02.03.2026
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Warum die Industriegruppe Wietersdorfer auf Startup-Mentalität und Silicon Valley setzt

Innovation ist im industriellen Umfeld kein Selbstläufer, sondern eine Frage der Haltung. Für die Kärntner Wietersdorfer Gruppe bedeutet das: Raus aus der Komfortzone, hinein in internationale Ökosysteme - zuletzt etwa mit einer Reise ins Silicon Valley.
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Die Teilnehmer der Silicon-Valley-Reise der Wietersdorfer Gruppe am Cmapus der Stanford University | (c) Wietersdorfer Gruppe
Die Teilnehmer der Silicon-Valley-Reise der Wietersdorfer Gruppe am Cmapus der Stanford University | (c) Wietersdorfer Gruppe

Wenn ein Unternehmen mit 130-jähriger Geschichte, das Experte bei Zement/Beton, Kalk, Industriemineralien und Rohrsystemen ist, seine Führungskräfte in das Epizentrum der digitalen Disruption schickt, geht es nicht um Silicon-Valley-Tourismus. Es geht um den harten Realitätscheck für die eigene Zukunftsfähigkeit. Christian Novak, Leiter der Abteilung IT/OT bei der Wietersdorfer-Tochter Alpacem, war Teil der „Silicon-Valley-Learning-Journey“ des Kärntner Industrieunternehmens. Für ihn liegen die Herausforderungen für die Industrie weniger in der technologischen Innovation selbst, als in der Geschwindigkeit der Umsetzung.

„Ein sehr prägendes Bild war für uns der direkte Vergleich von Tradition und Zukunft: Ein historisches Cable Car, das seit über 150 Jahren nahezu unverändert fährt, wird von einem autonomen Robotaxi überholt“, beschreibt Novak seine Eindrücke. „Als Europäer wird einem dabei sehr bewusst, wie stark Regulierung und Risikovermeidung Innovation bremsen können“.

Innovation als systematischer Prozess

Die Reise war dabei kein isoliertes Incentive, sondern ein Baustein einer breiteren Strategie. Die Wietersdorfer Gruppe setzt darauf, Innovation nicht zufällig entstehen zu lassen, sondern systematisch zu organisieren – durch externe Impulse, Startup-Kooperationen und Fonds-Engagements.

Es gehe darum, „externe Impulse gezielt dort zu holen, wo technologische Entwicklungen besonders schnell voranschreiten, und diese mit unseren eigenen Fragestellungen zu spiegeln“, erklärt Christian Novak. Besonders im industriellen Umfeld, wo oft die letzten Optimierungsschritte über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden, lassen sich diese zunehmend nur noch mit KI-gestützten Lösungen realisieren.

Christian Novak ist Leiter der Abteilung IT/OT bei der Wietersdorfer-Tochter Alpacem | (c) Alpacem

Novak betont, dass es dabei nicht darum geht, das Silicon Valley blind zu kopieren. Vielmehr diene der Blick nach außen dazu, eigene Annahmen zu hinterfragen und industrielle KI-Use-Cases zu schärfen. „Für uns liegt der Lernwert weniger in einzelnen Technologien als in der Haltung gegenüber Veränderung: schneller zu testen, mutiger zu experimentieren und Anpassungen als kontinuierlichen Prozess zu verstehen“, so Novak. Diese Denkweise sei auch für Industrieunternehmen zentral.

Agilität als Überlebensfaktor

Novaks Haltung deckt sich mit der langfristigen Vision der Unternehmensführung. Im brutkasten-Video-Talk im vergangenen Oktober unterstrich Wietersdorfer-Geschäftsführer Michael Junghans die Notwendigkeit, sich trotz – oder gerade wegen – der langen Unternehmenstradition ständig zu wandeln.

„Wenn ein Unternehmen über 130 Jahre alt werden möchte, dann muss es sich immer wieder neu erfinden“, so der Geschäftsführer. Er verwies darauf, dass die Dynamik in den letzten zehn Jahren massiv zugenommen habe. Das Schlüsselwort laute daher Agilität: „Man muss die Bereitschaft haben, sich immer wieder selbst zu hinterfragen und diese auch im Unternehmen wecken, um neue Dinge auszuprobieren“.

Führungskultur: Guide, Empower, Evolve

Damit aus Impulsen – seien es solche aus dem Silicon Valley oder aus der Beteiligung am „Speedinvest Climate & Industry Opportunity Fund“ – echte Innovationen werden, braucht es die richtige Führungskultur. Die Wietersdorfer Gruppe nennt diesen Ansatz „Guide-Empower-Evolve“.

Michael Junghans führte dies im Talk näher aus: „Führungskräfte sind aufgerufen, Guidance zu geben“, sagte er. Gleichzeitig müsse man den Mitarbeitenden Verantwortung übertragen und Freiräume lassen, damit sich die Organisation erfolgreich entwickeln könne.

Tipp: Michael Junghans im brutkasten-Video-Talk

Genau diese Freiräume fordert auch Christian Novak nach seiner Rückkehr aus den USA ein. „Wir müssen in Europa wieder stärker darüber diskutieren, wie wir Freiräume für technologische Entwicklung schaffen, ohne Sicherheit aus den Augen zu verlieren – aber mit mehr Mut, Dinge auszuprobieren“, so der IT-Experte.

Von der Inspiration zur Integration

Was bleibt von der Reise? Laut Novak vor allem die Erkenntnis, dass viele Lösungen innerhalb der diversifizierten Unternehmensgruppe bereits existieren, aber besser vernetzt werden müssen. „Ein zentrales Learning war, wie wertvoll strukturierter Austausch und Vernetzung innerhalb unserer Unternehmensgruppe sind“, sagt Novak.

Die Ziele der Reise – Innovationskultur verstehen und eigene Projekte extern challengen – wurden laut Novak erreicht. Es seien neue Ideen entstanden, die bereits in Pilotprojekten weiterverfolgt werden, und Kooperationspartner identifiziert worden.

Letztlich geht es der Wietersdorfer Gruppe darum, externe Innovation nicht nur zu konsumieren, sondern zu integrieren. Sei es durch die Zusammenarbeit mit Startups, wie sie Michael Junghans beschreibt – etwa um Lieferketten KI-gestützt zu screenen – oder durch den Kulturwandel, den Novak aus dem Valley mitbringt.

Das Ziel formuliert Christian Novak klar: „Ziel ist es, die Energie und Dynamik, die während der Reise entstanden sind, dauerhaft in die Organisation zu tragen und Innovation nicht als Einzelinitiative, sondern als laufenden, gruppenweiten Prozess zu verankern“.

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Claus Schmidt | © Schrotter
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Das seit diesem Sommer börsennotierte Grazer Energie- und Atomkraft-Scaleup (bzw. je nach Lesart Unicorn) Emerald Horizon hat schon zuvor mit Personal-Entscheidungen auf sich aufmerksam gemacht: Zunächst holte man vergangenes Jahr Ex-Nationalbank-Gouverneur Robert Holzmann, später Ex-FPÖ-Chef Norbert Hofer jeweils in Vice-President-Positionen ins Team. Eine nun verkündete Personalie weist etwas weniger Prominenz, dafür wohl mehr Pragmatismus auf: Der erfahrene österreichische Manager Claus Schmidt übernimmt den Verantwortungsbereich „Organizational Development & Quality Management“.

Ziel: fit für die ambitionierten Pläne

Für Emerald Horizon geht es darum, die gesamte Organisation fit für die ambitionierten Pläne zu machen. Denn sowohl mit dem erst teilweise marktreifen Energiespeichersystem „Dual Store Plus“ als auch mit den geplanten Thorium- und Teilchenbeschleuniger-basierten Mini-Atomkraftwerken „Ades“ (brutkasten berichtete) will man in den kommenden Jahren in die Serienproduktion, um in die weltweite Skalierung zu gehen. Als Produktionspartner hierfür ist die niederländische VDL Groep bereits fixiert.

„Wir kommen aus der Forschung und gehen in die Industrialisierung. Über diesen Übergang entscheidet die Organisation in wesentlichem Maße mit“, sagt Vice President Operations Philipp Pölzl. „Claus Schmidt hat in mehreren Industrien Verantwortung übernommen. Diese Erfahrung holen wir uns an Bord.“ Schmidt bringe mit, was ein Deep-Tech-Unternehmen in der Wachstumsphase brauche: „Struktur, Qualitätsdenken und ein Gespür für Teams“.

Claus Schmidt: 25 Jahre Erfahrung im Top-Management

Konkret kommt der studierte Betriebswirt Schmidt mit mehr als 25 Jahren Erfahrung als CEO und CSO in unterschiedlichen Branchen und Ländern. Er war unter anderem Geschäftsführer der Umdasch Shopfitting Group mit 1.500 Mitarbeitern in 16 Ländern, CEO der Columbia S.r.l. in Italien und der Shoptec k.f.t in Ungarn, CEO der IDEAL Kältetechnik und zuletzt Generalbevollmächtigter der SIMACEK Holding in Wien und Hamburg.

„Emerald Horizon ist in einer Phase, in der aus einer Entwicklung Schritt für Schritt großartige Produktlösungen entstehen. Diese Herausforderung reizt mich enorm, und ich freue mich auf die Arbeit mit diesem großartigen und wachsenden Team“, kommentiert Schmidt.

Ungewöhnlicher Börsengang

In einem durchaus ungewöhnlichen Schritt ging Emerald Horizon Anfang dieses Sommers im Segment „standard market continuous“ an die Wiener Börse. Ungewöhnlich deshalb, weil das erste geplante Produkt „Dual Store Plus“ nach eigenen Angaben teilweise erst in der Prototypenphase ist – konkret der Wärmespeicher „CALStore“; vom geplanten Hauptprodukt „Ades“ gibt es noch keinen Prototypen. Für die kommenden Jahre rechnet das Unternehmen mit Verlusten, was zuletzt zu einem ungewöhnlichen Finanzierungsschritt führte. Dennoch wird das Unternehmen an der Börse bereits mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet.

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