache sprechen

Standards erscheinen auf den ersten Blick trocken, doch bilden sie einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil. Bitmovin zeigt, wie man durch aktive Normarbeit mitsamt defensiver Patentstrategie weltweit sichtbar wird und Kunden gewinnt, ohne proprietäre Insellösungen zu erzwingen. Austrian Standards wiederum öffnet dafür die Türen: kostenlos, vernetzt und praxistauglich.

Wer früh versteht, dass ein Produkt nur dann international skalierbar ist, wenn es dieselbe „Sprache“ wie der Markt spricht, spart sich später hohe Integrationskosten und erklärt Investoren plausibel, warum die eigene Technologie Zukunft hat. Standards sind damit kein Hemmschuh, sondern ein Sprungbrett – vorausgesetzt, man nutzt sie rechtzeitig.

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(c) Paul Gruber - CEO Korbinian Kasinger (links) bei der Präsentation von Charge with Friends mit Lukas Skarabela (rechts) von Schachinger Logistik.

Mit „Charge with Friends“ hat kW-Solutions eine Plattform etabliert, die Logistikunternehmen miteinander vernetzen und die gemeinsame Nutzung von Ladeinfrastruktur für E-LKW ermöglichen soll. Erste E-LKW laden bereits über die Plattform an den Standorten anderer Transportunternehmen – mit Ersparnissen von bis zu netto 20 Cent pro Kilowattstunde, so der Claim. Mit Ende Juni sollen bereits rund zehn Standorte online sein, bis Ende des Jahres ist die Abdeckung von ganz Österreich geplant.

kW-Solutions: Ladepunkte mit Nachfrage aus der Logistik verbinden

Viele Unternehmen investieren in leistungsfähige Ladeinfrastruktur, die jedoch oftmals nicht ideal ausgelastet wird. Ein Problem, das Charge with Friends lösen soll. Die Plattform verbindet verfügbare Ladepunkte mit Nachfrage aus der Logistik und ermöglicht so die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur innerhalb der Branche zu Preisen von etwa 30–40 ct/kWh netto, liest es sich in der Aussendung.

Problem: Mangelnde Interoperabilität

Von der ersten Idee bis zum produktiven Betrieb vergingen nur wenige Wochen, wie man mitteilt: „Wir wollen die wichtigste Plattform für das Teilen von Depot-Ladeinfrastruktur innerhalb Österreichs, des DACH-Raums sowie Europa werden. Dafür laden wir alle Transportunternehmen mit E-Ladeinfrastruktur ein, Teil des Netzwerkes zu werden“, sagt kW-Solutions CEO Korbinian Kasinger, der im Vorjahr den Innovator of the Year gewonnen hat.

Der Ansatz: Jeder Depotstandort soll – unabhängig von der eingesetzten Infrastruktur oder Software – in das Netzwerk integriert werden können. „Solche Projekte scheitern oftmals an mangelnder Interoperabilität zwischen den Systemen. Mit dem von uns entwickelten Proxy können wir jedwedes Betriebssystem niederschwellig anbinden“, so Kasinger.

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