22.09.2025
NEUER FONDS

Ventech: 175 Millionen Euro für Europas Tech-Zukunft

2020 beteiligte sich Ventech am Wiener Scaleup Prewave. Nun legt der europäische VC seinen sechsten Fonds mit einem Volumen von 175 Millionen Euro auf. Im Gespräch mit brutkasten erklärt Partner Stephan Wirries, wo er Europas Stärken sieht und in welche Bereiche Ventech künftig gezielt investieren will, um neue Tech-Champions hervorzubringen.
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Stephan Wirries ist seit 2012 General Partner bei © Ventech.

Mit einem Volumen von 175 Millionen Euro legt Ventech seinen bislang größten Fonds in der 26-jährigen Unternehmensgeschichte auf. Die paneuropäische Venture-Capital-Gesellschaft konzentriert sich dabei auf Startups in der Frühphase und auf digitale Technologien.

Mit dem neuen Fonds will Ventech rund 35 europäische Tech-Unternehmen von der Seed- und Series-A-Phase bis hin zum Exit begleiten. Auch österreichische Startups hat man dabei auf dem Radar.

Die großen Chancen Europas

Die größten Chancen in Europa sieht Ventech in fünf Bereichen: Vertical AI, Digital Health, Industrial Software, Cyber Security sowie Technological Sovereignty. Rund die Hälfte des Fondsvolumens soll in KI-native, vertikale Anwendungen fließen.

„Wir treten in eine neue Ära der Disruption ein, angetrieben von KI und tiefgreifenden technologischen Umwälzungen. Jetzt ist die perfekte Zeit, neue innovative Firmen zu bauen“, sagt Stephan Wirries, General Partner bei Ventech. „Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit ambitionierten Gründern die größten Chancen und Herausforderungen unserer Zeit anzugehen.“

Technologische Souveränität Europas

Im Gespräch mit brutkasten betont Wirries, dass Europa im internationalen Vergleich über besondere Stärken verfügt. „Es gibt die Opportunity, extrem smart mit dem Geld in unserer Souveränität umzugehen. Wir fangen an, einen gewissen Pragmatismus in der Politik wie auch im Startup- und im Investmentumfeld zu sehen“, erklärt er. Die technologische Souveränität auszubauen und gezielt in europäische Stärken zu investieren, sei entscheidend.

„Wahrscheinlich werden wir nicht besonders viele LLMs in Europa haben, vielleicht ein paar. Aber gleichzeitig haben wir extrem viele spannende Möglichkeiten für intelligente, vertikale Application-Layer auf unseren Datensätzen“, so Wirries weiter. Während US-Unternehmen wie OpenAI bei industriespezifischen Problemen an fehlenden Daten scheiterten, könne Europa mit seinen einzigartigen Datensätzen und Prozessen punkten.

Gleichzeitig warnt er davor, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase war der Venture-Capital-Markt in Deutschland weitgehend kollabiert – mit einem „Innovationsvakuum“ als Folge. „So etwas gilt es unheimlich stark zu vermeiden“, sagt Wirries. Gerade jetzt, da Themen wie Verteidigung und technologische Souveränität im Vordergrund stehen, müsse Europa auch das breite Innovationsgeschehen im Blick behalten.

Venture-Capital-Markt in der Krise?

Als Frühphaseninvestor sieht Ventech seine Rolle auch darin, Startups früh zu unterstützen und sie für internationale Folgeinvestoren interessant zu machen. „Wir sind ein klassischer Frühphaseninvestor, also haben wir vielleicht nicht die Antwort für Wachstumskapital. Aber wo wir vielen anderen internationalen Investoren helfen, ist, danach internationales Wachstumskapital mitzubringen in Folgerunden“, erklärt Wirries.

Dennoch hinkt Europa beim Growth Capital weiterhin hinterher. „Das Problem ist tatsächlich international finanztechnisch abhängig – also davon, wie sich die Zinsraten entwickeln und wie sich der Venture-Capital-Markt insgesamt entwickelt. Klar, es gibt sehr viel weniger Wachstumskapital in Europa im Vergleich zu den USA“, sagt er. Hoffnung gebe jedoch, dass inzwischen verstärkt über neue Kapitalquellen diskutiert werde. Besonders in Deutschland stehe die Frage im Raum, wie sich Pensionskassengelder stärker für Venture Capital und Startups öffnen lassen. „Ich glaube, das sind die richtigen Diskussionen, weil das Geld, das in den Pensionskassen liegt, könnte auch für Innovation genutzt werden.“

„Österreich hat sich extrem entwickelt“

Auch wenn Ventech bisher nur wenige Investments in Österreich getätigt hat, zählen diese zu den erfolgreichsten Beteiligungen des Fonds – darunter Prewave und das Wiener Biotech-Unternehmen Themis (brutkasten berichtete). „Wir haben nicht besonders viele Investments in Österreich, aber die, die wir haben, sind eigentlich sehr erfolgreiche Investments“, sagt Wirries. Die Beteiligung an Prewave im Jahr 2020 sei mitten in der Pandemie ein „spannendes, bold Investment“ gewesen. Generell habe sich das österreichische Ökosystem stark entwickelt: „Österreich hat sich extrem entwickelt in den letzten zehn Jahren, was das Investmentumfeld angeht“, so Wirries. Auch das internationale Interesse sei gestiegen. „Die Bandbreite ist groß. Wir sehen das als Teil unseres Mandats, auch spannende Firmen in Österreich zu finden.“

Optimistische Zukunft

Das Vorurteil, Europa sei zu risikoscheu, teilt Wirries nur teilweise. „Das halte ich zu einem gewissen Teil für ein Klischee“, sagt er. Entscheidend sei vielmehr eine inspirierende Gründer-Generation: „Wir sind ja Unternehmer, die riesige Dinge aufbauen möchten und die Ambition haben. Es braucht eben auch eine erfolgreiche Generation, die das nächste inspiriert – und das braucht ein bisschen Zeit.“ In den USA habe die sogenannte „PayPal Mafia“ diesen Effekt gehabt. „Ich glaube, auf ein ähnliches Setup sollten wir in Europa bauen.“

Trotz schwankender Finanzierungen sieht er die Entwicklung positiv: „Wenn man sich die gesamte Anzahl der Firmen und der Opportunities anschaut, steigt diese insgesamt, auch wenn das Funding fluktuiert. Insgesamt bewegt sich der Markt in die richtige Richtung – und das ist das Wichtige.“ Ventech selbst hat bislang über 1,1 Milliarden Euro eingesammelt, mehr als 320 Investments getätigt, 185 Exits und 19 IPOs realisiert.

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Bits & Pretzels Mitgründer und Managing Director Bernd Storm van's Gravesande © Bits & Pretzels

Weißwurst zum Frühstück, Brezn zur Beteiligungsverhandlung: Wenn München jedes Jahr im Herbst zur Wiesn bläst, verwandelt sich ein Teil der Stadt gleichzeitig in die größte Gründerbühne Europas. Seit 2014 zählt die Bits & Pretzels zu den wichtigsten Innovationsevents des Kontinents. Größen wie Barack Obama oder Arnold Schwarzenegger haben in München bereits ihre Weisheiten mit dem Publikum geteilt. Bei der dreitägigen Konferenz geht es aber nicht nur um Inspiration, sondern vor allem um Austausch und potenzielle Kundengewinnung. Genau darin sieht Bits-&-Pretzels-Mitgründer und Managing Director Bernd Storm van’s Gravesande eine relevante Alternative zur klassischen Kapitalaufnahme über VCs.


brutkasten: Die polarisierende These, mit der wir heute starten: VCs sind out, Corporates sind in. Wie kommst du dazu?

Bernd Storm van’s Gravesande: Ich möchte die zentrale und wichtige Rolle von VCs damit überhaupt nicht kleinreden – ohne Venture Capital gäbe es das ganze Startup-Ökosystem nicht, das muss uns klar sein. Aber die Überspitzung dient natürlich auch dazu, dass wir erkennen: Für viele Startups – nicht für alle – gibt es Alternativen. Nämlich, dass ein Ankerkunde manchmal passender ist als ein Ankerinvestor. Da muss man immer definieren: für wen, für welches Startup, in welcher Phase.

Aber ein Ankerkunde kann sehr wertvoll sein. Nehmen wir ein Beispiel, das gerade in aller Munde ist: Defense. Wir haben die Helsings, die Quantum Systems und so weiter. Das ist eine spezielle Branche, aber das Muster dahinter erkennen wir auch in anderen Branchen. Bei all diesen hast du nicht nur reine VCs, sondern etwa mit der Bundeswehr oder mit internationalen Staaten ganz konkrete Kunden, mit denen du nicht nur über potenzielle Umsätze sprichst, sondern über ganz konkrete.

Wenn du als Startup schon zahlende Kunden mitbringen kannst, ist das so viel mehr wert als jede Powerpoint oder Marktanalyse. Das ist der eigentliche Proof. Du hast einen Ankerkunden und das ist sehr viel wert, auch für künftige Partner- und Kundenbeziehungen oder spätere Finanzierungsrunden.

Ist das eine Entwicklung, die du erst in letzter Zeit beobachtest, oder war das eigentlich immer schon so?

Die Rahmenbedingungen haben sich verändert, es geht verstärkt in diese Richtung. Vor vier, fünf Jahren war Kapital sehr günstig, Venture Capital war auch leichter in höheren Bewertungsrunden aufzunehmen. Da war es nicht so zwingend notwendig, zähe Corporate Deals einzugehen. Diese Rahmenbedingungen haben sich geändert.

Gleichzeitig haben sich aus meiner Sicht auch die Corporates selbst entwickelt. Vor zehn Jahren war es fancy, Acceleratoren und Innovation Labs zu haben, Innovationsprogramme – ein bisschen Schaufensterdekoration. Daraus ist inzwischen ein existenzieller Druck geworden, vor allem im Bereich KI. Die Corporates sehen die Innovation von Startups nicht mehr als Nice-to-have, sondern stehen so stark unter Druck, dass sie darauf angewiesen sind und überlegen müssen, wie sie diese intern nutzen können. Das sind die zwei Hauptfaktoren, die sich geändert haben: die Rahmenbedingungen für die Kapitalaufnahme und die Dringlichkeit der Corporates, externe Innovation aufzunehmen oder mit Startups zusammenzuarbeiten.

Bei der Bits & Pretzels haben wir ja nicht nur Investoren und Kunden, sondern auch 500 CIOs, weil wir verstehen, dass diese künftige Kunden- oder Entwicklungsbeziehung in unserer Wirtschaft notwendig sein wird – wir reden über Europa, über Deutschland. Das ist keine temporäre Reaktion, nach dem Motto: Weil Kapital teurer ist, machen wir eben was anderes. Es geht klar in die Richtung, dass man idealerweise sehr früh im Rahmen der Produktentwicklung gemeinsam mit Ankerkunden erste Umsätze generiert und am Markt Fortschritte erzielt.

Gibt es Red Flags, bei denen du sagen würdest: Finger weg von dieser Corporate-Venturing-Beziehung?

Red Flag ist ein hartes Wort, aber vorsichtig wäre ich bei Innovationslaboren. Ich würde jedem empfehlen, direkt zum Bereichsleiter oder zur Bereichsleiterin mit Umsatz- und Kostenverantwortung zu gehen, weil man dann bei den Entscheider ist. Ich würde mich nur eng committen, wenn man einen Kontakt auf Vorstands- oder Bereichsvorstandsebene hat – einen C-Level-Sponsor, weil man sonst nicht alle Türen öffnen kann.

Man muss sich vor Augen halten: Wenn du ein Corporate als Kunden siehst, ist das ein toller Proof, aber auch ein Riesen-Pain. Ein häufiges Problem, ein Stolperstein, ist die Geschwindigkeit. Wenn ich als kleiner Gründer an einen DAX-Konzern herantrete, bin ich startklar, ich fange morgen mit der Entwicklung an. Aber die brauchen so viele Abstimmungen – Rechtsabteilungen, Bereichsleiter, Einkaufsprozesse, Integrationsschnittstellen, IT-Implementierungsbudgets. Das dauert. Das muss man als Gründer wissen, das geht nicht von heute auf morgen. Was ich aus eigener Erfahrung und von vielen anderen auf der Bits & Pretzels gehört habe, nenne ich „Pilotitis“: Lass uns mal einen kostenlosen Proof of Concept machen und dann weitersehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit geht das nie in den Echtbetrieb, das ist die falsche Herangehensweise.

Beim Thema Kundenrisiko: Wenn Corporates Exklusivität wollen, dann höchstens temporär, sechs, zwölf Monate, aber bitte nicht 24 Monate – sonst bist du gefangen und kannst nur hoffen, dass sie dir Folgeprojekte geben. Ein weiteres mögliches Warnsignal: Wenn sich der Einkaufsprozess so in die Länge zieht, dass etwa ein Betriebsrat zustimmen muss, sollte man sich fragen, ob das trotzdem der richtige Kunde ist – als Gründer hat man ja ohnehin schon Zeitdruck, etwas FOMO und ein bisschen Paranoia.

Wo passen die VCs in diesem Bild trotzdem noch rein? Wo macht es weiterhin mehr Sinn, auf VC zu setzen statt auf Corporates als Pilotkunden?

Grundsätzlich immer, wenn man ein skalierbares Tech-Business-Modell hat. Ich sage nur, dass VC nicht mehr die einzige Option ist. Die Anzahl der Finanzierungsrunden geht runter, die Anzahl der Gründungen geht hoch – also müssen sich Gründer zwangsläufig überlegen, wo sie außer von VCs Geld herbekommen. Umsatz ist das neue Risikokapital, plakativ gesagt. Das kann für viele funktionieren, weil nicht alle von Milliardenrunden wie bei Helsing oder von den gerade raisenden Health-Tech-Companies gesegnet sind. Wir reden auch über den Mittelstand der Gründungen, der ebenfalls Umsatz braucht – und kein VC-Geld zu bekommen heißt nicht automatisch, keinen Erfolg am Markt zu haben. Viele bekommen keinen VC. Und ich plädiere dafür, zu überlegen, dass Umsatz auch gutes, für viele sogar das passende Kapital sein kann.

Auf der Bits & Pretzels findet auch heuer wieder der CIO AI Summit statt, den ich intern kuratiere und hoste. Da kommen 500 CIOs aus dem deutschen Mittelstand, aus der deutschen Industrie und von Großunternehmen zusammen, tauschen sich zunächst untereinander aus, und dann öffnen wir den Raum, damit jeder Gründer und jede Gründerin mit ihnen in Kontakt treten kann. Genau das sind mögliche Kontaktpunkte, um Ankerkunden zu gewinnen – und auch für jedes österreichische Startup, das den deutschen Markt als relevant erachtet, eine sehr effiziente Möglichkeit, Industriekontakte zu knüpfen.

Wenn wir schon bei der Bits & Pretzels sind: Wie ist es euch eigentlich gelungen, Steven Bartlett heuer als Speaker zu gewinnen und auf welche Highlights darf man sich sonst noch freuen?

Beharrlichkeit. Es ist nicht das erste und nicht das zweite Mal, dass wir angefragt haben, das erste Mal ungefähr 2024. Wir haben als Veranstalter den Luxus, aber auch die Bürde, zu überlegen, wer passt, wer motiviert, wer inspiriert, wer den Leuten Energie im Raum gibt und die Gespräche entfacht. Und da waren wir uns immer einig, dass Steven Bartlett ein toller Mensch ist – selbst Gründer, und durch seine Empathie in seinen Interviews betont er immer wieder genau diesen menschlichen Aspekt hinter dem Unternehmen, hinter der Gründung. Das passt sehr gut zu unserem heurigen Motto „Human After All“. Dazu kommt seine enorme Expertise: Er ist ein sehr guter Speaker, ein bisschen Celebrity, aber eben auch ein fantastischer Fachexperte, der die Leute begeistern kann – und das wollen wir. Also leider keine wahnsinnige Story von einem zufälligen Treffen beim Kaffee in London, sondern schlicht Hartnäckigkeit, bis er endlich Zeit hatte.

Ein bisschen in dieselbe Richtung geht auch Trevor Noah, den wir ebenfalls dabei haben: Auch er ist Unternehmer, hat für Microsoft eine KI-Serie gemacht, ist also vom Fach. Ich glaube, solche Personen können unsere Themen nochmal ganz anders beleuchten, aus einer anderen Perspektive, und die Leute begeistern. Ein bisschen Out-of-the-box-Denken eben – deshalb holen wir sie.


Die Bits & Pretzels 2026 findet heuer von 28. bis 30. September 2026 wieder in München statt.

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