15.06.2021

Firmenpleiten auf Tiefststand seit 40 Jahren – keine „Schockwelle“ danach

Die Unternehmensinsolvenzen sanken auch im ersten Halbjahr 2021 weiter. Der KSV1870 erneuerte dazu seine Kritik an der Regierung.
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Seit mehr als einem Jahr ist es nun das selbe Bild: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist rückläufig – inzwischen auch schon im Vergleich zu ersten Krisenhalbjahr 2020. Und das in der größten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg. Konkret ist die Zahl laut aktueller KSV1870-Hochrechnung im ersten Halbjahr 2021 um rund 48 Prozent auf 1.000 Pleiten im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Das bedeute den niedrigsten Wert an Firmenpleiten seit mehr als 40 Jahren, heißt es vom Gläubigerschutzverband. Gegenüber dem Jahr 2019 beträgt das Minus sogar 61 Prozent.

Die geschätzten Verbindlichkeiten gingen in dem Zeitraum überproportional stark um rund 79 Prozent auf 365 Millionen Euro zurück. Ebenfalls rückläufig entwickelte sich die Zahl der betroffenen Dienstnehmer, die auf 3.400 (minus 66,7 Prozent) sank. 6.400 Gläubiger waren zuletzt mit der Insolvenz eines Geschäftspartners konfrontiert – das sind um knapp drei Viertel weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Während die von der Krise weniger betroffene Baubranche einen Rückgang von „nur“ 29 Prozent verzeichnet, sind es etwa in der massiv betroffenen Gastronomie 59 Prozent – es zeigt sich also eine paradoxe Situation.

Angesichts der weiterhin sinkenden Werte erneuerte der KSV1870 seine schon seit einem guten Jahr stetig wiederholte Kritik an den staatlichen Corona-Hilfsmaßnahmen. „Verantwortlich für die anhaltend niedrigen Insolvenzzahlen sind die künstlichen Eingriffe der Bundesregierung, dank dieser sich zahlreiche Unternehmen in einer trügerischen Sicherheit wähnen. Zwar geht vorübergehend die Zahl der Insolvenzen zurück, gleichzeitig vergrößert sich jedoch der Schuldenberg der Betriebe fortlaufend“, heißt es vom Verband.

Unternehmensinsolvenzen: Verzögerte „Gesundung der Wirtschaft“, aber keine Katastrophe in Sicht

Die angekündigte „Safety-Car-Phase“ für Steuerschulden, die ab kommenden Juli für drei Monate geplant ist, würde die „Gesundung der Wirtschaft“ zusätzlich verzögern. Denn dadurch verlängere sich für Unternehmen nur die Möglichkeit, die Rückzahlung ihrer Schulden hinauszuzögern. „Um den Schaden für Österreichs Wirtschaft nicht weiter in die Höhe zu treiben, sollte die Regierung die Gießkanne beiseite stellen und die finanzielle Unterstützung von Firmen beenden, die nach Ende der Hilfsmaßnahmen ohnehin in die Insolvenz schlittern werden. Viel besser wäre es, jene Betriebe gezielt mit Liquidität zu stärken, die eine reelle Überlebenschance haben – etwa im Rahmen einer Sanierung“, meint dazu Karl-Heinz Götze, Leiter KSV1870 Insolvenz.

Droht also die baldige Katastrophe? Ganz so ist es auch nicht, wie der Verband prognostiziert: „Aus heutiger Sicht scheint klar zu sein, dass es in Österreich im Zuge der Corona-Krise zu keiner plötzlich eintretenden Schockwelle von Insolvenzen kommen wird. Vielmehr erwartet der KSV1870 im Herbst 2021 eine Rückkehr zum Insolvenzniveau pro Woche wie vor der Krise“, heißt es in der Aussendung. Zum Jahresende hin werde die Zahl der Unternehmensinsolvenzen sich im Bereich des Vorjahresergebnisses bewegen und in Summe wohl darunter zum Liegen kommen. Für das kommende Jahr 2022 erwartet der Gläubigerschutzverband die Rückkehr zum „normalen“ Vor-Corona-Insolvenzaufkommen. „In den kommenden Monaten werden erste Nachzieheffekte in überschaubarem Rahmen erkennbar sein, die sich definitiv ins Jahr 2022 und darüber hinaus ziehen werden“, meint Götze.

Zunahme bei Unternehmensgründungen

Zudem streicht der Gläubigerschutzverband eine positive Entwicklung hervor: Die heimische Gründungsmoral habe unter der weltweiten Krise nicht gelitten. Trotz Krisensituation gab es im Jahr 2020 fast 61.000 Gründungen – acht Prozent mehr als 2019. Parallel dazu haben sich die freiwilligen Schließungen um 16 Prozent auf 30.900 Fälle reduziert. Im Vergleich zum Jahr 2019 wurde besonders zahlreich in den Bereichen Holz/Möbel, Pharmazie, Lebens- und Genussmittel sowie Geld/Kreditwesen/unternehmensbezogene Dienstleistungen gegründet. Im Bereich Elektro/Elektronik haben sich die Gründungen hingegen am stärksten rückläufig entwickelt.

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Noxtua-Gründer Leif-Nissen Lundbæk und Manz-Geschäftsführerin Susanne Stein-Pressl | © Kidizin Sane
Noxtua-Gründer Leif-Nissen Lundbæk und Manz-Geschäftsführerin Susanne Stein-Pressl | © Kidizin Sane

Das Berliner Legal-Tech-Scaleup Noxtua hat seine Series-C-Finanzierungsrunde mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Euro abgeschlossen. Es ist die bislang größte Geldspritze für ein Rechts-KI-Unternehmen in Deutschland. Im Zuge der Kapitalerhöhung übernimmt der deutsche Fachverlag C.H.Beck die Mehrheit an dem Unternehmen, während die Wiener Manz’sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung als neuer Investor einsteigt.

Susanne Stein-Pressl, geschäftsführende Gesellschafterin bei Manz, ordnet den Schritt in die Unternehmensgeschichte ein: „Seit mehr als 40 Jahren nimmt Manz eine Pionierrolle in der Digitalisierung des Rechtswesens ein“. Das Investment sei vor diesem Hintergrund eine konsequente Fortführung der eigenen Digitalisierungsstrategie. „Deshalb ist für uns die Investitionsrunde der nächste logische Schritt“, so Stein-Pressl.

Manz mit langer Digitalisierungs-Geschichte

Für den 1849 in Wien gegründeten Fachverlag fügt sich die Beteiligung in eine Reihe bestehender Innovationen ein. Manz führte bereits 1986 die Rechtsdatenbank (RDB) in Österreich ein und stellte Anfang 2025 mit „Genjus KI“ einen eigenen Rechercheassistenten vor. Seit 2025 kooperiert der Verlag zudem operativ mit Noxtua an der Lösung „Manz-Noxtua“, um Fachinformationen auf einer gemeinsamen Plattform zu bündeln.

Mit dem Einstieg will das Wiener Verlagshaus die Qualitätsstandards juristischer Inhalte auch im KI-Zeitalter sichern. „Vertrauenswürdige Inhalte der Rechtsverlage bilden dabei schon immer das Fundament, auf dem Rechtsexpertinnen und -experten in ganz Europa arbeiten und das es zu schützen gilt“, betont Stein-Pressl. Als Verlag sehe sich Manz als Garant für die Wahrung dieser Qualität.

Gesellschafterkreis von Noxtua formiert sich um

Die Mehrheit der Anteile liegt nach dem Abschluss der Runde bei C.H.Beck. Der Münchner Traditionsverlag war bereits im April 2025 bei der Series B als Hauptinvestor eingestiegen. Klaus Weber aus der Gesamtgeschäftsführung von C.H.Beck begründet die Aufstockung mit den Veränderungen im Markt: „Die Verbindung qualitativ hochwertiger Daten mit innovativer KI-Technologie ist das Erfolgsrezept in einem sich rasch wandelnden Markt“. Zudem betont er die strategische Ausrichtung der Partner: „Für uns als Traditionsverlag ist dieses Engagement gemeinsam mit Manz auch eine Investition in die Zukunft des Rechts“.

Parallel zum Wechsel der Mehrheitsbeteiligung wird die Gesellschafterstruktur neu geordnet. Bisherige Wagniskapitalgeber wie die Global Brain Corporation, der KDDI Open Innovation Fund sowie Einzelinvestor Dominik Schiener scheiden als Eigner aus. Auch die Wirtschaftskanzleien CMS und Dentons geben ihre Anteile ab, verbleiben aber laut Unternehmensangaben als Ankerkunden. CMS hatte die Entwicklung der Software 2024 mitinitiiert.

Internationale Expansion

Noxtua wurde 2017 auf Basis von Forschung an der Universität Oxford und dem Imperial College London von Leif-Nissen Lundbæk und Michael Huth gegründet. Nach Unternehmensangaben beschäftigt das Scaleup derzeit rund 100 Mitarbeiter:innen an sechs europäischen Standorten – darunter Berlin, Paris, Stockholm, Zagreb, München und Fribourg – und kommt auf mehr als 30.000 Nutzerinnen und Nutzer.

Das frische Kapital soll laut Aussendung vor allem in die Weiterentwicklung der spezialisierten Arbeitsbereiche sowie in die Expansion in weitere europäische Märkte fließen. Die Software deckt typische juristische Arbeitsabläufe wie Recherche, Analyse und Dokumentenerstellung ab und greift dabei auf Daten lizenzierter Fachverlage zurück.

Leif-Nissen Lundbæk, CEO und Gründer von Noxtua, kommentiert den Abschluss der Runde: „Wir entwickeln Noxtua basierend auf den exklusiven Inhalten führender Fachverlage vom ganzen Kontinent und haben so u.a. bereits Europas größte Rechtsdatenbank und Europas größtes Netzwerk unabhängiger Rechtsverlage aufgebaut“. Die Vertiefung der Partnerschaft ordnet er als Signal ein: „Die gemeinsame Investition von C.H. Beck und Manz in Noxtua ist deshalb auch ein starkes Zeichen an den Markt“.

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