02.07.2025
TOXIC TIPPS

Von Bullshit-Walls und verpassten Millionen: Eine Erzählung der schlechtesten Ratschläge

„Soll ich’s wirklich machen oder lieber sein lassen?“ Diese quälende Frage kennt jede Gründerin und jeder Gründer. Bei einem „Ja“ beginnt oft die Zeit der Hochspannung, in der man beobachtet, wie sich erhaltene Ratschläge in der Praxis auswirken – meist unspektakulär, manchmal sehr gut. Manchmal wünscht man sich, die Zeit zurückdrehen zu können, um den Rat nicht zu befolgen. Wir haben Gründer:innen nach ihrem besten und schlechtesten Ratschlag gefragt – und wie sie mit den Folgen umgingen.
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Propeller, hokify, Journi, ESG Plus, Dachgold, Austrian Startups, Job Twins
© Belinda Thaler/M.Wiglinzki_ESG_Plus/Daniela Clemencic/Journi/Austrian Startups/hokify/Job Twins - (v.o.l.) Karl Edlbauer, Mitgründer hokify, Hannah_Wundsam_Co-Managing Director bei AustrianStartups, Cornelia Daniel Founderin von Tausendundein Dach, Katharina Miller, Founderin JobTwins (m.l.), Armand Colard, geschäftsführender Gesellschafter bei ESG Plus (m.r.), Andreas Röttl, Founder Journi (u.l.) und Ana Simic, Founderin Propeller (u.r.).

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Juni 2025 “Neue Welten” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Man starrt in die Luft, die schwer wie Blei ist, und denkt sich: „Ja, guter Rat ist teuer. Doch wie viel kostet schlechter Rat?“ Nun weiß man es: Man blickt auf die Folgen seines Handelns, das zwar freiwillig war, aber dennoch getrieben von den Ideen anderer. Die Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben, bricht über einen herein wie eine Welle im Meer oder wie ein Haufen hungernder Investor:innen bei einem hochskalierbaren Produkt, das kein anderer besitzt. Zumindest bleibt nach dem schlechten Ratschlag, dem man tatsächlich gefolgt ist, etwas übrig: Man hat was gelernt.

Firma nach den Wünschen einer Person umbauen

Nicht ganz derart dramatisch, aber ähnlich ist es Armand Colard gegangen. Er ist geschäftsführender Gesellschafter bei ESG Plus – einem Unternehmen, das sich auf die Überprüfung der Nachhaltigkeit von Anlageprodukten spezialisiert hat.

„Der schlechteste Vorschlag, den ich jemals befolgt habe, war, die Struktur meines Unternehmens so zu verändern, dass sie zur Wunsch-Job-Description einer leitenden Person im Unternehmen passte und nicht zu dem, was das Unternehmen in diesem Moment tatsächlich gebraucht hätte. Mein Learning daraus war, niemals mehr Jobs um eine Person herum zu ‚bauen‘, egal wie talentiert diese Person auch sein mag.“

Die Folgen seiner Entscheidung waren aus Sicht des gesamten Unternehmens eine ineffizientere Struktur sowie der Verlust der Agilität und eine veränderte (negative) Teamdynamik. „Und höhere Fluktuation, als ich die Sache wieder in Ordnung gebracht habe“, erinnert sich Colard. „Reparieren konnte ich es nur, indem ich die Person gehen ließ, da unsere Vorstellungen zu weit auseinanderlagen.“

Eine hilfreiche Anmerkung dagegen, die der Founder befolgt hat: Mehr auf den Markt zu hören, statt die eigenen Wunschprodukte auf Biegen und Brechen durchsetzen zu wollen. „Dadurch konnten wir in den letzten Jahren eine skalierbarere Lösung finden, die weniger ressourcenintensiv ist und sich breiter ausrollen lässt“, sagt Colard. „Als direkte Folge daraus sind wir (kosten)effizienter geworden und können jetzt mehr Kund:innen mit derselben Anzahl an Mitarbeiter:innen bedienen.“

Netzwerken als schwarzes Loch

Hannah Wundsam, Co-Managing-Director bei AustrianStartups, erinnert sich ebenso an den einen Satz, den sie heute als schlechtesten Rat ihrer Laufbahn bezeichnet: „Einem weiteren Netzwerk beizutreten, kann nie schaden.“

In ihrer Anfangszeit war besonders Networking das Dogma der ersten Jahre, wie es für viele erfolgreiche Gründer:innen nicht unüblich ist: „In einer Führungsrolle im Startup-Ökosystem bekommt man ständig Einladungen, neuen Netzwerken, Boards oder Organisationen beizutreten. Anfangs habe ich viele dieser Angebote angenommen, mit der Idee, dass mehr Vernetzung immer besser sei. Doch irgendwann war ich an einem Punkt, an dem die Verpflichtungen einfach zu viel wurden: Veranstaltungen an fast jedem Abend, Retreats an Wochenenden und immer wieder Terminüberschneidungen.“

Wundsam betont, dass das Problem nicht zwangsläufig an den Netzwerken lag, die sie doch mitunter als spannend und wertvoll empfand, sondern an etwas anderem: „Meine Zeit und Energie sind begrenzt. Heute nehme ich neue Rollen oder Mitgliedschaften nur noch sehr bewusst an – denn jedes ‚Ja‘ zu einer Gelegenheit ist gleichzeitig ein ‚Nein‘ zu fünf anderen. Die selektierten Netzwerke und Veranstaltungen versuche ich dann mit voller Präsenz und Energie zu nutzen und mich einzubringen.“

Beim besten Tipp in ihrem Startup-Leben denkt Wundsam an Daniel Cronin, seines Zeichens Co-Founder von AustrianStartups und Speaker: In ihrem ersten Jahr im Startup-Thinktank brachte der Gründer den Begriff „Bullshit-Wall“ in ihr Leben – und erklärte, dass Personen, die bereits einiges erreicht haben, so eine Wand hätten.

„Das bedeutet“, erklärt Wundsam, „wenn du ihnen eine E-Mail schreibst, sie aber nicht antworten und du nicht mindestens drei Follow-ups schickst, dann kann dein Anliegen offenbar nicht so wichtig sein. Die meisten ignorieren deine Nachricht nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil sie ihre Zeit für die wirklich wichtigen Dinge schützen müssen. Dieser Rat hat meine Einstellung zu Follow-ups grundlegend verändert – von ‚unangenehm und pushy‘ hin zu ‚relevant und durchhaltend‘. Und genau das hat mir die Tür zu vielen spannenden Persönlichkeiten geöffnet.“

Verpasste Millionen

Andreas Röttl wiederum, der Gründer des Reise-Scaleups Journi, hat etwas auf einen Rat unterlassen, was ihm heute ein Millionenvermögen eingebracht hätte. Er hatte das Vorhaben gefasst, drei- bis fünftausend Euro in Bitcoin zu investieren, als der Kurs bei 50 Euro pro Coin lag.

„Ich bin dadurch leider kein Bitcoin-Millionär geworden. Aber so habe ich mich noch mehr auf den Erfolg von Journi konzentriert. Wer weiß: Wenn man fünf bis zehn Millionen mehr am Konto hat, reagiert man in gewissen Situationen vielleicht anders“, sieht er das pragmatisch.

„Einer der schlechtesten Ratschläge, den ich Gott sei Dank nicht befolgt habe, war, die ‚Journi Print App‘ nicht zu bauen. So ziemlich jeder, den ich kenne, hat uns davon abgeraten. Wir haben es trotzdem getan, und der Erfolg gibt uns recht.“

Zu den besten Worten, die als Ratschlag an das Ohr des Founders gedrungen sind, gehört folgende Aussage von US-Investor Peter Thiel: „Never fuck up the culture.“

Thiel hatte dies 2014 dem Airbnb-CEO Brian Chesky mitgegeben, als Röttl und sein Team just mit Journi in den USA waren.

„Wir hatten das Glück, dass uns Airbnb damals zu sich ins Büro eingeladen und eine Tour gegeben hat“, erinnert sich der Founder. „Das Thema war gerade in aller Munde und ist bei uns Gründern hängen geblieben. Aufgrund schlechter Erfahrungen bei anderen Firmen in der Vergangenheit haben wir das zu unserem Credo gemacht. Die zwei Dinge sind die Basis für unseren Erfolg.“

„Der Karriere wegen“

Bei Ana Simic, Gründerin und CEO der AI-Consultancy Propeller, gab es explizite Warnungen vor dem Ratschlag, den sie befolgt und der zu schweren Phasen in ihrer Job-Laufbahn geführt hat.

„Ich bin dem Rat gefolgt, der ‚Karriere wegen‘ einen Job bei einer Führungskraft anzunehmen, vor der mich Kolleg:innen gewarnt haben. Sie sei schwierig im Umgang mit eigenen Mitarbeiter:innen“, sagt Simic. „Das ist mir sogar ein zweites Mal passiert. In beiden Fällen habe ich dieselbe Erfahrung wie die Kolleg:innen gemacht und wirklich schwierige Zeiten durchlebt. Dadurch habe ich aber gelernt, dass mir eine gute, menschliche, offene und freundschaftliche Beziehung mit meinen Führungskräften und meinen Mitarbeiter:innen sehr wichtig ist und ich darauf immer besonders viel Wert lege. Und dass ich nicht jeden Job um jeden Preis mache.“

Der beste Tipp, den Simic erhalten hat und den sie gerne weitergibt, ist, dass es mit großartigen Menschen fast egal ist, was man mit ihnen mache: „Man kann jede Herausforderung gemeinsam meistern und dabei richtig Spaß haben. Diesen Rat kann man nicht oft genug wiederholen. Orientiert euch in eurer Karriere an Menschen, nicht an Titeln, Marken oder Logos!“

Produkt-Upcycling

Katharina Miller, Founderin und General Manager der Jobsharing-Plattform JobTwins, wartet gleich mit drei ihrer „Top-Worst-Advices“ auf: „Gründe eine GmbH, das brauchst du, sonst nimmt dich keiner ernst“ war einer. „Ich frage mich, ob Männer auch diesen Ratschlag bekommen hätten“, sagt sie.

Ein weiterer lautete, eine SaaS-Lösung zu entwickeln. Das „skaliere nämlich am besten und würde am meisten gefundet“. Den dritten wohlgemeinten, aber unnützen Ratschlag, den sie befolgt hat, teilt sie mit Hannah Wundsam. Er lautete: „Du musst auf Netzwerkveranstaltungen präsent sein, sonst kennt dich keiner.“

Die Folge davon war Ressourcen-Intensität auf allen Ebenen, wie Miller erzählt: „Eine GmbH zahlt sich einfach erst ab einem gewissen Umsatz aus und ist vorher einfach nur eine komplexe Gesellschaftsform. Und eine SaaS-Lösung zu bauen, nur weil man schon ein IT-Produkt hat, zwei Kunden zudem meinten, sie brauchen genau so etwas, und weil mich die Startup-Bubble dabei angefeuert hat, war ziemlich dumm. Das verbrauchte viel Arbeitszeit und Geld. Ich konnte Teile der Architektur letztlich für ein neues Cloud-Produkt abwandeln; ein Produkt-Upcycling quasi.“

Die Sache mit den Netzwerkveranstaltungen nennt die Founderin hingegen „ein Fass ohne Boden“. „Das kostet einfach nur viel Zeit und Energie und bringt aber so gut wie keinen Umsatz. Da hilft nur Konsequenz“, so ihre heutige Einstellung.

Der beste Rat für sie war, „auf ihre innere Stimme zu hören“, denn die hatte eigentlich bei allen drei Fällen gewarnt. „Gerade als Gründerin und Unternehmerin brauchst du eine verlässliche und klare innere Stimme. Um die zu hören, war bei mir jedoch zuvor noch etwas Kalibrierung des Kompasses nötig. Das macht das Leben dann wesentlich einfacher.“

„Seeking Perfection“

Karl Edlbauer, Co-Founder von hokify, das 2024 zu einer Bewertung von 40 Millionen Euro vollständig an karriere.at ging, hörte etwas, das wohl anderen aus der Startup-Szene ebenfalls ein Begriff ist. „Einer der schlechtesten Ratschläge war definitiv: ‚Warte, bis du die perfekte Idee hast‘“, erinnert er sich. „Wenn du aber auf den perfekten Moment wartest, startest du nie. Viele bleiben genau deshalb in der Theorie hängen; aus Angst, dass es noch nicht ausgereift genug ist.

Die Folgen dessen waren beim heutigen Co-Founder und CEO der yfactory, die sich auf Consulting-Services fokussiert, jedoch nicht verheerend. Er und seine damaligen Mitgründer Daniel Laiminger und Simon Tretter hatten nämlich zu ihrem Glück eines relativ früh verstanden:

„Es geht nicht darum, mit der perfekten Idee zu starten, sondern darum, Ideen zu testen, anzupassen und auch wieder zu verwerfen. Was wirklich zählt, ist Begeisterung für ein Thema, ein Problem, ein Produkt. Wenn dich etwas packt, dann fang an. Durch echte Neugier, schnelles Feedback und kontinuierliches Weiterbauen ist auch bei uns aus einer Idee etwas richtig Starkes geworden. Klarheit entsteht nicht durch Nachdenken, sondern durchs Tun.“

Eine Kultur zu schaffen, in der man wachsen kann, ist der beste Ratschlag, der Edlbauer im Kopf geblieben ist. „Der Alltag als Gründer ist intensiv“, sagt er, „umso wichtiger ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem man gerne arbeitet; mit einem Team, das einen inspiriert.“

„Politik schlägt Technik“

Cornelia Daniel, Mitgründerin der Photovoltaik-Initiative Tausendundein Dach und Inhaberin der Solarberatung Dachgold, hat 2008 begonnen, Solaraktien zu kaufen. Vier Jahre danach, als der Niedergang der deutschen Modulhersteller begann und sie jedoch „noch gute Gewinne zu realisieren hatte“, fragte sie einen Hobbyfinanzberater um Rat.

„Weil ich gerade das Gefühl hatte, dass es jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, zu verkaufen. Es war nur ein Zwei-Minuten-Gespräch und er sagte sinngemäß: „Nein, das wird schon wieder besser, du solltest behalten.“

Sie hörte entgegen ihrem Gefühl auf den Ratschlag und verlor am Ende alles. „Weil ich damals sehr bald ins Minus gerutscht bin und dann eben nicht verkaufen wollte. Irgendwie hatte ich dann immer noch die Hoffnung, dass es die Firma schafft.“

Dies geschah nicht, Daniel jedoch hatte ein Learning mitgenommen: „Es ist schwer, mit Solaraktien Geld zu verdienen, weil so viel Politik in das Energiethema reinspielt. Politik schlägt Technik.“

Was die Gründerin aber getan hat, war, in eine eigene PV-Anlage und in gemanagte Solarfonds zu investieren. Heute blickt sie auf 15 Prozent Rendite und seit fünf Jahren auf Gratis-Strom aus der Anlage zurück. „Den Solarfonds habe ich nach circa zehn Jahren mit 100 Prozent Gewinn verkauft, auch wenn er dann noch mal sehr stark angestiegen war. Ich wollte aber nicht wieder den gleichen Fehler machen.“

Den besten Rat bekam sie vor der Unternehmensgründung von Dachgold: „Nimm nur Ratschläge von Menschen, die dort sind, wo du sein willst.“

„Diesen Ratschlag finde ich so essenziell wichtig, weil so ziemlich jeder Ratschlag eine autobiografische Komponente hat, und das sollte man immer im Hinterkopf haben“, sagt sie. „Man lässt sich leicht von Menschen beeinflussen, die ‚eh alles besser wissen‘, und gerade hier lohnt es sich, zu prüfen, wo der- oder diejenige gerade selbst steht. Bei meinen Gastvorträgen an der Karl-Franzens-Universität zum Thema ‚Sustainability Entrepreneurship‘ ist das mitunter einer meiner wichtigsten Inhalte.“


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Startup Barometer, EY
© Envato/MorphoBio

Nach einem Rückgang im Vorjahr auf 110 Millionen Euro verzeichnete das erste Halbjahr 2026 ein Gesamtfinanzierungsvolumen von 472 Millionen Euro. Das entspricht einem Zuwachs von 362 Millionen Euro beziehungsweise 329 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025, so die zentrale Erkenntnis des EY Start-up Barometer 2026.

Höchstes Volumen in einem ersten Halbjahr seit 2022

„Nach mehreren herausfordernden Jahren sehen wir erstmals wieder eine breite Bewegung in die richtige Richtung. Das jüngste Halbjahr war nicht nur aufgrund einzelner Großfinanzierungen erfolgreich, sondern weil sich zahlreiche positive Entwicklungen gleichzeitig beobachten lassen: mehr Finanzierungsrunden, deutlich größere Tickets, mehr internationale Investor:innen und wieder mehr Zuversicht im Markt. Das österreichische Startup-Ökosystem zeigt damit eindrucksvoll, dass es trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen nichts von seiner Innovationskraft verloren hat“, sagt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich.

Mit den heurigen Ergebnissen wurde das höchste Volumen in einem ersten Halbjahr seit dem Rekordwert von 2022 erzielt, als 884 Millionen Euro investiert worden waren. Parallel dazu stieg die Zahl der Finanzierungsrunden um 19 Abschlüsse von 78 auf insgesamt 97 an, was einem Plus von 24 Prozent entspricht.

Getragen von der hohen Anzahl an Abschlüssen markiert das jüngste Halbjahr damit in Bezug auf das Finanzierungsvolumen das dritterfolgreichste erste Halbjahr der österreichischen Startup-Historie, ordnet der Barometer die Ergebnisse ein.

Somit belebe sich der österreichische Venture-Capital-Markt nach einer längeren Schwächephase wieder deutlich: Laut EY werden Fonds zunehmend aktiver, die Investitionsbereitschaft steigt und größere Finanzierungsrunden kehren zurück. Österreich habe die Talsohle später erreicht als andere europäische Märkte, profitiere nun aber umso stärker von der Erholung. Gleichzeitig seien heimische Startups heute fokussierter, kapitaleffizienter und internationaler aufgestellt. Erfolgreiche Exits sowie der Dachfonds könnten diesen positiven Trend zusätzlich verstärken, auch wenn Haas vor einer Goldgräberstimmung warnt: „Die vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen und viele Startups mussten lernen, deutlich kapitaleffizienter zu arbeiten. Diese Entwicklung ist jedoch nicht negativ. Viele Unternehmen sind heute robuster, fokussierter und nachhaltiger aufgestellt als noch vor wenigen Jahren.“

Zwei 100-Mio.-Deals

Mit den erwähnten 97 Abschlüssen markiert das Halbjahr nicht nur eine Erholung, sondern sogar einen neuen historischen Höchstwert bei der Anzahl der registrierten Deals. Verantwortlich für das hohe Investitionsvolumen waren maßgeblich zwei Groß-Investments in der Größenordnung von jeweils 100 Millionen Euro.

„Vor wenigen Quartalen kaum vorstellbar“

Im März 2026 sicherte sich das Startup Gropyus 100 Millionen Euro, gefolgt von Waterdrop, das im Mai einen Deal im exakt gleichen Umfang verbuchte. Dahinter folgen der Batterie-Technologie-Spezialist Aviloo (30 Millionen Euro), das Raumfahrtunternehmen Enpulsion (22,5 Millionen Euro), die Fitness-Plattform Reps (20,2 Millionen Euro) sowie das Wiener HealthTech-Scaleup nyra health (20 Millionen Euro). Getrieben durch diese Abschlüsse stieg die durchschnittliche Höhe einer Finanzierungsrunde auf rund 6,3 Millionen Euro an und erreichte damit den höchsten Wert in einem ersten Halbjahr seit 2022.

Die durchschnittliche Finanzierungssumme schwankte im Zeitraum von 2020 bis 2026 zwischen Werten von zwei Millionen Euro und 12,8 Millionen Euro. In den ersten Halbjahren der Jahre von 2021 bis 2024 lag die durchschnittliche Höhe einer Finanzierungsrunde jeweils klar über der Vier-Millionen-Euro-Marke. Im ersten Halbjahr 2025 war dieser Wert erstmals seit 2020 wieder unterschritten worden. Im jüngsten Halbjahr ist er, auch dank der beiden Groß-Deals, mit einem Wert von 6,3 Millionen Euro, nun wieder deutlich übertroffen worden, konkretisiert der Bericht.

Und ergänzt: „Dass gleich zwei Unternehmen Finanzierungen in dreistelliger Millionenhöhe abschließen konnten, wäre noch vor wenigen Quartalen kaum vorstellbar gewesen. Solche Abschlüsse erhöhen die internationale Sichtbarkeit des österreichischen Standorts erheblich“, so Haas. „Die Rückkehr großer Finanzierungsrunden ist ein wichtiges Signal, weil sie zeigt, dass Investor:innen wieder bereit sind, Wachstum in größerem Umfang zu finanzieren. Gerade Scaleups benötigen substanzielle Kapitalbeträge, um internationale Märkte zu erschließen und globale Wettbewerbsfähigkeit aufzubauen.“

Auch die Zahl der Abschlüsse mit einem Volumen von mehr als zehn Millionen Euro kletterte deutlich von lediglich zwei im Vorjahreszeitraum auf neun an. Die Anzahl der kleineren Deals mit einem Umfang von bis zu einer Million Euro blieb indes mit 37 Abschlüssen stabil.

Dachfonds wichtiger Schritt

Parallel zur verbesserten Marktentwicklung gibt es auch positive wirtschaftspolitische Signale. Insbesondere die Umsetzung des Dachfonds wird innerhalb des österreichischen Innovationsökosystems als wichtiger Schritt gesehen.

„Der Dachfonds ist weit mehr als ein einzelnes Förderinstrument. Er sendet ein wichtiges Signal an nationale und internationale Investor:innen, dass Österreich Innovation, Unternehmertum und Wachstum aktiv unterstützen möchte. Solche Signale sind im internationalen Wettbewerb um Kapital von enormer Bedeutung“, sagt Haas. Entscheidend sei nun jedoch die konkrete Umsetzung: „Wenn es gelingt, zusätzliches privates Kapital zu mobilisieren und Finanzierungslücken in der Wachstumsphase zu schließen, kann daraus ein echter Hebel für den Standort entstehen. Jetzt kommt es darauf an, den positiven politischen Willen rasch in konkrete Maßnahmen zu übersetzen.“

Darüber hinaus brauche Österreich weiterhin bessere Rahmenbedingungen für institutionelles Venture Capital, attraktivere Mitarbeitendenbeteiligungsmodelle sowie zusätzliche Maßnahmen zur Mobilisierung privaten Kapitals.

Der Sektor-Blick

Dank der beiden erwähnten Mega-Deals verzeichneten die Sektoren E-Commerce und PropTech die höchsten Kapitalzuflüsse. Dem Bereich E-Commerce flossen insgesamt 122 Millionen Euro zu, während Startups aus dem PropTech-Segment 107 Millionen Euro erhielten. Dahinter folgten der Sektor Software & Analytics mit 58 Millionen Euro sowie der Gesundheitsbereich (Health) mit 56 Millionen Euro.

Bei der reinen Anzahl der Abschlüsse zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Hier lag der Bereich Software & Analytics mit 30 Finanzierungsrunden erneut unangefochten an der Spitze. Auf dem zweiten Platz folgte der Sektor Health mit 19 Runden, während E-Commerce und Energy mit acht respektive sieben Deals die Ränge drei und vier belegten – PropTech fällt bei dieser Betrachtung auf Platz acht zurück. Der stärkste Rückgang an Finanzierungsrunden wurde im Bereich AdTech (minus vier Deals) registriert.

Exits fallen auf

Neben den zahlreichen Finanzierungsrunden sorgten im ersten Halbjahr 2026 auch erfolgreiche Exits wie jene von Tractive und Emmi AI für positive Impulse im österreichischen Startup-Ökosystem. Laut EY sind solche Exits mindestens ebenso wichtig wie neue Investments, da sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit heimischer Startups unterstreichen, attraktive Renditen für Investor:innen ermöglichen und als Vorbilder für neue Gründer:innen dienen. Gleichzeitig fließen Erfahrung, Netzwerke und Kapital aus erfolgreichen Exits häufig wieder in das heimische Ökosystem zurück.

„Fast alle erfolgreichen internationalen Startup-Standorte zeichnen sich durch einen funktionierenden Kreislauf aus Gründungen, Wachstum, Exits und Reinvestitionen aus. Je mehr erfolgreiche Exits wir sehen, desto stärker wird dieser Kreislauf auch in Österreich“, so Haas.

Wien das Startup-Zentrum

Laut dem Startup-Barometer bleibt die Bundeshauptstadt weiterhin das Zentrum der heimischen Startup-Szene: Acht der zwölf größten Abschlüsse des Halbjahres stammten von Wiener Unternehmen. Mit 55 Finanzierungsrunden entfielen 57 Prozent aller österreichischen Deals auf Wiener Startups.

Auch beim Investitionsvolumen dominierte Wien: Rund drei Viertel des investierten Kapitals, konkret 76 Prozent beziehungsweise 360 Millionen Euro, flossen in die Hauptstadt.

Auf dem geteilten zweiten Platz bei der Anzahl der Deals folgten die Steiermark und Oberösterreich mit jeweils 13 Finanzierungsrunden.

Beim Finanzierungsvolumen belegte hingegen Niederösterreich mit 53 Millionen Euro und einem Marktanteil von elf Prozent den zweiten Platz, gefolgt von Tirol, das sich mit 23 Millionen Euro einen volumenbezogenen Marktanteil von fünf Prozent und damit den dritten Rang sicherte.

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