10.09.2025
JÄHRLICHE REDE

Von der Leyen: Diese Pläne hat die EU-Kommission für den Innovationsstandort

Die EU-Kommission will Europas Wettbewerbsfähigkeit stärken - mit neuen Investitionen, vereinfachten Regeln und dem 28th Regime für Startups. In ihrer jährlichen Rede zur Lage der Union stellte Präsidentin Ursula von der Leyen heute die wichtigsten Pläne vor.
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Jedes Jahr hält Ursula von der Leyen vor dem Europäischen Parlament die Rede zur Lage der Union. | © Eurpäische Kommission

Jedes Jahr im September hält die Präsidentin der Europäischen Kommission vor dem Europäischen Parlament die Rede zur Lage der Union (SOTEU). In der heutigen Ansprache zog Ursula von der Leyen Bilanz über die Arbeit der vergangenen Monate und stellte ihre Pläne für das kommende Jahr vor. Die Themen reichten von Wettbewerbsfähigkeit über Verteidigung und soziale Gerechtigkeit bis hin zu Demokratie und Europas Rolle in der Welt. Ein Thema war auch das 28th Regime – eine Initiative, die auf einen einheitlichen Rechtsrahmen für Startups und Scaleups in der Europäischen Union abzielt.

Klinger: „4. Quartal wird entscheiden, ob Brüssel es ernst meint“

Mehr als 16.000 Gründer:innen, CEOs und Investor:innen unterstützen derzeit die Initiative EU Inc – darunter Führungskräfte von Unternehmen wie Supercell, Remote, DeepL, Personio, Pigment, Wise, Seedcamp und Index Ventures. Sie fordern die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten auf, einen einheitlichen Rechtsrahmen für Startups zu schaffen (brutkasten berichtete).

Die Idee: eine europaweite Rechtsform, ergänzt durch ein digitales Register auf EU-Ebene, standardisierte Investitionsdokumente und gemeinsame Regeln für Mitarbeiterbeteiligungen. Steuern und Arbeitsrecht sollen jedoch weiterhin in nationaler Zuständigkeit bleiben.

„Kurz gesagt: Ein Standard, um in einem gemeinsamen Europa zu skalieren“, erklärt Initiator Andreas Klinger, ein österreichischer Investor und ehemaliger CTO der US-Plattform Product Hunt. Und er warnte erst gestern auf LinkedIn: „Das 4. Quartal 2025 wird entscheiden, ob Brüssel es ernst meint – oder ob man lieber noch ein paar Jahre herumspielt, um alte Industrien künstlich am Leben zu halten, bis Europa als politischer und wirtschaftlicher Akteur in die Bedeutungslosigkeit abrutscht.“

Vorschlag der EU stößt auf Kritik

Kern der Forderungen von EU Inc ist also die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Unternehmensform für Startups. Diese soll nationale Rechtsformen nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Die Europäische Kommission hat vor einigen Monaten bereits einen Vorschlag für das 28th Regime vorgelegt – dieser stieß jedoch auf breite Kritik (brutkasten berichtete). Grund: Das 28th Regime ist darin als Richtlinie geplant und nicht als Verordnung. Eine Richtlinie müsste in jedem Mitgliedstaat einzeln umgesetzt werden – genau jene Fragmentierung, die die Initiative ja eigentlich überwinden will.

Abhängigkeiten, „die gegen uns genutzt werden können“

Auch in ihrer Rede ging Ursula von der Leyen auf das 28th Regime ein. Angesichts „starker“ wirtschaftlicher und geopolitischer Gegenwinde sowie Abhängigkeiten, „die gegen uns eingesetzt werden können“, müsse die EU dringend Engpässe beseitigen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit schwächen.

Deshalb werde man künftig massiv in Digitales und Clean Tech investieren. „Und wir tun noch mehr, mit unserem künftigen Fonds für Wettbewerbsfähigkeit und der Verdopplung der Mittel für Horizont Europa, unserem Forschungs- und Innovationsprogramm“, so von der Leyen. „Außerdem werden wir die größten Hindernisse aus dem Weg räumen, die im Draghi-Bericht aufgezeigt wurden – von Energie bis Kapitalausstattung, von Investitionen bis Vereinfachung.“

„Wir haben strategische Dialoge mit wichtigen Industriezweigen abgehalten – von Automobil- und Chemieindustrie über Stahlproduktion und Arzneimittelherstellung bis hin zu Verteidigung und Landwirtschaft. In jedem Sektor war die Botschaft dieselbe: Um Arbeitsplätze zu erhalten, müssen wir das Wirtschaften in Europa leichter machen“, so von der Leyen. Sie verwies dabei auf bereits vorgelegte Vereinfachungspakete und laufende Arbeiten wie das 28th Regime und die Spar- und Investitionsunion (SIU).

„Scaleup Europe“-Fonds

Ebenfalls Teil der Rede: die im Mai vorgestellte Strategie „Choose Europe to Start and Scale“, mit der die EU mehr Wachstum und Kapitalbindung im Binnenmarkt erreichen will (brutkasten berichtete). Im Zentrum steht ein neuer „Scaleup Europe“-Fonds, der gemeinsam mit privaten Investor:innen mehrere Milliarden Euro in schnell wachsende Technologieunternehmen investieren soll. Eine genaue Summe wurde noch nicht kommuniziert.

Europa habe nämlich „viele Startups in Schlüsseltechnologien wie Quantentechnologie, KI oder Biotechnologie, die großes Potenzial haben“. Das Problem sei laut von der Leyen das fehlende Risikokapital. Wachsende Unternehmen würden sich daher gezwungen sehen, sich ausländischen Investor:innen zuzuwenden. „Damit wandern Wohlstand und Arbeitsplätze ab. Und damit geht technologische Souveränität verloren“, sagt sie.

„Wir brauchen einen klaren politischen Zeithorizont. Deshalb werden wir einen Fahrplan für den Binnenmarkt bis 2028 vorlegen. Für Kapital, Dienstleistungen, Energie, Telekommunikation, das 28. Regime und die fünfte Grundfreiheit, nämlich die für Wissen und Innovation“, kündigte von der Leyen in ihrer Rede an.

Diese fünfte Grundfreiheit – neben Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen – soll den freien Austausch von Wissen, Forschung und Innovation in Europa sichern und den Binnenmarkt weiter vertiefen.

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Im Juli gab das Welser Scaleup Reploid bereits vorläufige Zahlen zum Geschäftsjahr 2025 bekannt, wie brutkasten berichtete. Und große Überraschungen gibt es im nun veröffentlichten kompletten Jahresbericht bei den damals genannten Kennzahlen keine:

Der Umsatz stieg demnach von 5,1 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 37,9 Millionen Euro im Jahr 2025, das Betriebsergebnis (EBIT) von 1,1 Millionen auf 12,6 Millionen Euro. Die Bilanzsumme wuchs von 7,7 Millionen auf 48,3 Millionen Euro und das Eigenkapital von 4,7 Millionen auf 19,2 Millionen Euro (jeweils zum Stichtag 31.12.). Unterm Strich stehen 9,4 Millionen Euro Gewinn.

Österreichs Scaleup-Musterschüler?

Die Zahlen sprechen für sich, will man meinen. Ist Reploid also Österreichs Scaleup-Musterschüler, dem starkes Wachstum auf allen Ebenen bei steigender Profitabilität gelingt? Ein genauer Blick in den Jahresbericht abseits der Zahlen, die es in die begleitende Presseaussendung geschafft haben, zeigt ein deutlich differenzierteres Bild.

Hoher Gewinn trifft tief negativen Cashflow

In der Presseaussendung nennt Reploid Umsatz, Betriebsergebnis, Bilanzsumme und Eigenkapital. Der Jahresüberschuss und vor allem die Cashflow-Rechnung finden sich nur im vollständigen Bericht. Und dort zeigt sich, dass die Ertragszahlen deutlich von der tatsächlichen Kassenlage abweichen: Dem ausgewiesenen Gewinn von 9,4 Millionen Euro steht ein Minus von nicht weniger als 6,5 Millionen Euro beim operativen Cashflow gegenüber. Hinzu kamen Abflüsse für Investitionen von rund 6,1 Millionen Euro. Diesen Geldbedarf deckte das Scaleup mit frischem Geld von außen: Über Eigenkapitaleinzahlungen von Investoren sowie neue Kredite holte man sich 2025 insgesamt 12,4 Millionen Euro. Mit Stichtag 31.12.2025 lag der ausgewiesene Kassenbestand bei rund 6.000 Euro, also eine „schwarze Null“.

Große offene Forderungen mit Unsicherheitsfaktor im Umsatz

Ein wesentlicher Grund für diese Schere zwischen dem verbuchten Gewinn und dem tatsächlichen Kassenstand liegt in den Verträgen für die Insektenmastanlagen, die das Scaleup für seine Kunden baut. Zwar verbuchte Reploid einen Rekordumsatz von 37,9 Millionen Euro, wartete zum Bilanzstichtag jedoch noch auf erhebliche Kundenzahlungen: Die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen standen netto, also bereits nach Abzug von Wertberichtigungen, mit rund 18,6 Millionen Euro in der Bilanz.

Ein Unsicherheitsfaktor: Viele Kunden müssen vertraglich erst zahlen, wenn ein behördlicher Baubescheid für die jeweilige Anlage vorliegt. Da Fälligkeit und Zahlungszeitpunkt vieler Forderungen damit unsicher sind, musste Reploid den Wert seiner Forderungen drastisch korrigieren. Zum Bilanzstichtag summierten sich die Wertberichtigungen auf 13,8 Millionen Euro, wovon allein 12,1 Millionen Euro das operative Ergebnis des Jahres 2025 als Aufwand belasteten. Wegen dieser Unsicherheiten stufte der Prüfer Deloitte die Werthaltigkeit der Forderungen im Bericht als „besonders wichtigen Prüfungssachverhalt“ ein.

Viele Geschäfte im eigenen Firmennetzwerk

Auffällig ist zudem eine enge Verflechtung im eigenen Firmennetzwerk. Zu den offenen Kundenforderungen kommen weitere Forderungen von rund 6,5 Millionen Euro gegenüber Tochtergesellschaften, davon rund 2 Millionen Euro aus Lieferungen und Leistungen und der Rest aus Finanzierungen und Verrechnungen, sowie von rund 5,3 Millionen Euro gegenüber Beteiligungsunternehmen der Gruppe. Die Forderungen gegenüber den eigenen Töchtern mussten dabei bereits mit 5,5 Millionen Euro wertberichtigt werden, das entspricht rund 46 Prozent ihres ursprünglichen Werts.

Zusätzlich stiegen die Vermögenswerte durch ein von einer Tochterfirma erworbenes Patentrecht im Wert von knapp 4,8 Millionen Euro. Frisches Geld von außen brachte dieser interne Deal freilich nicht. Zum Stichtag standen zugleich Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen von knapp 6 Millionen Euro aus Verrechnungen in den Büchern.

„Kleine Kapitalgesellschaft“ Reploid muss keinen Konzernabschluss vorlegen

Ein weiterer auffälliger Punkt betrifft die Transparenz. Die Bilanzsumme wuchs von 7,7 Millionen auf 48,3 Millionen Euro, die Belegschaft auf Gruppenebene lag per Ende 2025 bei 109 Mitarbeitenden. Dennoch ist das Unternehmen formell weiterhin als „kleine Kapitalgesellschaft“ eingestuft. Zudem greifen laut Bericht die größenabhängigen Befreiungstatbestände des § 246 UGB: Reploid muss daher keinen Konzernabschluss aufstellen. Das tatsächliche Gesamtbild der Finanzen aller in- und ausländischen Tochterfirmen bleibt für die Öffentlichkeit damit teilweise intransparent. Die im aktuellen Bericht veröffentlichte Beteiligungsliste weist jedenfalls bei mehreren Tochtergesellschaften Verluste aus, was das Gesamtbild schärft.

Normaler Vorgang, außergewöhnliche Transparenz

Dass bei derartigem Wachstum ein hoher Kapitalbedarf besteht und es finanzielle Risiken und Unsicherheitsfaktoren gibt, ist bei Scaleups freilich völlig normal. Und auch dass bei den kommunizierten Zahlen eine Auswahl getroffen wird, die das Unternehmen gut dastehen lässt, ist gang und gäbe. Der Unterschied liegt freilich darin, dass Reploid als börsennotiertes Unternehmen höhere Transparenzpflichten hat. Es notiert seit Juli 2025 im direct market plus der Wiener Börse. Für Beobachter:innen bietet Reploids Jahresabschluss 2025 in Kombination mit der Presseaussendung jedenfalls ein spannendes Anschauungsobjekt, wie man mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen hantieren kann.

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