22.01.2026
DAVOS-REDE

Vom 28. Regime zu EU Inc.: Ein Wendepunkt für Europas Innovationsökosystem?

In Davos sorgte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit der Ankündigung von EU Inc. für Aufsehen. Doch was bedeutet dieser Auftritt tatsächlich für das europäische Innovationsökosystem?
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EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen | © Europäische Kommission
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen | © Europäische Kommission

Unter dem Namen EU Inc. fordert ein paneuropäisches Grassroots-Movement schon länger die Einführung einer neuen europäischen Startup-Rechtsform (brutkasten berichtete). Ziel ist es, die Fragmentierung des europäischen Binnenmarkts zu überwinden und das Innovationspotenzial der Region freizusetzen. Unterstützt wird die Initiative von einigen der bekanntesten europäischen Tech-Unternehmen und Investoren, darunter Supercell, Remote, DeepL, Personio, Pigment, Wise, Seedcamp und Index Ventures. Rund 21.000 Unterschriften hat die Initiative bislang gesammelt.

Von der Leyen: „Wir nennen sie EU Inc.“

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos kam es am Dienstag zu einem Auftritt, der in der europäischen Startup-Szene für spürbare Euphorie sorgte. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen griff das Thema in ihrer Rede öffentlich auf: „Das ultimative Ziel ist die Schaffung einer neuen, wirklich europäischen Unternehmensstruktur. Wir nennen sie EU Inc.“

Auch in Österreich wurde der Auftritt als Signal gewertet. Hannah Wundsam von Austrian Startups kommentierte: “Ich bin optimistischer denn je, dass dies ein echter Wendepunkt für das europäische Startup-Ökosystem werden kann.”

Im Gespräch mit brutkasten ergänzt sie: “Das hat so viel Aufmerksamkeit erweckt, weil sie den Namen EU Inc. verwendet hat. Bisher war auf politischer Ebene immer nur vom 28. Regime die Rede. Und darunter kann man sich sehr viel vorstellen. EU Inc. ist wirklich die Antwort des Startup-Ökosystems auf das 28. Regime, wie man es konkret umsetzen könnte“.

Doch was bedeutet dieser Auftritt in Davos nun tatsächlich für das europäische Innovationsökosystem? War die Rede der EU-Kommissionspräsidentin ein „echter Wendepunkt“ oder vor allem ein symbolischer Moment?

Inhaltliche Eckpunkte bereits bekannt

Inhaltlich brachte die Rede wenig Neues. Ein erster Vorschlag zum 28. Regime wurde nämlich bereits vor rund einem Jahr von der Europäischen Kommission vorgelegt. Damals stieß dieser im europäischen Startup-Ökosystem auf breite Kritik (brutkasten berichtete). Der Hauptgrund: Die neue Unternehmensform war als Richtlinie geplant, nicht als Verordnung.

Der Unterschied ist tatsächlich entscheidend. Eine Verordnung würde sofort und einheitlich in allen 27 Mitgliedstaaten gelten. Eine Richtlinie hingegen müsste erst in nationales Recht umgesetzt werden. Hier besteht das Risiko, dass einzelne Länder durch zusätzliche Auflagen die angestrebte Einheitlichkeit wieder aushebeln. Ob das geplante Regelwerk nun als Verordnung oder Richtlinie in Kraft treten wird, ist noch immer unklar. Der zentrale Streitpunkt bleibt damit also offen.

Auch die inhaltlichen Eckpunkte, die von der Leyen in ihrer Rede erneut skizzierte, sind bereits aus dem 28. Regime bekannt: ein einheitliches Regelwerk, das nahtlos in der gesamten Union gelten soll, um grenzüberschreitendes Wirtschaften deutlich zu erleichtern. Außerdem soll es möglich machen, ein Unternehmen in jedem Mitgliedstaat innerhalb von 48 Stunden online zu registrieren.

Wundsam: „EU-Kommission muss mutig sein“

Nun komme es laut Wundsam also darauf an, ob diesem Signal auch politische Schritte folgen. „Die Frage ist, ob die Kommission jetzt mutig genug sein wird, hier auch einen Vorschlag zu bringen, der wirklich auch dem entspricht, was das Startup-Ökosystem fordert“, sagt sie.

Inhaltlich warnt Wundsam vor einer Überfrachtung des Regelwerks: „Das größte Thema ist weiterhin, dass es wirklich ein einheitliches Firmenregister gibt. Es sollte sich einfach auf das Thema Corporate Law beschränken. Ich glaube, wenn man noch versucht Steuerrecht und Arbeitsrecht stark einzubinden, wird das an den einzelnen Ländern scheitern.”

Ein weitere Unsicherheit sei laut Wundsam, dass immernoch nicht sicher ist, ob die Rechtsform nur für Startups und Scaleups gelten oder für alle offen stehen wird. „Da ist definitiv mein Plädoyer, dass es für alle offen stehen soll. Es macht keinen Sinn, dass wir uns jetzt ein Jahr lang mit einer Startup-Definition beschäftigen und dann auch noch Hürden einbauen, wer diese Rechtsform nutzen darf. Das hilft unserer Wettbewerbsfähigkeit nicht“, stellt sie klar.

Politischer Härtetest steht noch bevor

Wie es konkret weitergeht, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Im März 2026 will die Europäische Kommission ihren Gesetzesvorschlag vorlegen, der das 28. Regime im Detail ausformuliert.  Derzeit befindet sich der Entwurf in einer frühen legislativen Phase. Damit EU Inc. Realität wird, müssen Parlament und Rat der Mitgliedstaaten am Ende einem identischen Text zustimmen.

Genau dort könnte die politische Hürde liegen. Während das Parlament auf eine radikale Vereinfachung drängt, müssen im Rat die Interessen der Nationalstaaten moderiert werden – etwa der Schutz nationaler Notariats- und Firmenbuchsysteme.

Wundsam ist aber dennoch optimistisch: „Ich glaube, dass es endlich in der Politik angekommen ist, dass es eine ziemliche Frustration gibt in Europa, speziell im Startup-Ökosystem. Auch wenn man das vielleicht Symbolpolitik nennen möchte, hat die Aussage von der EU-Kommission eine Wirkung“.

EU-Parlament stimmte mit klarer Mehrheit ab

Parallel dazu hat auch das Europäische Parlament in dieser Woche einen Schritt gesetzt. In der Plenarwoche in Straßburg verabschiedete es mit klarer Mehrheit einen Initiativbericht zur Einführung eines 28. Regime. Damit formuliert das Parlament erstmals offiziell seine Forderungen und erhöht den Druck auf die Kommission.

In dem Beschluss definiert das Parlament die Eckpfeiler der neuen Rechtsform, die den Namen „Societas Europaea Unificata“ (S.EU) tragen soll. Zu den zentralen Punkten zählen:

  • 48-Stunden-Gründung: Digital-first über ein zentrales EU-Portal
  • 1 Euro Stammkapital: Niedrige Einstiegshürden für Gründer:innen
  • Cross-Border ESOPs: Einheitliche Regeln für Mitarbeiterbeteiligungen in ganz Europa
  • English-friendly: Unterstützung für englischsprachige Dokumente und Gerichtsverfahren, um internationale Investoren anzusprechen

Problem: Marktfragmentierung Europas

Die Initiator:innen von EU Inc. sehen in einer einheitlichen Unternehmensstruktur die Antwort auf ein seit Jahren bekanntes Problem: die Marktfragmentierung Europas. Startups, die in mehreren EU-Ländern tätig sein wollen, müssen sich derzeit mit 27 unterschiedlichen Steuer-, Arbeits- und Gesellschaftsrechten auseinandersetzen.

Auch grenzüberschreitende Investitionen sind durch steuerliche und rechtliche Unterschiede kompliziert. Diese Rahmenbedingungen erschweren das Skalieren europäischer Startups und schwächen ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Märkten wie den USA oder China.

Offenbar ist dieses Problem inzwischen auch auf politischer Ebene angekommen. Von der Leyen sagte in Davos: “Oberster Punkt ist die Schaffung eines förderlichen und berechenbaren regulatorischen Umfelds. […] Derzeit sind zu viele Unternehmen gezwungen, im Ausland zu wachsen und zu expandieren – unter anderem, weil sie bei jeder Expansion in einen neuen Mitgliedstaat mit neuen Regelungen konfrontiert werden. Dies bremst das Wachstums- und Gewinnpotenzial von Unternehmen.”

Und weiter: “Letztendlich brauchen wir ein System, in dem Unternehmen in ganz Europa reibungslos Geschäfte tätigen und Finanzierungen aufnehmen können – genauso einfach wie in homogenen Märkten wie den USA oder China. Wenn wir das richtig angehen – und wenn wir schnell genug handeln – wird dies nicht nur das Wachstum von EU-Unternehmen fördern, sondern auch Investitionen aus aller Welt anziehen.”

Scaleup Europe Fund: Volumen von rund 5 Mrd. Euro

Beim Weltwirtschaftsforum gab es außerdem ein Update zum Scaleup Europe Fund von Startup-Kommissarin Ekaterina Zaharieva. Ziel des Fonds ist es, eine der größten strukturellen Schwächen des europäischen Innovationssystems anzugehen: die Finanzierungslücke (brutkasten berichtete). Mit einem angestrebten Volumen von rund fünf Milliarden Euro soll der Fonds gezielt Late-Stage-Investments ab 100 Millionen Euro anführen und damit verhindern, dass europäische Tech-Unternehmen in entscheidenden Wachstumsphasen auf US-Kapital angewiesen sind.

In Davos vermeldete Kommissarin Zaharieva folgende Fortschritte:

  • Der Fonds sei bereits „über halb voll“. Aktuell liegen Zusagen für über 2,5 Milliarden Euro vor, wobei das EIC allein 1 Milliarde Euro beisteuert.
  • Laut Kommissarin Ekaterina Zaharieva soll der Fonds bis zum Sommer 2026 operational sein. Die erste Investmentphase ist für das Frühjahr 2026 geplant.

Darüber hinaus ist ebenfalls bekannt:

  • Der Aufruf für externe Fondsmanager (Fund Manager Call) läuft bereits seit Dezember und ist noch bis zum 3. Februar offen. Die Auswahl der Management-Gesellschaft soll im April 2026 abgeschlossen sein.
  • Unterschiedlichen Medienberichten zufolge wird mit einer Laufzeit von 10 Jahren und einer Gruppe von 10 Gründungs-Investoren geplant.

Während EU Inc. künftig den rechtlichen Rahmen für paneuropäisches Wachstum schaffen könnte, zielt der Scaleup Europe Fund darauf ab, das notwendige Kapital bereitzustellen, sodass Tech-Unternehmen in Europa bleiben.

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Stefan Embacher | (c) Foreus

Als Stefan Embacher Foreus im Jahr 2021 gründete, hatte er die heutige Ausrichtung bereits im Kopf. „Ich mach eine Firma, Private Intelligence. Das war meine Idee“, erzählt der Gründer im brutkasten-Interview beim Business Angel Summit in Kitzbühel. Weil das Krypto-Thema damals brannte und er über einen Kontakt in den USA auf ein Feld stieß, das es in Europa praktisch noch nicht gab, startete Foreus zunächst hochfokussiert mit Krypto-Forensik. Erste Zielgruppe waren spezialisierte Rechtsanwälte, dann kamen Banken dazu, etwa mit Mittelherkunftsnachweisen für ein Institut in Liechtenstein.

Der Fokus zahlte sich aus: Schritt für Schritt erweiterte das Team sein Feld um genau jene Themen, die durch die geopolitische Lage massiv an Relevanz gewonnen haben, von Sanktionsprüfungen im Russland-Kontext über Background-Checks bei M&A-Transaktionen bis zur Dual-Use-Exportkontrolle. Wenn etwa ein österreichischer Sensorhersteller an einen Abnehmer in der Türkei liefern will, prüft Foreus die Firmenstruktur des Käufers bis in die dritte, vierte und fünfte Ebene: Wer steht dahinter? Gibt es direkte oder indirekte Verbindungen zu sanktionierten Personen? Für exportierende Unternehmen ist das ohne spezialisierte Unterstützung kaum zu leisten.

HIDX: 60 Produkte auf einer Plattform

Heute steht Foreus auf zwei Standbeinen: Intelligence as a Service, also Dienstleistungen durch das eigene Expertenteam, und Software as a Service. Kern des Software-Geschäfts ist die selbst entwickelte Plattform HIDX (gesprochen „Hidex“, kurz für Hybrid Intelligence Detector). Rund 60 Produkte bündelt Foreus darin, von UBO-Checks über Sanktions- und AML-Prüfungen bis zur Krypto-Forensik. „Es gibt Hunderte von Softwareplattformen. Was wir anders machen: Wir haben rund 60 verschiedene Produkte in einer Plattform“, sagt Embacher.

Integriert ist auch ein Large Language Model, das bewusst in einer geschlossenen, sicheren Umgebung läuft und etwa Firmenbuchauszüge prüfen kann. Die Usability habe man an Social-Media-Logik orientiert, damit auch Nicht-Techniker:innen das Tool bedienen können. Abgerechnet wird pro User und Jahr, dazu kommen nutzungsbasierte Kosten. Ausbaustufen gibt es für Rechtsanwaltskanzleien, Banken und Regierungskunden.

Zum Einsatz kommt das vor allem bei „Härtefällen“, wie Embacher sagt: bei Geschäftspartnern in Afrika, Südostasien, Zentralasien oder Südamerika, wo selbst erfahrene Compliance-Verantwortliche mit den lokalen Jurisdiktionen kaum vertraut sind. Rund 400 Anwaltskanzleien weltweit zählt Foreus nach eigenen Angaben zu seinen Kunden, mit Schwerpunkt in der DACH-Region. Der größte Treiber seien globale Kanzleien mit Niederlassungen in zehn bis 15 Ländern.

4,5 Millionen Euro ARR, 25 Prozent Wachstum, frisches Kapital

Die Zahlen bestätigen die Strategie: Der ARR (Annual Recurring Revenue) liegt aktuell bei 4,5 Millionen Euro, heuer wächst Foreus um 25 Prozent, und das bei einem Team von etwas mehr als 30 Mitarbeiter:innen. Genau darin sieht Embacher die Stärke des Modells: „Wir wollen mit einem kleinen Team von 50 bis 60 Mitarbeitern wirklich einen Einfluss in diesem Markt in Europa haben.“ Die Vision ist klar formuliert: Foreus soll in Europa zum führenden Anbieter im Private-Intelligence-Bereich werden.

Rückenwind dafür gibt es auch auf der Kapitalseite: Vor rund drei Monaten kam es zu einem Investment im Umfeld der Wiener WBYD Management GmbH. „Da haben wir jetzt ein größeres Investment gehabt, im siebenstelligen Bereich“, so der Gründer.

Das frische Kapital fließt vor allem in den nächsten Wachstumsschritt: Im September relauncht Foreus seinen Government-Bereich mit neuen Anwendungen in der Software. Ziel sind Fünf- bis Sechs-Jahres-Verträge mit Regierungskunden, die für planbare, stabile Erlöse sorgen sollen. Im Fokus stehen kleinere Staaten, etwa am Balkan oder Länder in der Größenordnung Österreichs und Ungarns. International wird die Software nach Embachers Angaben bereits von Nachrichtendiensten genutzt. Das Corporate-Geschäft mit Banken laufe parallel weiter gut, monatlich kommen Neukunden dazu.

Vom Bundesheer über Palantir zur eigenen Firma

Seine Expertise bringt Embacher aus einer ungewöhnlichen Laufbahn mit: acht Jahre beim Österreichischen Bundesheer in einer K-Einheit für internationale Operationen, danach knapp vier Jahre im Sicherheitsbereich des US-Datenanalysekonzerns Palantir. „Da habe ich eigentlich meine ganze Experience her“, sagt er. Mit einer kolportierten Darstellung räumt er dabei auf: Dass er beim Bundesheer Ausbilder für Scharfschützen gewesen sei, wie mehrfach publiziert wurde, stimme nicht. „So ist es publiziert worden, aber das habe ich nie gesagt.“

Dass ein militärischer Hintergrund in Österreich lange eher skeptisch beäugt wurde, hat Embacher selbst erlebt: „Vor sechs, sieben Jahren war es schwierig für mich, dass ich mich hinsetze und sage: Ich war beim Militär. Das ist jetzt schon anders.“ Die Zeitenwende habe auch hier ein Umdenken gebracht.

Klare Worte zur parlamentarischen Anfrage

Offen spricht Embacher auch über die parlamentarische Anfrage der Grünen vom August 2025, die private Sicherheits- und Intelligence-Firmen und darin auch ihn namentlich behandelt. Er macht kein Geheimnis daraus, dass ihn die Anfrage stört, und stellt die zentralen Punkte klar: Ja, er habe nach wie vor Kontakte zu Palantir und ins Bundesheer, das liege bei seiner Biografie auf der Hand. Nur folge daraus nichts: „Ich habe noch keinen Cent mit dem Bundesheer verdient. Und selbst wenn da einmal etwas käme, gibt es immer noch das Ausschreibungsgesetz.“ Strafrechtlich habe es nie ein Verfahren gegeben.

„Der Westen ist Amerika und Europa“

Beim Business Angel Summit moderierte Embacher auch ein Panel zur europäischen Souveränität, ein Thema, bei dem er eine differenzierte Position vertritt. Eine Abschottung Europas hält er für den falschen Weg: „Ich denke, der Westen ist Amerika und Europa.“ Zugleich müsse Europa eigene Infrastruktur aufbauen und bei der militärischen Landesverteidigung europäisch statt nur nationalstaatlich denken. Was ihm in der öffentlichen Debatte fehle, sei die diplomatische Perspektive neben der militärischen: „Überall sitzen die Experten vom Militär. Aber die Soft Power in dem Kontext, die fehlt mir komplett.“

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