26.01.2022

Virtuelles Teambuilding: von der Idee zur Umsetzung

Teambuilding-Experte Christoph Scheunemann verrät, wie virtuelles Teambuilding trotz Homeoffice und Social Distancing für mehr Zusammenhalt in der Belegschaft sorgen kann – und stellt praktische Ideen vor, die sich in jedem Team leicht umsetzen lassen.
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Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Wo Kolleginnen und Kollegen einst gesellig zusammensaßen und arbeiteten, herrscht seit Monaten gähnende Leere.

Der heimische Schreibtisch ist für viele zum Dreh- und Angelpunkt des beruflichen Alltags geworden; vernetzt über Tools wie Microsoft Teams & Co. findet die interne Kommunikation nunmehr ausschließlich virtuell statt. Vor der Webcam wird gemeinsam geplant, gearbeitet und rekapituliert. Der digitale Arbeitskosmos wurde damit zu dem Raum für Lob und Kritik, wobei die Entgrenzung des Arbeitsplatzes auch auf emotionaler Seite Distanzen schuf, die sich immer häufiger in Form eines schlechten Betriebsklimas äußern.

Virtuelle Zusammenarbeit: zwischen Chance und Herausforderung

Schon vor der Pandemie war klar: die virtuelle Zusammenarbeit birgt viele Herausforderungen. Die renommierten Sozialwissenschaftler Joseph Grenny und David Maxfield machten bereits 2017 darauf aufmerksam, als sie die Ergebnisse einer großangelegten Umfrage unter Remote Workern veröffentlichten:

Remote Worker: benachteiligt und nicht wahrgenommen

Unter 1.153 befragten Telearbeitenden gab eine Mehrheit von 67 % an, sie würde sich durch die Arbeit im Homeoffice gegenüber den verbleibenden Kollegen vor Ort benachteiligt fühlen. Die Betroffenen kritisierten in diesem Zusammenhang, es werde seitens des Arbeitgebers nicht ausreichend auf sie eingegangen – womöglich aufgrund fehlenden Vertrauens.

Unmut unter Kolleginnen und Kollegen

Ähnlich alarmierend fielen die Antworten auf die Frage aus, ob sie befürchten würden, es werde hinter ihrem Rücken schlecht über sie geredet. Dies bejahten mit 41 % fast die Hälfte der befragten Remote Worker. Auch hier bezogen sich die Antworten auf den verbleibenden Teil der Belegschaft am stationären Arbeitsplatz.

Arbeitsdruck durch Infragestellen von Kompetenzen

35 % der Arbeitnehmer im Homeoffice sahen sich außerdem von anderen Kollegen verdrängt. Diese würden ihre Kompetenzen regelmäßig in Frage stellen und ihnen den Arbeitsplatz dadurch streitig machen. Zum Vergleich: dieselbe Sichtweise teilen nur 26 % der Mitarbeiter vor Ort. Es scheint sich demzufolge auch hier um ein typisches Phänomen der Telearbeit zu handeln.

Mangelnde interne Kommunikation

All die bisher genannten Punkte lassen sich aus Expertensicht auf ein ebenso simples wie schwerwiegendes Kernproblem der (Zusammen-)Arbeit herunterbrechen: eine mangelnde interne Kommunikation. Auch diese These unterstreichen die Untersuchungen von Grenny und Maxfield:

So kritisierten 64 % der Umfrageteilnehmer eine schlechte interne Kommunikation. Teil der Kritik war es unter anderem, Kollegen würden Änderungen an Projekten vornehmen, ohne dies vorher abzusprechen. Dass dies dem Zusammenhalt und der Arbeitsmoral des Einzelnen schadet, erklärt sich von selbst.

Die Umfrageergebnisse mochten schon damals in der Fachwelt kaum jemanden überraschen, unterstrichen sie doch das vermeintlich Offensichtliche nur einmal mehr. Arbeitsmodelle wie Homeoffice & Co. würden den stationären Arbeitsplatz, so der allgemeine Konsens, bis auf Weiteres nicht ablösen.

Doch dann kam Corona und alles sollte anders kommen.

Die Pandemie als Katalysator fürs Remote Working

Mit dem Fortschreiten der Corona-Pandemie spielten plötzlich auch Social Distancing und Kontaktbeschränkungen am Arbeitsplatz eine immer wichtigere Rolle. Wo es ging, schickte man Teams und ganze Abteilungen ins Homeoffice; in Rekordzeit wurden jene technischen Infrastrukturen geschaffen, vor denen man sich zuvor lange gesträubt hatte. Es war – wenn auch unfreiwillig – eine neue Ära der Digitalisierung eingeläutet.

Über staatliche Mittel wie zuletzt die „Überbrückungshilfe III Plus“ wurden Unternehmen in der Krise nicht nur finanziell entlastet, sondern ebenso bei ihren Digitalisierungsvorhaben unterstützt. Das war wichtig und richtig – und doch kam ein zentrales Thema dabei häufig zu kurz: virtuelles Teambuilding.

Warum ist virtuelles Teambuilding so wichtig?

Die neuen Arbeitsbedingungen und digitalisierten Prozesse bedeuten für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer eine weitreichende Umstellung. Gerade auf Arbeitnehmer-Seite ergeben sich bisweilen völlig ungeahnte Herausforderungen.

Fehlendes technisches Verständnis mag vielerorts noch immer zu den Hauptproblemen gehören, stellt aber, mittelfristig gesehen, längst nicht die einzige Baustelle für Teams im virtuellen Arbeitskosmos dar.

Dass der Mensch soziale Kontakte braucht, ist kein Geheimnis. Wer über längere Zeit entpersonalisiert und abgekapselt von seinen Kollegen arbeitet, verliert früher oder später an Zusammengehörigkeitsgefühl und Teamgeist. Im Umkehrschluss sinken dann auch Motivation und Arbeitseffizienz – es entsteht ein Teufelskreislauf, der ungehindert ganze Teams entzweien kann.

Erkannt wird eine solche Entwicklung in der Regel erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Allzu oft wird noch davon ausgegangen, die Teamdynamiken des stationären Arbeitsplatzes (z.B. im Büro) würden bei der virtuellen Zusammenarbeit entsprechend adaptiert und bestehen bleiben.

Das ist de facto allerdings nicht der Fall: ein Team im Homeoffice braucht besondere Zuwendung. Wer sich als Teamleiter nicht proaktiv um das Teambuilding kümmert, riskiert ein Auseinanderbrechen.

Auf der anderen Seite darf sich freuen, wer den Nutzen von virtuellem Teambuilding erkannt hat:


⦁ (Virtuelles) Teambuilding fördert kognitive, affektive und prozessbezogene Kompetenzen jedes/jeder Einzelnen
⦁ Teambuilding steigert die Leistungsbereitschaft von Arbeitnehmern
⦁ Kommunikationsblockaden werden effektiv abgebaut
⦁ Mitarbeiterbindung und Identifikation mit dem Arbeitgeber werden gefördert
⦁ Neue Mitarbeiter können integriert werden
⦁ Lösungen für komplexe Probleme können im zwangslosen Rahmen erarbeitet werden

Wie funktioniert virtuelles Teambuilding?

Allgemein gefasst beschreibt Teambuilding die Auswahl und Zusammenbringung verschiedener Personen sowie den Ausbau von Kompetenzen innerhalb einer Gruppe, die zum Erreichen vereinbarter Ziele benötigt werden. Das kann beispielsweise über regelmäßige Übungen, gemeinsame Teamevents und gezielte Führungsstile geschehen.

Wird der Prozess auf Teams übertragen, die von Zuhause aus arbeiten, spricht man von virtuellem Teambuilding. Allerdings ändern sich in diesem Kontext auch die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten für teambildende Maßnahmen.

Im konventionellen Teambuilding erprobte Gruppen können sich damit schwertun, ihre bewährten Maßnahmen bei der Online-Zusammenarbeit ebenso erfolgreich umzusetzen. Oftmals fehlt es ihnen an Ideen, wie sie ihre Konzepte an die neuen Gegebenheiten anpassen können. Ein legerer Pausentalk, der Betriebsausflug in die nächstgrößere Stadt oder die gemeinsame Feierabend-Zeremonie lassen sich schließlich nur schwer virtuell umsetzen. Was also tun?

Ideen für virtuelles Teambuilding

Virtuelles Teambuilding ist kein Hexenwerk, so viel sei vorweggenommen. In meinen 15 Jahren als Eventmanager und Teamcoach hat sich vor allem eines herauskristallisiert: der Erfolg teambildender Maßnahmen steckt insbesondere in ihrer Kontinuität.

Egal, wie ausgefallen und groß ein (Firmen-)Event ausfällt – wird nicht mit regelmäßigen Teamaktivitäten daran angeknüpft, ist der positive Effekt für gewöhnlich schnell verhallt. Als wir 2020 erstmals virtuelle Teamevents entwickelten, sind wir beispielsweise mit „Mission to Mars“ gezielt den Weg gegangen und haben Storylines entwickelt, die über mehrere Events hinweg verfolgt werden können.

Klar ist aber auch, dass größere virtuelle Teamevents schon allein aus zeitlichen Gründen nicht im Wochentakt stattfinden können. Die gute Nachricht: schon kleine, aber regelmäßige Übungen helfen dabei, langfristig eine gesunde Unternehmenskultur und ein ausgeprägtes Wir-Gefühl aufzubauen.

Idee 1: Virtuelles Teambuilding in gemeinsamen Pausen

Videokonferenzen sind Dreh- und Angelpunkt der virtuellen Zusammenarbeit. In den online Meetings kommen alle Teammitglieder an einem zentralen Ort zusammen, warum diese Gelegenheit also nicht auch für Teambuilding-Zwecke nutzen?

Während Mitarbeiter am stationären Arbeitsplatz ihre Pausen dazu nutzen können, auch mal über Privates zu reden, fehlt diese Möglichkeit bei virtuellen Zusammenkünften in aller Regel gänzlich.

Es geht natürlich auch anders – wer gemeinsame Pausenzeiten fest bei seinen Video-Meetings einplant, schafft den nötigen Raum für Ausbau zwischenmenschlicher Beziehungen. Sinnvollerweise sollte mindestens alle 2 Stunden eine solche Pause integriert werden.

Idee 2: Wöchentlicher Teamtag

Anknüpfend an die vorangegangene virtuelle Teambuilding-Idee empfiehlt es sich, einen wöchentlichen Teamtag festzulegen. An diesem Tag kann über die jüngsten Geschehnisse im Team reflektiert, diskutiert und rekapituliert werden. Dabei muss selbstredend kein ganzer Arbeitstag eingeplant werden, ein Zeitfenster ab einer Stunde reicht vollkommen aus.

Durch eine offene Kommunikation, vor allem aufseiten des Teamleiters / der Teamleiterin, können aufkommende Konflikte erkannt und im Keim erstickt werden. Zudem ebnet das gemeinsame Meeting den Weg für eine produktive Folgewoche.

Idee 3: Regelmäßige Teambuilding-Spiele

Ob Teamtag oder reguläre Videokonferenz: Teambuilding-Spiele lockern die Atmosphäre auf und sorgen für ein tolles Arbeitsklima. Neben professionellen Teamevents finden sich im Netz inzwischen unzählige Ideen, die sich ohne großen Zeit- und Kostenaufwand realisieren lassen.

Zu beliebten Teambuilding-Formaten zählen etwa Online Escape Games, Remote Quiz oder ausgefallene Aktivitäten wie „Unbekannterweise präsentieren“. Letztlich sollte immer das Team darüber entscheiden, welche Aktivitäten durchgeführt werden.

Virtuelles Teambuilding: Perspektiven bis 2030

Da die Nachfrage an Remote-Workern bis 2030 laut einer aktuellen Gartner-Studie um weitere 30% steigen wird, bleibt virtuelles Teambuilding ein zentraler Begriff innerhalb der modernen Mitarbeiterführung.

Umso wichtiger ist es, schon jetzt an einem Bewusstsein für das Thema zu arbeiten und die Hürden zu überwinden, vor die uns die jüngsten Entwicklungen gestellt haben. Auf einem digitalisierten Arbeitsmarkt kann das schnell zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden, über den sich Unternehmen selbst in Zeiten chronischen Fachkräftemangels behaupten können.


Über den Autor: Christoph Scheunemann

Christoph Scheunemann ist Inhaber der Eventagentur younited® und organisiert seit über 15 Jahren Teamevents für Unternehmen aus ganz Deutschland. Regelmäßig berichtet er in seinen Fachbeiträgen zu den Themen Teambuilding, Mitarbeiterführung und Soft Skills.

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28.07.2026

KI in Afrika: Eigene Spielregeln statt Nachzügler-Markt

Datenströme, Trainingsarbeit und digitale Aufmerksamkeit flossen jahrelang selbstverständlich zu den großen Tech- und KI-Zentren in den USA und China. Europa diskutiert derweil Regulierung und Eigenständigkeit – und übersieht dabei einen Raum, in dem KI längst eigene Dynamiken entfaltet: Afrika. Abseits der bekannten Achsen entsteht dort kein reiner Nachzüglermarkt, sondern ein vielschichtiges KI-Ökosystem, das mit lokalen Lösungen, politischen Strategien und wachsender Infrastruktur – trotz bleibender Hürden – zunehmend eigene Spielregeln definiert.
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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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