21.02.2018

Voyage-CEO Oliver Cameron: „Rentner lieben selbstfahrende Autos“

Oliver Cameron ist der Gründer und Geschäftsführer des gerade mal ein Jahr alten Startups Voyage, das in Santa Clara in Kalifornien selbstfahrende Autos, genauer gesagt Robotertaxis entwickelt.
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selbstfahrende Autos - Voyage-CEO Oliver Cameron
Voyage-CEO Oliver Cameron. Copyright: Mario Herger

Oliver kommt aus der Kleinstadt Halifax im Norden Englands und interessierte sich schon von klein auf für das Programmieren. Früh war er auch von Apple begeistert und begann on Objective C zu programmieren, sich mit Linux zu beschäftigen, und später sich auf das iPhone zu konzentrieren. Er baute eine iPhone-App die Stimme verändern konnte, und verkaufte eine Million Stück davon. Er kam dann ins Silicon Valley als er in den Y-Combinator-Akzelerator aufgenommen wurde und dort an einem ‚intelligenten Adressbuch‘ zu arbeiten begann. Bei dieser Arbeit vertiefte er sich in Maschinenlernen, und begann sich für selbstfahrende Autos zu interessieren, wo er dann die Onlinekursplattform Udacity fand, die vom Deutschen Sebastian Thrun gegründet worden war, der als der ‚Godfather des autonomen Autos‘ gilt. Während er viele Kurse machte, kam er mit den Udacity-Leuten intensiv in Kontakt, wo er schließlich Mitarbeiter wurde und den Kurs zum Self-Driving Engineering Nanodegree ausarbeitete.


Wie kamst Du zu selbstfahrenden Autos?

Oliver Cameron: Einen der ersten Kurse den ich auf Udacity durchmachte war der von Sebastian Thrun zu Künstlicher Intelligenz für Roboter. Ich habe dann auch die Maschinenlernen und Robotikkurse gemacht und mir gedacht, dass ich in England doch auch selbstfahrende Autos bauen könnte, so wie Google das im Silicon Valley macht. Ganz hat das nicht geklappt, weil man in England doch etwas risikoscheuer ist. Auf Udacity bemerkte ich wie gerne ich diese Art von Lernen mochte und lernte die Leute dort auch besser kennen. Also begann ich dort mitzuarbeiten und dann als VP von Content und Produkten wurden wir von Sebastian Thrun immer ermutigt Risiken einzugehen und Neues auszuprobieren. Letztendlich fanden wir raus, dass wir auf Udacity Dinge unterrichten konnten, die sonst niemand macht und wir entwickelten den Selbstfahrtechnologiekurs.

Der Erfolg des Kurses gab mir den Anstoß mein eigenes Startup zu autonomen fahren zu machen. Im Frühjahr 2017 konnten wir etwas Geld von Investoren aufstellen und gründeten Voyage. Im Dezember gelang es und 15 Millionen Dollar an Investitionen zu erhalten.

Habt ihr dabei den Softwarecode den ihr für Udacity entwickelt habt als Basis für Euch genommen?

Oliver: Nein, wir haben von ganz von Anfang begonnen. Heute ist es auch viel einfacher so ein Startup zu beginnen, weil schon viele das ist, dass man einfach integrieren und darauf aufsetzen kann. Wir fanden all diese Startups die sich auf Teile wie Navigationssysteme oder Sensortechnologien spezialisiert haben und können uns deshalb auf Simulationen und Probleme stürzen, die bisher nicht gelöst sind. Wir fokussieren uns vor allem an der Wahrnehmung und Bewegungsplanung des Fahrzeugs. Dafür haben wir auch ein paar Spezialisten eingestellt. Aber wir arbeiten viel mit anderen Unternehmen, von denen wir dann Module und Entwicklungswerkzeuge integrieren, und das erfordert auch einiges an Arbeit. Als Beispiel für solch ein Modul kann ich das eines Startups nennen, das uns dabei hilft effiziente und sichere Strecken auszuwählen, sodass unsere Autos keine großen Umwege wählen.

Wie viele Mitarbeiter habt ihr bisher und wie viele Autos betreibt ihr?

Oliver: Momentan sind wir 23 Leute. Insgesamt verwenden wir vier Ford Fusion als Robotertaxi für eine kleine Ortschaft von Rentnern in San José in Kalifornien. Es handelt sich um eine sogenannte ‚gated community‘ mit kleinen Teichen, Golfplatz, Häusern und Wohnungen. Diese Anlage heißt The Villages.

Was sind so die ersten Erfahrungen mit euren Autos in dieser Ortschaft?

Oliver: Meine naive Meinung war, dass eine Gruppe von Rentnern vermutlich sehr skeptisch ist selbstfahrende Autos zu testen, und dass wir, sobald wir diese Leute davon überzeugen könnten, es mit allen anderen leichter haben werden. Falsch! Genau umgekehrt! Die Rentner lieben es selbstfahrende Autos zu verwenden. Sie verabscheuen es selbst fahren zu müssen. Alle wollen unsere Autos nutzen. Entweder, weil sie die so faszinierend finden, oder weil sie selbst nicht mehr fahren können. Für die Rentner bedeutet die Benutzung unserer Autos, dass sie aktiv am sozialen Leben ihrer Ortschaft teilhaben können.

Kannst du uns mehr zu euren betagten Passagieren erzählen und wie die Fahrten ablaufen?

Oliver: Vor ein paar Tagen hatten wir die meisten Tagesfahrten: 65 pro Tag und das ist seither jeden Tag so gewesen. Uber macht sicherlich die meisten Fahrten pro Tag mit Passagieren, aber von all den autonomen Testflotten sind wir sicherlich unter den ersten fünf. Wir sind also auf gutem Weg!

Die Bewohner können unsere Autos mit einer App anfordern. Momentan bieten wir den Service nur zu bestimmten Uhrzeiten an, heute beispielsweise zwischen 14 und 20 Uhr. Speziell Abende sind sehr betriebsam, weil die Leute zum Dinner und zu Abendveranstaltungen ausgehen. Am Wochenende sind wir zwischen 9 und 17 Uhr verfügbar, aber momentan sind wir wegen der geringen Anzahl an Fahrzeugen limitiert. Wir fahren aktuell mit voller Auslastung.

+++ Grundeinkommen: Brot und Spiele für den neuen Plebs? +++

Die Gemeinschaften haben uns sehr willkommen geheißen. Diese Rentnergemeinschaften haben das Ziel ihre Bewohner zu einem aktiven Lebensstil zu verhelfen und sie aus ihren Häusern zu locken. Einige können selbst nicht mehr autofahren, einige wollen nur tagsüber fahren, nicht aber wenn es dunkel ist. Gerade aber die Abendzeit ist die sozial aktivste. Oder es gibt beim Clubhaus nur wenige Parkplätze, und da ist unsere Robotertaxi dann eine bequeme Alternative mit der man keine Parkplatzsorge hat. Andere Bewohner leiden unter Parkinsons, Alzheimer, oder Muskelschwäche, und da helfen wir diese Leute aktiv am Ortsleben teilhaben zu lassen.

Die absoluten Spitzenhalter sind die Grimms, die Voyage zweimal täglich benutzen. Morgens fahren sie ins Fitnesscenter und wieder nach Hause, zu Mittag geht’s dann für die beiden ins Clubhaus zum Essen. Das Durchschnittsalter unsere Passagiere liegt übrigens bei 76 Jahren.

Ein interessantes Vorkommnis in dieser Rentnergemeinde ist, dass in den letzten fünf Jahren mehrere Rentner mit ihren von ihnen selbst gesteuerten Autos in den See abgekommen sind. Zum Glück ist niemand verstorben, aber man sieht hier deutlich, dass selbstfahrende Autos die sicherere Wahl sind.

Was sind so die Erfahrungen mit den älteren Herrschaften, deren Mobilitätsbedürfnissen und den Autos die ihr verwendet?

Oliver: Wir verwenden Ford Fusion, und für viele unserer älteren Passagiere ist es nicht einfach ein- und auszusteigen. Die Fahrzeuge sind sehr niedrig, die Fahrgäste müssen sich hinabbeugen, und es ist immer ein Problem, wo sie den Rollator oder Gehstock hingeben sollen. Wir glauben, dass die Zukunft unseres Services auch im Pooling, also dem Fahren mit mehreren Fahrgästen, liegt. Das würde es für uns auch billiger machen, weil die meisten Kosten momentan bei den Sensoren anfallen. Als Start-up können wir nicht so einfach ein paar Tausend Autos kaufen, insofern hilft uns das Pooling unsere Dienste so vielen Passagieren wie möglich anzubieten.

Du sprachst in der Vergangenheit darüber, dass die Mobilitätskosten für Robotertaxi für Fahrgäste um 100 Prozent reduziert werden könnten, d.h. die Verwendung eines Robotertaxis nichts kosten wird. Kannst Du uns das aufschlüsseln? Wollen wir das überhaupt, vor allem wenn wir die möglichen Auswirkungen für die Umwelt betrachten?

Oliver: Was wir sehen werden sind verschiedene Anbieter für verschiedene Anwendungszwecke. Es wird immer Menschen geben, die für private Robotertaxis bereits sein werden, Geld auszugeben. Letztendlich wenn die Preise sehr sehr niedrig sein werden, werden wir auch abweichende Geschäftsmodelle sehen. Wie erreicht man Gratisfahrten? Das könnten verschiedene Mobilitätspläne sein. Wir geben Menschen freien Zugang zu Mobilität, wie eben Google Menschen freien Zugang zu Information gibt.

+++ Vierzig Unternehmen sind mit über 1.000 selbstfahrenden Autos auf den Straßen +++

Damit Menschen heute Zugang zu kostengünstiger Mobilität haben kaufen sie sich ein altes Auto. Und diese Auto sind unsicher, veraltet, die Umwelt schädigend. Diese Ungleichheit in der Mobilität werden wir ausgleichen können. Und das könnte durch Gratistrips zum Kino erreicht werden, wo der Kinobetreiber die Fahrtkosten übernimmt, oder das Einkaufszentrum. Wirtschaftlichkeit ist klarerweise auch hier wichtig, aber die Preise von Sensoren und so werden auch hier sinken.

Siehst du die Zukunft von Voyage als Flottenbetreiber?

Oliver: Ja, definitiv. Zur Zeit sind die aufregendsten autonomen Roboter Passagierautos. Aber es wird mehr Varianten und Entwicklungen geben, wie wir sie beispielsweise bereits mit Lieferrobotern sehen.

Einen Ratschlag den ich anderen Startups immer mitgebe ist dass man sich heute nicht mehr nur auf die Technologie verlassen kann. Startups in unserem Umfeld müssen auch ein Geschäftsmodell entwickeln.

Wie siehst du die Zukunft von autonomen Autos in ländlichen Gegenden?

Oliver: Wir sehen das als riesigen Markt. Wir wollen lieber den Landbewohnern, wie beispielsweise der Altbäurin die einen Kilometer von der nächsten Busstation entfernt wohnt und ins Nachbardorf zum Greißler muss, helfen.Heute kommt dort kein Taxi hin, weil es zu teuer ist, und die Busintervalle zu groß. Wir helfen also lieber solchen Gegenden mit derselben Menge an Personen, als dicht bevölkerten Städten, wo sich in Zukunft die Ubers und Waymos tummeln werden.

Was wir mit all der Euphorie zu selbstfahrenden Autos aber gerne übersehen ist dass es sehr viel länger dauert, selbstfahrende Autos in solchen Flotten in Dienst zu nehmen. Zuerst müssen die Autos angeschafft und die Sensoren eingebaut werden, die Software installiert, kalibriert und qualitätsgesichert werden, und die Fahrgegend in einer Straßenkarte für solche Autos erfasst und ein Geofence angebracht werden.

+++ Mario Herger über sein neues Buch “Der letzte Führerscheinneuling” +++

Wenn man beispielsweise für San Francisco dann 5.000 Autos braucht, dann nimmt das einige Zeit in Anspruch, ganz zu schweigen in weitere Städte zu gehen und dort auch tausende Autos auf die Straßen zu bringen. Und man muss jede Menge Geld voraus legen um die Autos zu kaufen, und das Geld muss wieder hereingespielt werden. Deshalb glaube ich werden die großen Unternehmen sich vor allem mal darauf konzentrieren und kleinere Startups haben ihre Chance im ländlichen Bereich. Dort können wir dann auch Autos für unterschiedliche Arten von Passagieren anbieten.

Kannst du uns mehr zum technischen Aufbau der Autos erzählen?

Oliver: Wir haben Ford Fusions die mit redundanten System ausgestattet sind. Für selbstfahrende Autos ist das ein wichtiger Punkt, da die beste Redundanz – ein menschlicher Fahrer – nicht mehr drin ist und damit im Notfall nicht mehr eingreifen kann. Wir verwenden Velodyne 64 Lidars für 360 Grad Ansichten und vor kurzem haben wir ein Luminar Lidar zum Einsatz gebracht. Wir sind das zweite Unternehmen, das diese niegelnagelneuen Lidars mit einem 120 Grad Sichtwinkel und mehr als 200 Meter Sichtweite verwendet.

In den Autos befindet sich heute immer ein Sicherheitsfahrer, wie es auch von der kalifornischen Verkehrsbehörde gefordert wird, und 50 Prozent der Zeit ist ein sogenannter Kopilot auch noch dabei. Die Fahrzeuge selbst kommen mit der vorhandenen Strommenge für die Sensoren und Prozessoren aus, wir mussten also nicht noch extra eine Stromversorgung einbauen.

Sind die Autos nun eigentlich mit dem Internet verbunden oder nicht? In anderen Ländern hört man von den traditionellen Herstellern die Meinung, dass die Autos unbedingt 5G oder Internetverbindung benötigen würden um mit anderen Autos oder Objekten zu kommunizieren, nur das würde autonome Autos ermöglichen.

Oliver: Der Ratschlag ist, selbstfahrende Autos immer ohne die Erwartung auf eine vorhandene Internetverbindung zu entwickeln. Die Fahrzeuge müssen in der Lage sein Situationen zu lösen, ohne mit anderen Objekten zu kommunizieren. Wir selbst sind zumeist offline. Wir haben zwar ein Modem im Auto, das dient aber dazu, dass die Autos von den Passagieren per App bestellt werden können. Wenn wir etwas aus den vergangenen zehn Jahren gelernt habe, dann die Tatsache, dass man sich nicht auf eine stabile Internetverbindung verlassen kann.

Musstet ihr in irgendeiner Weise die Rentnergemeinde vorbereiten?

Oliver: Nein. Wir mussten einzig und allein die Straßen kartieren und eine Versicherung abschließen. Das war’s. Die Versicherung war zwar irgendwie eine Herausforderung, aber vor allem deshalb weil die Versicherungen noch nicht viel Erfahrung damit haben. Mit ein paar Autos ist es relativ einfach, es wird mit mehreren dann aber sicherlich herausfordernder.

Inwieweit beschäftigt ihr euch mit der Mensch-Madchine-Schnittstelle, also wie Menschen und selbstfahrende Autos miteinander kommunizieren?

Oliver: Wir würden gerne eine solche Lösung einfach hinzukaufen. Wir sind gerade dabei einige Anbieter zu testen, aber ich bin mir sicher, dass es da noch einiges an Arbeit gibt. Es ist ein komplexes Problem Absichten anzuzeigen, was das Auto tun möchte, und Leuchtanzeigen mit Texten und Symbolen sind vermutlich nicht ausreichend um das befriedigend zu lösen. Momentan werden mehr Fragen aufgeworfen denn Antworten gefunden, aber es wird sicherlich mal gelöst werden.

Was kommt als Nächstes?

Oliver: Wir werden bald einen neuen Service in einer weiteren Rentnergemeinde in Florida starten. Wir werden dort dann auch viel mehr Autos betreiben. Diese mehr als 20 Autos werden Minivans sein, die es unseren Passagieren leichter machen wird, sie zu nutzen.


Dieses Interview wurde uns mit freundlichen Genehmigung von Mario Herger zur Verfügung gestellt.

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brutkasten hat Paul Blaguss zum Interview getroffen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Das Wiener Familienunternehmen Blaguss hat zwölf batterieelektrische Reisebusse in den Regelbetrieb genommen und zählt damit zu den ersten Anbietern Österreichs, die E-Fahrzeuge im Reise- und Linienverkehr einsetzen. Geschäftsführer Paul Blaguss, der in seinem Berufsleben über 2.500 Busse gekauft und verkauft hat, spricht im brutkasten-Interview über die Wahl des chinesischen Herstellers Yutong, über ein hartes Zeugnis für die europäische Industrie und die EU-Industriepolitik, über Millioneninvestitionen in Lade- und Energieinfrastruktur und darüber, warum die Zukunft der Mobilität für ihn elektrisch, digital und perspektivisch autonom ist. Ein Gespräch über Standortfragen, Startup-Beteiligungen und die Frage, wann der letzte Buslenker in Pension geht.

Blaguss hat 2024 und 2025 einen zweistelligen Millionenbetrag in die Elektrifizierung der Flotte investiert. Was war der ausschlaggebende Grund?

Überall dort, wo es technologisch und produktseitig schon so weit ist, hat die Elektromobilität deutliche Vorteile gegenüber herkömmlichen Antrieben. Das fängt bei ganz banalen Dingen an: Standklimaanlage und Standheizung. Wenn ein Bus in der Nacht bei 40 Grad auf den Fahrer wartet, ist er vorgekühlt, ohne dass ein Motor läuft. Dazu kommt, dass wir in Österreich sehr viel Strom aus erneuerbarer Energie gewinnen, das hat einen enormen Impact. Für mich ist hundertprozentig klar, dass Elektromobilität die Zukunft ist.

Paul Blaguss am Firmengelände im 23. Bezirk vor einem der neuen batterieelektrischen Reisebuss | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Sie haben sich für den chinesischen Hersteller Yutong entschieden. Hätten Sie lieber europäisch gekauft?

Natürlich. Wir sind seit Jahren einer der Top-drei-, vier-Kunden von Daimlers Premiummarke Setra, ich kenne dort sämtliche Entwickler und den Vorstand, und wir finden die Produkte hervorragend. Aber Mercedes und MAN können heute keinen elektrischen Reisebus liefern, MAN kommt nächstes Jahr, Mercedes erst um 2030. Wir haben weltweit den Markt erkundet und sind relativ schnell in China gelandet, dort haben wir uns fünf, sechs, sieben Hersteller angesehen. Yutong erfüllt unsere Anforderungen an Qualität, Ausstattung, Erfahrung und Mindset am besten, das Fahrzeug hat eine Batteriegarantie von 15 Jahren für 1,5 Millionen Kilometer. Davon ist das, was Deutschland anbieten wird, meilenweit entfernt. Ich habe schon 2015 in Entwicklungsgesprächen gesagt, dass das kommt, das wollte man nicht hören. Die europäische Industrie ist nicht rechtzeitig auf diesen Zug aufgesprungen, das hat man schlicht verschlafen. Wasserstoff spielt im Pkw übrigens keine Rolle und im Busbereich höchstens im Fernverkehr, der Antrieb der Zukunft ist elektrisch.

Wie blicken Sie auf die Debatte rund um „Made in Europe“ und die Standortpolitik?

Made in Europe ist wichtig, wir brauchen Wertschöpfung in Österreich und in Europa. Ich finde es auch in Ordnung, ausländische Produzenten zu einer gewissen Wertschöpfung in Europa zu verpflichten. Die wesentlichen Komponenten dieses chinesischen Busses kommen ohnehin aus deutscher Industrie, da sind Bosch und ZF Friedrichshafen drinnen. Die Mobilitäts- und Industriepolitik der EU sehe ich in einigen Punkten durchaus kritisch. Man kann nicht den Import seltener Erden erschweren und gleichzeitig glauben, bei der Batterietechnologie aufzuholen. Wir können Batterien zu 99 Prozent recyceln, aber dann muss man die Voraussetzungen schaffen, dass hier wirklich geforscht werden darf, bis hinunter zu den nötigen Rohstoffen. In den vergangenen Jahren war die politische Linie zur Elektromobilität, sowohl auf Ebene der Bundesregierung als auch der EU, nicht immer konsistent. Aus meiner Sicht braucht es hier mehr Planbarkeit, Verlässlichkeit und Konsequenz.

Technologieoffenheit ist in dieser Debatte zu einem echten Buzzword geworden. Grundsätzlich ist diese Offenheit natürlich wichtig. Gleichzeitig sprechen die aktuellen Entwicklungen ganz klar dafür, dass die Elektromobilität im Pkw- und Busbereich die Zukunft ist.

Zwölf E-Reisebusse des chinesischen Herstellers Yutong hat Blaguss in den Regelbetrieb genommen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Parallel investieren Sie massiv in die Energieinfrastruktur. Was bedeutet das konkret?

Wir hatten am Standort ursprünglich rund 150 bis 200 kW Anschlussleistung, die haben wir auf 1,2 Megawatt versechsfacht. Die Photovoltaik haben wir in mehreren Etappen auf rund 235 kWp ausgebaut und dazu einen Batteriespeicher von 1,5 Megawatt gebaut, um am Spotmarkt besser agieren zu können. In der Nacht ist Strom günstiger, im Sommer fallen die Preise zwischen 10 und 15 Uhr bei Sonnenschein teilweise sogar ins Negative. Dann ist es sinnvoll einzuspeisen, und wenn die Busse zurückkommen, laden wir sie entsprechend. Das ist auch eine Antwort auf die Dieselpreise jenseits der zwei Euro: In Österreich produzieren wir rund 80 Prozent unseres Stroms erneuerbar, würden wir alle Pkw umstellen, bräuchten wir zehn Prozent mehr Strom, die Busse und Lkw noch einmal fünf bis sechs Prozent. Das ist machbar.

500 Kilometer Reichweite: Wo sind aktuell die Grenzen?

Wir haben das gesamte Jahr 2024 analysiert und kommen zu dem Schluss, dass wir 95 Prozent aller Fahrten elektrisch durchführen können, die Reichweite schätzen wir sogar eher über 550 Kilometer. Acht dieser Busse werden schrittweise Linien in Bratislava bedienen, das sind Fahrzeuge mit 200.000 bis 250.000 Kilometern im Jahr. Beim Song Contest hatten wir das erste große Event, das wir mehrheitlich elektrisch gefahren sind. Das Feedback von Fahrern und Kunden ist hervorragend, der Kunde merkt den Unterschied gar nicht, außer dass es ruhiger ist.

brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher im Gespräch mit Paul Blaguss über E-Mobilität, Energieinfrastruktur und autonomes Fahren | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Blaguss investiert auch in Startups. Mit welcher Motivation?

Vor rund neun Jahren, als die Elektromobilität noch sehr stiefmütterlich behandelt wurde und kein Hersteller sie wirklich wollte, haben wir mit VIBE begonnen. VIBE kann elektrische Großflotten managen und servicieren, das wird relevant, wenn etwa Uber mit einer autonomen Flotte nach Wien kommt: Die haben bisher Taxiunternehmen gemanagt, aber nie ein eigenes Auto, das kann VIBE. Taxi, Sharing und Firmenflotten wachsen zu einer Dienstleistung zusammen, und diese Learnings, etwa was Ladekapazität betrifft, fließen direkt in unser Kerngeschäft. Andere Beteiligungen liegen entlang unserer Wertschöpfungskette, sehr viel im Tourismus und Entertainment: Vienna Pass, immersive Shows, Virtual-Reality-Projekte, der Donauturm, das Johann-Strauß-Museum, zuletzt ein KI-Chatbot für die Hotellerie. Es muss reinpassen: Mobilität, Tourismus oder Entertainment.

Welches Innovationsthema beschäftigt Sie als Nächstes?

Das ganze Thema autonomes Fahren. Technisch ist es möglich, und ich mache mir Sorgen, dass wir eine ähnliche Verzögerung erleben wie bei der Elektromobilität. Wir sollten sehr schnell großflächig testen und selbst lernen, was diese Systeme können und was nicht, natürlich extrem abgesichert. Unser Infrastrukturminister ist sich dessen bewusst und geht in die richtige Richtung. Wir haben durch die Personalkostenentwicklung der letzten fünf Jahre rund 20 Prozent gegenüber Deutschland verloren, das erhöht den Druck enorm. Um gewisse Serviceleistungen hochzuhalten, werden wir in autonome Systeme gehen, etwa auf der letzten Meile oder bei Taxisystemen. Auch hier muss die europäische Automobilindustrie aufpassen, dass sie nicht hinten nachsteht, es kann nicht sein, dass das nur Teslas, Waymos und Baidus sind.

Abschließend: Wann erleben wir die letzten Buslenker in Österreich?

Das wird noch sehr lange dauern. Im Reisebus wollen wir den Lenker gar nicht ersetzen, er ist Begleiter und Manager der Reise und Ansprechperson für logistische Themen, ich möchte nicht, dass diese Dienstleistung zu unpersönlich wird, denn gerade dieser persönliche Kontakt macht einen wesentlichen Teil unseres Services aus. Auch im öffentlichen Nahverkehr werden wir den Buslenker noch lange sehen, weil wir viel zu viele Änderungen haben, Staus, Baustellen, Umleitungen. Im Pkw wird das autonome Fahren deutlich schneller kommen. Dass Reisebusse ohne Fahrer fahren, werde ich aber nicht mehr erleben.

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